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03.11.11Leser-Kommentare

Musik- und Videokonsum der Zukunft: Wer "on Demand" streamt, braucht keinen Mediencloudspeicher

Mit der Möglichkeit, lokale Mediendateien in der Cloud ablegen zu können, machen zahlreiche Internetfirmen Schlagzeilen. Doch auf dem Weg zum Medienkonsum der Zukunft sind derartige Dienste nur eine Übergangslösung.

 

Gestern hatte ich die Einladung für einen neuen Dienst namens QVIVO in meinem Posteingang. Bei dem von den ehemaligen Electronic-Arts-Managern Jon Niermann and Liam McCallum gegründeten Service, in dessen Beta-Warteliste ich mich vor einiger Zeit eingetragen haben muss, handelt es sich um einen weiteren Cloudanbieter für die persönliche Mediensammlung.

"Enjoy your movies, TV shows and music through the desktop app then upload your media to the QVIVO Cloud to enjoy through a browser or any device with a QVIVO app", so bewirbt QVIVO sein Angebot. Und einmal mehr frage ich mich, wozu ich eigentlich noch meine gesamte Mediensammlung in die Cloud laden muss - wenn sie dort doch ohnehin schon irgendwo liegt?

Wozu besitzen, wenn man streamen kann

Mein größter Kritikpunkt an den in letzter Zeit von den führenden Internetkonzernen vorangetriebenen Cloudspeicher-Lösungen für Medieninhalte ist, dass sie jeweils auf dem Gedanken basieren, dass Nutzer ihre lokal verfügbaren Songs und Videos als Dateien in die Cloud laden und auf diese Weise über verschiedene Geräte zugänglich machen wollen. Sowohl Amazons Cloud Drive als auch Google Music folgen dieser Prämisse, gleiches gilt in Teilen auch für Apples iCloud. Amazon und Apple besitzen zwar integrierte Downloadshops (Amazon MP3 und iTunes) und auch Google verhandelt diesbezüglich mit den Labels, aber allein der Name sagt alles: Es geht um den "Download", den "Besitz", nicht um den Zugang in Form von Streaming (mit der nachgelagerten Option des selektiven Offline-Cachings)

Viele Inhalte liegen bereits in der Cloud

Während auf heimischen Festplatten unzählige eigenhändig digitalisierte Schätze lagern, die es sonst nirgends im Netz gibt und deren händische Verfügbarmachung in der Cloud sinnvoll sein mag, erscheint der Gedanke, mühselig Mainstream-Alben oder ganze Blockbuster in die Cloud zu laden - wie es QVIVO vorschlägt - angesichts der Tatsache, dass sie dort bereits in vielfacher Ausführung zugänglich sind (in legaler und illegaler Form), vollkommen widersinnig.

Auch wenn ich mir im Klaren darüber bin, dass mein Nutzungsverhalten zum heutigen Zeitpunkt nicht repräsentativ ist, glaube ich, dass in Zukunft sehr viel weniger Konsumenten wert darauf legen, Kopien von Medieninhalten auf ihren (Offline- oder Online-)Festplatten zu lagern.

Mein derzeitiges Mediennutzungsverhalten sieht folgendermaßen aus: Musik höre ich über On-Demand-Streamingdienste wie Spotify und simfy, die mir kostenfrei (mit Limitierungen) oder gegen eine monatliche Pauschale Zugriff auf nahezu alle Titel geben, die jemals in einer signifikanten Auflage produziert worden sind. Spotify (das bald auch offiziell in den DACH-Raum kommen könnte) erlaubt zudem den Import der lokalen Musiksammlung in den Desktop-Client sowie den WLAN-Sync auf mobile Geräte. Alle Titel, die sich über die Jahre in meinem heimischen digitalen Archiv angesammelt haben und nicht im Spotify-Archiv verfügbar sind, kann ich auf diese Weise trotzdem über die App anhören. Ein Upload in die Cloud ist da nicht notwendig (wäre aber sicherlich ein nettes Premium-Feature).

Alter Wein in neuen Schläuchen

Angesichts dessen besitzen Google Music, Amazons Cloud Drive oder Apples iTunes mit Cloudanbindung für mich keinerlei Attraktivität und wenn mir jemand begeistert erzählt, dass man ja jetzt bei Google unglaublich viele Songs von der Festplatte in die Cloud laden könne (was lustigerweise das anfängliche Konzept von simfy im Jahr 2007 war), kann ich mir ein Gähnen schwer verkneifen.

Kaum anders sieht es bei Videoinhalten aus. Schon angesichts ihres Umfangs und der auf mittlere Sicht weiterhin begrenzten Upstream-Raten der meisten Internetanschlüsse bezweifele ich, dass jemals auf breiter Front der Bedarf bestehen wird, lokale Filmsammlungen in die Cloud zu schieben, um dann über verschiedene Geräte auf diese Zugriff zu haben. Zumal eine lokale Filmsammlung immer bedeutet, dass entweder jemand die ganze Zeit DVDs oder Blu-Rays rippt, sehr viel Geld für den Kauf digitaler Kopien ausgibt, die dann auf der Festplatte verstauben, oder fleißig unautorisiertes Material aus Tauschbörsen herunterlädt.

Genau wie heute noch immer Millionen Menschen in Videotheken rennen und Filme auf physischen Trägermedien ausleihen, wird der durchschnittliche Filmkonsument in Zukunft digitale Kopien ausleihen, sprich streamen. Voraussetzung ist eine entsprechende Konvergenz von Fernseher und Computer, die zwar länger dauert als ursprünglich angenommen, aber immer näher kommt.

Wer "On Demand" streamt, braucht keinen Cloudspeicherdienst für lokale Medieninhalte

Wer Musik und Videos aus dem Netz über On-Demand-Dienste streamt - egal ob gratis weil werbefinanziert, bezahlt per konsumiertem Contentobjekt oder in Form einer kostenpflichtigen Flatrate - braucht keinen speziell für große lokale Medienmengen geschaffenen Cloudspeicherdienst. Im besten Fall ist dies eine Zusatzfunktion des On-Demand-Anbieters für die (zukünftig) wenigen Inhalte, die tatsächlich nicht online existieren.

Amazon, Google und Apple wissen das natürlich. Für sie sind die Vorstöße ein Zwischenschritt mit einem wage bekannten Ziel, eines Tages Anwender mit Medieninhalten aus der Cloud zu beliefern - im Optimalfall aber, ohne dass diese jemals für einen längeren Zeitraum lokal bei den Anwender gespeichert werden müssen, und ohne dass dabei eventuell bestehende Erlöse aus digitalen Produkten gefährdet werden (worüber sich Google keine Sorgen machen muss).

Clouddienste, die Mediensammlungen der User im Netz verfügbar machen, sind bei weitem keine Revolution. Diese tritt erst ein, wenn Konsumenten unabhängig von ihrem Zugriffsgerät und der Herkunft ihrer IP-Adresse bequem, kostengünstig, fair und "on Demand" auf alle Medieninhalte zugreifen können, die jemals in digitaler Form existiert haben. Alles andere sind Übergangsphänomene, die kommen und gehen.

Kommentare

  • christian

    03.11.11 (14:55:15)

    für die lokalvariante spricht schon noch etwas. nämlich, dass das worfür du geld ausgibst dir gehört und nicht gemietet ist. es kann dich auch niemand via three strikes out von deiner sammlung trennen. ausserdem frage ich mich immer warum wir den ganzen scheiss dauernd stream sollen. rechen mal das auf einen signifikanten teil der internetnutzer hoch, energie und bandbreite (mal abgesehen von der für die nutzung nötigen konnektivität) für den ganzen kram den du bequem mit dir rumtragen kannst, da die speicher auch immer kleiner und grösser werden. in meinen augen spricht das alles nach wie vor für eine zumindest teilmenge lokaler daten - dauernde verfügbarkeit ohne unterbrüche, keine erpressbarkeit, eigentum, und man muss auch nicht angeben wann und wie oft man was gekuckt oder gehört hat - danke digitaler schatten...

  • Metallschaedel

    03.11.11 (15:04:08)

    Du triffst den Nagel auf den Kopf. Genau aus diesen Gründen kann ich mich mit den verschiedenen Clouds nicht anfreunden resp mich für sie begeistern. Es fehlt mir schlichtweg der Nutzen.

  • der_t

    03.11.11 (15:41:47)

    Na ja, Cloud ist schon gut nur das uploaden nervt. Ich warte die ganze Zeit darauf, meine itunes Mediathek in der (i)Cloud zu speichern - selbsterständlich ohne meine iTunes Einkäufe uploaden zu müssen. Wie das Apple dann technisch regelt ist mir egal. Meine Amazon Einkäufe möchte ich i.ü. auch nicht uploaden müssen. Das wird dann schon schwieriger ...

  • Christoph

    06.11.11 (19:15:12)

    Cloud-Dienste sind für mich ebenfalls nicht wirklich interessant. Ebenso wenig kann ich mich aber für Spotify und Simfy begeistern! Und zwar aus "audiophilen" Gründen. Qualitätiv und klanglich ist der gestreamte Content für mich nicht wirklich akzeptabel. Meine Musik-Bibliothek lagert nach wie vor auf meinem Keller-Server, ist mit Liebe gerippt und sauber getaggt. Teils als FLAC, teils als MP3. Da mir 5 Mbit/s Upload zur Verfügung stehen, kann ich ohne weiteres auch FLAC-Dateien streamen, wohin ich will!

  • Manfred Bognar

    19.11.11 (03:39:14)

    Ausgezeichneter Artikel!

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