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04.01.13

Modernisieren oder Abschaffen: Facebooks Newsfeed hat sich überlebt

Viele Jahre war der Newsfeed das Herzstück von Facebook. Doch in seiner aktuellen Form hat er sich überlebt.

Die Woche zwischen den Weihnachtsfeiertagen und Neujahr stellt im Prinzip den einzigen Zeitraum des Jahres dar, an dem sich der wissbergierige, am aktuellen Tagesgeschehen interessierte Technologie- und Internet-Berichterstatter mit gutem Gewissen vom Nachrichtenstrom abkoppeln kann. Denn es passiert ohnehin nichts im Netz. Entsprechend gut eignet sich diese Periode auch für persönliche Experimente wie etwa, die Nutzung eines bestimmten Social-Media-Dienstes radikal herunterzufahren, um zu prüfen, wie sich dies auf den eigenen Kommunikationsalltag auswirkt. Genau ein solches Unterfangen vollzog ich in den letzten zehn Tagen des vergangenen Jahres in Bezug auf Facebook.

Schon seit längerem vermisse ich beim Blick in meinen Facebook-Newsfeed Spaß und Kurzweiligkeit. Ich weiß nicht, ob es sich um einen ganz normalen Effekt von Abnutzungserscheinungen handelt, oder ob meine Kontakte heute schlicht andere Dinge bei Facebook publizieren als früher. Auch ein umfangreicher Einsatz der Filterwerkzeuge konnte meine Begeisterung für den Newsfeed nicht wiederbeleben. Vergleiche ich den Unterhaltungswert meines Facebook-Newsfeeds mit dem meiner Twitter-Timeline, geht der Zwitscherdienst als klarer Sieger hervor. Wie keine andere Plattform animiert Facebook Nutzer aufgrund seiner mehr persönlichen Note zu narzisstischen Selbstdarstellungen. Etwas, dem ich auf Dauer ungern viel Zeit widmen möchte.

Also hielt ich mich zwischen dem 24. Dezember und 2. Januar so weit wie möglich von Facebook fern und investierte viel Energie in das Unterbinden der so sehr ins Blut übergegangenen Gewohnheit, ohne bewussten Entschluss die Facebook-App zu öffnen und durch den Feed zu scrollen. Meine Erkenntnis nach anderthalb Wochen weitgehender Abstinenz vom Newsfeed: Ich habe ihn überhaupt nicht vermisst. Würde das soziale Netzwerk den bisherigen Newsfeed, der sich aus Status Updates und Aktivitäten von meinen Kontakten bei Facebook und anderen Social-Web-Angeboten zusammensetzt, von heute auf morgen abschaffen - ich hätte kein Problem damit.

Vom Newsfeed gelangweilt, nicht von Facebook

Doch das bedeutet nicht, dass ich ohne Weiteres auf Facebook verzichten möchte. Ganz im Gegenteil. Trotz meiner mir selbst auferlegten Distanz zu dem sozialen Netzwerk verging kein Tag, an dem ich nicht dennoch seine Dienste in Anspruch nahm: zum einen über die spezielle Messenger-App, und zum anderen als Identitätsanbieter, um mich auf externen Websites und in Apps zu authentifizieren. Eine "Mit Facebook einloggen"-Schaltfläche findet sich heute fast bei jedem Onlinedienst, und zumeist ziehe ich diese Option aus Bequemlichkeitsgründen dem Login per E-Mail und Passwort vor. Über die Messenger-App wiederum kommuniziere ich täglich mit meinen engsten Freunden in Einzel- und Gruppenchats. Messenger kommt bei mir häufiger zum Einsatz als WhatsApp. Mit der Einführung von Audionachrichten und vor allem von VoIP-Gesprächen gab Facebook gerade heute bekannt, den Messenger konsequent erweitern zu wollen.

Die Quintessenz meines Versuchs: Nicht Facebook als Gesamtkonstrukt verliert für mich seinen Reiz, sondern das bisherigen Konzept des auf Basis von Algorithmen nach Relevanz sortierten, aggregierten Newsfeeds. Dass ein Social Network mehr als eine Milliarde Nutzer bei sich vereint, bietet für die grenzüberschreitende, effektive und komfortable Kommunikation und Vernetzung so viele Möglichkeiten, dass ein grundsätzlicher Bedeutungsverlust der Plattform erhebliche Nachteile für den Austausch mit anderen Menschen mit sich bringen würde.

Der Vorteil des Interest Graphs

Auch das Feed- beziehungsweise Stream-Konzept an sich stelle ich nicht in Frage. Immerhin fühle ich mich beim Blick in meine Twitter-Timeline, in meinen Instagram-Feed oder in meinen SoundCloud-Stream gut unterhalten oder informiert. Anders als bei Facebook sind diese dort bezogenen Inhalte jedoch deutlich homogener, themenspezifischer. Sie bilden den Interest Graph ab, nicht den Social Graph. Bei Twitter beziehe ich primär Nachrichten, Kommentare und Lesetipps rund um die Netzwelt. Bei Instagram schaue ich mir Schnappschüsse an, bei SoundCloud (oder Spotify, oder musicplayr) lasse ich mich mit Musiktipps beliefern. Hinzukommt: Diese Streams sind nicht nach Relevanz vorsortiert, sondern chronologisch und echtzeitbasiert. Das Ziel des Facebook-Newsfeeds ist es eigentlich, aus sämtlichen Aktivitäten der Facebook-Nutzer - sowohl innerhalb des Social Networks als auch bei externen Diensten - die für den jeweiligen Betrachter wichtigsten Highlights herauszupicken. Mittlerweile zweifle ich an diesem generalistischen Ansatz. Zumindest in der Form, wie ihn das soziale Netzwerk bisher umzusetzen versucht.

Mitte Dezember erläuterte ich, wieso sich Facebook im Jahr 2013 neu erfinden muss. Konkret bedeutet dies vor allem, den Newsfeed als bisheriges Herzstück zu modernisieren. Oder ihn in seiner aktuellen Ausführung ganz abzuschaffen. Denn ich glaube, er ist eine der Hauptursachen für die zunehmende Aversion einstmals zufriedener Facebook-Anwender gegenüber dem sozialen Netzwerk.

Twitter made me love strangers I've never met and Facebook made me hate people I've known all my life.

— Patrick Quirky (@patrickquirky) January 4, 2013

Sicherlich eine Überspitzung, aber mit einem wahren Kern

Ich war immer ein Fürsprecher des Gedankens, mittels Status Updates von Freunden darüber informiert zu sein, was sie bewegt und was sie erleben, um beim nächsten persönlichen Zusammentreffen direkt zahlreiche Anknüpfungspunkte zu haben. Daran hat sich nichts geändert. Leider bedient der Facebook-Newsfeed dieses Bedürfnis immer seltener, weshalb ich nach einer Eingewöhnungsphase Gefallen an der Idee von Path fand. Dummerweise nutzt diesen Service kaum jemand.

Die Rolle der 90-9-1-Regel

Vielleicht sind konzeptionelle Änderungen erforderlich, um den Newsfeed wieder gehaltvoller und interessanter zu machen und ihn besser auf die Bedürfnisse der User abzustimmen - etwa wie in dieser Designstudie. Vielleicht verhindert aber auch Jakob Nielsens berühmte 90-9-1-Regel die dauerhafte Realisierung eines funktionierenden Newsfeeds auf Basis des eigenen Social Graphs, weil auf Dauer, nachdem der erste Neuigkeitseffekt sich aufgelöst hat, immer nur einige wenige überhaupt "öffentlichen", nicht über private Nachrichten verbreiteten, Content publizieren.

Facebook ist ein in der Geschichte der Menschheit bisher einzigartiges Experiment. Nur weil das soziale Netzwerk sich jetzt über viele Jahre erfolgreich in einer bestimmten Struktur präsentiert hat, bedeutet dies nicht, dass sie die idealste Form für die Zukunft darstellt. Die Zeit ist gekommen, dem generalistischen Newsfeed die Existenzfrage zu stellen. Im Gegensatz zu mir besitzt Facebook einen enormen Datenschatz, um die Popularität und Effektivität des Feeds im historischen Zeitverlauf zu analysieren. Vielleicht zeigen diese Daten, dass meine Einschätzung nicht mehr als eine Einzelmeinung ist. Ich glaube es aber nicht. Sollten die Metriken des sozialen Netzwerks eine grundsätzliche Unzufriedenheit mit dem Feed offenbaren, bin ich auf die Antwort des sozialen Netzwerks gespannt.

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