08.06.12 08:30, von Martin Weigert

Plattform für Web und Mobile: Facebooks App Center sieht nett aus, ändert aber wenig

Facebook hat mit dem App Center ein zentrales Verzeichnis für besonders eng mit dem sozialen Netzwerk verbundene Anwendungen veröffentlicht - egal ob diese über das Web oder Smartphones ausgeführt werden. An Facebooks Grundproblem im mobilen Bereich ändert dies wenig.


Die mobile Plattform ist seit langem Facebooks Achillesferse. Weil das soziale Netzwerk (noch) keine eigene Hardware und kein eigenes mobiles Betriebssystem besitzt, ist es für die Distribution von mit Facebook verbundenen nativen Smartphone-Apps auf die zwei führenden Mobile-Plattformen iOS und Android angewiesen - und muss sich deren Richtlinien und Umsatzbeteiligungsmodell unterwerfen. Längere Zeit versuchte das Social Network, Drittanbieter-Apps zur Programmierung in HTML5 zu animieren, womit sich diese im Browser auch ohne Umweg über den App Store oder Google Play ausführen lassen. Doch Browser-Apps kommen in ihrer Leistungsfähigkeit noch immer nicht an native Anwendungen heran, die Unterstützung durch die Plattformbetreiber für HTML5 ist nicht gegeben, zudem erweist sich die Monetarisierung von mobilen Browser-Applikationen nach wie vor als schwierig.

Mit dem Launch des App Centers am Donnerstagabend gibt sich das soziale Netzwerk vorerst geschlagen. Beim App Center handelt es sich um ein personalisiertes Empfehlungswerkzeug für eng mit Facebook integrierte Web- und Mobile-Angebote. Das App Center ist sowohl über Facebooks stationäre Site, die mobile Präsenz m.facebook.com sowie die iOS- und Android-Apps verfügbar (mitunter dauert es einige Zeit, bis das neue Feature auftaucht). Rund 600 von dem Netzwerk akzeptierte Anwendungen werden momentan unterteilt in verschiedene Kategorien gelistet. Voraussetzung, um im App Center zu erscheinen, ist eine tiefgehende Verknüpfung des jeweiligen Angebots mit Facebook. Das Unternehmen entscheidet von Fall zu Fall, ob es eine Anwendung in das App Center lässt, um ein hohes Maß an Qualität zu garantieren.

 

Die Profilseiten der Apps bieten drei unterschiedliche Optionen, um weiterzuverfahren: Die Schaltfläche "Zur Anwendung" erscheint, wenn es sich um eine direkt innerhalb von Facebook ausgeführte App handelt (beispielsweise Mashable). "Website anzeigen" taucht auf, wenn das jeweilige Angebote ausschließlich unter eigener Domain und Site abrufbar ist (wie Huffington Post). "Send to Mobile" als dritte Alternative signalisiert eine (zumeist native) Applikation für iOS und/oder Android (z.B. Instagram). Eine Betätigung des Buttons lässt beim nächsten Öffnen der mobilen App eine Benachrichtigung mit einem Link erscheinen, der direkt zur nativen App im App Store beziehungsweise bei Google Play führt. Manche Anwendungen im App Center bieten auch mehrere dieser Alternativen (wie Pinterest).

Das App Center wirkt sehr übersichtlich und aufgeräumt. Noch fehlen prominente Verweise dorthin auf facebook.com und in den mobilen Apps. Sofern der Dienst jedoch seine 900 Millionen aktiven Nutzer an zentraler Stelle auf das neue Angebot hinweist, können die aufgeführten Apps auf einen deutlichen Besucheransturm hoffen. Eine textbasierte Suche nach einzelnen Anwendungen existiert bisher nicht. Auf der Homepage des App Centers gemachte Vorschläge von Facebook basieren auf persönlichen Interessen sowie von den eigenen Facebook-Kontakten ausprobierten Apps.

Native iOS- und Android-Apps dominieren

Zurück zur Eingangsthese: Bei einem Großteil der verlinkten Smartphone-Applikationen handelt es sich um native Anwendungen, die aus dem App Store oder Google Play installiert werden müssen. Einige wenige Ausnahmen finden sich, darunter Zyngas FarmVille. Diese seit Oktober verfügbaren HTML5-Apps erfordern keinen Download einer nativen Software sondern öffnen sich direkt innerhalb der mobilen Facebook-App.

Bei den gelisteten native Apps lässt sich Facebook gezwungenermaßen und abgesehen von der Möglichkeit einer minimalen Affiliate-Provision Umsätze entgehen, die entstehen, wenn Nutzer zum Beispiel die iOS-Foto-App Hipstamatic im App Center finden, den "Send to Mobile"-Button betätigen und über Facebooks iOS-App auf den daraufhin erscheinenden Downloadlink im App Store klicken. Die 1,59 Euro, die für die Anwendung fällig werden, gehen wie üblich zu 70 Prozent an den Entwickler und zu 30 Prozent an Apple. Kein Optimalzustand für Facebook, aber das Eingeständnis, dass zum aktuellen Zeitpunkt nur so Reichweite und Relevanz im mobilen Sektor aufgebaut werden kann.

Facebooks Grundprobem löst das App Center nicht

Auch wenn die Medienberichterstattung über das App Center bereits beim Bekanntwerden des Features vor einigen Wochen zu Superlativen tendierte, handelt es sich bei dem App Center eigentlich nur um einen kleinen Schritt nach vorne: Die Fähigkeit, direkt aus der mobilen Facebook-App auf Programme im App Store zu verweisen, existiert bereits seit Oktober. Bisher fehlte lediglich ein handliches Verzeichnis über eng mit dem Kontaktnetzwerk verwobene, plattformübergreifende Applikationen. Das App Center ändert dies, und die Funktion, um am Notebook oder Desktop-PC entdeckte Apps an das Smartphone zu schicken, ist ebenfalls neu und praktisch.

Das App Center ist ein weiterer Vorstoß von Facebook auf dem Weg zu mehr Bedeutung im mobilen Internet. Und auch wenn die kommende Version 6 von Apples iOS-Betriebssystem eine Integration von Facebook auf Systemebene mitbringen wird, besteht aus Sicht von Facebook nur eine einzige realistische Option, durch die Distribution von nativen mobilen Applikationen die Einnahmen signifikant zu erhöhen: Indem es den App Store und Google Play komplett umgeht. Das sagenumwobene Facebook-Smartphone oder ein eigenes mobiles OS würden zwar genau dies leisten können, aber hätten in der Startphase so gut wie keine Nutzer. Ob Konsumenten tatsächlich Facebook-Geräte kaufen wollen, ist keineswegs sicher.

Insofern bleibt auch nach der Veröffentlichung des App Centers der entscheidende Fakt unverändert: Facebooks extrem unvorteilhafte Position als im mobilen Bereich Abhängiger von den zwei größten Konkurrenten.

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