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01.06.12

Mobile Nutzung nimmt Überhand: Bedeutungsverlust der Website

Die mobile Internetnutzung ist der primäre Antreiber der Internetwirtschaft in den nächsten Jahren. Startups und Onlinedienste müssen sich an die neuen Gegebenheiten anpassen.

Für den Bericht über Badoo vom Mittwoch war ich gezwungen, mich etwas näher mit der Londoner Datingplattform auseinanderzusetzen - sprich, ein Konto zu registrieren, mich auf der Website umzusehen und auch die für iPhone und Android angebotene mobile App auszuprobieren. Und während diese im Funktionsumfang im Gegensatz zur Webversion einige Beschränkungen mitzubringen scheint, machte mir ihre Benutzung deutlich mehr Spaß als die der klassischen Webvariante.

Dabei handelt es sich nicht um einen Einzelfall. Immer häufiger erweisen sich mobile Ausführungen von Onlinediensten als attraktivere, ansehnlichere und praktischere Alternative zur herkömmlichen Browserversion - egal ob es sich dabei um HTML5-Webapps oder native Apps handelt. Kleinere Bildschirme, die Bedienung durch Touchgesten statt durch Maus und Tastatur, der direkte Zugriff auf Smartphone-Sensoren (bei nativen Apps) sowie die Notwendigkeit der Anpassung an langsamere Bandbreiten führen zu einer andersartigen, teilweise deutlich zeitgemäßeren und schnelleren User Experience.

Weitere Beispiele gefällig? Wer Facebook vorrangig dafür verwendet, sich über private Mitteilungen mit Freunden auszutauschen, ist mit der für iPhone und Android angebotenen Messenger-App deutlich besser beraten als mit der überladenen und langsamen stationären Site des sozialen Netzwerks. Oder auch Reeder, die Schweizer RSS-App für den Google Reader, die Feeds auf dem iPhone und iPad in optische Schmankerl verwandelt. Wann immer ich kann, konsumiere ich die von mir abonnierten RSS-Feeds über Reeder und nicht über Googles funktionelle, aber langweilige Desktop-Oberfläche.

Apropos Google - was immer man von Google+ auch halten mag: Mit dem jüngst veröffentlichten Update für die iPhone-App hat sich der Such- und Internetgigant beim Design selbst übertroffen. Auch die Webversion des sozialen Netzwerks wurde zwar jüngst überarbeitet, aber an die Geschmeidigkeit und Eleganz der iPhone-Version reicht sie bei weitem nicht heran.

Die Aufzählung von Apps, die mobil besser aussehen und mehr Spaß machen als auf dem Desktop, kann ich bei einem Blick auf meine installierten Anwendungen beliebig fortsetzen: Ob Wunderlist, Xing, LinkedIn, TweetDeck oder Dropbox - fast immer bevorzuge ich die mobile Fassung, wenn möglich.

Facebook-Nutzer in den USA greifen mittlerweile häufiger über mobile Geräte als über die Website auf das soziale Netzwerk zu. Bald wird dies auf die meisten Länder mit einer einigermaßen signifikanten Smartphone- und Tablet-Durchdringung zutreffen. In Deutschland sind wir diesem Zustand nahe. Gleiches muss für die Schweiz und Österreich gelten.

Die Bedeutung von Mobile als primärer Antreiber der fortschreitenden Digitalisierung ist nichts Neues. Doch die damit verbundenen Implikationen für Startups und Webangebote kann man gar nicht oft genug erwähnen:

     

  1. Der "Mobile First"-Ansatz ist immer öfter die richtige Wahl (Instagram, Path, WhatsApp).
  2. Dienste ohne ernstzunehmende mobile Version verschenken unglaubliches Potenzial und laufen Gefahr, ihre Nutzer zu verstoßen.
  3. Mobile Versionen sollten eigenständig sein, sich die Stärken von Smartphones/Tablets zunutze machen und die gängigen Anwendungsszenarien berücksichtigen.
  4. Mobile Geräte befinden sich in der Regel 24 Stunden in der Nähe ihrer Besitzer. Es eröffnen sich zahlreiche neue Einsatzgebiete, die für Desktop-PC und Notebook vollkommen abwegig gewesen wären.

Abgesehen von besonders bandbreitenfressenden, hochgradig komplexen oder keine alltäglichen Bedürfnisse abdeckenden Diensten, bei denen eine hervorgehobene Präsenz auf mobilen Geräten derzeit vielleicht noch keine maximale Priorität erfordert, ist sehr unwahrscheinlich, dass noch irgendein junges Startup zu Weltruhm gelangt, ohne dass es eine ambitionierte mobile Strategie vorweisen kann. Und eines Tages wird uns der Gedanke, sich in der Freizeit zur Unterhaltung oder Kommunikation mit Freunden an den Schreibtisch-PC oder mit dem Laptop auf dem Schoß aufs Sofa zu setzen, extrem anachronistisch erscheinen. Besser, man ist darauf vorbereitet.

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