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03.06.10

Mobile Datenflatrates adé: Gefahr für eine ganze Branche?

Das mobile Internet boomt. Doch für die Provider ist klar, dass der Zugang über Flatrates keine Zukunft hat. Für Webanbieter könnte das ein Problem werden.

Die Nutzung von mobilem Internet explodiert, angetrieben von der zunehmenden Verbreitung von Smartphones, besserer und schnellerer Netzabdeckung sowie einer steigenden Zahl von mobilen Services und Applikationen, die User auf die Vorzüge des Mobile Web aufmerksam machen. Im Jahr 2015 soll das mobile Internet seinen stationären Counterpart in der Nutzung sogar überholt haben, so prognostiziert es eine Studie von Morgan Stanley.

Also nur rosige Aussichten? Nicht ganz! Denn mit dem Mobile-Boom erkennen immer mehr Netzanbieter, dass ihre Infrastruktur der rapide steigende Nachfrage nicht stand hält, oder befürchten zumindest, dass dieser Fall in naher Zukunft eintreten könnte.

Ohne in technische Details zu gehen, reicht an dieser Stelle die Anmerkung, dass die Kapazitäten mobiler Datenverbindungen selbst bei dem zukünftigen Standard LTE größeren Begrenzungen unterliegen und weniger flexibel an zunehmenden Bedarf angepasst werden können, als dies bei herkömmlichen, fixen Internetverbindungen der Fall ist.

Daher wird bei UMTS-Verbindungen selbst in urbanen Gegenden nur selten die vom Provider versprochene Maximalgeschwindigkeit erreicht. Im Gegensatz zu stationären Anschlüssen hängt die Performance bei GSM und UMTS stark davon ab, wie viele andere Personen in der Umgebung gleichzeitig mobil online sind.

In der Folge sind die Provider gerade eifrig dabei, ihre Netze auf eine weitere Zunahme der Nutzerzahlen vorzubereiten und einer Überlastung vorzubeugen. Und vieles deutet darauf hin, dass die Abschaffung mobiler Datenflaterates eine der besonders hoch priorisierten Maßnahmen der Telkos ist.

AT&T, der zweitgrößte Mobilfunkanbieter in den USA und dort exklusiver iPhone-Vertragspartner, hat sich mit neuen, gestern angekündigten Tarifen für ein Ende der Datenflatrate entschieden. Für 15 Dollar pro Monat gibt es zukünftig 200 MB Datenvolumen inklusive, für 25 Dollar 2 Gigabyte. Wer mehr verbraucht, muss 10 Dollar pro zusätzlichem Gigabyte zahlen. Der bisherige 30-Dollar-Tarif mit unbegrenztem Datenvolumen ist damit passé.

AT&T folgt dem klaren Branchentrend, sich gegen "Power-User" zu wappnen, die genauso viel Zahlen wie andere Kunden, aber durch eine intensivere Nutzung die Leistungsfähigkeit und Geschwindigkeit für alle verringern.

Dass sich Konsumenten darauf einstellen müssen, beim mobilen anders als beim stationären Internet zukünftig für ihre tatsächliche Nutzung zu zahlen, hatte kürzlich auch Håkan Dahlström deutlich gemacht, Präsident des Geschäftsfelds "Mobility Services" beim nordeuropäischen Telekommunikationskonzern TeliaSonera:

Auf einer Konferenz in London unterstrich er, dass Flatrates im mobilen Internet Geschichte seien. Konsumenten müssten sich an Begrenzungen hinsichtlich Geschwindigkeit und Datenvolumen gewöhnen, so der Manager (übersetzter Link).

Anbieter, die noch immer an einer Flatrate festhalten, versuchen hingegen, die Art der Nutzung besser zu kontrollieren. So dürfen Kunden zweier Datenflatrates von O2 für Mobiltelefone ihre Smartphones nicht mehr als Modem einsetzen, um damit über Notebooks oder Netbooks online zu gehen ("Tethering"). Neukunden bleibt dafür nur noch ein Tarif, der mehr kostet. Der zugrunde liegende Gedanke: Wer über "vollwertige" Rechner mit im Vergleich zu Handys großen Bildschirmen surft, sorgt für höheres Datenvolumen. Auch andere Mobilfunkprovider versuchen, Tethering zu verhindern oder mit Premium-Zuschlägen zu belegen.

Die große durch diese Entwicklung aufgeworfene Frage lautet nun: Was bedeuten derartige Einschränkungen der mobilen Internetnutzung für das Mobile Web und die zahlreichen Unternehmen, die in diesem Sektor Dienstleistungen anbieten?

AT&T behauptet, dass 98 Prozent seiner Mobilfunkkunden weniger als 2 Gigabyte Transfervolumen pro Monate generieren, und 65 Prozent sogar weniger als 200 Megabyte. Von meinen persönlichen Erfahrungen ausgehend erscheint das realistisch - obwohl ich täglich relativ viel mit meinem iPhone surfe, überschreite ich selten 200 Megabyte pro Monat. Allerdings verkneife ich mir meist mobiles Video- oder Musikstreaming.

Und damit kommen wir zum eigentlich Knackpunkt: Während die aktuellen Nutzungsmustern der meisten Mobilfunkkunden von einer Obergrenze von 2 Gigabyte nicht beeinträchtigt werden, könnten sich derartige Einschränkungen als großes Problem für Anbieter darstellen, die mit interaktiven und multimedialen Services Smartphone-Besitzer erreichen möchten.

Schon das intensive Streaming von YouTube-Clips oder Musik über Apps wie simfy oder steereo könnte für Konsumenten schnell zu vom Provider wegen der Überschreitung des Trafficlimits auferlegten Zusatzkosten führen - und sie damit ganz von der Nutzung abhalten. Ähnliches gilt für VoIP über UMTS, was bei den Providern ohnehin nicht gerade beliebt ist und z.B. bei T-Mobile nur mit einer kostenpflichtigen Zusatzoption für VoIP gestattet ist.

Sollten zu niedrig gehaltene Trafficbegrenzungen und andere Einschränkungen der Telkos üblich werden, würde dies eine ganze Branche am zukünftigen Wachstum hindern und ein deutliches Innovations-Hemmnis darstellen.

Nichts spricht dagegen, dass die Telkos versuchen, ihre Milliardeninvestitionen in schnelle Mobilfunknetze wieder reinzuholen. Provider, die nicht wirtschaftlich arbeiten, verschwinden irgendwann und nützen am Ende niemandem. Gleichzeitig jedoch ist es wichtig, dass die Mobilfunker nicht über die Stränge schlagen, Nutzungslimits zu niedrig oder Preise für zusätzliches Trafficvolumen zu hoch ansetzen, oder Konsumenten gar doppelt einschränken, z.B. durch Volumeneinschränkungen bei gleichzeitiger Zusatzgebühr für Tethering - auch das hat es schon gegeben.

Es sind die Mobilfunker, die eine Balance finden müssen, mit der sie auch angesichts einbrechender Einnahmen bei der Festnetztelefonie und der ehemaligen Cash-Cow SMS ihre Wirtschaftlichkeit sicherstellen, aber gleichzeitig mit ihrer Preis- und Tarifpolitik nicht den Eindruck erwecken, primär das eigene Geschäftsmodell schützen und zukünftige, womöglich zur Bedrohung werdende Innovationen ausbremsen zu wollen.

Selbst ohne widerrechtliche Absprachen lassen sich die wenigen in einem Markt aktiven Mobilfunkanbieter gerne von der Preis- und Tarifpalette der Konkurrenz inspirieren. Da kann es schnell passieren, dass Konsumenten plötzlich keine Alternative mehr haben und sich an die Wand gedrückt fühlen. Dabei wollen sie doch letztlich nichts anderes, als mit ihren Smartphones (und Tablets) die bunte Welt des Webs zu erkunden. Und das, ohne permanent auf den Trafficzähler schauen zu müssen.

(Illustration: stock.xchng)

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