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06.08.14Leser-Kommentare

Minimalismus auf die Spitze getrieben: Yo und das junge Phänomen der Ein-Funktionen-Apps

Die Zwei-Buchstaben-App Yo ist Wegbereiter für ein Phänomen, das man künftig häufiger sehen dürfte: Mit dem Netz verbundene Anwendungen, die nur eine einzige Funktion und mitunter nur eine "Schaltfläche" besitzen.

PizzaNoch immer herrscht in Kreisen der Netzwirtschaft Unklarheit darüber, ob aus der Zwei-Buchstaben-App Yo mehr werden könnte als ein kleiner Medienhype. Verschiedene Entwickler sind zumindest der Meinung, dass es sich lohnt, die Anwendung nachzubauen. Einige Israelis sollen unterdessen angeblich einen praktischen Nutzen in Yo gefunden haben: Sie setzen die App laut einem Medienbericht zur Warnung vor Raketen ein. Allein auf Yo zu schauen, ist aber zu kurz gedacht. Interessanter ist das junge Phänomen, das von Yo geprägt wird: Vernetzte Apps, die lediglich eine substantielle Aufgabe beherrschen und im Idealfall (neben einem Optionsmenü) nur ein zentrales Bedienelement besitzen. Der Einfachheit halber könnte man sie als “Ein-Funktionen-Apps” betiteln. In der englischen Sprache wäre auch der Term “one tap app” passend.

Ein-Funktionen-Apps treiben typische Attribute des digitalen Zeitalters, wie das Streben nach Simplizität und Komfort, auf die Spitze. Sie lösen Luxusprobleme und sind damit nicht unbedingt die besten Beispiele dafür, wie man mit internetbasierter Technologie gravierende Probleme der Menschheit löst. Aber so funktioniert nun mal die Bedürfnispyramide: Sind alle Grundbedürfnisse befriedigt, tendieren wir dazu, unsere Energie auf Lappalien zu fokussieren.

Solch eine Lappalie stellt auch das Problem dar, das die von fünf Teenagern aus New York entwickelte iPhone-App Push for Pizza lösen soll: den Aufwand, der mit der Onlinebestellung von Pizza verbunden ist. Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass dieser Prozess bei vielen Lieferdiensten in den USA aufgrund unzähliger Wahlmöglichkeiten etwas umständlicher ist als hierzulande. Push for Pizza eliminiert sämtliche Optionen. Wer einmalig die Zahlungsdaten eingegeben hat, kann anschließend mit der Betätigung eines “Buttons” und der Entscheidung zwischen zwei Belags-Typen die gewünschte Pizza bestellen. Nur essen muss man noch selbst.

Durch den Wegfall der meisten Bestell- und Speisenkriterien eignet sich Push für Pizza natürlich nur für Szenarien, in denen die Ansprüche der Hungrigen sehr gering sind. Bedenkt man aber, wie viele Menschen an Wochenenden verkatert auf dem Sofa liegen und sich nach Junk Food sehnen, so ist zu vermuten, dass Push for Pizza tatsächlich eine Zielgruppe finden wird. Mit PizzaTheApp existiert sogar ein Rivale mit ähnlichem Ansatz.

Im Geiste zählen auch einschlägige On-Demand-Apps wie etwa Uber oder Swipe-basierte Dating-Apps wie Tinder zur Kategorie der Ein-Funktionen-Apps. Die Dienste, die diese Philosophie aber derartig ernst nehmen wie Yo oder die beschriebenen Pizza-Apps und für alle Zeit bei einem einzigen Feature bleiben, werden mit großer Wahrscheinlichkeit nicht zu eigenständigen Unternehmen avancieren können. Es sei denn, sie erweitern ihre Tätigkeitsgebiete und werden zu Plattformen für allerlei Anwendungsfelder, bei denen jeweils eine Bildschirmberührung ausreicht, um eine Aktion auszulösen.

Nicht ausgeschlossen werden kann, dass der jüngste Trend existierende Onlineservices dazu animiert, bestimmte Teibereiche als Ein-Funktionen-Apps auszugliedern. Etablierte Speisenvermittler etwa könnten entsprechende Services veröffentlichen, analog zu Push für Pizza, aber vielleicht vorab konfigurierbar für unterschiedliche Speisentypen. Für Reise- und Fluggesellschaften kämen Apps in Frage, die nach einer Berührung fertig zusammengestellte und sofort buchbare Trips präsentieren. Ein Musikstreaming-Dienst könnte eine minimalistische App auf den Markt bringen, die ausschließlich einen Play-Knopf besitzt, der Musik auf Basis der persönlichen Playlisten spielt. Und so weiter. Ansätze existieren jeweils schon, allerdings noch nicht in der Reinform der typischen Ein-Funktionen-App.

Ein-Funktionen-Apps, die dem Prinzip kompromisslos treu bleiben, werden nicht die Welt verändern. Meist wird es sich um kaum mehr als Spielereien für Personen mit einem Lebensstandard handeln, der es erlaubt, Bequemlichkeit über alle anderen Kriterien zu stellen. Das kann man als übertriebene Auswüchse einer von Ungleichheit geprägten Wohlstandsgesellschaft betrachten oder als Errungenschaft der modernen Zivilisation sehen. Im Endeffekt ist es beides. /mw

Kommentare

  • Andreas

    06.08.14 (12:03:11)

    Die Yo App ist ein Symbol für das kollektive Versagen tausender Produktmanager - sie alle schaffen es nicht, Feature-Kürzungen durchzudrücken und beugen sich dem Feature-Wahn.

  • Ralf

    09.08.14 (14:14:47)

    Oder, One-Tap-Apps werden nach dem Lean-Prinzip (MVP) hundertprozentig auf die Bedürfnisse der Benutzer abgestimmt. HERE ist so eine App: https://itunes.apple.com/de/app/here/id894829287

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