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24.04.08Leser-Kommentare

MindMeister 2.0

Seit zwei Tagen gibt es MindMeister in der Version 2.0. Ein guter Grund, ein kleines Jubellied auf das webbasierte Mindmapping Tool anzustimmen.

Wenn man die Anzahl der Bookmarks bei del.icio.us zählt, ist MindMeister mit derzeit etwa 7600 Bookmarks mit Abstand die beliebteste aller Webanwendungen aus Deutschland. Über die Signifikanz dieser Metrik kann man sich sicherlich streiten – Seiten wie StudiVZ (~2000) oder Xing (~1700) haben wohl mehr Benutzer, generieren mehr Page Impressions und sind zweifellos als bedeutsamer einzuschätzen. Aber allein die Tatsache, dass MindMeister die einzige Seite aus Deutschland ist, die auch im internationalen Vergleich ganz oben mitschwimmt, ist ein Indiz dafür, dass sie vieles richtig machen.

screenshot mindmeister

Im Folgenden werde ich einige Aspekte davon skizzieren. Für andere Startups aus dem deutschen Sprachraum ergibt sich hoffentlich eine nützliche Checkliste auf die man achten und gegen die man die eigenen Praktiken benchmarken kann. Für die die MindMeister nicht kennen sei nur schnell erwähnt, dass es ein webbasiertes Tool zum Erstellen von Mindmaps ist, die man dann auch publizieren oder als Widget an anderer Stelle einbinden kann und die auch kollaborativ bearbeitet werden können (Unsere Kollegen von imgriff.com haben MindMeister zum Start 2007 einem Praxistest unterzogen.).

  • Namensgebung: MindMeister ist ein cooler Name. Er lässt sich leicht merken, ist eindeutig und weckt die richtigen Assoziationen. Das Gespür für die Namensfindung spiegelt sich auch in den Namen für Features wieder – Geistesblitz für das schnelle Befüllen von Mindmaps via Email oder Widgets, Offmeister für das Editieren von Mindmaps offline via Google Gears, WunderLink und WunderNote integrieren den automagischen Datenaustausch mit Yahoo bzw. FreeBase, usw., die Lust an der Spache und am Benennen ist deutlich zu erkennen.
  • Design: Keine grossen Überraschungen hier. Es entspricht mehr oder weniger den Erwartungen, die man an Webanwendungen im Zeitalter der 2.0-Ästhetik stellt. Das Look & Feel ist konsistent, fällt nirgends ab und zieht sich über den gesamten Webauftritt.
  • Execution: Auch die Ausführung, die hierzulande im Zuge des nicht immer unbegründeten Vorwurfs der Copy&Paste Innovation, der so manchem deutschen Startup entgegengebracht wird, als eine der Haupttugenden angesehen wird, stimmt. Mindmapping Tools gibt es schon lange, kostenpflichtige und kostenlose. Auch webbasierte gab es schon vor MindMeister und auch danach. Interessanterweise wurde MindMeister nie in irgendeiner Form dafür kritisiert, dass sie eine existierende Idee übernommen haben, nicht zuletzt wohl deshalb, weil sie den Job einfach gut gemacht und auf das Web bezogen weitergedacht haben.
  • Wo ist das Geschäftsmodell? MindMeister hat ein Freemium-basiertes Geschäftsmodell und ergänzt es mit Lösungen für Geschäftskunden. Auch hier ziehen sie – aus Usersicht – eine sinnvolle Grenze, wofür man zahlen muss und wofür nicht. Alle Kernfunktionen für einen sinnvollen Gebrauch sind gratis und werden nicht künstlich eingeschränkt, um Benutzer zur Bezahlung hin zu ärgern. Mehr dazu weiter unten.
  • Am Puls der Zeit: Mir fallen relativ wenige andere Services ein, die so schnell aber gleichzeitig bedacht entstehende Technologien integrieren. Kaum hat Google Google Gears – mit dessen Unterstützung Webanwendungen auch offline betrieben und später mit der online-Version synchronisiert werden können – veröffentlicht, gab es auch schon den Offmeister (siehe oben). Anderes Beispiel: die Unterstützung von OpenID als Authentifizierungsmechanismus in der neuen Version. Entwicklungen und Trends werden ganz offensichtlich beobachtet und dort, wo es sinnvoll ist, auch eingebaut, ohne dabei aber in einen Technologiefetischismus zu verfallen (was durchaus nicht unüblich ist; oft genug werden Buzzwords wie Microformats, openID, data portability etc. als Hauptargument dafür aufgeführt, warum man sich bei einem Dienst anmelden sollte.)
  • Company Blog Das MindMeister journal hat ein klares Ziel: den geneigten Benutzer möglichst unaufdringlich über neue Features und relevante Ereignisse zu informieren. Man möchte glauben, dass das eine Selbstverständlichkeit ist, die keiner besonderen Erwähnung bedarf. Aber durchaus vielen Blogs von Startups merkt man an, dass nicht besonders gründlich über den Sinn und Zweck des Blogs nachgedacht wurde. Es gibt keine richtige Form von produktbegleitenden Blogs, aber es gibt vieles, was man falsch machen kann und was auch falsch gemacht wird. Man denke etwa an das Affentheater, das sevenload im Zuge der Umstellung auf die neue Version betrieben hat (wobei das sevenload Blog ansonsten nicht so schlecht ist).
  • Sympathie: Last not least ist MindMeister sympathisch. Was man als sympathisch empfindet und was nicht, liegt natürlich im Auge des Betrachters, aber es gibt doch Elemente, die zusammenspielen müssen, um diese Wahrnehmung zumindest zu begünstigen. Und es gibt Dinge, die man besser lassen sollte, um nicht als Bulle oder Störenfried rüberzukommen (cheap shot: die Gorillamarketingaktivitäten, die sich viele Dienste unter der Haube von Holtzbrinck immer wieder ausdenken).

Subdiskurs Geizmeister

Am Beispiel MindMeister lässt sich auch eine Diskussion, die kurz vor dem Start von netzwertig zwischen allen jetzt hier beteiligten Autoren gelaufen ist, schön zusammenfassen.

Andreas hat die These aufgestellt, dass die Geiz-ist-geil-Mentalität dem Internet schadet, Innovationen behindert, nur die Grossen begünstigt und besonders dem Mittelstand das Leben schwer macht. Marcel und ich haben dagegen argumentiert, gratis ist die Bedingung für Wertschöpfungsmodelle, die der Logik des Web entsprechen. Der Fall MindMeister gibt uns allen etwas recht.

Ich habe Till Vollmer von MindMeister nach den Benutzerzahlen und dem Anteil an bezahlenden Premiumusern gefragt, und während sich die Zahl an Usern durchaus sehen lässt (um die 80.000), blieb die Anzahl der Bezahlenden doch unter den Erwartungen zurück. Ohne den Geschäftszweig für Firmenkunden wäre MindMeister nicht profitabel.

Wie oben erwähnt, aus reiner Benutzersicht zieht MindMeister eine recht plausible Grenzlinie welche Features gratis sind und welche nicht. Alles was der Gelegenheits-Mindmapper braucht, wird nicht künstlich beschnitten, Features für Poweruser kosten. Wenn auch beliebte und in sich stimmige Produkte wie MindMeister schwer davon leben können, weil die Bereitschaft im Web zu bezahlen eben wirklich denkbar schwach ausgeprägt ist, dann haben einige ein Problem, und viele Innovationen, die wir sehen könnten, wird es einfach nicht geben. Klarer Punkt für Andreas.

Das Problem von MindMeister: es hat grossen Individualwert, gewisses Potential für Kollaborationswert, aber kaum Sozialwert. Andere User haben wenig davon, wenn ich meine Mindmaps für mich mache oder wenn eine kleine Gruppe für sich zusammenarbeitet. Es gibt zwar die Möglichkeit Mindmaps zu veröffentlichen, aber im Vergleich zu Photos, Videos, Bookmarks, Office-Dokumenten, etc. sind Mindmaps wohl ein zu spezifischer Datentyp, um hier eine soziale Dynamik mit Netzwerkeffekten zu entfachen, auch wenn diese kulturell gesehen sicher nicht uninteressant wäre.

Kleinere Firmen stehen vor dem Problem sich erst eine Userbasis aufbauen zu müssen, während Google und ein paar andere nicht nur schon die Userbasis haben, sondern auch ganz andere Verwertungsmöglichkeiten für ein Produkt. Google könnte ein Tool wie MindMeister mit enormem Wertzuwachs für die eigene Plattform leicht an die Google Docs andocken, sämtliche Premiumfeatures gratis anbieten und müsste dennoch nichts querfinanzieren, weil sie den Wert an anderer Stelle monetarisieren können. Für unabhängige Kleinanbieter wird die Luft schnell eng. Noch ein Punkt für Andreas.

Aber: es nützt halt nichts, die mangelnde Bezahlbereitschaft zu beklagen. Und selbst wenn man eine grössere Bezahlbereitschaft herbeizaubern könnte, wäre ich mir nicht sicher, ob sich die Situation für viele ändern und zum Besseren wenden würde. Nur ein Beispiel: 37signals hat sich ein recht gut funktionierendes Nest in einer Niesche gebaut, in der sie mehr oder weniger als sakrosankt angesehen werden. Eine der ersten Demo-Anwendungen für die Google Apps Engine war ein von einem Entwickler von Google an einem Wochenende gebauter Campfire-Klon. Nach massiven Protesten wurde der noch am gleichen Tag und nur wenige Stunden später deaktiviert. Die Frage ist jetzt, um wieviel besser die Welt dadurch – also im funktionierenden Startup-Schutzprogramm – dasteht. Ich würde sagen gut für 37signals, aber unter dem Strich wohl dennoch ein riesiger Nettowohlfahrtsverlust.

Das Web verändert so einiges. Die Gesellschaft, die Informationslandschaft und die Wirtschaft sind andere als zuvor. Und auch die Anreize für Innovationen und die Möglichkeiten zum Geldverdienen sind noch da, nur eben auch andere als zuvor.

Fazit

Die Beliebtheit von MindMeister lässt sich dadurch erklären, dass sie vieles richtig machen und wenig falsch. Weil sie neben dem Consumer-Segment auch das Standbein Firmenkunden und Enterprise bedienen, sehen wir gute Chancen auch für einen längerfristigen Erfolg.

Im Artikel erwähnte Quellen:

das MindMeister journal

die top 100 aus Deutschland (MindMeister nr. 1, weil Pageflakes nach der Übernahme rausfällt)

die top 100 weltweit (MindMeister nr. 73)

Kommentare

  • dani

    03.06.08 (01:43:11)

    Mindmeister ist auf jeden Fall ein klasse Tool. Ich habe ebenfalls ein Review in meinem Blog geschrieben. Die Version 2.0 muss ich mir jetzt natürlich auch gleich ansehen. Mindmeister ist ausserdem eines der wenigen Onlinetools, welche ich wirklich ausführlich benutze.

  • recipient

    27.02.09 (08:44:27)

    Bei der Gesamtbewertung von Mindmeister stimme ich zu. Eine feine, nützliche Web-Anwendung. Und das sagt ein typischer „Desktopper“ ... Die Bereitschaft zum Zahlen hängt aber oft auch von bestimmten Funktionalitäten ab. In meinem Fall heißt das beispielsweise: Für manche Maps brauche ich workflow-bedingt OPML-Export. Solange Mindmeister dieses (wahrlich nicht exotische) Format nicht unterstützt, bleibt es für mich ein sympathisches Zweit-Tool, das ich gelegentlich gerne für kleinere Aufgabenstellungen nutze - aber nicht wirklich brauche. Ich kann leider nicht jedes Programm kaufen, das mir grundsätzlich gefällt. Wäre Mindmeister eine kostenpflichtige Desktop-Software, würde ich es aus oben genanntem Grund gar nicht nutzen. Und deshalb auch nicht immer wieder mal weiterempfehlen (können). Insofern stellt sich schon die Frage, ob Mindmeister ausschließlich als Bezahlsoftware so bekannt und offenbar doch recht erfolgreich wäre. Ich glaube, nicht. PS: Sollte der OPML-Export irgendwann möglich sein, dann wird Mindmeister mein Tool Nummer eins. Inklusive Pro-Account. ;-)

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