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23.05.14Leser-Kommentare

Minderwertigkeitskomplexe und der Schrei nach der Politik: Warum fühlen sich alte Unternehmen bedroht? Weil sie schlechter sind!

Manche Politiker lassen sich nur zu leicht vor den Karren der Unternehmen spannen, die sich durch digitale Innovation bedroht sehen. Dabei ignorieren sie gern, dass die wahrgenommene Bedrohung aus dem Wissen resultiert, der Konkurrenz selbstverschuldet unterlegen zu sein. Das ist Marktwirtschaft.

MinderwertigkeitskomplexAn verschiedenen Punkten, wo alte und neue Wirtschaft aufeinanderprallen, brodelt es. Alteingesessene Unternehmen stören sich daran, wie neue Player in ihren Märkten die Spielregeln verändern. Manchmal rufen die Etablierten nach dem Staat, um mit Hilfe neuer Gesetze und einer künstlichen Verknappung das alte Kräfteverhältnis wiederherzustellen. Leider lassen sich einige Politiker zu leicht von den Forderungen aus den deutschen Führungsetagen beeinflussen. Die aktuelle Anti-Google-Kampagne, mit Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel als verlängerter politischer Arm der Verlagslobbyisten, zeigt das ganz gut. Zuvor hatte Springer-Chef Matthias Döpfner mit einem offenen Brief die Saat für jetzt folgende Attacken von Gabriel und anderen gegen Google gesät. Dass die Konzerne aus dem vergangenen Jahrhundert keine anderen Wege finden, um auf die innovativen Angreifer zu reagieren, ist traurig, aber ein selten ausgehebeltes Naturgesetz der Wirtschaftsgeschichte. Zwar erscheint es verlockend, auf die Jammerei mancher Verlage zu erwidern, dass sie es schlicht verpasst haben, 1997 mit Millioneninvestments als Spin-Off eine eigene Suchmaschine zu konzipieren. Das aber zu erwarten, ist angesichts der Schwierigkeit, feste Organisations- und Denkstrukturen in altehrwürdigen Unternehmen aufzubrechen, unrealistisch. Das Innovator's Dilemma lässt grüßen. Die Art, mit der also digitale Neulinge auf Widerstand seitens der einstigen Analogwirtschaft treffen, ist zwar unschön, aber wohl unvermeidbar. Weder schön noch unvermeidbar ist dagegen, wie sich die Politik vor den Karren derjenigen spannen lässt, die mit Vorwänden ihre Felle am Davonschwimmen hindern wollen.

Schuld daran ist neben möglichen engen persönlichen Verzahnungen und machtpolitischen Interessen meines Erachtens nach der fehlende Blick darauf, warum eigentlich die Firmen, die mit und dank des Netzes entstanden sind, den bestehenden Wirtschaftsakteuren so sehr in die Quere kommen. Die Antwort ist ganz einfach: Weil sie besser sind. Weil Bürger beziehungsweise Konsumenten mit ihrer Hilfe Bedürfnisse besser befriedigen können.

Beispiel Uber, Lyft & Co: Die von der Taxibranche verabscheuten On-Demand-Transportdienste haben in ihrer Heimatstadt San Francisco ein massives Problem gelöst: Taxis waren nie da, wenn Fahrgäste sie brauchten, und der öffentliche Personennahverkehr der Stadt ist ohnehin kaum der Rede wert. Da der Fortschritt weder von den Taxifirmen noch von der Stadt vorangetrieben wurde, nahmen sich dann eben Startups der Sache an. In Deutschland wiederum war es myTaxi, das dem eingerosteten Beförderungsgewerbe zeigen musste, wie man Kunden bessere Leistung liefert. Der Widerstand des Establishments gegen den Smartphone-Taxi-Vermittler war lange Zeit groß. Der alten Garde war bis dato weitgehend egal, ob Fahrgäste sonderlich zufrieden waren oder nicht. Wer ein Taxi benötigte, hatte keine Alternative.

Beispiel Google: Das Unternehmen hat sich deshalb so prächtig entwickelt, weil es mit der Suchwortvermarktung ein Geschäftsmodell erfand, das Werbenden eine deutlich gezieltere Ansprache von Kunden erlaubt. Mit weniger Mitteln ließen sich mehr Menschen in der anvisierten Zielgruppe erreichen. Mit dem Aufkommen effizienterer Verfahren, um Kunden anzusprechen, verringert sich die Attraktivität anderer Werbeträger. Wie Zeitungen. Gleichzeitig befriedigte Google den großen Wunsch der Menschen nach einem ungehinderten Zugang zu aktuellen Informationen, nicht zu denen vom Vortag. 94 Prozent Marktanteil in Deutschland ist nicht die Folge eines Google-Zwangs (der nicht existiert), sondern freie Wahl der Nutzer auf Basis einer persönlichen Leistungseinschätzung.

Von den Machern in den Führungsetagen der betroffenen Firmen zu erwarten, dass sie die im Zuge der Marktveränderungen mitschwingenden Wünsche der Verbraucher nach besseren Dienstleistungen und einer verstärkten Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse hören und ihrerseits in die Tat umsetzen, mag angesichts der oben beschriebenen Problematik zu viel verlangt sein. Auch wenn es natürlich für die etablierten Verlage peinlich ist, dass sich mit Heftig.co vor ihren Augen und abermals (mutmaßlich) ohne ihre Partizipation ein viraler Medienerfolg ereignet - noch dazu ohne dass das angeblich alle Medien von sich abhängig machende Google bei dem Aufstieg groß mithelfen muss.

Doch von der Politik erwarte ich, dass sie sich nicht nur vom Krächzen der Unternehmen leiten lässt, sondern auch berücksichtigt, warum diese sich bedroht fühlen. Wenn Konsumenten einmal erkannt haben, dass ihnen Besseres geboten werden kann, als was ihnen zuvor vorgesetzt wurde, ist es falsch, mittels politischer Intervention die Uhren zurückdrehen zu wollen. Wer Kaviar probiert und für gut befunden hat, will nicht mehr zurück zu Pommes aus der Gefriertruhe. Auch wenn die Pommes-Hersteller viele Vorwände dafür finden, um zu argumentieren, dass dies besser wäre. /mw

(Illustration: Kevin and hi inferiority complex cartoon, Shutterstock)

Kommentare

  • Stephan Goldmann

    23.05.14 (09:09:54)

    Schöner und unaufgeregt analysierender Text. Danke.

  • Martin Weigert

    23.05.14 (10:15:25)

    Danke auch!

  • Kasimir Anonym

    23.05.14 (11:08:16)

    Hallo Herr Martin Weigert, mit Ihrer Sichtweise steht Europa bald vor einem finanziellen Bankrott! Es hat nichts damit zu tun das Google besser wäre. Amerikanische Unternehmen unterlaufen unsere Systeme und knipsen unsere Unternehmen Stück für Stück aus. Im Anschluss wird günstig eingekauft und befindet sich zum Schluss im amerikanischer Hand. Das ganze funktioniert nur so gut da diese Firmen sich nicht an unsere Gesetze halten (z.b Datenschutz) und unsere Politiker und Behördensystem so dermasen lange brauchen um Regelungen zu treffen. Dies verschafft diesen Firmen einen ungeheueren Wettbewerbsvorteil gegenüber einheimischen Firmen - Ein Beispiel ist das Kartellverfahren gegen Google 4 Jahre, wärend in der Regel nach maximal 2 Jahren für die benachteiligte Konkurenz aus finanziellen Gründen Schluss ist. Beispiel: Wenn Sie ein Autorennen fahren, der Veranstalter dazu noch selbst mitfährt aber z.B. per Klick Ihre Bremsen schlisst oder für alle anderen Autofahrer im Rennen ein Tempolimit setzt außer für sich selbst, dann kann er ganz einfach behaupten, das er das bessere Auto hat und der bessere Fahrer ist. Dazu gibt es eine neutrale Jurie (Joaquin Almunia) der sich nur daran orientiert das Zuschacher immer einen Gewinner sehen wollen und es mindestens 2 oder 3 weitere Sieger geben muss, damit das Rennen spannend ist! Was würde der derzeitige Vorschlag von Google bedeuten: Mit dem Vorschlag was Almunia annehmen will, werden einfach 3 weitere Autos mit den schönsten Reifen oder dem größtem Motor aus der Masse der Rennfahrer herausgezogen und auf Position 2 und 3 bei der Siegerehrung gestellt. Höcht wahrscheinlich weil diese Firmen am meisten Geld für das Rennen springen lassen (Google Adwords). Ist das wirklich das Rennen was die Zuschauer sehen wollen? (Suchergebnisse) Ist die Jurie wirklich so unabhängig wie Sie sich darstellt? (Joaquin Almunia) Mit freundlichen Grüßen Mr. Anonym und warum nicht weil ich ich nicht offen darüber diskutieren möchte, sondern um Abstrafungen von Google zu vermeiden!

  • Michael

    23.05.14 (11:12:22)

    Weil sie schlechter sein MÜSSEN. Alte Medien sind in einer neuen Medientechnologie zwangsläufig schlechter als deren angestammte innovative Vorreiterunternehmen. Mittlerweile eine Binsenweisheit, aber sie stimmt ja weiter: Die alten Medien, insbesondere die alte Presse müssen sich im neuen Medium Internet als Medium technisch wie medial neu erfinden. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen. Das Internet war am Anfang nur ein neuer Medienträger, ein purer Medienstrang, kein eigentliches Medium. Der bisher gedruckte Journalismus muß sich in diesen neuen Medienträger selbst neu einpassen bzw. als völlig neue originäre Onlinemedien (wie etwa Huffington Post u.ä.) entstehen.

  • Berni

    23.05.14 (11:40:29)

    Für europäisches Niveau ausgesprochen reflektierter Artikel! Hat mich sehr gefreut!

  • Stephan Meyer

    24.05.14 (13:05:27)

    Meine volle Zustimmung zum Artikel. Qualität entsteht durch Wettbewerb. Ohne Wettbewerb gibt es auch keine Qualität.

  • Jakob

    25.05.14 (08:18:56)

    Wettbewerb ok und Auslese auch ok. Wie aber wäre es, wenn es Google bei der "Analyse" meiner Suchanfragen beliesse und auf das Durchforsten meiner Mails verzichten würde ? Sie meinen dann würde Google darauf verzichten einen Mailservice, einen Kalenderservice, einen Cloudservice usw. bereitzustellen ? Mag sein. Trotzdem ist ein Geschäftsmodell falsch, welches auf dem massenhaften Abgreifen persönlicher und persönlichster Daten zur intransparenten Verwertung beruht. Jeder User weiss, dass er für die kostenlose Dienste von Google mit seinen Daten bezahlt ? Mag sein, dass sich das inzwischen herumgesprochen hat. Eine Kerngrösse hat Google aber ohne eine Ahnung des breiten Publikums von diesem Vorgehen erlangt und in einer Zeit, als die massenhafte Verknüpfung der Daten weltweit noch nicht wie heute möglich war bzw. stattfand. Gemessen an den heutigen Realitäten des Internet basiert Googles Geschäftsmodell in weiten Strecken auf Tun, welches nach dem Rechtsempfinden vieler Europäer unrechtmässig ist. Die Bereitsteller von Diensten für die Verarbeitung und Speicherung privater Daten, also insbesondere Maildienste und Clouddienste sollten gezwungen werden die Daten der User in keiner Weise verarbeiten zu dürfen. Wetten, dass Google dann diese Dienste einstellen oder kostenpflichtig gestalten würde ? Und wetten, dass das dann auch Wettbewerber anbieten könnten und würden ? Fazit: Googles Geschäftsmodell war in einer ahnungslosen Welt in den Anfängen des Internet prima und hat die Welt verbessert. Allerdings beruhte und beruht Googles Geschäftsmodell darauf den Indianern für Gold Glassperlen zu geben. In der heutigen Zeit des entwickelten Internets, der weltweiten Verknüpfung und der NSA ist es besser Google zu zwingen unser Gold nicht mehr für Glasperlen abzuschöpfen. Google hatte seine schöne Zeit des gigantischen Geldverdienens in einem unregulierten Raum. Es wird Zeit, dass wir uns unsere Privatsphäre zurückholen - und dann möglicherweise für gewisse Dienste wie Mail, Cloud, Chat, soziale Netzwerke bezahlen müssen. Es wird Zeit, dass die Staaten durch Gesetze die Daten ihrer Bürger schützen, vor der NSA und auch vor Unternehmen.

  • Berni

    25.05.14 (11:14:53)

    Nutzer bezahlen Google nicht mit ihren Daten. Wenn man das überhaupt so nennen mag, dann zahlen die Nutzer mit ihrer Aufmerksamkeit. Das durchforsten der Mails bei Gmail kann technisch gar nicht abgeschaltet werden. Irgendwie muss der Mailinhalt in den Browser. Dafür braucht man Datenbanken, Webserver, Scripts welche die Daten aufbereiten etc. Mit dem Verbot, diesen langatmigen Prozess zu nutzen um relevante Werbung auszusuchen, wird die Privatsphäre deshalb auch nicht erhöht. Die einzigen Veränderungen wären mehr (weil günstiger) und weniger relevante (weil ohne Berücksichtigung des Kontext) Werbung. Zuguterletzt: Der Staat kann uns zwar von den vielen zivilisatorisch einflussreichen Google Produkten bewahren, vor Geheimdiensten allerdings nicht. Die werden durch ihn verursacht und dann durch die angesprochenen Europäer mit ihrem Rechtsempfinden verteidigt. *g

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