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24.04.08

Microsoft Live Mesh: Wär's nur nicht von Microsoft

livemeshAuf der Web2.0 Conference in San Francisco hat Microsoft seinen neuen Dienst Live Mesh vorgestellt. Damit sollen sich künftig Dateien, Settings und Applikationen über Rechner hinweg synchronisieren lassen.

Die aktuelle Beta zum offiziellen Start von Live Mesh ist auf 10.000 registrierte Beta-Nutzer beschränkt. Die Accounts dafür waren recht schnell vergeben. Für die kostenlosen Basisaccounts stellt Microsoft 5GB Speicherplatz zur Verfügung. Diese lassen sich dann von überall erreichen und zum Speichern der zu synchronisierenden Daten verwenden.

Was ist daran so besonders?

Synchronisationsmöglichkeiten gibt es mittlerweile viele. Für Firefox verwende ich zum Beispiel seit langer Zeit das Addon Foxmarks um meine Lesezeichen auf dem Laptop und dem Desktop-PC zu synchronisieren.

Das Besondere an Live Mesh ist nun, dass es verspricht, alles zu Synchronisierende an einer Stelle zu vereinen. Und mit alles ist wortwörtlich alles gemeint.

Mittels API wird es Drittanbietern möglich, ihren Desktopprogrammen eine einfach zu handhabende Synchronisierbarkeit hinzuzufügen. Unter anderem. Weiter möglich soll etwa sein, Webseiten offline zu nehmen. Außerdem sollen für die protokollierten Veränderungen auch Atom-, RSS-Feeds etc. unterstützt werden. Was genau man dann damit machen kann, ist mir noch nicht ganz klar. Aber die Unterstützung weit verbreiteter Formate zum Informationsaustausch lässt erahnen, dass sich Mesh leichter, als man es von Microsoft-Diensten gewohnt ist, in die natürliche Web-Umwelt einfügen wird.

ReadWriteWeb erklärt die Funktionsweise so:

Essentially, Live Mesh is a collection of feeds (which can be expressed as ATOM, JSON, FeedSync, RSS, WB-XML, or POX). Every piece of data entered into a user's Mesh -- be it a file, a folder, a message, a user permission, or a new device -- is rendered as a piece of information in a feed. The feeds are then synced with other devices that are part of that Mesh following rules for how to sync each particular piece of information (i.e., File A may sync with Users 1, 2, and 3, while File B may only be told to sync with Users 1 and 2).

Mesh kann man dabei durchaus auch als einen Web-Desktop bezeichnen. Auch wenn diese Bezeichnung es nur zum Teil trifft.

Ein Funktionsweise auf ReadWriteWeb:

In one proof-of-concept demo, a photo that was taken via a cell phone camera, was automatically synced to a Mesh that pushed the pictures out to a Facebook photo album.

Das ist die praktische Seite. Aber auch auf strategischer Ebene ist dieser neue Dienst interessant.

Wie wichtig Microsoft selbst Live Mesh ist, erkennt man daran, dass das Projekt von Ray Ozzie, Microsofts CTO, und einem Team von 100 Leuten entwickelt wurde. Laut Robert Scoble haben sie 3 Jahre daran gesessen (Ernsthaft?).

Microsoft geht hier weg vom PC als dem Zentrum der eigenen Strategie und setzt das Web in den Mittelpunkt (als Verknüpfungspunkt der einzelnen Devices). Ozzie in einer Rede auf der Mix08:

Just imagine the possibilities enabled by centralized configuration and personalization and remote control of all your devices from just about anywhere. Just imagine the convenience of unified data management, the transparent synchronization of files, folders, documents, and media. The bi-directional synchronization of arbitrary feeds of all kinds across your devices and the Web, a kind of universal file synch.

Das klingt nicht nur wie der heilige Daten-Gral, das ist er auch.

Würde Microsoft die technische Umsetzung gelingen und sich in diesem Feld als Marktführer etablieren können, wäre Redmond auf einmal wieder das Zentrum der Techbranche der Zukunft.

Sorry, Windows only (for now)

Wie Techcrunch bereits in der Überschrift süffisant anmerkt, unterstützt Live Mesh vorläufig nur Maschinen mit Windows. Robert Scoble fasst die Laut Robert Scoble so zusammen:

Mac support? Coming in the future. Nokia support? Unclear. iPhone support? Ask Steve Jobs (translation: will be very limited due to Apple’s complete control of that platform). Firefox support? Yes! Linux support? What’s that?

Hier sollte Microsoft bis zum Start der Public Beta nachbessern. Man darf aber wohl davon ausgehen, dass bei Microsoft die Unterstützung von Mesh für andere Systeme neben den verschiedenen Windows-Versionen, na, sagen wir mal, nicht die oberste Priorität haben wird. Atem anhalten nicht empfohlen. Das wird erst kommen, wenn Mesh bereits stabil unter Windows seinen Dienst verrichten wird.

Die Odyssee, eine Windows Live ID anzulegen

Testen konnte ich Live Mesh nicht, da die Accounts, wie oben bereits gesagt, schnell vergeben waren.

Ich will mir aber 5 Minuten Zeit nehmen und von meinen Ausflügen auf den Sieben Live-ID-Weltmeeren berichten. Denn in meiner jugendlichen Naivität hatte ich mir die Flausen in den Kopf gesetzt, mich auf die Warteliste von Live Mesh zu setzen.

Wer keinen Passport, Hotmail, oder Windows Live Messenger Account hat, braucht vor dem Anmelden bei Live Mesh noch eine Windows Live ID. Und hier nimmt das Grauen seinen Lauf.

Nachdem ich am schwersten Captcha, das ich seit mindestens einem Jahr vor der Nase hatte, zwei Mal gescheitert bin (mit einmal meine kompletten Daten, wie Name und Passwort erneut eingeben zu müssen), schaffte ich beim dritten Mal diese unnötig hohe Hürde. Ernsthaft: Es gibt mehr Möglichkeiten, Accounts anlegende Spambots abzuwehren, als Captchas nahezu unlösbar zu machen.

Auf der nächsten Seite, die mir MSN dann anzeigte, dachte ich, mein Schwein pfeift im Dreieck: Um eine Windows Live ID anzulegen zu dürfen, muss ich Microsoft doch tatsächlich mitteilen in welchem Wirtschaftszweig ich arbeite und welche Stelle ich da inne habe usw.! Wohlgemerkt: Das sind keine freiwilligen Angaben. Ohne hier etwas anzugeben, bekommt man keinen Account:

msn--passport

So weit käm's noch: Nur die Hälfte meiner Angaben ist korrekt.

Anschließend bestätige ich gefühlte fünf Mal die mit meiner künftigen Windows Live ID verbundene Email-Adresse. Nachdem die Win Live ID angelegt ist, will ich meinen LiveMesh-Account anlegen und erlebe eine..

Odyssee reloaded

Ich gehe also auf mesh.com und clicke auf Signup. Und von da werde ich umgeleitet auf die MicrosoftConnect-Seite . Warum, weiß ich nicht. Die Seite scheint wohl ein Sammelbecken für Live-Accounts zu sein. Ich denke zu diesem Zeitpunkt darüber aber nicht mehr nach (ich klicke mehr zombiemäßig einfach weiter).

Ich logge mich also mit meiner Live-ID bei MicrosoftConnect ein, und büße im Anschluss daran durch schnellen Kontakt mit meinem Kopf meine Leertaste ein. Grund ist folgende Anzeige:

ms-connect-doppelthaeltbesser

Doppelt hält besser?

Nur damit wir uns richtig verstehen: Nachdem Microsoft, damit es mir generös eine Live ID genehmigen kann, mehr von mir wissen will, als mein Steuerberater, fragt es die selbe Chose auf der nächsten Microsoft-Seite, auf der ich mich mit meiner Live-ID einlogge, nochmal ab.

Die Daten werden mit der Live-ID nicht übertragen, können nicht automatisch per Klick ausgefüllt werden aber MÜSSEN (logisch) wieder ausgefüllt werden.

Machen wir uns nichts vor: Ein normaler User würde nicht einmal den Bruchteil dieser Folter über sich ergehen lassen. Die Meisten, die noch keine Live ID ihr Eigen nennen, werden wahrscheinlich beim dritten oder vierten gescheiterten Versuch beim Captcha das Handtuch werfen. Der Rest spätestens, wenn er ohne ersichtbaren Grund seine persönliche und berufliche Situation angeben soll (Die Wenigsten werden auf die Idee kommen, einfach Irgendwas anzugeben, weil es eh nicht überprüft werden kann.).

Das ganze Windows Live ID-Signupsystem und der daran angehangene Rattenschwanz an willkürlich zusammengetackert erscheinenden Seiten ist ein Usability-Desaster , dass mir die Spucke wegbleibt.

Ein Login- bzw. Signup-System, dass selbst die berüchtigte Yahoo ID gut aussehen lässt, bekommt man nur mit großen Anstrengungen hin.

Ach ja: Wo ich mich bei Microsoft Connect auf die Warteliste für LiveMesh setzen kann, konnte ich nicht heraus finden. Es hat mich dann auch nicht mehr interessiert.

Fazit

Ich werde das Gefühl nicht los, dass Microsoft sich mit der anvisierten All-in-one-Lösung zum Synchronisieren aller möglichen Daten auf allen möglichen Geräten verhebt. Das funktioniert nur, wenn die Handhabung sicher und einfach ist. Microsoft schafft es aber nicht einmal, den Signup-Vorgang einfach zu halten.

Live Mesh ist eine gute Idee. Aber das ganze Drumherum bei Microsoft ist so weit weg von der Realität im Netz, dass es schmerzt.

Ich weiß nun wieder, warum kein einziger Microsoft-Dienst zu meinen täglich genutzten Webdiensten zählt. Und warum ich um die Yahoo!-Dienste flickr und del.icio.us wegen des schwebenden Microsoft-Yahoo!-Deals bange.

Insofern kann man nur hoffen, dass die Idee hinter Live Mesh von Anderen aufgegriffen und umgesetzt wird. Vielleicht von einem Startup, das in sein Projekt nicht den ganzen Rattenschwanz eines Onlineangebots mit einbeziehen muss, das sich gegen jeden neuen User mit Händen und Füßen wehrt.

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