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04.03.09Leser-Kommentare

Micropayment: Wie mobile Applikationen die Internetwirtschaft verändern können

Kostenpflichtige Applikationen für iPhone & Co boomen - nicht zuletzt Dank des äußerst simplen Kaufprozesses. Eine Öffnung der Apps für Transaktionen könnte weitreichende Folgen für die Internetwirtschaft haben.

iPhone-AppsModerne Smartphones haben viele Vorzüge. Sie sind meist recht handlich und schick, bieten die wichtigsten Funktionalitäten stationärer Rechner, beinhalten zahlreiche Gimmicks wie Kameras oder MP3-Player und lassen sich mit Hilfe kleiner Applikationen im Funktionsumfang ganz einfach erweitern.

Gerade diese Anwendungen sind es, die es Besitzern von iPhones und Android-Handys angetan haben. Laut einer aktuellen Untersuchung geben mehr als die Hälfte der iPhone-Fans, die Programme für ihr Telefon kaufen, dafür mehr als 100 Dollar im Jahr aus. Wenn man bedenkt man, dass die meisten Apps für niedrige einstellige Dollar- bzw. Eurobeträge verkauft werden, eine beachtliche Summe.

Einer der Hauptgründe für die Popularität kostenpflichtiger Applikationen auf dem iPhone ist der unkomplizierte und von sämtlichen Störfaktoren befreite Kaufprozess. Benutzer wählen im App Store die gewünschte Anwendung und klicken auf "installieren". Anschließend geben sie ihr iTunes-Passwort ein, was den Download und die Installation einleitet.

Egal ob es sich um ein Gratis- oder ein Bezahlprogramm handelt, sind diese drei Schritte immer gleich. Der einzige Unterschied: Ist die Applikation kostenpflichtig - was deutlich hervorgeht - zieht Apple den Betrag anschließend von dem in iTunes hinterlegten Konto ab.

Hier haben wir den Kern dieses Erfolgsrezeptes: Wer einmal seine Kreditkarten- oder Kontodaten auf einem stationären Rechner in iTunes eingegeben hat - woran man bei intensiver Nutzung kaum vorbeikommt - muss sich zukünftig keine Gedanken mehr über Zahlungsmethoden und mangelnde Sicherheit bei der regelmäßigen Eingabe von Konteninformationen machen.

Lediglich Vertrauen bezüglich Apples ordnungsgemäßem Umgang mit den persönlichen Daten ist erforderlich. Wer dies hat, kann fortan auch mal ganz spontan einzelne Apps kaufen und wird sich kaum Gedanken darüber machen, ob ein Euro hier und zwei Euro da eine lohnenswerte Investition darstellen oder nicht.

Googles mobiles Betriebssytem Android setzt auf einen ähnlichen Prozess und wickelt die Käufe über das eigene Zahlungssystem Google Checkout ab. Es ist zu erwarten, dass auch Nokia, Palm, RIM und Samsung, die in Kürze alle mit eigenen Anwendungs-Shops an den Start gehen wollen, den Kaufvorgang ähnlich bequem und verkaufsstimulierend gestalten werden.

Wer jetzt genau aufgepasst hat, der wird vielleicht gemerkt haben, was ich hier gerade beschrieben habe: ein (annähernd) perfektes System für Micropayments. Woran es im "herkömmlichen" Internet bisher mangelte - nämlich ein simpler, allgemein akzeptierter und für alle involvierten Parteien lohnenswerter Weg, Kleinstbeträge zu verrechnen, ist mit iPhone und anderen Smartphones in greifbare Nähe gerückt.

Um aber wirklich von einer ernstzunehmenden und flexiblen Micropayment-Lösung sprechen zu können, fehlt den Allround-Mobiltelefonen noch eine wichtige Funktion: die Möglichkeit, auch innerhalb einer Applikation Zahlungen veranlassen zu können. Derzeit ist dieser Vorgang lediglich auf den Kauf der eigentlichen Anwendung beschränkt.

Sollte diese Limitierung verschwinden und sollten Entwickler in Zukunft auch Transaktionen direkt in Apps integrieren können, die über das jeweilige Abrechnungssystem (iTunes, Google Checkout) abgewickelt werden, käme dies womöglich einer Revolution der Internetwirtschaft und der bestehenden Geschäftsmodelle gleich.

Dann nämlich wäre es vorstellbar, E-Commerce in Applikationen zu integrieren, Kleinstbeträge für Medieninhalte zu verlangen oder das Buchen von Kino- oder Theatertickets mit wenigen Klicks und ohne die Notwendigkeit der Eingabe irgendwelcher Personendaten zu realisieren. Und das, ohne dabei den Nutzer durch komplizierte Zahlungsprozesse und andere Barrieren in die Flucht zu schlagen, noch bevor er seinen Kauf getätigt hat.

Am Wochenende installierte ich mir die kostenlose iPhone-Applikation "sf bio" der größten schwedischen Kinokette SF, die in punkto Benutzerfreundlichkeit und Übersichtlichkeit der Website haushoch überlegen ist. Einziges Manko: Da innerhalb der App keine Transaktion stattfinden kann, ist nur das Reservieren von Tickets möglich. Die Karten müssen dann spätestens eine halbe Stunde vor dem Filmbeginn abgeholt werden. Die Tickets stattdessen direkt in der Anwendung kaufen und über iTunes abrechnen lassen zu können, wäre fantastisch.

(Foto: respres; CC-Lizenz)

Kommentare

  • Torsten

    04.03.09 (11:42:49)

    "muss sich zukünftig keine Gedanken mehr über Zahlungsmethoden und mangelnde Sicherheit bei der regelmäßigen Eingabe von Konteninformationen machen." Sorgen um die Sicherheit muss sich der Benutzer sehr wohl machen. Wenn der Bezahlmechanismus für jedermann offen ist, wird er auch für Missbrauch offen sein. Heute sind Bots und Viren schon auf der Suche nach WoW-Passwörtern - warum nicht auch iTunes abphishen? Zudem ist ein iTunes-basiertes Zahlungssystem auf eine Handvoll Geräte beschränkt, sattelt auf anderen Zahlungsdiensten auf und ist für die Entwickler ziemlich teuer. Perfektes Micropayment. Nein.

  • Felix A.

    04.03.09 (12:07:44)

    "Einer der Hauptgründe für die Popularität kostenpflichtiger Applikationen auf dem iPhone ist der unkomplizierte und von sämtlichen Störfaktoren befreite Kaufprozess." Genau das denke ich auch. Micropayments sind daher meiner Meinung nach "the next most important thing on the internet". Es könnte einige Start-Ups in die schwarzen Zahlen bringen und allgemein die Innovationskraft fördern. In diesem Zusammenhang ist vielleicht auch die mobile payment Strategie dieses Start-Up ganz interessant: www.zaypay.com Ich habe es selber mal getestet, aber die Akzeptanz der User war mehr als ernüchternd. Wobei ich ebenfalls der Überzeugung bin, das es nicht an dem einen Dollar lag, sondern die Prozedur des Bezahlens (egal ob mit Kreditkarte oder Handy) einfach zu umständlich ist. Das Bezahlen im Internet muss so einfach werden wie der One-Click Checkout von Amazon.

  • Robert

    04.03.09 (12:50:16)

    Spannendes Thema! Google Checkout wird als Zahlungssystem im gesamten Web Interessant. Gerade für eCommerce Apps und Webseiten einen einheitlichen Standard zu Nutzen wäre ein Traum. Die Rechtsunsicherheit und das Risiko im Payment Geschäfft läßt vor allem kleinere Entwickler auf eines der bekannten aber umständlichen Zahlungsmittel umschwenken. Daher lässt die Innovation imn Payment Geschäft sehr zu wünschen übrig. Systeme wie die Paybox scheitern zu oft an der magelnden Unterstützung durch die Industrie, jeder stellt sein eigenes Interesse in den Vordergrund. So geht O2 mit Vodafone nun wieder mit einem neuen Versuch an den Start - mit der Reaktivierung der Paybox, die 2003 den Dienst in Deutschland eingestellt hat. :)

  • platoche

    04.03.09 (17:56:02)

    Ich war neulich auf einer Investorenveranstalung in Postdam - und da gab es einen 15-Minuten Vortrag einem der Betreiber von mobuy Ist spannend, weil die Zahlungen aller Grössenordnungen einfach über das Anrufen einer Telefonnummer auslösen können, und man jedes Handy dazu einsetzen kann. Der Typ sagte aber auch was von hohen einmal-Transaktionsgebühren, die es fast unmöglich (bzw für den Zahlungen akzeptierenden nicht sehr lukrativ) machen, Kleinbeträge vernünftig weiterzureichen. ...noch so ein Problem, das von den Banken verursacht wurde, scheint es.

  • Timo Reitnauer

    04.03.09 (22:19:26)

    Vor genau diesem Problem standen wir vor dem Release unserer iWantMyName iPhone App "DomainApp": Wie kann der Kunde eine Domain direkt vom iPhone registrieren und wird entsprechend abgerechnet? Es blieb nur der Weg, dass die Kreditkartendaten in der Webapplikation hinterlegt werden muessen und wir den entsprechenden User-Account ueber einen API Key mit der App verbinden. Ein weiteres Problem mit Google Checkout, Amazon DevPay usw. ist auch die mangelnde internationale Verfuegbarkeit. Apple jedoch koennte mit einem in iTunes integrierten Payment-System zu einem ernsthaften Paypal-Konkurrenten werden. Selbst Paypal ist im vollen Funktionsumfang teilweise verkrueppelt. Wir sitzen in Neuseeland und der Funktionsumfang von Paypal ist hier eher mager im Vergleich zu USA und Europa.

  • Martin Weigert

    04.03.09 (23:22:53)

    Danke für die Links und Erfahrungsberichte. Klar hat auch das beschriebene System seine Tücken und zudem müssen Apple und Co erst einmal die Möglichkeit zu Transaktionen innerhalb einer App aktivieren. Geschieht dies, so glaube ich, dass es die zahlreichen anderen alternativen Anbieter von Zahlungssystemen sehr sehr schwer haben werden - zumindest was den mobilen Bereich betrifft.

  • Torsten

    05.03.09 (06:47:45)

    Martin: Wenn Du ganz genau hinsiehst, wirst Du erkennen, dass Apple kein eigenes Zahlungssysten hat.

  • Martin Weigert

    05.03.09 (08:51:44)

    Stimmt, im engeren Sinne nicht. Im weiteren, nämlich als integriertes System zur Abwicklung von Zahlungen, schon.

  • Torsten

    05.03.09 (09:05:36)

    Wenn Du die Definition "im weiten Sinne" wählst, dann hat jeder Online-Shop ein eigenes Zahlungssystem. Die Herausforderung des Micropayments ist es, Minibeträge möglichst kostengünstig, schnell und sicher vom Kunden zum Anbieter zu transportieren. Paypal ist schnell, aber teuer, andere Wege sind sicherer, aber nicht ganz so schnell. iTunes macht nichts davon, sondern Apple kauft lediglich die Leistung anderer Payment-Anbieter ein. Und hat somit alle Kosten, die die Abwicklung von Centbeträgen ganz schnell unrentabel machen.

  • Martin Weigert

    05.03.09 (09:14:08)

    Wie überall im Wirtschaftsleben hat ein führendes Unternehmen wie Apple viel bessere Möglichkeiten als kleine Anbieter, Leistungen von Payment-Services zu guten Konditionen einzukaufen. Insofern sehe ich hier nicht automatisch das Problem der notgedrungenen Unrentabilität.

  • Torsten

    05.03.09 (09:20:34)

    Wollte sagen: Apple kann nicht besser werden als die Services, die sie einkaufen. Und bei Paypal und Co sind die untere Centbeträge systembedingt unrentabel. Erst durch Abkopplung vom Bankensystem wäre das möglich, also eine Prepaid-Lösung.

  • Martin Weigert

    05.03.09 (09:26:45)

    Vorstellbare wäre auch, dass Apple nicht jeden über iTunes getätigten Kauf sofort einige Tage später einzeln berechnet, sondern einen Monat lang alle Beträge sammelt und dann auf einmal abbucht. Apple würde also in Vorleistung gehen (oder einfach selbst die Auszahlung um einige Wochen verzögern), damit müsste sich doch eigentlich ein erheblicher Teil der bei einer Zahlung von Kleinstbeträgen anfallenden Gebühren vermeiden lassen.

  • Torsten

    05.03.09 (13:39:45)

    Ja. Wenn entweder Apple oder der Kunde in Vorkasse geht. Und das Missbrauchspotenzial gleichzeitig potenziert wird.

  • andreas

    05.03.09 (17:46:33)

    Eigentlich wie bei PayPal oder? Das sind nur die Gebühren zu hoch. Ansonsten ist es super einfach.

  • Karsten Wysk

    06.03.09 (17:06:10)

    schöner Artikel - volle Zustimmung! Ein Artikel etwas allgemeiner über "Preis" für digitale Waren gibts hier: http://www.mediaviews.de/2009/03/04/der-pirate-bay-prozess-und-was-digitale-angebote-kosten-durfen/

  • Oliver Springer

    06.03.09 (17:28:12)

    Diese Entwicklung ist hochinteressant, denn sie zeigt, wie Bezahl-Inhalte funktionieren können. Dass die Einfachheit das Entscheidende für den Erfolg ist, sehe ich genauso. Es ist schon erstaunlich, dass gerade das mobile Web den paid content-Gedanken so befeuert. Das hat sicher viel mit der ziemlich geschlossenen Welt von Apple zu tun. Das Problem der Bezahlung im Netz ist ja auch, dass der User nicht unzählige Accounts- und Transaktionspartner haben möchte / kann. Wenn er sich nur bei Apple anmelden muss, ist der Aufwand gering und gegenüber Apple hat der Käufer eines iPhones ein gewisses Vertrauen. Interessant ist das übrigens auch deshalb, weil durch das Internet Zwischenhändler ja vielfach ausgeschaltet bzw. nicht mehr benötigt werden. Doch gerade diese Zwischeninstanz ist beim Verkauf der Apps entscheidend. Vielleicht lässt sich mit den in diesem Bereich gewonnenen Erfahrungen ja ein Weg finden, wie Zeitungen bzw. Medienhäuser Premiuminhalte einer Vielzahl von Lesern zugänglich machen können. Der Preis ist nicht das Problem, es das Bezahlsystem darf nur keine Barriere sein. Zum Problem der Einzelabrechnung von Kleinstbeträgen: Ja, entweder gesammelt abrechnen, wenn ein höherer Betrag erreicht ist oder wahlweise (der Kunde sollte wählen können) als Prepaid-Modell, das zusätzliche Sicherheit bietet.

  • Marcus Polster

    13.03.09 (14:36:12)

    Hallo, hierzu möchte ich auf den Blog http://micro-payment.blogspot.com verweisen. Micropaymentlösungen werden bereits einfach, schnell und sicher realisiert. Ich freue mich auf euer Feedback. Viele Grüße, Marcus Polster

  • Daniel Niklaus

    15.03.09 (17:29:57)

    Fehlender App-Wettbewerb Funktionierende Micropayment-Systeme gab es schon in der Frühzeit des Internets. Ein holländischer Anbieter war 1996 schon mal sehr weit (weiss noch jemand den Namen?). Weil aber die Anbieter von Inhalten wenig Interesse daran hatten, ging das Unternehmen schon bald unter. Statt kostenpflichtige Inhalte anzubieten, setzten alle auf Gratis. Der Verdrängungswettbewerb unter den Anbietern war zu hoch, als dass jemand auf Kostenpflichtig setzen konnte. Der Hauptgrund warum auf dem iPhone Payment funktioniert, ist aus meiner Sicht darum weniger die einfache Bezahlfunktion, vielmehr der Entscheid keine Flash und Java-Apps laufen zu lassen. Dies schränkte den Wettbewerb von Anfang an ein. In der Top5 der meistgekauften Apps im iTunes Store ist aktuell ein Kopfrechnen App. Im Netzt würde ich nie 1.10 ausgeben, findet man doch mit wenigen Klicks 100e gratis Alternativen als Flash und Java-Applet.

  • Sebastian

    06.05.09 (19:05:48)

    Die Tickets stattdessen direkt in der Anwendung kaufen und über iTunes abrechnen lassen zu können, wäre fantastisch. Das ist mit der zukünftigen iPhone-Firmware OS 3.0 (erscheint im Sommer) möglich. Nennt sich MicroPayment und wurde im March-Special von Apple vorgestellt (einfach die Keynote auf apple.com anschauen).

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