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26.09.12Leser-Kommentare

Mensch und Maschine: Bitte anschnallen für eine atemberaubende Zukunft

Die vielen unsere Aufmerksamkeit beanspruchenden, schnelllebigen Ereignisse des digitalen Zeitalters versperren leicht die Sicht auf das große Ganze. Wer herauszoomt, erkennt, was für eine unglaubliche Zukunft vor uns liegt.

Der Zeithorizont, den Netzfreunde, Journalisten, Politiker und chronische Skeptiker bei ihren Blicken auf das Fortschreiten der Digitalisierung ansetzen, ist zumeist kurz. In der Regel kreisen Debatten, Konflikte und Konzepte um die Geschehnisse, die sich im hier und jetzt oder bestenfalls in den kommenden Jahren abspielen - wobei es sich bei den gelegentlichen Ausblicken auf die vernetzte Welt in den Jahren 2014 oder 2015 üblicherweise lediglich um Prognosen von Marktforschungsinstituten zur Adaption bestimmter Hardware oder Prozesse oder zur Entwicklung von Marktanteilen und -potenzialen handelt. Kurzum: Obwohl die heutigen Veränderungen die Grundlage für eine völlig neue Art des Zusammenlebens und Wirtschaftens der nächsten Jahrzehnte legen, beziehen sich Beobachtungen und Analysen in der Regel auf kurzfristige Auswirkungen des Wandels, nicht auf das große Ganze.

Deshalb sind Darlegungen wie die gestrige von Gastautor Ralf Wienken so erfrischend und wichtig: Sie ermöglichen zwischen allen unsere unmittelbare Aufmerksamkeit beanspruchenden Ereignissen - wie neue Gadgets und Apps, juristische Reibereien und netzpolitische Auseinandersetzungen - einen wenn auch flüchtigen Blick aus der Vogelperspektive, ein Herauszoomen aus den Details der schnelllebigen Gegenwart, um den roten Faden zu erkennen, der sich unbeirrt durch die Geschichte fädelt und wenig Zweifel daran lässt, wie die Zukunft auf diesem Planeten aussehen wird: digitalisiert.

Je häufiger man auf das Big Picture schaut und sich mit den Auswirkungen von heutigen Erfindungen und Frühphasen-Innovationen auseinandersetzt, desto deutlicher wird die Dimension und Unaufhaltsamkeit der Technologisierung des Menschen. Was gestern noch wie Science Fiction anmutete, kann schon morgen zum neuesten Spielzeug von Early Adoptern werden und übermorgen bei der breiten Masse ankommen. Dass betrifft nicht nur die im Gastbeitrag skizzierte Vernetzung von Mensch und Maschine, bei der Informationen direkt in die Sinne eingespeist werden. Auch der sich abzeichnende Aufstieg von 3D-Druckern wird radikale Veränderungen nach sich ziehen - nicht nur, weil sich dann Jedermann eine eigene Waffe fertigen könnte. Klar, noch sind derartige Drucker nur etwas für Bastler. Aber das war der Computer in seinen Anfangstagen auch. Einige Dekaden später steht er in Miniaturform und um ein Vielfaches leistungsfähiger in jedem Haushalt.

Ähnlichen Exotenstatus wie 3D-Drucker haben heutzutage auch Gentests, welche die meisten Menschen primär mit kriminalistischen Ermittlungen in Verbindung bringen dürften. Doch alles deutet darauf hin, dass der präventive medizinisch-diagnostische Einsatz von DNA-Analysen in Zukunft aufgrund rasant sinkender Kosten für deren Durchführung eine große Verbreitung finden wird. Beim US-Startup 23andMe müssen für die Analyse mittlerweile nur noch 299 Dollar gezahlt werden, von anfänglich 1000 Dollar zum Launch Ende 2007. Wer diese Ausgabe nicht scheut und dem Unternehmen einige Milliliter Spucke in einem speziellen Behältnis zur Untersuchung schickt, erfährt nach zwei bis drei Wochen, wie hoch die Veranlagung und Wahrscheinlichkeit für gewisse Krankheiten ist - bei sich selbst und teilweise auch beim Nachwuchs.

Die Implikationen verbreiteter DNA-Analysen aus Neugier und dem Wunsch, den eigenen Lebensstil frühzeitig an mögliche Gesundheitsrisiken anzupassen, um Vorsorgemaßnahmen zu ergreifen, lassen sich heute nur schwer abschätzen. Klar ist, dass ein Gentest für Menschen auch unangenehme Wahrheiten zu Tage fördern kann. Wie wirkt sich beispielsweise die Kunde über ein erhöhtes Krebsrisiko auf lebenslustige junge Menschen aus? Auch stellen einige Forscher die Zuverlässigkeit von Gentests in Frage. Wer sich 20 Jahre lang auf einen Schlaganfall vorbereitet hat, der dann doch ausbleibt, wird sich im Nachhinein womöglich wünschen, die Untersuchung der DNA nie in Auftrag gegeben zu haben. Andererseits würde sich mit dem Wissen über die eigenen körperlichen Stärken und Schwächen die ein oder andere Tragödie und manch ein frühzeitiger Tod verhindern lassen.

Vorsorgliche Gentests sind noch nicht das Ende der Fahnenstange: Jüngst kündigte 23andMe eine Entwicklerschnittstelle an. Wer von dem US-Startup einen Gentest durchführen lässt, wird künftig externen Anwendungen den Zugriff auf diese Daten geben dürfen. So hätte beispielsweise ein Gesundheitstool die Möglichkeit, Menschen ausgehend von ihrer jeweiligen DNA Empfehlungen für Verhaltensweisen und Ernährungsgewohnheiten zu machen. Was anfangs eine interessante Option für Experimente darstellt, könnte sich im Verlaufe der Jahre zu einer Selbstverständlichkeit entwickeln, die Personen Türen entweder öffnet oder verschließt - wenn etwa Arbeitgeber oder Versicherungen einen Zugriff auf die genetischen Informationen voraussetzen.

Egal ob es um Cyberbrillen oder direkt ins Gehirn implantierte Chips, 3D-Drucker oder DNA-Tests als Dienstleistung für die Masse geht, ist grundsätzlich mit zahlreichen Gesetzesinitiativen, Regulierungen und Appellen zu rechnen, um derartig revolutionäre Errungenschaften auf sanfte, für die Gesellschaft verträgliche Art und Weise einzuführen. Doch selbst wenn sich so einige kritische Einsatzszenarien unterbinden lassen sollten, wird sich an der generellen Marschroute wenig ändern. Dass haben die vergangenen 40 Jahre des Informationszeitalters sowie im Prinzip die gesamte Geschichte der Menschheit eindrucksvoll bewiesen: Der technologische Fortschritt kann gebremst, aber nicht vollständig aufgehalten werden. Oder um es mit den Worten von Gastautor Ralf Wienken auszudrücken: "Muss man wirklich daran erinnern, dass sich schon die Griechen und die Römer über die schrecklichen Veränderungen und den daraus folgenden Niedergang und die Verrohung der Jugend beklagt haben? Und hat’s den Lauf der Geschichte irgendwie zurückgehalten?"

Diese Tatsache, an der auch noch so viele "Es darf doch nicht sein, dass"-Plattitüden von Politikern, Datenschützern, Intellektuellen oder religiösen Oberhäuptern auf Dauer nichts ändern werden können, führt bei mir zu einer Mischung aus Faszination und Zweifel. Zweifel darüber, ob es uns mit der meines Erachtens nach unaufhaltsamen Technisierung des Menschen wirklich besser gehen wird. Eigentlich ist diese Überlegungen überflüssig, da sie Wahlmöglichkeiten suggeriert, wo ich sie nicht sehe. Das menschliche Schicksal scheint es unweigerlich zu sein, mit Maschinen zu verschmelzen - ein Prozess, der nicht bewusst von der Gesellschaft forciert wird, aber aus dem kollektiven Handeln, Forschen und Wirtschaften zwangsläufig entstehen muss.

Wem diese Vorstellung noch nicht abgefahren genug ist, der darf sich einmal Gedanken über die Idee machen, dass wir neun Milliarden Menschen auf dem Plant Erde die Hauptrolle in einer mächtigen Computersimulation spielen. Vice-Autor Ben Makuch regt in diesem äußerst lesenswerten Beitrag zum Versinken in diese im ersten Moment absurd klingende und im zweiten extrem fesselnde Theorie an. Seine Vorhersage: Innerhalb der nächsten zehn bis 30 Jahre wird der Mensch in der Lage sein, Maschinen ein künstliches Bewusstsein einzupflanzen. Gelingt dies, müsste man zumindest die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass auch unser Wirklichkeitsempfinden durch Computer konstruiert wurde...

Was ich eigentlich mit diesem Beitrag zum Ausdruck bringen will: anschnallen für eine unglaublich ereignisreiche, intensive und atemberaubende Zukunft!

(Foto: Flickr/JD Hancock, CC BY 2.0)

 

Kommentare

  • Chris

    26.09.12 (15:08:42)

    Zukunftsoptimismus durch und durch! Gut so, und danke für den Fisch. Äh. Text. Der Trans/Posthumanismus kommt; die Herausforderung ist nur eine; nämlich uns den Übergang so angenehm und schmerzfrei zu gestalten, wie's uns Mikrokosmonauten eben möglich ist. Ich find' meine Brille nich O__o

  • Philipp

    26.09.12 (19:31:57)

    Ich befürworte auch genannte Technologien und Innovationen. Auch Genmanipulation bei Menschen, Tieren und Pflanzen und künstlich hergestelltes Laborfleisch halte ich für positive Entwicklungen. Auch glaube ich, dass nukleare Energie nochmal einen Aufschwung erleben wird und muss, lediglich derzeit ist die Technologie noch nicht sicher genug. Alles Dinge, die konservative Menschen zu einem Aufschrei bewegen. Damit möchte ich übergehen zu einer Meinung bezüglich der Aussagen von Ralf Wienken und Martin Weigert, die Entwicklung ließe sich eh nicht aufhalten: Manchen Menschen geht die Entwicklung zu schnell und sie versuchen sie zu bremsen (nicht um andere zu "ärgern", sondern weil sie sich sonst in dieser Welt nicht "wohl fühlen"). Manchen Menschen geht die Entwicklung nicht schnell genug und sie treiben sie voran (mit einem Grund analog zu voriger Gruppe). Der richtige Weg liegt dazwischen und ist ein Kompromiss aus rasantem Fortschritt und gezieltem Bremsen. Damit sehe ich es als falsch an, die jeweils andere Gruppe als schädigend zu sehen. Was sie jeweils in Wirklichkeit ist, ist ein gesundes Gegengewicht für einen natürlichen "Kräfteausgleich". So grauenvoll esoterisch sich das anhört, bedeutet es einfach, dass man als Mensch auch Rücksicht auf andere Menschen nehmen muss. Um schließlich selber ein bisschen in die Zukunft zu spinnen: Ich kann mir vorstellen, dass durch die schneller werdende Entwicklung einerseits und gleichzeitig konservativ bleibenden Personen andererseits die Kluft immer größer wird und es schwieriger wird einen Mittelweg zu finden, also mit etwas angezogener Bremse weiterzufahren. Stattdessen bilden sich vielleicht Tech-Kolonien/-Städte, wo sich alle zusammenfinden, die gerne genetisch verbesserte oder im Labor erzeugte Nahrung zu sich nehmen und sich selber durch Technik im Sinne von Bio-Hacking verändern und sich über die Automatisierung des eigenen Heims und von Autos bzw. Transport allgemein freuen. Wer das nicht möchte, zieht "auf's Land". Ich bin mir nicht sicher, ob diese Trennung gut ist, da generell eine heterogene Gesellschaft viele Vorteile hat, aber ich kann mir so eine Entwicklung vorstellen. Oder wenn wir bei Gesellschaft sind: Antikapitalismus ist ja seit Occupy wieder hip. Vielleicht gibt es ähnliche Zusammenfindungen für sozialistische und kapitalistische Systeme. Ich habe schonmal irgendwo gelesen (es ist eigentlich offensichtlich, aber da ist es mir erst richtig bewusst geworden), dass für die Generationen die in der globalisierten Welt aufgewachsen sind und auch alle nachfolgenden Ländergrenzen eine immer geringere Rolle spielen. Durch die Vernetzung übers Internet finden sich Menschen aufgrund ihrer Interessen zu Gruppen zusammen. Ethnische Herkunft und Staatsangehörigkeit spielen bald kaum mehr eine Rolle. Vllt werden aus den Staaten irgendwann Interessengemeinschaften (natürlich mit Wahlfreiheit wo man leben möchte, nicht Festlegung durch Geburt). Kann das zu Anfeindungen und Krieg führen? Darüber werde ich nochmal sinnieren müssen.

  • sabine puttins

    27.09.12 (11:50:16)

    Salve! Vielleicht ist das "Raus-Zoomen" auch nur die letzte Station der "Unitatis" von Mensch und Maschine und damit der Tod, wie ich unke... in "Schöner, neuer {div: "Mensch"} " auf http://frankfutt.de/2012/09/27/schoner-neuer-div-mensch/ Greetz Sabine

  • Thomas

    28.09.12 (07:10:32)

    Schöner Artikel, aber sorry: Künstliches Bewusstsein? Ich glaube kaum, dass sich Bewusstsein durch Technik erzeugen lässt. Das liegt auf einer ganz anderen Ebene, aber das werden die Damen und Herren sicher hoch herausfinden ;)

  • Philipp

    06.10.12 (16:44:35)

    So einen Unsinn habe ich schon lange nicht mehr gelesen!

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