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04.10.13Leser-Kommentare

Mehrwert statt Selbstzweck: Der steinige Weg des mobilen Bezahlens

Das flächendeckende Bezahlen mit dem Smartphone im Handel bleibt vorläufig eine Zukunftsvision. Der Grund: Der Mehrwert derartiger Verfahren hält sich in Grenzen. Manchmal scheinen sie allein dem Selbstzweck zu dienen.

Mobiles BezahlenAls ich vor einigen Wochen in den USA war, verzichtete ich aus reiner Bequemlichkeit und zur Vermeidung von ATM-Gebühren auf das ständige Abheben von Bargeld und verwendete stattdessen relativ konsequent Kreditkarten. Aufgrund unzähliger Erlebnisse meines Bekanntenkreises mit Kartenbetrügereien versuchte ich zuvor immer, genug Dollarscheine mit mir zu führen, um die Karte stecken lassen zu können. Übertrieben war diese Sorge sicher nicht, ist der Anteil der Kartenbesitzer, die schon einmal Opfer eines Kartenbetrugs wurden, doch nur in Mexiko größer als in den USA. Bei meinem letzten Trip aber siegte der Wunsch nach Komfort - glücklicherweise ohne dass sich dies rächte. Was mich jedoch mehrfach beeindruckte, war die Geschwindigkeit, mit der sich in den meisten US-Geschäften die Kartenzahlungen durchführen lässt. Einmal kurz den Magnetstreifen durch den Kartenreader gezogen, fertig. Keine PIN-Eingabe, und nur ab einer bestimmten Kaufsumme wurde ich um eine Unterschrift gebeten. Im besten Fall dauerte die Kartenzahlung nicht mehr als zwei bis drei Sekunden, schon hatte ich die Quittung in der Hand. Selbst die Barzahlung kann da nicht mithalten. Geschwindigkeit contra Sicherheit

Nun besteht freilich ein eindeutiger Zusammenhang zwischen dem auf der anderen Seite des Atlantiks verbreiteten Kartenbetrug und der enormen Bequemlichkeit und Schnelligkeit des Kartenzahlungsprozesses: Anders als in Europa hält man in den USA noch immer am relativ unsicheren Magnetstreifen fest. Bei uns ist mittlerweile der EMV-Chip Standard. Dessen Einführung hat sich auch gelohnt: Seit 2007 geht die Zahl der Betrugsfälle mit Kreditkarten in Europa kontinuierlich zurück. Der Preis, den Konsumenten und Händler dafür zahlen: Der Transaktionsprozess dauert deutlich länger, weil Informationen vom Chip gelesen werden müssen und für jeden Kauf die Bestätigung mit der PIN-Nummer erforderlich ist, oder zumindest eine Unterschrift. Selbst wenn man der Warenwert nur fünf Euro beträgt.

Während ein etwas mehr Zeit in Anspruch nehmender Bezahlvorgang wohl ein notwendiges Übel darstellt, will man die Kartenzahlung so sicher wie möglich gestalten, führten meine in Windeseile erledigten Kartenzahlungsvorgänge in den USA zu einer Erkenntnis: Mobile Bezahlungsverfahren müssen sich mit der Geschwindigkeit des PIN- und unterschriftenfreien Kartenzahlens messen können, um wirklich von Verbrauchern auf breiter Front akzeptiert zu werden, oder aber einen ganz großartigen anderen Anreiz bieten. Solange beides nicht erfüllt wird, bleibt das Bezahlen mit dem Smartphone vor allem ein feuchter Traum von Marketern, Handelsexperten und Visionären.

Mobiles Bezahlen stößt auf Skepsis

Zwar stellen Marktforscher eine stetige Zunahme mobiler Transaktionen fest, der Markt an neuartigen mobilen Payment-Lösungen ist kaum zu überblicken, und auch in Deutschland experimentieren immer mehr Einzelhändler mit Handy-Bezahllösungen, etwa Edeka und Netto. Doch in der Praxis dominieren nach wie vor unangefochten Bargeld und Karten (hierzulande vor allem Erstgenanntes). Vor einem Jahr ergab eine Umfrage, dass 72 Prozent der Bundesbürger sich nicht vorstellen können, dass bargeldloses Bezahlen per Handy die Girocard - das beliebteste Kartenzahlungsmittel der Deutschen - langfristig ablösen wird. Das sagt zwar wenig über das tatsächliche Potenzial des mobilen Bezahlens aus, zeigt aber die verbreitete Skepsis gegenüber entsprechenden Verfahren. In den USA sieht die Lage kaum anders aus: Das mobile Transaktionsvolumen lag dort 2012 bei 500 Millionen Dollar - der Großteil davon entfiel auf die Smartphone-App von Starbucks, mit der per Prepaid-Verfahren Kaffee gekauft werden kann.

Selbstzweck allein reicht nicht

Dass bisher nur wenige Konsumenten im Alltag mit dem Mobiltelefon bezahlen, ist sicherlich kaum verwunderlich. Die in der Regel erforderlichen Smartphones finden sich erst seit kurzem in den Taschen der meisten Verbraucher, der Markt der existierenden und eingesetzten Lösungen ist extrem fragmentiert, und schließlich - und das führt mich zu meiner anfangs geschilderten Geschichte - fehlt oft ganz einfach der Mehrwert gegenüber den etablierten Zahlungsformen. Die meisten Verfahren bringen keinerlei Zeitersparnis mit sich, und verglichen mit dem blitzschnellen Zahlungsprozess, wie ihn Kreditkartenbesitzer in den USA erleben, so sehen nahezu sämtliche Lösungen alt aus.

Aufgrund des beschriebenen Sicherheitsaspektes würden viele Konsumenten sicher in Kauf nehmen, dass der Einsatz ihres Smartphone-"Portemonnaies" an der Kasse zumindest ein paar Sekunden in Anspruch nimmt. So wie die Kartenzahlung mit PIN-Eingabe auch. Doch wenn ihnen aus diesem Verfahren sonst keinerlei Vorteil entspringt und sie ohnehin Bargeld und Girocard in ihrer Brieftasche mit sich herumtragen, dann ist es nicht verwunderlich, dass am Ende doch die altbekannten Zahlungsmittel zum Einsatz kommen.

Dass das Smartphone eines Tages den Großteil des Inhalts eines durchschnittlichen Portemonnaies mit Geld, Debit- und Kreditkarten, Kundenkarten und Mitgliedskarten ersetzt, ist ziemlich wahrscheinlich. Aktuell aber können die meisten Menschen noch nicht darauf verzichten, weshalb sie die mit dem Smartphone konkurrierenden Zahlungsmittel stets dabei haben. An der Kasse alternativ auch mit ähnlichem oder gar erhöhtem Aufwand auch mit dem Smartphone bezahlen zu können, reicht da als Argument nicht aus. Mobile Payment darf nicht nur dem Selbstzweck dienen, sondern muss Stärken besitzen, mit denen weder Bargeld noch Kreditkarten konkurrieren können.

Finanzielle Anreize für Konsumenten

Da die Dauer des Zahlungsvorgangs momentan kaum ein Argument für mobiles Bezahlen ist und die Ära, in der tatsächlich das gesamte Portemonnaie stets zu Hause gelassen werden kann, noch in der Zukunft liegt, kann der Vorteil derzeit eigentlich nur in Rabatten und Sonderangeboten liegen, mit denen Smartphone-Zahler belohnt werden. Doch das setzt einerseits voraus, dass das Geschäft selbst ein ernsthaftes Interesse daran hat, die Kunden zum Bezahlen mit dem Handy zu bewegen, und dass Verbraucher nicht eine Kreditkarte verwenden, für die ihnen vom Karteninstitut Bonuspunkte oder Meilen gutgeschrieben werden. Hierzulande ist das zwar wegen der Beliebtheit der Barzahlung eher selten, in Ländern mit höherer Kartenaffinität dagegen durchaus üblich. Die finanziellen Anreize für den Einsatz der mobilen Geldbörse müssten also attraktiver sein als diese Gutschriften.

Es gibt eigentlich keine Gründe, die dafür sprechen, dass mobiles Bezahlen auf Dauer ein Rohrkrepierer bleibt. Dazu sind die potentiellen Vorzüge zu offensichtlich. Damit es dazu kommt, muss jedoch erst einmal der berühmte "Tipping Point" erreicht werden. Ab diesem würde das Interesse der Nachfrager und Händler gleichermaßen steigen, angetrieben von einfachen, sicheren, sich am Markt durchsetzenden technischen Verfahren, die gegen die konkurrierenden Zahlungsmittel bestehen und parallel für alle involvierten Parteien Zusatznutzen und Vereinfachungen versprechen.

Der Weg vom mobilen Bezahlen als Selbstzweck zum mobilen Bezahlen als Standard ist noch weit. /mw

Illustration: conceptual view about checkouts or payments over Internet, Shutterstock

Kommentare

  • Axel

    04.10.13 (17:26:28)

    Ich möchte Ihnen da uneingeschränkt Recht geben. Mir selber dauert es zu lange bis das sich diese Zahlungsmethoden durchsetzen. Ein interessanter Artikel. Vielen Dank für die informativen Zeilen. VG Axel

  • Peter Meier

    19.10.13 (10:45:40)

    Gehen Sie mal nach Kenia. Afrika ist da viel weiter, da bezahlt man fast alles mit dem Mobilephone und es muss nicht mal smart sein. Die Transaktion erfolgt per SMS.

  • Christian

    19.10.13 (19:58:44)

    An bestimmten Automaten kann man auch in Europa per KK ohne PIN und ohne Unterschrift zahlen (hat nichts mit kontaktlosem Zahlen zu tun). Typischer Fall: Parkhauskassen. Geht ebenfalls flott. Ja, in den USA ist der Bezahlvorgang per Plastik meist schneller als hier. Aber ich könnte auch ein Klagelied über Tankstellen anstimmen, wo man mit Nicht-US-Karten häufig kein Glück beim Zahlen an der Säule hat. Doch es trifft ja nur die Ausländer, die keine passende PLZ eingeben können, also lass ich's. ;) Der springende Punkt: Wenn selbst "klassische" unbare Zahlungsmittel immer wieder an enge Grenzen stoßen (selbst in FR sind Kreditkarten aus DE mitunter nicht einsetzbar), wird das mit mobilen Zahlungsmitteln sicher kaum besser. Und ganz nebenbei: Wenn ich mal Bus und Bahn nutze, zahle ich per Handyticket-App; der Preis ist der gleiche wie beim "normalen" Fahrschein. Aber schon der Handy-Parkschein fürs Auto kostet mehr als der mit Bargeld erworbene, ohne dass die Zusatzfeatures die Sache für mich attraktiv machen ...

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