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19.03.09Leser-Kommentare

Mehr Style als Life: Supplements werden zu Frauenzeitschriften

Style und Kochen statt Reportagen und Essays: Haben es sich die als journalistisch hochwertig bekannten Magazin-Supplements im Schoss der Luxusindustrie zu gemütlich gemacht?

Luxus-Umfeld für möglichst lukrative Werbung? (Keystone)

Die jeweils gegen Wochenende beiliegenden Magazine der Süddeutschen Zeitung, der Zeit oder des Tages-Anzeigers sind bekannt als Stätten des herausragenden Journalismus. Sie zeichnen sich aus mit Reportagen, die sich über zehn oder zwanzig Seiten erstrecken. Zu Wort kommen Menschen, denen noch nie jemand Gehör schenkte. Erzählt werden Geschichten, die einzigartig sind.

Seit einigen Jahren ist das nur noch teilweise so. Die wöchentlichen Zeitungsbeilagen im deutschsprachigen Raum wandeln sich zu abgehobenen Familien- und Frauenzeitschriften einer irgendwie besseren Klasse: Die Themen drehen sich vorzugsweise um Stil, Mode, Kochen, Frauen, Kinder, Reisen, Trends. Politik? Ja, aber dann nur die menschliche Seite. Gesellschaft? Ja, aber nur, wenn etwas Glamour dran ist. Wissenschaft? Das ist zu trocken, das geht nur aufgepeppt. Investigationen? Einmal alle paar Monate Wallraff reicht.

Wie komme ich auf diese Behauptungen? Nehmen wir doch mal die Ausgaben für das Wochenende des 14./15. März und gucken uns die Themen an.

Süddeutsche Zeitung Magazin

screenshot-sz-magazinsueddeutschede

Auf dem Heft vornedrauf steht übrigens "Ein Männerheft". Sind Models mit Babyflaschen in der Hand nicht eher Frauenfantasien?

Zeit Magazin Leben

screenshot-zeitde

Das Magazin

screenshot-dasmagazinch

Nur zwei Beispiele beim Magazin? Nun, die dritte grosse Geschichte im Heft handelt von Arvo Pärt, angeblich "einer der bedeutendsten Komponisten der Gegenwart".

Überhaupt nur zwei grosse Geschichten waren es in der Vorwoche. Kommen Sie uns bekannt vor? Ja:

Die Magazinbeilagen stehen in der Medienkrise an der Klippe eines sehr hohen Berges. Es herrschte noch bis vor kurzem Einigkeit, dass die Autoren dieser Magazine den Olymp des Journalismus bestiegen haben, dass Geschichten in diesen Blättern zum Besten gehören, was der Journalismus zu bieten hat. Kein Wunder, muss man sagen. Wer über das Budget eines Tages-Anzeiger Magazins verfügt, der MUSS jede Woche ein herausragendes Heft machen.

Wieso ist es so gekommen? Meine Hypothese: Im verzweifelten Bemühen, keinesfalls Kosten abzubauen (also schmerzliche Entlassungen vorzunehmen), ist man den Werbekunden, die klare, wenn auch nicht unbedingt wahre Vorstellungen haben von ihrer kaufkräftigen Zielgruppe, sehr entgegen gekommen. Die Werber lassen sich offenbar nur noch begeistern, in dem man ihnen ein Umfeld von Luxus bietet - in der Krise vielleicht nicht die beste Idee. Zudem sind die Redaktionen offenbar bevölkert von jungen Familienvätern und -müttern, die ihre eigenen Angelegenheiten zum Dauerthema machen.

Dass diese Beilagen kommerziell unter Druck kommen würden, ist seit Jahren abzusehen. Wie sollen denn Magazine, die am Kiosk nur an einem Tag der Woche oder des Monats verfügbar sind, am Markt bestehen können? Dabei bin ich überzeugt, dass es eine grosse Nachfrage gibt für vertieften Journalismus im Magazin-Format. Ist es denn ein Zufall, dass der seit 1925 bestehende, weltweit gelesene, stark auf Politik und Hintergrund setzende New Yorker 2004 erstmals die Auflage von einer Million Exemplare erreichte? Also mehrere Jahre NACH der Verbreitung des Internets?

Eine löbliche Ausnahme unter den deutschsprachigen Magazinbeilagen stellt das NZZ Folio dar. Weiterhin gut von Werbung frequentiert, liefert dieses Magazin jeden Monat herausragenden Journalismus, zuletzt über das Themengebiet "Entscheidungen".

Die Magazinbeilagen sind in der deutschsprachigen Zeitungslandschaft fast zur einzigen Anlaufstelle für extralange und tiefgründige Texte und Reportagen geworden. Es wäre schade, sie zu testosteronfeindlichen Quatschbasen im Schoss der Luxusindustrie verkommen lassen. Ich wünsche mir herausragende Texte - und mir ist es egal, ob sie von Männern Anfang 20 oder von Frauen Anfang 70 kommen. Hauptsache, sie kommen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Dom Dada

    19.03.09 (15:03:30)

    Im Sinne des Artikels ist wohl auch die neue grafische Aufmachung des Tagesanzeiger-Magazins zu deuten: Mit dem Redesign von Anfang Jahr hat das Heft die progressiv-schlichte Nüchternheit abgelegt und präsentiert sich seither in einer auf edel getrimmten Eleganz, die etwas gequält wirkt – und die gestalterisch die ältliche Schwester der «Annabelle» sein könnte.

  • Martin

    19.03.09 (15:12:53)

    Urban und weiblich halt. Was immer das auch heissen mag.

  • Anja

    19.03.09 (16:19:44)

    Ich sehe das genauso - besonders beim Zeitmagazin gibt es in regelmäßigen Abständen "ein Heft für die Werbekunden". Ich reiße dann immer die Martenstein-Kolumne raus und entsorge den Rest des Magazins direkt in den Papiermüll. Dennoch machen es die vereinzelten sehr guten und ausführlichen Reportagen wieder gut - wie zuletzt der Bericht über Männer und ihre Sicht zur Abtreibung. Die peinliche Replik von Alice Schwarzer hätte man sich allerdings sparen können.

  • christof

    19.03.09 (16:21:29)

    ronnie grob, grosses kino! genau so ist es.

  • tessa

    19.03.09 (17:34:40)

    Auch wenn ich mich über die sehr seichten Themen im SZ-Magazin in letzter Zeit wundere, für Frauen sind die dort aufbereiteten Themen immer noch intellektuell anspruchsvoller als in der miserablen Auswahl, die man unter Frauenmagazine oder Modemagazine fasst. Keine Frau mit Verstand kann das lesen. Daher ist die Wochenendbeilage der SZ auch in Sachen Modejournalismus oft eine Wohltat (wobei die Berichterstattung der Tageszeitungen zu Modethemen meist peinlich schlecht ist). Nein, wir wollen keine Zeitungsbeilagen die zu Luxusmagazinen verkommen. Was wir aber dringend brauchen sind anspruchsvolle Magazine für Frauen. Die Generation zwischen Pferdezeitschrift und Brigitte wird in dieser Hinsicht nämlich aufs gröbste ignoriert und als mode-besesseses Dummchen abgewatscht. Das Missy-Magazin hingegen ist die weibliche Splitterpartei der Spex geworden. Wo können Frauen denn - mit weiblichem Fokus - über Politik, Wirtschaft und auch klug über die "schönen" Dinge des Lebens lesen? Mir fällt keine deutschsprachige Publikation ein. Leider.

  • Florian Steglich

    19.03.09 (17:49:41)

    Zuhause bei meinen Eltern habe ich zwei ausgebeulte Stehsammelordner voller alter Magazine von Süddeutsche, FAZ und Zeit, in denen ich immer lese, wenn ich ein paar Tage dort bin. Da Zeit- und FAZ-Magazin 1999 eingestellt wurden, müssen die Ausgaben noch zwei, drei Jahre älter sein, die Hefte der Süddeutschen dürften bis ca. 2003, 2004 gehen. Und auch wenn ich wie Du, Ronnie, manchmal das Gefühl habe, dass die Magazine beliebiger sind als früher, so waren doch Stil- und Essenstexte schon in diesen 5-12 Jahre alten Exemplaren regelmäßig und ausgiebig vertreten. Der "konsumfreundliche" Ton ist Teil des Konzepts, und das ist nicht zwingend ein Vorwurf. Die Magazine liegen nicht zufällig zum Wochenende hin in der Zeitung; auch die F.A.S. ist ja deutlich "netter" als die ZEIT, obwohl beide 1 x pro Woche erscheinen.

  • Wolfgang Michal

    19.03.09 (19:03:49)

    Präzise Analyse. Die Männer, die angeblich "erstmals" im ZEITmagazin über Abtreibung auspacken, waren übrigens geklaut: von Marie-Claire 11/99. Gleiche Aufmachung. Autorin damals: Gabriele Bärtels.

  • Gabriele Bärtels

    19.03.09 (19:38:38)

    Dass wir dringend anspruchsvolle, gesellschaftlich relevante, ehrliche und wirklich journalistische Frauenmagazine brauchen, denke ich schon lange. EMMA ist da keine Alternative, sondern nur der Nordpol, dem die anderen rund 80 Frauenmagazine am Südpol gegenüber stehen. In der Mitte, da wo sich die erwachsene, denkende, witzige, alltagstaugliche und wahlberechtigte Frau von heute tummelt, gähnt die größte Marktlücke aller Zeiten. Ich habe ja mal für so gut wie alle großen Frauenmagazine geschrieben, bin dann davon abgekommen, weil ich mich selbst verleugnen musste, auch noch alle anderen Frauen mit, denen man Diäten und Klamotten und blöde Liebhabertipps verkaufen sollte, anstatt ihr wahres Leben zu spiegeln. Mich ärgerte auch dieses Kaffeekränzchenghetto, das Männer ausschließt, nicht ernst nimmt, sondern für Trottel erklärt, die in fünf oder zehn Typen aufgesplittert werden, wie in den sogenannten Psycho-Seiten. Und weil ich nicht nur jammern wollte, spuckte ich dann 2004 in die Hände und gründete im Internet FRIDA (www.frida-magazin.de), mein selbstgebasteltes, intelligentes Frauenmagazin. Ich rannte mit diesem "Dummy" von Verlag zu Verlag, war bei Ringier, Gruner & Jahr, Axel Springer. Bekam von Vorständen reizende, aber abschlägige Kommentare. Niemand der Herren (Frauen hab ich dort nie gefunden) konnte begreifen, dass er an der größten Marktlücke der Welt vorbeigeschaut hat. Denn wer sind denn die Leser von heute? In der Belletristik zu 80 Prozent Frauen. Wer sind denn die Kaufentscheider? Zu ungefähr 90 Prozent wieder die Frauen. Ich betrieb FRIDA rund 3,5 Jahre, mehr schlecht als recht, denn meine Webdesign-Kenntnisse sind begrenzt, ich konnte Autorinnen (und Autoren!) nur für gute Worte gewinnen, nie aber für Geld. In dieser Zeit hatte FRIDA rund 300,000 Besucher (nicht Pageviews, sondern Besucher) und bis heute kommen, wohl über Google, bis zu 500 Leute täglich auf die Site. Leserbriefe kamen übrigens bis zu 30 Prozent von Männern, die ebenso wie Frauen das Magazin begrüßten, denn nirgends in der Medienlandschaft haben sie mal was Wahres über Frauen gelesen oder über sich selbst. Obwohl an meinem Magazin vieles hinkt, zum Beispiel fehlte es an politischen und wirtschaftlichen Texten, gewann ich damit den Alternativen Medienpreis, wurde für den Goldenen Prometheus nominiert. 2007 stellte ich die Produktion dann ein, denn umsonst bedeutet halt über kurz oder lang Verlust an Qualität, man kann nicht dauernd sein eigenes Problem (Geldnot) an befreundete Autoren weiterreichen. Gespendet hatte so gut wie niemand etwas, auch wenn das Magazin bis heute gelobt wird. Was den ZEIT-Titelbericht "Wir haben abgetrieben" angeht: Die Idee ist tatsächlich von mir. Ich bot sie 1999 der Marie-Claire an, suchte und fand auch sechs Männer, die mir ihre Abtreibungsgeschichten erzählten. Wochen, bevor der ZEIT-Artikel erschien, rief eine ZEIT-Magazin-Redakteurin (Name weiß ich leider nicht mehr) bei mir an. Sie habe die alte Marie-Claire vor sich liegen, ob ich ihr meine Männerkontakte von damals vermitteln könne. Sie selbst wisse nicht, wie sie an solche Männer kommen könne. Ich gab ihr zwar meine alten Kontakte nicht, riet ihr aber, wie man sowas macht und sagte ihr, dass Männer da so schwierig gar nicht wären. Als ich dann Wochen später diese Titelunterzeile in der ZEIT las ("Erstmals brechen Männer ihr Schweigen" oder so ähnlich) konnte ich nicht fassen, dass eine seriöse Zeitung nur für die Skandalmeldung derart lügt und bei allerbestem Wissen schlicht unterschlägt, dass die Männer ihr Schweigen schon vor zehn Jahren gebrochen haben, und zwar mir gegenüber. Ich bin inzwischen dermaßen abgetörnt von diesen Medien, die man Journalismus nicht mehr nennen mag, dass ich dringend einen anderen Job suche. Weiß jemand einen?? Herzliche Grüße an alle, die es interessiert, Gabriele Bärtels

  • Fred David

    25.03.09 (08:19:30)

    Die Beilage-Magazine von SZ, Zeit, Tages-Anzeiger etc. wurden aus einem einzigen Grund erfunden : Um teurere und im Druck brilliantere Farbanzeigen verkaufen zu können. Deswegen soll das Umfeld lifestyle-ig wohlfühlig sein, weil dort die entsprechenden Anzeigen herkommen. Das finde ich legitim. Man sollte das auch gar nicht krampfhaft verbergen. @) Ronnie Grob, da ticken wir gleich: Diese ewigen, gefühligen Ich-und-meine-wundervoll-verrückte-Familie-Geschichten junger, allein, doppelt oder wie auch immer erziehender Patchwork-Family-Menschen langweilen wirklich. Zu diesem Thema ist alles Erdenkliche nun gesagt. Jetzt darf's mal wieder ein bisschen härter werden. Den Zeiten angepasst. In Schweizer Magazinen würde ich zum Beispiel gern mal eine schöne, runde Geschichte lesen, wie es kommt, dass in diesem Land 3% der Steuerzahler gleich viel Vermögen besitzen wie die restlichen 97%. Das sind Mogadischu-Verhältnisse. Natürlich keine Klassekampfstory, das langweilt, sondern: Wer sind die 3% und wer die 97% und was wissen die eigentlich voneinander, wie leben sie? Das alles in einer Lifestyle-Story der besonderen Art. Die attraktive Bebilderung kann man sich schon lebhaft vorstellen. Titel: "3:97" Wetten, dass diese Magazingeschichte nie geschrieben wird, obwohl sie spannend wäre und auf der Hand liegt? Warum sie nicht geschrieben wird, wäre dann schon wieder eine eigene Magazin-Geschichte wert. Und die hätte dann wiederum mit dem ersten Absatz dieses Textleins hier zu tun.

  • Frau Müller

    20.04.09 (15:18:48)

    "Sind Models mit Babyflaschen in der Hand nicht eher Frauenfantasien?" Nein, @ Ronnie Grob, das sind Vorstellungen wie sie sich Männer (Blattmacher, ADs, Werber) über Frauen machen. Keine Frau, die rote Lackschuhe trägt, träumt von Männern mit Babyfläschchen. Und keine Frau, die rote Lackschuhe hat und Verstand obendrauf, liest solchen Kinderkram wie er in der letzten Zeit im «Magazin» publiziert wird. Häppli, Kurzfutter, Brei. Ein Kinderheft - von Kindern für Kinder gemacht. Ein ums andere Mal fliegt wieder eins dieser Heftli ungelesen ins Altpapier. Mal ein Heftli über willkürlich zusammengestellte «Menschen, denen die Zukunft gehört», dann ein Listenheftli und jetzt als absoluter Tiefpunkt noch ein mit Migros-Bildli gestaltetes «Magazin» - das ist MMM wie MultiMegaMüll.

  • Bruder Bernhard

    21.04.09 (12:06:29)

    ungelogen: Erst beim Lesen dieses Beitrags fällt mir auf, dass ich das TA-magazin nicht mal mehr durchgeblättert habe in letzter Zeit. Es ist aber leicht unfair, das SZ-Magazin in die selbe Tüte zu packen - die Kochrubrik 'Nimm 3' jagt mir immer noch erfolgreich den Östrogenspiegel in die Höhe, ohne dem Testodings in die Quere zu kommen.

  • Fred David

    21.04.09 (13:11:51)

    @) Frau Müller: Das "Magazin" des Zürcher "Tages-Anzeigers" - "ein Kinderheft, von Kindern für Kinder gemacht..." Ganz schön bös. Und ich hatte exakt den gleichen bösen Gedanken. Schlimmer noch: Der Gedanke befällt mich in letzter Zeit desöftern beim Durchblättern von Schweizer Medienerzeugnissen aller Art. Manchmal denke ich, dass sei schierer Defätismus eines alternden Journalisten. Aber jetzt sehe ich: Ich bin ja gar nicht allein mit meinen bösen Gedanken. Danke.

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