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21.01.13Leser-Kommentare

"Mega"-Rückkehr: Die Chance der TV-Sender, Kim Dotcom diesmal einfach auszukontern

Ein Jahr nach der vorübergehenden Festnahme von Kim Dotcom und dem vorläufigen Ende seines Dienstes Megaupload hat die Unterhaltungsindustrie immer noch wenig aus ihren Fehlern gelernt - und findet keine Antwort auf den Neustart des Cloud-Speichers Mega.

Vielleicht ist es Zufall, dass auf dem derzeitigen Sundance-Festival die Dokumentation "Downloaded" über die Anfangsjahre des Musikdienstes Napster zu sehen ist. Die beiden Gründer, der nerdige Shawn Fanning und der charismatische Sean Parker, kommen in dem unterhaltsamen Trailer ebenso zu Wort wie damalige Protagonisten der Musikszene. Darunter sind Smashing-Pumpkins-Bandleader Billy Corgan und Metallica-Schlagzeuger Lars Ulrich. Corgan kann Napster etwas Positives abgewinnen: "Die geben den Leuten einfach, was sie wollen. Aufhalten lässt sich das sowieso nicht mehr." Ulrich hingegen tritt als einer der erbittertsten Gegner Napsters auf, der den Dienst den Totengräber der Musikindustrie nennt.

Kein Zufall ist es, dass Ulrich und Parker heute gemeinsame Sache machen: Bei der Präsentation des neuen Spotify saßen sie Anfang Dezember schiedlich, friedlich zusammen auf der Bühne. Parker, der heute Geldgeber für das Musikstartup ist, nutzte die Chance, um noch einmal darauf hinzuweisen, dass man ja im Grunde von Anfang an dasselbe wollte: den Menschen die Musik bringen, die sie wollen. Ulrich stimmte zu. Und Metallicas Alben sind seitdem legal auf Spotify verfügbar. Anders gesagt: Das Thema ist durch. Nach Jahren des Kampfes der Industrie gegen Napster und die Nachfolger wie LimeWire, Morpheus und KaZaA hat legale Musik gewonnen. Raubkopien lohnen sich nicht mehr, wenn jeder für zehn Euro im Monat (fast) all das hören kann, was er will. Und Video? Hier wiederholt sich die Geschichte gerade auf ähnliche Weise. Im Prinzip ist es ganz einfach

Der Techclown Kim Dotcom narrte die US-Unterhaltungsindustrie zwei Jahre lang mit seinem Dienst Megaupload, das den Leuten einfach nur das gibt, was sie wollen: Kinofilme und Serien sofort, nicht erst Jahre später am Ende einer fragwürdigen Verwertungskette in einer schlecht synchronisierten Fassung. Jetzt darf er mit Mega noch einmal ran und wird seine eigenen Fehler von damals nicht wiederholen. Weil der neue Filehoster bereits auf Client-seitige Verschlüsselung sorgt, wird man dem Dienst das Hosten illegaler Files nur sehr schwer nachweisen können. Dotcom hat dazu gelernt, die Hollywood- und TV-Studios nicht unbedingt.

Bei der Debatte verfällt man leicht ins Hysterische. Vielleicht ist es am besten, am Beispiel Deutschland einfach einmal nüchtern das Problem zu beschreiben: Fans müssen auf ihre neuen Serien-Episoden in der Regel solange warten, bis sie in deutscher Fassung im Fernsehen ausgestrahlt werden. Weil das Monate bis Jahre dauert, schauen sie die Folgen im Netz. Streaming-Versionen aktueller Kinofilme kommen zu spät nach dem DVD-Start und zu selten im Original. Flatrate-Angebote von Spielfilmen und Serien bieten zu alten Content, der meist schon vielfach im Fernsehen versendet wurde. Die bereits mehrfach angekündigte deutsche Version von Hulu ist nach wie vor nicht da. Sollte das Problem die Sprache sein, dann wird der Teufel an die Wand gemalt: Nahezu alle Serienfans, denen es um Geschwindigkeit geht, wollen ihre Sendungen ohnehin im Original sehen. Also ließe sich die klassische Verwertungskette hier problemlos umgehen.

"Fernsehen im Gangnam-Style"

Die deutschen TV-Sender drücken mittlerweile selbst auf die Tube, weil sie das Internet als Konkurrenten erkannt haben. Im aktuellen " Focus " wünscht sich ProsiebenSat.1-Chef Jürgen Hörner "Fernsehen im Gangnam-Style": Sendungen, die zusammen mit Making-Ofs und dazu passenden Folgen zeitgleich auf allen Kanälen laufen. Jüngste Beispiele wie RTLs vermeintliche Abkehr von DVB-T oder lineares Fernsehprogramm auf dem Tablet wie der ARD-Livestream oder 51 Sender live auf der iPad-App von "TV Digital" zeigen: Es ist im Grunde egal über welche Zugangstechnik. Die Zuschauer wollen ihre Videos dort haben, wo sie gerade sind. Sie wollen lineares Fernsehen genauso wie On-Demand-Video. Sie wollen ebenso die neuesten Folgen ihrer Serie, wie sich auf Wunsch mit alten Folgen oder belanglosem Fernsehen wie dem "Dschungelcamp" entspannen. Sie wollen nur die Wahl haben.

Ob Mega ihnen diese geben wird, sei einmal dahingestellt. Praktisch seit dem Start am Samstag ist der Server wegen Überlastung kaum zu erreichen, was die Tragfähigkeit des Konzepts ein wenig in Frage stellt. Der mehrfach wegen Betrugs verurteilte Kim Dotcom ist zu Recht umstritten. Andere Dienste, die mit ähnlichen Angeboten in die Bresche springen, sind aber längst da und werden die Fans anlocken. Zumindest solange, bis Hollywood-Studios und TV-Sender die Dinge vereinfachen. Worauf warten sie? Darauf, dass ihnen noch mehr Geld durch die Lappen geht? Dass noch weitere Klons kommen? Dass Dienste wie Hulu weltweit sowieso eines Tages kommen werden, kommen müssen, ist eigentlich allen Beteiligten klar. Wundern würde es mich zumindest nicht, wenn in zehn Jahren ein Kim Dotcom, oder sagen wir lieber: Bobby Chang, in gemütlicher Runde mit Vertretern Hollywoods auf einer Bühne von Hulu International sitzen. Man lacht und scherzt zusammen und einer wird fragen: "Was war eigentlich damals los? Im Grunde wollten wir doch alle dasselbe: Das, was wir jetzt haben."

Kommentare

  • Jan

    21.01.13 (16:14:04)

    Toller Artikel

  • Felix Weber

    21.01.13 (18:03:26)

    Ich würde Mega nicht nur als FileSharingPlattform sehen, denn ich glaube es ist wirklich geplant damit Dropbox und Co eine Konkurrenz zu bieten. Denn mit Dropbox kann ich doch auch die aktuellsten Filme verteilen! Sicherlich ist das Modell so ausgelegt, dass das eine das andere quer-finanziert, aber ich würde Mega durchaus gute Chancen geben viel Marktanteil von Dropbox zu holen und ein seriöses Geschäftsmodell auf die Beine zu stellen. Warum sollten die User für einen Dropbox Account (fürs Speichern der privaten Dateien) und einen Rapidshare Account (fürs Filme gucken) bezahlen, wenn beides zusammen geht! Und irgendwie ist die Verschlüsselung und das verteilte System ja auch ein verdammt gutes Argument meine Daten nach Neuseeland zu geben.

  • Georg

    22.01.13 (10:48:10)

    Raubkopien lohnen sich wegen Spotify nicht mehr? Außerhalb von Großstädten ist das Netz für Spotify zu langsam und nicht dicht genug - besonders in Grenznähe. Es benötigt also weiterhin gewöhnliche Musik-Dateien...und wer will schon für Spotify UND für die MP3-Dateien zahlen? Dazu kommt das in manchen Ländern Spotify nicht verfügbar ist und in einigen 10 Euro doch ziemlich viel Geld sind, das sind meist auch Länder in denen Raubkopien nicht so stark verboten werden, kein Wunder wenn unsere Kultur von US-Konzernen monopolisiert und zu US-Preisen verkauft wird. Das heißt nicht das Raubkopien deshalb "gut" oder "in Ordnung" sind, aber außerhalb der Gruppe der vermögenden Techie-Großstädter ist die Motivation für Raubkopien nicht geringer geworden nur weil nun Spotify auf dem Markt aktiv ist.

  • Jürgen Vielmeier

    22.01.13 (11:58:25)

    Gut, dann lass es mich präzisieren: In einer idealen Welt, in der Spotify oder andere Dienste reibungslos funktionieren, bräuchte niemand mehr Raubkopien. Ich bin nicht sonderlich vermögend, aber 10 Euro im Monat? In ärmeren Ländern ist es vermutlich billiger. Spotify ist übrigens kein US-Konzern, ebenso wenig wie Deezer. Und in Deutschland gibt es Simfy aus Köln.

  • grossermanitu

    22.01.13 (15:00:40)

    Ich freue mich auf MEGA. Und irgendwie hat der Dicke meine Symphatien. Die Studio- und Senderbosse nicht. Verkehrte Welt irgendwie?

  • Jens Best

    22.01.13 (18:34:22)

    Kurze OT-Frage an Jürgen: Wie groß ist der Besitzanteil der Major-Labels an Spotify? Ich kann mich nur an einen NYTimes-Artikel erinnern, in dem aber damals keine genauen Zahlen standen. Das Spotify marketing- und kooperationstechnisch geradeso abhebt liegt sicher ach daran, dass hier die alten Seilschaften benutzt werden. Ob das im Sinne einer neuen anderen Online-Wirtschaft ist, wage ich zu bezweifeln.

  • Martin Weigert

    23.01.13 (00:13:40)

    Ich bin zwar nicht Jürgen, aber nach dem was ich so gelesen hab 18 Prozent.

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