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20.10.14

Medium.com: Ein Ausblick auf die Zukunft des Magazins

Medium.com ist eine elegante Plattform, um Langform-Inhalte zu veröffentlichen und zu entdecken. Das Potenzial ist zugleich erheblich größer: Die Seite gibt einen Vorgeschmack darauf, wie Magazine in Zukunft aussehen könnten. Sie gibt anspruchsvollen Geschichten einen passenden Rahmen und eine dringend benötigte Bühne.

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Das von den Twitter-Gründern Evan Williams und Biz Stone gestartete Projekt Medium.com hat mich lange Zeit ratlos zurückgelassen. Eine wichtige Frage blieb stets offen: Was will es eigentlich sein? Ist es ein Social Network für Vielschreiber? Ist es eine besonders schöne Bloggingplattform? Oder ist es am Ende doch etwas ganz anderes?

Bisweilen hatte ich das Gefühl, dass die Macher die Antwort darauf selbst nicht wussten. Aber das muss nichts Schlechtes sein, im Gegenteil: Das ist letztlich, was Twitter groß gemacht hat. Denn der an sich simple Dienst wurde in den ersten Jahren federführend von seinen Nutzern weiterentwickelt. Sie fanden neue Möglichkeiten, ihn zu nutzen und sie erfanden Dinge wie Hashtags oder Retweets. Twitter reagierte jeweils darauf und integrierte diese Features (mal mehr, mal weniger elegant) offiziell in die Seite. Ganz ähnlich wird Medium.com Schritt für Schritt erweitert und manchmal auch der Kurs korrigiert.

Inzwischen sehe ich in Medium.com das spannende Experiment, einen Platz für anspruchsvolle Inhalte im Netz zu schaffen und eine Vorschau auf das Magazin der Zukunft zu geben. Wie ich darauf komme, möchte ich folgend erklären. Das elegante Schreibtool

In der letzten Zeit habe ich gelegentlich Artikel auf Medium.com geschrieben, obwohl ich sie dort gar nicht veröffentlichen wollte. Der Grund: Der Editor der Seite ist an Schlichtheit und Eleganz kaum zu übertreffen. Medium.com hat das nicht erfunden, aber sie setzen es sehr schön um. Will man einen neuen Artikel schreiben, startet man mit der sprichwörtlichen „leeren Seite“:

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Die Features und Optionen erscheinen nur, wenn man sie braucht. Markiert man beispielsweise einen Textabschnitt, gibt ein Contextmenü dem Autor die Möglichkeit, den Text mit Hervorhebungen zu versehen oder zu verlinken. Andere Optionen finden sich in einem Menü an der Seite, das man im Fall der Fälle öffnet. Man kann sich also voll und ganz aufs Schreiben konzentrieren. Zugleich hat man exakt unter Kontrolle, wie der Beitrag später aussehen wird, denn der Editor zeigt den Inhalt 1:1 so an, wie er nach der Veröffentlichung aussieht.

Letztlich sind die Gestaltungsmöglichkeiten begrenzt. Aber aus meiner Sicht sind die wesentlichen Formate vorhanden, um einen Text ansprechend, abwechslungsreich und zur Story passend zu gestalten. Man bewegt sich dabei in dem von Medium.com vorgegebenen Rahmen und kann trotzdem dem Beitrag einen eigenen Charakter verleihen.

Neuestes Feature ist der Import von Inhalten, die man bereits auf anderen Seiten veröffentlicht hat. Vielleicht lassen sich dadurch mehr Autorinnen und Autoren auf ein Experiment mit Medium.com ein. Als Leser würde ich das begrüßen.

Das bequeme Lesetool

Apropos Lesen: Auch das ist auf Medium.com so schlicht wie angenehm. Ich persönlich habe das für mich entdeckt, seitdem ich die sehr simple Medium-App auf dem iPad ausprobiert habe. Denn ich lasse mich selten dazu hinreißen, im Browser meines Laptops lange Texte zu lesen. Er ist für mich eben ganz wortwörtlich ein „Browser“ und kein „Reader“. Ich setze mich nicht auf die Couch und suche in meinen zahlreichen offenen Tabs die drei Artikel heraus, die ich lesen wollte. Im Zweifel erinnere ich mich in dem Moment sowieso nicht mehr, dass sie dort auf mich warten.

In der Medium-App fürs iPad wischt man sich einfach von Artikel zu Artikel. Stößt man auf etwas Spannendes, kann man es hinterher weiter empfehlen oder aber man legt es zunächst in der Leseliste ab. Es gibt kein Inhaltsverzeichnis, man entdeckt einfach beim Blättern. Und das war der Moment, in dem sich Medium.com für mich das erste Mal wie eine moderne Form des Magazins anfühlte.

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Ob nun in der App oder auf der Website: Die Plattform ist auch für die Leser frei von Ablenkungen jeder Art und angenehm gestaltet – mit viel Weißraum und gut lesbaren Schriften. Es ist eine der Seiten, auf denen ich nicht automatisch so etwas wie das Evernote-Addon Clearly benutze.

Medium.com war mit einer Verknüpfung zu Twitter gestartet, inzwischen kann man es ebenfalls mit seinem Facebook-Account verbinden. Dadurch bekommt man automatisch zu sehen, was die eigenen Twitter- und Facebook-Kontakte auf Medium.com weiterempfohlen oder selbst geschrieben haben. Es ist eine Hilfe, um einen Zugang zu den zahlreichen Inhalte zu finden.

Es ist dabei als Leser inzwischen nicht mehr notwendig, via Social Media einen Medium-Account anzulegen: Alternativ kann man seine E-Mail-Adresse hinterlassen, wenn man über neue Inhalte auf dem Laufenden bleiben will. Eine gute Idee der Macher, die Hürde hier so niedrig wie möglich zu legen.

Hinzu kommen die „Collections“: Sie sind Artikelsammlungen zu bestimmten Themen oder auch von Autoren oder Redaktionen. Letztlich kann man mit ihnen eine eigene Seite innerhalb von Medium.com starten. Es gibt Beispiele für Cartoons, Sport, Technik und viele andere Themen.

Ein gerade gestartetes interessantes Beispiel ist Backchannel. Dafür hat Medium.com den erfahrenen Techjournalisten Steven Levy angeheuert. Der will hier nun vor allem auf Qualität setzen. Zuvor war bereits das ambitionierte Online-Magazin Matter zu Medium.com gewechselt: Evan Williams hatte es eingekauft und die Inhalte sind nun kostenlos verfügbar. Das Matter-Team hat inzwischen gewechselt, aber das scheint dem Projekt wenig zu schaden. Während ein Experiment mit bezahlten Collections nur teilweise überzeugen konnte, bekommt Matter bisweilen großes Lob. Letztlich zeigt sich dann auch, warum Evan Williams Matter eingekauft hat: Er will damit zeigen, was alles auf Medium.com möglich ist und dabei zugleich die Grenzen ausloten. Nicht zuletzt werten diese Inhalte die Plattform weiter auf.

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Genug Insellösungen

Gute Magazine sind für mich, wenn sie mir spannende, besondere Inhalte bieten und mich mit ihren Themen auch immer mal wieder überraschen. Aktuell erfüllt Medium.com das für mich. Es gibt andere großartige Seiten, die ich sehr gern lese wie beispielsweise das Aeon Magazine. Aber sie sind Insellösungen. Was meiner Meinung nach fehlt, ist eine starke Plattform, um hochwertige Inhalte zu veröffentlichen, zu entdecken, zu konsumieren, weiterzuempfehlen, zu diskutieren.

In anderen Bereichen gibt es das bereits und niemand würde mehr darauf verzichten wollen. Man stelle sich nur einmal vor, wie die Webvideo-Revolution ohne eine Plattform wie YouTube aussähe: Jeder YouTuber hätte dann stattdessen eine eigene, völlig unabhängige Seite für seine Videos. Man könnte nicht mehreren Leuten zugleich folgen, es gäbe keine Video-Empfehlungen per Algorithmus und generell hätte sich dieses Feld nicht so dynamisch entwickelt. Oder man stelle sich vor, jede Band würde ihre Musik nur in ihrem eigenen Streamingdienst oder in ihrem eigenen Store veröffentlichen. Bevor Apple die Musiklabels überzeugen konnte, das Experiment mit seinem iTunes Music Store zu wagen, hatten sie alle ihre eigenen Süppchen gekocht – erfolglos. Oder man stelle sich vor, für jedes E-Book müsste man eine neue App installieren. Selbst wenn jeder Verlag eine in sich geschlossene App für seine Bücher hätte, wäre das mit dem Komfort des Amazon Kindle nicht zu vergleichen. Erst dessen Kombination aus umfassendem Angebot und gut nutzbarem Lesegerät brachte den Durchbruch.

Nutzer wollen zentrale Anlaufstellen für Inhalte. Wenn ich YouTube öffne, sehe ich sofort Videos, die mich interessieren. Wenn ich Spotify starte, sehe ich sofort Musik, die ich mir anhören möchte. Wenn ich Amazon aufrufe, sehe ich sofort (Buch-)Empfehlungen, die zu mir passen. Für anspruchsvolle Inhalte in Text und Bild gab es das bislang nicht.

Fehlt noch das Geld

Was Medium.com für weiteres Wachstum vor allem noch fehlt: eine Einnahmequelle. Momentan ist die Seite kostenlos und zugleich praktisch werbefrei. Es ist aber nur begrenzt reizvoll für Autorinnen und Autoren oder gar für Verleger, ihre aufwändig erstellten Inhalte zu verschenken. Sie können heute nur darauf setzen, sich damit einen Namen zu machen oder Reichweite zu erzielen. Immerhin finden sie sich damit in guter Gesellschaft wieder, denn Namen wie Elon Musk oder Walter Isaacson finden sich hier – und seit Neuestem auch das Weiße Haus. Medium.com braucht aber mehr Projekte wie Matter und Backchannel. Und die wird es nur geben, wenn sich darüber Geld verdienen lässt.

Dabei stellt sich noch die grundsätzliche Frage, ob Medium.com eigentlich weiterhin Plattform bleiben oder sich zum Publisher weiterentwickeln will. Letztlich wäre außerdem eine Kombination denkbar.

Bei den möglichen Einnahmequellen drängen sich Werbung und bezahlte Inhalte auf. Ein Bezahlsystem müsste allerdings dynamisch und anpassbar sein. Einfach eine Bezahlschranke vor die gesamte Seite zu setzen, wird nicht funktionieren. Aber für manche Collectionen und Autoren werden Leser bereit sein, einen Beitrag zu leisten. Sanftere Bezahlmodelle wie die von Flattr, Patreon oder LaterPay könnten hier erfolgreich sein. Oder Beiträge stünden für einen definierten Zeitraum zunächst nur den zahlenden Lesern zur Verfügung. Viele Möglichkeiten wären hier denkbar.

Werbung müsste natürlich dezent sein und auf das Umfeld reagieren. Die Seite Quartz wäre hier ein Vorbild. Die Nutzerschaft von Medium.com sollte für Sponsoren spannend sein und das Umfeld ist so hochklassig wie sonst nur selten im Internet. Es gibt dazu erste Gehversuche: Der Sportsender ESPN hatte im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft beispielsweise mit Medium.com als Plattform experimentiert. Die erste „Sponsored Collection“ wird nun bezahlt von BMW. Der Autobauer will das für sechs Monate ausprobieren.

Offizielle Aussagen zum geplanten Geschäftsmodell gibt es von Medium.com selbst nicht. Und das ist ein Grund, warum so mancher Autor und so mancher Verlag zögert, diese Plattform zu nutzen.

Lesesessel-Kompatibilität

Medium.com mit einer Chance auf Einnahmen wäre aus meiner Sicht eine spannende Wette auf die Zukunft des Magazins und anspruchsvoller Inhalte im Netz generell. So hat zwar Kollege Jürgen Vielmeier sicherlich recht, wenn er feststellt: Es gibt im Netz bereits heute mehr gute Inhalte als man überhaupt lesen könnte. Er stellt allerdings ebenso fest: „Das Äquivalent [zur Qualitätszeitung] für die Online-Welt gleicht einem Flickenteppich, der sich aus einer fast unüberschaubaren Menge an Quellen zusammensetzt.“ Und eben genau das ist das Problem. Leute wie Jürgen Vielmeier und ich haben etliche Feeds abonniert. Ich investiere eine Stunde und mehr pro Tag, um den Strom an Nachrichten, Informationen und Inhalten zu filtern. Aber das tue ich natürlich nur, weil es zufällig mein Beruf ist.

Jeder andere möchte sich einfach mal in seinen Lesesessel setzen und dann einige spannende Artikel lesen – ohne dafür etliche Feeds abonniert zu haben, Social Networks abzugrasen oder gar News-Aggregatoren durchzuforsten. Ob Medium.com das in Zukunft sein wird, muss sich zeigen. Dass es aber einen Platz für ein solches Angebot gibt, halte ich für unzweifelhaft.

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