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17.06.08Leser-Kommentare

Medienzeiten: Fernsehen ist schwerfällig, dümmlich, flüchtig

Es zählt das geschriebene Wort: Während sich die Botschaften aus Fernsehen und Radio schnell versenden, archiviert Google das Gedächtnis der Menschheit in Textform.

Fernsehmatrix: Hochspannung feuert Elektronen auf den Schirm (Bild ftbester, Creative-Common-Lizenz)Ich hatte mit Peter übers Bloggen und übers Internet gesprochen und dabei das abgegrabbelte Web-2.0-As aus dem Ärmel gezogen, wonach die Printmedien informationell deshalb mit dem Internet nicht mehr mithalten könnten, weil sie mit ihren 'News' immer 24 Stunden zu spät auf den Markt kämen. "Das war beim Fernsehen und beim Radio doch auch schon so", sagte daraufhin mein Peter. Einen Moment lang meinte ich, ein leises Zischen zu hören, als mir argumentativ die Luft aus den heißluftgefüllten Reifen entwich.

Peters Argument ist auf den ersten Blick ja auch bestechend: Das Fernsehen mit seinen zahllosen 'Live-Sendungen' direkt aus dem Erdbebengebiet, oder auch der Propagandaminister Goebbels im Sportpalast, wie er damals via Volksempfänger schnurstracks in jedes toitsche Wohnzimmer gelangte ... die 'Funkmedien' erfüllten mit ihren Direktübertragungen tatsächlich genau das schon lange, was jetzt der 'Mythos Internet' einer Medienrevolution in der Jetztzeit zuschreibt. Andererseits ...

Als Hamburger Student lernte ich die realen Verhältnisse beim TV in der Monopolzeit der Öffentlich-Rechtlichen noch kennen. Zu Live-Events in der schleswig-holsteinischen Pampa brachen wir fünf Mann hoch in einem schilfgrünen Ford Granada auf, der mit dem Hinterteil fast auf dem Asphalt schleifte. So viel wog allein das Equipment. Als Tonassistent stapfte ich dann über die Wiesen irgendwelcher Landwirtschaftsmessen, wo ich bei jedem Schritt bis über die Knöchel einsackte. Weil man natürlich mir die kiloschweren Batteriegürtel um die Hüften gehängt hatte. Nach drei Minuten Interview ging's mit 200 Sachen zurück 'zum Sender'. Dort wurde das Material dann geschnitten, anmoderiert usw., um abends über den Regionalsender zu gehen. Kurzum: Mit fix war da nix ...

Noch schlimmer war's bei anderen Gelegenheiten wie bspw. dem Galopper-Derby in Hamburg-Horn. Drei Tage vorher begann der Einsatz: Tonnenschwere Ü-Wagen rollten an, kilometerweise Kabel wurden gezogen, in jeder Kurve wurde ein Kameratürmchen installiert, ab und zu brüllte der Produktionsleiter lauthals herum, um die allgemeine Arbeitsmoral zu heben. Später dann rannten die Hottehüs einmal durchs Rund - und der hochverehrte TV-Zuschauer war nach satten drei Tagen Vorbereitung tatsächlich fünf Minuten 'live' dabei gewesen.

Ein 'schnelles Medium' ist das Fernsehen also schon zu seinen großen Zeiten nie gewesen. Und selbst heute, wenn hier in der Bremer Stadthalle 'Wetten dass' aufgezeichnet wird, steht eine Woche vorher schon alles voller TV-Equipment. Vielleicht sind ja die Kameras kleiner geworden, die Akkus leistungsfähiger und die Übertragungswege drahtloser - der Apparat aber ist genauso schwerfällig wie eh und je, bei den Öffentlich-Rechtlichen wie bei den Privaten.

Ein zweiter Einwand betrifft die Inhalte. Das Radio, wenn nicht die NS-Propaganda es zur Gleichschaltung einsetzte, was ja damals in deutschen Gauen eine Menge an paralleler Überzeugungs- und Überwachungsarbeit erforderte, dieses Radio war schon immer auch 'Dudelfunk' gewesen, nichts, was man in geistiger Hinsicht sonderlich ernst nehmen konnte (mit Ausnahme der kurzen Episode des 'Hörspiels'). Hier ein Ossietzky-Zitat aus jener Frühzeit:

 

"Der dicke Chesterton hat einmal in bezug auf den Rundfunk den herrlichen Satz geschrieben, daß Herr Soundso, wenn er vom Nordpol her spricht, nicht weniger trivial wirkt, als wenn man ihn aus dem Nebenzimmer hört. Da die höchst entwickelte Technik sich vornehmlich darauf beschränkt, uns gesprochene, gedudelte oder gesungene Idiotismen zu vermitteln, so ist es also nur in der Ordnung, daß der Geist den alten Weg über das Druckpapier nehmen ... muß" (C.v.O.: Sämtl. Schriften VI, 275).

Genau das ist das Problem: Was nützt die modernste Technik, wenn die Inhalte sozusagen 'systemimmanent' dümmlich und uninteressant bleiben müssen? Erschwerend kommt hinzu, dass TV und Radio medial nicht geeignet sind, aufs Publikum überhaupt 'geistig einzuwirken'. Beide Medien bleiben immer 'flüchtig', weil sie nicht an die Dauerhaftigkeit der Schrift gebunden sind. Das gesprochene Wort ist anders als das geschriebene, ein Leichtgewicht, seine Inhalte sind, wie gesendet, schon vergangen. Und schauen wir uns die Interventionen der privaten Verleger im Kampf mit den Öffentlich-Rechtlichen derzeit an, dann soll das wohl auch so bleiben. Denn im Kern geht es hier um die 'Verfügbarkeit' und die Umwandlung von Sendungen in ein schriftlich-redaktionelles Format, das archiviert werden kann.

Für den Bereich der Printmedien, für all jene Medien also, die dank der Fixierung durch Schrift das universelle Gedächtnis der Menschheit prägen, waren 'Funkmedien' also nur selten eine Konkurrenz. Im Grunde waren die 'hochfrequenten Piep-Shows' immer nur Unterhaltung und Rummel fürs Volk, plus einiger 20-Sekunden-Info-Appetithäppchen in der Tagesschau, die aber am nächsten Tag redaktionell 'vertieft' werden mussten. Und je länger das Fernsehen lebt, desto trashiger wird's, desto weniger erscheint es als Konkurrenz. Auch das lässt sich sagen, ohne sich als Kulturkritiker am Pessimismus zu verheben.

Das Neue am Internet, das, was jetzt so 'revolutionär' daherkommt, das ist im Kern eine 'technische Aktualisierung der Schriftfunktion', die Schrift konnte sich von ihrem Trägermedium, dem Papier, ablösen. Was wiederum an die Seele des Printmonopols rührt. Das, was man früher 'schwarz auf weiß gedruckt' besaß, um es zu behalten, um es erneut lesen zu können, auswendig zu lernen oder zu archivieren, das alles leistet heute ein virtuelles Bibliotheksmonster namens Google ebenso gut oder vielleicht sogar besser.

Google als 'Schriftbewahrungsanstalt' steht im Zentrum dessen, was die Verleger fürchten. Im Internet ist ein neues Informationsmonopol entstanden, das bisher noch ganz ohne Kaufvorgang allen gehört. Zur Zeit jedenfalls ... und damit ist der 'Standortvorteil am Kiosk' und 'das gedruckte Geschäft' dahin, die Printmedien verlieren auf breiter Front. Die Geschwindigkeit und das 'Just in Time' aber spielen längst nicht die große Rolle, die ihnen oft zugeschrieben wird ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Medienknete

    17.06.08 (12:19:47)

    Was nützt die modernste Technik, wenn die Inhalte sozusagen ?systemimmanent? dümmlich und uninteressant bleiben müssen? Ui, wie böse! Dieser Satz tut allen Deutschlandfunks, Artes, Phoenixen und Dreisats weh, die sich um anspruchsvolle Funkmedien bemühen. Nein, kein Medium ist systemimmanent "dümmlich", und schon gar nicht "uninteressant". Das Argument, dass Internet gegen Print wegen seines Aktualitätsvorsprungs gewinnen müsste, kann man nicht durch die Behauptung retten, dass Qualitätsmedien schriftlich statt mündlich/bildlich zu sein hätten. Zum einen gibt es auch bei Print genug trash. (Warum freut sich eigentlich kein Fernsehverächter, dass die täglich Millionen Bild-Leser immerhin - lesen?) Zum anderen ist der Aktualitätsvorsprung gar nicht so wild. Was juckt es mich, wenn ich eine Meldung erst etwas später mitbekomme? Zumal ich ja nicht ständig an der "Strippe" hänge um auch ja nichts zu verpassen. Journalisten mögen Nachrichtenjunkies sein, aber der typische Nachrichtenempfänger "updated" sich vermutlich höchstens nur ein- bis zweimal täglich.

  • XiongShui

    17.06.08 (12:39:56)

    Ich halte diese Abgesänge auf die Printmedien zumindest für verfrüht, denke auch, daß Print immer zumindest eine Nischenfunktion behaupten wird. Da ist einmal das haptische, es macht einfach Spaß, ein Buch in der Hand zu halten. Vielleicht auch ein Grund, warum E- Books floppten. Dann ist es so, das der Leser eines überlangen Bildschirmtextes ermüdet. Ein Buch am Bildschirm? Nie. Was sicher untergehen wird, sind die Enzyklopädien in gedruckter Form. Wissen reproduziert sich heute so schnell, daß Print ob des Aufwandes nicht mehr mitkommt (da sieht es ähnlich aus, wie bei den on- air- Medien). Tageszeitung, Magazine? Wenn sie eine Form finden, die ihre Stärken zur Geltung bringt. Zum Beispiel Hintergrund zur aktuellen Internetproduktion, könnten sie überleben. Man muss da aber sehen, daß durch die Verlinkung aktueller Geschehnisse auf z.B. Enzyklopädieartikel schon Probleme für das Printmedium entstehen können. Allerdings kommen wir auch hier auf das haptische: Einerseits, wer will mit dem Flachbildschirm in der Hand frühstücken ;-), andererseits ist das elektrische Medium doch flüchtiger: in einer Zeitung hat man alles zusammen und kann später nocheinmal nachlesen. Ganz großer Nachteil der Printmedien ist auch, daß kein unmittelbarer Dialog mit dem Autor möglich ist, den bietet nur das Internet. Aber auch da wären Lösungen denkbar. Es wäre ja eine Arbeits- und Inhaltsteilige Aufsplittung zwischen dem Internetangebot und der gedruckten Ausgabe einer Zeitung möglich. Was gefragt ist, sind kreative Lösungen und neue Ansätze, dann sehe ich ohne weiters Chancen für ein Überleben der Printmedien. Wenn sie jedoch weiter alte Antworten auf neue Fragen geben, werden sie verzichtbar. Alles in Allem denke ich, läuft es auf die Frage hinaus, ob es den Printmedien gelingt, sich zu modernisieren, anzupassen.

  • arbiter

    17.06.08 (13:55:02)

    Web 2.0 steckt, wenn die Beobachtung nicht täuscht, noch in der Experimentier- und Selbstfindungsphase. Hat es schon seine endgültige Form gefunden? Oder ist es angesichts der rasant fortschreitenden Entwicklung letztlich nur Phasenabschnitt? Die zuvor gebräuchlichen `elektrischen´ Medien der Rundfunk- und Fernsehanstalten profitieren letztlich von IT so enorm, daß die berichteten Zustände über Fernsehberichterstattungsaufwand längst Geschichte sind, moderne Camcorder echte Liveberichterstattung gestatten. Eine Sendung wie "Wetten das ...?" aufzeichnen, ist vergleichbar mit jeder Musical-, Operetten- , Oper-, Konzert-, Theater-Aufzeichnung als Regie geführte Veranstaltung, nicht Nachrichtentransport. Diese Art der `Berichterstattung´ wird nie an der Schnelligkeit verfügbarer Bilder und/oder Inhalte scheitern. Und wenn beim Fußballspiel in Wien Schweinsteiger und Merkel busseln, Jogi und Josef auf die Tribüne müssen, dann ist das Web mit der Nachricht und den Bildern eher träger, als das herkömmliche TV. Einfach nach der TV-Übertragung mal den Versuch starten, wo sich im Web innerhalb welcher Frist nach Abpfiff z.B. eines Fußballspieles das aktuelle Ergebnis finden läßt. Der schnelle Finger, der solche Nachrichten ins Web hackt, kommt auch hier zur Liveübertragung zu spät. Paulo Coelho hat einen Versuch gestartet, einen Roman gleich mehrsprachig ins Web gestellt. Das hat ihm in Rußland enormen Erfolg gebracht ... für die Printausgabe! Die Leute haben den Text via Monitor angelesen und sind dann losgezogen, haben das Buch gekauft, um es zu lesen. Von den Printmedien muß also einerseits eine besondere Faszination ausgehen, andererseits bei Web-Textpräsentation der Nachteil so groß sein, daß sich die User letztlich mehrheitlich doch für Print entscheiden. Die Verlage/Verleger registrieren teilweise Einbrüche in ihren angestammten Geschäftsfeldern, die jedoch wesentlich vielschichtiger sind und sich nicht auf die Formel Print versus Web verkürzen lassen. Gerade hier im Blog wird oft die Qualitätsfrage angesprochen. In einer Region mit einer zu 25% verarmten Bevölkerung spielt der finanzielle Verfügungsrahmen für Nachrichtenmedien überhaupt eine wichtige Rolle. Die Auffächerung in Nischenportale für alle Medien wirkt sich aus. Das Bezahl-TV nimmt Finanzverfügungsmasse, das Web auch. Umschichtung in Werbeetats, konjunkturelle Schwankungen, all diese Dinge wirken sich für alle Medien aus. Gefragt sind kreative, vor allem attraktive Lösungsansätze für alle Medien, von Print über Funk/TV bis Web 2.0 und seine Nachfolger. So ist nun mal Wettbewerb. Momentan scheint Print noch die Nase vorne zu haben. Wie das Rennen ausgeht, darüber gibt es allerhand Kaffeesatzprognose aber nichts zuverlässiges. Wer kennt heute die Plattform, von der morgen, übermorgen Web-Kommunikation betrieben wird? @ XIONG SHUI: Die Kommunikation zwischen Autor und Leser ist in der Tat ein Manko der Printmedien. Andererseits ist der Kommunikationsbedarf auch nur eine Nische, die, wenn Web-Gewohnheiten einziehen sollen, sehr schnell jeden Autor wünschen lassen, er dürfe sich wieder hinter seinem Verleger/Verlag zurückziehen. Art und Menge solcher Kommunikation verhindern dann die eigentliche kreative Textarbeit an Neuem. Die Autoren gehen an verpflichtender Leserkorrespondenz ein. Das ist ein schnöder Preis für Kommunikation um jeden Preis.

  • Klaus Jarchow

    17.06.08 (16:23:50)

    @ medienknete: Ich wollte nicht den Leuten bei 3Sat auf die Füße treten - aber im Fernsehen ist das gleiche nun mal nicht dasselbe. Nehmen wir irgendwen Großkopfeten, bspw. einen Peter Sloterdijk, wie er gerade seine neueste Begriffssau durch Platos Höhle treibt, sagen wir 'Eurotaoismus' oder 'kopernikanische Mobilmachung'. Wenn ich jetzt einen Text von ihm lese, ob online oder offline, dann kann ich darin herumwurkeln, markieren, nochmals lesen und ich habe mir irgendwann auch halbwegs gemerkt, was er möglicherweise mal ausdrücken wollte. Sehe ich ihn dagegen im 'philosophischen Quartett', wo er inhaltlich genau das Gleiche daherröhrt, dann behalte ich so gut wie nichts, alles 'rauscht so durch'. Ich kann nichts archivieren, um es nochmals zu hören, ich brauche zumindest dann ein Aufzeichnungsgerät, einen DVD-Player o.ä.. Das Fernsehen (wie auch Radio) ist für Behalten, Dokumentieren, Archivieren, Zitieren usw. ein unglaublich dummes Medium, auch wenn es durch die bewegten Bilder 'sinnlicher' ist. Schrift aber kann ich unterstreichen, ausschneiden, zitieren, neu gruppieren usw. Das meinte ich mit 'systemimmanenter Dummheit'. Gemeint ist das Medium. Die Kollegen dort waren nicht gemeint. Es ging mir also nicht um das übliche Privatfernseh-Bashing und Niveau-Diskurse. @ xiong shui + arbiter: Die Grenze der Lesbarkeit liegt für mich ungefähr bei dem, was in Magazinen 4-Seiter hieß, irgendwo zwischen 9.000 und 12.000 Zeichen. Längere Texte im Internet sind ein Unding, niemand liest sie. Auch im Gutzkow-Projekt liest niemand den 'Zauberer von Rom' online, obwohl er dort umsonst und legal zu haben wäre. Alle Welt kauft sich, wenn schon, denn schon, diese drei feisten Bände mit ihren 4.000 Seiten für satte 79 Euro. Die 'Monitorermüdung' bei der Lektüre ist der Grund, weshalb das Internet zwar die 'Zeitungen' und 'Magazine' bedroht, also die 'Kurzstrecken', nicht aber den Buchmarkt. Mit der Haptik hat das meines Erachtens wenig zu tun: Es gibt auch Magazine, die sich 'total giddelig' anfassen.

  • arbiter

    17.06.08 (18:34:08)

    Vielleicht sind die Veränderungen doch vielschichtiger und weniger kategorisierbar. Nehme ich allein den Traffic in diesem Blog und die veröffentlichten Marktdaten für die Marktführer, kommt das Web über Nischendasein nicht hinaus. Zugegeben, die Nischen vermehren sich wie die Karnickel. Mehr aber als die Bedienung von Sonderinteressen scheint das m.E. bisher nicht herzugeben. Trotz aller Kritik an Printerzeugnissen, wer verzichtet auf sie wirklich? Welcher ihrer Kritiker? Auch das Web ist durchaus kritikwürdig! Eher sogar "würdiger", als das geduldete Papier. Und dieser Blog lebt zu einem guten Teil vom bedruckten Papier. Die vielbeschworenen nachwachsenden Generationen werden mit Medien insgesamt sicher auf Dauer anders umgehen, als unsereiner Methusalem. Sie finden schließlich die gedeckte Tafel vor, auf die man für unsereinen so nach und nach das Menue in Häppchen serviert hat, entwickeln andere Selektionsmechanismen und Lesegewohnheiten. Das haptische Erlebnis, das bisher Lesegewohnheiten geprägt hat, ist zumindest für mich von Bedeutung und ich ziehe immer noch ein gebundenes Nachschlagewerk dem gegoogelten Yahoo vor. Ähnlich verhält es sich mit der Archivierung von Texten und dem Wühlen im eigenen Archiv. Neben der Textlänge auf Monitoren spielen natürlich Schriftbilder und die rein physiologische Beanspruchung über visuelle Textaufnahme eine erhebliche Rolle, wobei der Abnutzungseffekt der optischen Anatomie nach bisherigem Technikstand die Optiker eindeutig bevorzugt, den Umsatz für Sehhilfen enorm steigert. Hinzu kommt, in einem gebundenen Werk mit Unterstreichungen und Randbemerkungen rumfuhrwerken, ein Werk zwei, drei und mehr Male in die Hand nehmen, das sind Übungen, die zumindest für Methusalem zum Text gehören, wie Nässe zum Wasser. Unbestreitbar aber hat der Buchtext Seite für Seite den Vorteil, nur Text zu sein, frei von Werbumgebung, ohne rundum mit Informationsbrocken umgeben, ohne mit Bedienungsanweisungen unterfüttert zu sein. Letztlich ist auch der Griff ins Bücherregal ein einfacherer Handstreich, als das Aufsuchen von Texten im Web mit dem Öffnen einer Fensterflucht. Ob die Lesbarkeitsgrenze zwischen 9.000 und 12.000 Zeichen liegt? Diejenigen, die hier diskutieren, werden damit sicher kein Problem haben. Aber ist nicht auch das nur eine Nische abseits des Massenpublikums? Ottilie Normalkonsumentin wird an solche `Textmenge´ nur schwer hinzuführen sein. Das Schicksal von Videotext deutet das ja auch an. Ein Menetekel für Zeitungen und Zeitschriften oder überhaupt für das Überleben der Holzmedien ist das alles noch nicht.

  • XiongShui

    18.06.08 (01:05:08)

    @Klaus Jarchow& Arbiter Ich sehe auch nicht so sehr eine Frontstellung zwischen Print und Internet, der TV- Kritik stimme ich im Großen und Ganzen zu, kann dazu aber nicht viel sagen, da ich das Fernsehen mit Einführung des Kabels und etwas später das Radio abgeschafft habe. Daher sehe ich heute nur punktuell mal Fernsehen. Ich denke nicht, daß Print ausstirbt. Es werden einzelne Printerzeugnisse aussterben, weil sie den Anschluss an den Markt verlieren. Es ist wohl so, daß wir in einer Zeit des Umbruchs leben (eigentlich eine banale Aussage, man lebt ständig in einer Zeit des Umbruchs, da Fortschritt auf einer Zeitachse erfolgt) und das sich die Medien und auch die Konsumentengewohnheiten ändern werden. Übrigens hat RP- online einen Ticker zu den Fußballspielen laufen, in dem man allenfalls mit 1 - 2 Sekunden Verzögerung erfährt, was geschieht. Da hat man anscheinend schon erkannt, daß es sich lohnt, neue Wege zu gehen. Wer sich das auf sein Mobil kommen lässt, ist unmittelbar informiert, ohne an einer bestimmten Stelle festgehalten zu sein. Worauf ich hinauswill: Es wird am Ende auf eine Zusammenarbeit zwischen Print und Online, zwischen Journalisten und Bloggern (Bürgerjournalisten) hinauslaufen. Wie das aussehen wird, kann ich mir heute noch nicht vorstellen, allenfalls als vages Ideengebilde von nebelartiger Substanz.

  • arbiter

    18.06.08 (11:57:17)

    @ XIONG SHUI: Hier treffen zwei TV-Abstinenzler aufeinander und sehen auch sonst den aktuellen Status nicht sonderlich unterschiedlich. Derzeit erschließt sich mir einfach nicht der herbeigeredete Verdrängungswettbewerb zwischen Print und Web. Beide Formen sind technisch und inhaltlich bisher zu unterschiedlich, der User nicht im angenommenen Maß zum Wechsel bereit. Die Bereinigung des jeweiligen Marktes, hier stirbt eine Zeitung, dort kommt ein neues Magazin, hier schließt ein Blog, dort kommen zwei neue, das ist alles üblicher und notwendiger Geschäftsgang. Wenn der eine im Geschäftsfeld des anderen nach auch seiner Chance sucht, öffnet sich eine Bandbreite von Cleverness bis Verrat am Auftrag. Der RP-online-Ticker ist mir bisher entgangen. Hut ab für den Versuch der Schnelligkeit. Doch sehe ich diese Form in der gleichen Falle wie die UMTS-Strategen. Zur Not ist der Ticker eine Möglichkeit, wobei die Frage ist, wie groß muß/kann Not sein, bis sich ausgerechnet aus Sportinfo-Übertragung auf diesem Wege Gewinn generieren läßt? Alle UMTS-Marketingstudien für dieses Geschäftsfeld sind bisher negativ. Alle Provider versuchen sich trotdem daran. Erinnert mich stark an Amphicar, der Versuch, ein Automobil als Boot zu benutzen: funktioniert, kostet weniger als ein Jeep und ist ... ein Flop. Ob am Ende eine Zusammenarbeit zwischen Print und Web entsteht, hängt nicht zuletzt von der Umschichtung der Werbetetats und dem Verteilungskampf darum ab. Auffällig ist, Journalisten nutzen im Web gelegentlich eine freiere, kritischere Berichterstattung, vor allem `freie Journalisten´. Das Gross der Zunft aber bedient die Tastatur in ihrer aus Redaktonsstuben erlernten und geübten Manier. Neues ist nicht dabei.

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