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15.01.10

Medienwandel: Warum sich die Filmindustrie keine Sorgen machen muss

Geht es um die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Medienwelt, werden Musik- und Filmwirtschaft oft ähnliche Schicksale nachgesagt. Dabei kann die Filmindustrie eigentlich deutlich zuversichtlicher in die Zukunft blicken.

Die Musikindustrie war der erste Arm der Medienbranche, welcher von der Digitalisierung gründlich auf den Kopf gestellt wurde. Spätestens mit dem Aufkommen von Napster um die Jahrtausendwende herum entwickelte sich das illegale Herunterladen von urheberrechtlich geschützten Songs und Alben zu einem Massenphänomen.

Vergleichsweise geringe Dateigrößen sowie ein Qualitätsunterschied zwischen CD und MP3, der nur von relativ wenigen, audiophilen Musikliebhabern wahrgenommen und geschätzt wurde, sorgten für einen dramatischen Strukturwandel, auf den die Plattenfirmen in keiner Weise vorbereitet waren.

Selbst wenn sich von der Musikwirtschaft unterstützte oder betriebene Download- und Streamingangebote in den letzten Jahren recht gut gemacht haben und mittlerweile zu nennenswerten Umsätzen führen, so können diese das Wegbrechen der Verkäufe physischer Tonträger bei weitem nicht ausgleichen .

Die Musikwelt wandelt sich, und während Künstler mit alternativen Monetarisierungswegen experimentieren und durch das Web sogar auf eine Eigenvermarktung setzen können, suchen Plattenfirmen verzweifelt nach ihrer zukünftigen Existenzberechtigung. Ob sie diese finden werden, ist ungewiss.

Nach der Musikbranche wird es demnächst auch anderen Sektoren der Medienindustrie an den Kragen gehen. Neben Zeitungen und der Buchbranche, die in unterschiedlichen Stadien ihrer notwendigen Neuerfinderung sind, wird gerne auch die Filmindustrie als nächstes Opfer der Digitalisierung identifiziert. Durch schnellere Internetverbindungen werden illegale Filmdownloads immer salongfähiger, was zu einem Einbruch beim Verkauf physischer Kopien (DVD, Blu-Ray Disc) führt - der Anfang vom Ende, so hört man es manchmal. Wirklich?

Ich bin der festen Überzeugung, dass die Filmebranche deutlich besser mit der Digitalisierung und ihren Folgen klarkommen wird als ihre Kollegen der musikmachenden Zunft. Vier wichtige Argumente stelle ich im Folgenden vor:

1. Erlebnis Kinobesuch

Ich gehe mindestens zweimal im Monat ins Kino. Und das, obwohl ich dank eines vernünftigen Fernsehers und eines schnellen Internetanschlusses theoretisch genügend Optionen habe, mir Filme meiner Wahl im heimischen Wohnzimmer anzuschauen. Das mache ich auch gern, aber einen Kinobesuch schlägt kein noch so überdimensioniertes Heimkino.

Zum einen ist das visuelle Erlebnis häufig einfach besser (Stichwort Avatar 3D), zum anderen ist auch die soziale Komponente nicht zu unterschätzen. Etwas zu unternehmen, gemeinsam mit vielen anderen Menschen einen spannenden Streifen zu verfolgen, und danach vielleicht noch etwas Trinken zu gehen, unterscheidet sich grundlegend von einem Filmeabend zu Hause. Der ist auch nett - aber anders.

2009 war ein Rekordjahr sowohl für deutsche als auch für US-amerikanische Kinos, mit deutlichen Besucher- sowie Umsatzzuwächsen. In 50 Jahren werden wir Filme vielleicht über einen Chip direkt ins Hirn projizieren können - bis dahin jedoch sehe ich für Filmhäuser wenig Grund zur Sorge.

2. Begrenztes Angebot

Ich kenne Dutzende Personen, die mehr oder weniger gute Musik machen und damit am liebsten ihren Lebensunterhalt bestreiten würden. Filmemacher in meinem erweiterten Umfeld kann ich dagegen an einer Hand abzählen. Die Auswahl an Musik ist enorm, die Austauschbarkeit vieler Stücke ebenso. Filme dagegen, vor allem gute Werke, sind ein knappes Gut.

Für knappe Güter, die noch dazu einen quantitativ und qualitativ höheren Unterhaltungswert mich sich bringen (längere Dauer eines Filmes, Ansprache zweier Sinne statt einem), ist die Zahlungsbereitschaft grundsätzlich höher. Dies gilt für Kinobesuche, aber auch für kostenpflichtige Streams und Filmdownloads, die in Zukunft noch üblicher werden.

3. Nutzen-Aufwand-Verhältnis illegaler Downloads

Das illegale Herunterladen eines Blockbusters ist zu umständlich, als dass es auf kurze Sicht zu einer echten Gefahr für die Filmbranche werden könnte. Nicht nur die Geschwindigkeit und eventuelle Trafficbegrenzungen des Breitbandanschlusses können sich hier als hinderlich erweisen, sondern auch variierende Bildqualität, unterschiedlichste Dateiformate, die Notwendigkeit der Installation von Video- und Audio-Codecs sowie die in vielen Haushalten fehlende Verbindung vom Rechner zum Fernseher.

Was für versierte Downloader und Power-User kein Problem darstellt, überfordert die meisten Durchschnittsnutzer. Oder es nimmt so viel ihrer Zeit in Anspruch, dass ein negatives Nutzen-Aufwand-Verhältnis entsteht.

4. Großes Entwicklungspotenzial von Filmen

Die Digitalisierung eröffnet der Branche aus produktionstechnischen Gesichtspunkten unzählige neue Möglichkeiten für innovative und kreative Filme. Der sich abzeichnende 3D-Boom ist ein Beleg dafür. Während ich mir nur sehr schwer vorstellen kann, wie sich Musik in den nächsten Jahrzehnten weiterentwickeln will, liegen den Filmstudios die nach immer neuen visuellen Leckerbissen lechzenden Zuschauer regelrecht zu Füßen. Eine bessere Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg gibt es kaum.

Fazit

Sicherlich wird das Wegbrechen der DVD-Verkäufe sich anfangs schwer durch webbasierte Video-on-Demand- und Downloadservices ausgleichen lassen. Und auf Videotheken, die sich im weiteren Sinne auch zur Filmindustrie rechnen lassen, kommen harte Zeiten zu. Im Großen und Ganzen jedoch bietet die digitale Revolution für die Filmindustrie mehr Chancen als Risiken - und auch für die Zukunft eine solide wirtschaftliche Grundlage.

(Foto: stock.xchng)

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