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12.02.13

Medienwandel: Warum Online-Journalist inzwischen ein Traumberuf ist

Online-Journalisten waren lange Zeit die Schmuddelkinder ihres Berufsstandes. Es wird Zeit, dass sich diese Wahrnehmung ändert. Denn nirgends kann man seine journalistische Leidenschaft so sehr ausleben wie im Internet.

Seit 1994 verdiene ich meinen Lebensunterhalt als Journalist. Seitdem ich 1997 auf das Internet gestoßen bin, hat es mich nicht mehr losgelassen. Damals hatte ich mir gerade nach jahrelanger Arbeit als Praktikant und Pauschalist bei einer Lokalzeitung das Volontariat verdient. Aber mir war klar, dass im Lokaljournalismus nicht meine Zukunft liegen würde. Es war bereits zu sehen, wie die Redaktionen immer weiter eingedampft wurden. Das Internet aber war noch vollkommen unerschlossenes Land.

15 Jahre später schreibe ich nun diesen Beitrag. Und es ist erstaunlich, dass ein Plädoyer für den Beruf des Online-Journalisten überhaupt notwendig scheint. Denn für mich ist es die großartigste Form, diesen Beruf auszuüben.Journalisten bevorzugen die klassischen Medien

Auch unter jungen Nachwuchsjournalisten hat das Internet einen schlechten Ruf. Die richtigen Jobs, die erstrebenswerten Positionen gibt es nach dieser Sichtweise vielfach nur in den klassischen Medien. Zeitungen, Magazine, Radio und Fernsehen sind begehrenswert, weil die Stellen knapp und die Reichweiten oft hoch sind. Im Internet aber kann schließlich jeder schreiben.

Das stimmt sogar. Schreiben und Veröffentlichen kann hier jeder. Die große Herausforderung ist eine ganz andere: gelesen zu werden. Um das zu schaffen, muss man sich beweisen und das im Zweifel ohne eine starke Medienmarke im Rücken, einfach durch seine Arbeit. Hier zeigt sich meiner Meinung nach, wer für sein Thema und seinen Beruf brennt.

Die Freiheit des Netzes

Das Schöne am Journalismus im Netz ist die große Freiheit und Vielfalt, die er bieten kann. Ich bin nicht auf eine Form wie Text oder Ton oder Bild beschränkt. Wer will und kann, probiert und kombiniert. Es gibt keinerlei Beschränkungen dafür, wie lang oder kurz ein Inhalt ist. Gibt es beispielsweise viele gute Bilder, kann man sie alle zeigen. Es existiert in der Regel kein Redaktionsschluss und Inhalte können fließend erweitert und aktualisiert werden, sofern notwendig.

Zugleich hat man die prinzipielle Freiheit, von einem nahezu beliebigen Ort aus zu arbeiten – sind Strom und Internet da, geht es los.

Zu oft gilt noch "Quantität vor Qualität"

Oder ist diese Sichtweise etwa zu optimistisch? Die journalistische Qualität so mancher Onlinemedien ist erschreckend. Da macht es bedauerlicherweise auch keinen Unterschied, wenn die Website einen großen Namen aus der klassischen Medienwelt trägt. Zu viele setzen auf Masse, auf schnelle Meldungen, auf möglichst sensationelle Überschriften, auf Tricksereien mit SEO und bei Google News. Zeitungen und Magazine, die in ihren Printausgaben als Eckpfeiler demokratischer Willensbildung gesehen werden könnten, verkommen online zu hingepfuschten Boulevardnews-Schleudern. Sie brauchen die Klicks. Andere Strategien werden nicht ernsthaft ausprobiert.

Aber das muss nicht so sein und das wird nicht immer so bleiben. Denn die intelligenten Leser mit hohen Ansprüchen an ihre Informationsquellen sind bereits online zu finden. Und die wollen ebenfalls bedient werden. Heute gehen die Perlen der Berichterstattung in den großen Newsportalen fast unter. Es gibt sie, aber man muss sie suchen. Viel besser wäre es, ich würde nur noch diese Perlen bekommen. Das ist unter anderem der Ansatz von The Magazine, das ich vor einigen Wochen hier vorgestellt hatte. Und das ist doch eigentlich auch das, was eine gute Tageszeitung oder ein gutes Magazin generell auszeichnet.

Selbstverwirklichung für alle

Aber ein Journalist muss sich heute nicht mehr davon beschränken lassen, ob es ein Medium gibt, für das er so arbeiten kann, wie er es gern möchte. Das Gute am Internet ist: Jeder kann die Chance ergreifen, etwas selbst auf die Beine zu stellen, sich auszuprobieren und sich zu beweisen. Man braucht wenig Startkapital. Stattdessen braucht es eine gute Idee, Können und Willensstärke. Das kann ein Projekt mit mehreren Mitstreitern sein, oder aber man schafft sich seinen eigenen Platz im Netz, auf dem man alles das schreibt, was man andernorts (noch) nicht unterbringt. Dort kann man sich selbst verwirklichen und dort kann man zeigen, was wirklich in einem steckt. Und auf diesem Weg lässt sich kombiniert mit Social Media und anderen Aktivitäten eine enorme Reichweite erzielen.

Natürlich stellt sich am Ende die Frage, wie gut man davon leben kann. Online ist die Konkurrenz groß, die Einnahmen aus Werbung sind gering. Andere Einnahmemodelle wie Paid Content oder Bezahlschranken etablieren sich nur schleichend langsam, wenn überhaupt. Entsprechend sehen oftmals die Honorare aus. Es hat den "Traumberuf Journalist" allerdings schon lange ausgezeichnet, dass ihn viele ergreifen wollen und längst nicht alle davon leben können. Im Web hat man heute zumindest die Möglichkeit, sich über seine eigenen Projekte zu profilieren und eine Öffentlichkeit zu erreichen, die einem früher verschlossen war. Dass die Arbeit vielfach schlecht bezahlt wird oder am liebsten sogar kostenlos erledigt werden soll, ist dennoch kein Geheimnis. Allerdings kenne ich das wiederum bereits aus meiner Anfangszeit, wenn Themenbereiche wie der Lokalsport beispielsweise ausschließlich von Hobbyautoren behandelt wurden und der Redakteur nur noch zum Redigieren benötigt wurde.

Mein persönliches Fazit sieht jedenfalls wie folgt aus: Wer nach maximalem Ansehen strebt, ist online wahrscheinlich noch immer an der falschen Stelle, denn besser angesehen bleibt hierzulande der Journalist in einem klassischen Medium. Das wird wohl auch noch eine Weile so bleiben, aber ich bin überzeugt, dass sich das die nächsten Jahre wandeln wird. Wer hingegen nach maximaler Selbstverwirklichung strebt und seinen Beruf ausleben möchte, kann sich jetzt schon jeden Tag dankbar dafür zeigen, dass es so etwas wie das Internet gibt.

(Foto: Flickr/Anonymous Account, CC BY 2.0

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