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19.10.12

Medienwandel: ProSiebenSat.1-Tochter entwickelt Hörfunk der Zukunft - in Schweden

Der Medienwandel wird auch den Hörfunk nicht verschonen. Ein zu ProSiebenSat.1 gehörender schwedische Hörfunkanbieter zeigt nun, wie ein etablierter Akteur aus der analogen Welt den digitalen Wandel mitgestalten kann, anstatt ihm hinterherzulaufen.

Regelmäßigen Lesern von netzwertig.com wird auffallen, dass hier vergleichsweise häufig von Internetdiensten aus Schweden zu lesen ist. Sicherlich spielt die Tatsache, dass ich selbst in Stockholm wohne, dabei eine gewisse Rolle. Entscheidender ist jedoch, dass die schwedische Bevölkerung und Wirtschaft seit jeher offener auf den Medienwandel zugeht, als sich dies in Deutschland beobachten lässt. Die Gründe dafür sind vielfältig, anführen möchte ich an dieser Stelle nur zwei: ein deutlich geringeres Kontrollbedürfnis aller gesellschaftlichen Akteure, als es hierzulande vorherrscht, sowie ein kleinerer Markt, der sich in den Augen großer Medienfirmen eher zu Experimenten mit offenem Ausgang und Kannibalisierungseffekten eignet als Europas größte Volkswirtschaft, in der die verbitterte Verteidigung alter Modelle häufig höheren Stellenwert hat als die Entwicklung neuer Ansätze.

So ganz verwundert es daher nicht, wie der schwedische Radiokonzern SBS Radio auf die bevorstehende, durch die Verbreitung von mobilem Internet angetriebene, breitflächige Abwanderung der Radiohörer zu digitalen Alternativen wie Spotify reagiert: Mit einem personalisierten Onlineradioangebot im Stile des populären, aber in Europa nicht zugänglichen Streamingdienstes Pandora sowie dessen hiesigem Pendant Aupeo . Radio Play nennt das Hörfunkunternehmen aus Stockholm seinen neuen, kostenfreien Service, der über eine Website sowie mobile Apps für iOS und Android angeboten wird.

Ziel von Radio Play ist es, Hörern die Möglichkeit zu geben, das Radioerlebnis an ihre eigenen Wünsche anzupassen. Radio Play vereint verschiedene herkömmliche und neue Hörfunkelemente unter einem Dach: Die Livestreams der zu SBS Radio gehörenden UKW-Kanäle, speziell für Radio Play kreierte Spartenstationen, "Podcasts" - populäre Programme der verschiedenen Sender zum nachträglichen Anhören, sowie einen personalisierten Stream von zu einem Interpreten passender Musik. Analog zu Pandora und Aupeo können Nutzer den Namen eines Künstlers eingeben, Radio Play serviert ihnen daraufhin Songs von diesem Musiker und ähnlichen Bands. Bis zu sechsmal pro Stunde darf ein Titel übersprungen werden - eine Einschränkung, um nicht als On-Demand-Dienst gewertet zu werden, was höhere Lizenzabgaben nach sich ziehen würde.

Jeder angehörte Titel kann per Knopfdruck für gut oder schlecht befunden werden. Nach und nach lernt Radio Play die Präferenzen der Anwender und schneidert ihnen daraus einen personalisierten Radiostream auf Basis der Lieblingssongs.

Wie die klassischen UKW-Kanäle wird Radio Play durch Werbung finanziert, sowohl Displayanzeigen als auch den Streams vorgeschaltete Spots kommen zum Einsatz, ebenso wie von Marken gesponsorte Spartenkanäle. Derzeit steht etwa ein Kanal mit bekannten Musikstücken aus James-Bond-Filmen zur Wahl, der auf den jüngsten Streifen der Kultreihe aufmerksam machen soll.

Radio Play macht sowohl in puncto Funktionalität als auch hinsichtlich der Benutzerfreundlichkeit einen gelungenen Eindruck. Bei den gebotenen Features handelt es sich nicht um Revolutionen, da wie wie beschrieben reine Webanbieter schon länger personalisierte Radios bereitstellen - und auch On-Demand-Angebote wie Spotify bieten entsprechende Optionen kostenfrei an.

Die Besonderheit von Radio Play liegt darin, dass ein altehrwürdiges Medienunternehmen sich nicht allein darauf beschränkt, seine herkömmlichen Inhalte online verfügbar zu machen und nur so viel Innovationsbereitschaft wie unbedingt notwendig an den Tag zu legen, sondern ein an die veränderten Konsummuster der Menschen angepasstes Angebot entwickelt, das sich an der digitalen Konkurrenz orientiert und nicht an den anderen eingerosteten Mitstreitern aus der analogen Welt. Ein ähnlicher Vorstoß einer deutschen Hörfunkkette ist uns nicht bekannt. Vermutlich hofft man bei hiesigen Radiomarken, dass ausgerechnet ihre Mediengattung von den Umwälzungen um sie herum verschont bleibt.Fahrer der A-Klasse wissen es besser: Denn sie können im Auto künftig Aupeo anstelle der 20 "besten Hits der 70er und 80er und 90er" hören. So fängt es an.

Radio Play-Macherin SBS Radio gehört übrigens zu 80 Prozent zur ProSiebenSat.1-Gruppe. In Deutschland betreibt der Medienkonzern aus Unterföhring dagegen keine Radiosender.

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