<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

02.04.09Leser-Kommentare

Medienwandel: Den Auslöser und die Implikationen verstehen

Der durch das Netz ausgelöste Medienwandel ist geprägt von komplett neuartigen Dynamiken und geht tiefer, als es sich die meisten Beobachter eingestehen wollen.

Nicht nur gestern wieder auf der re:publica während eines eher enttäuschenden Panels zum Thema Medienwelt im Wandel, das vor allem mit Ratlosigkeit glänzte, sondern auch in Gesprächen oder in den Kommentaren zu unseren Artikeln hier auf netzwertig.com fällt mir immer wieder folgendes auf. Dem Gemeinplatz "Das Internet verändert alles!" können zwar in der Regel alle oder zumindest viele zustimmen, aber sobald man anfängt, über die bereits stattfindenden und/oder sich abzeichnenden Veränderungen im Detail zu sprechen, gehen viele in eine Abwehrhaltung über.

"Kann sich ja alles von mir aus verändern, aber bitteschön nicht mein Geschäftsmodell."

"Kann sich ja alles von mir aus verändern, aber bitteschön nicht mein Weltbild."

Tatsächlich gibt es, glaube ich, ein grundlegendes Verständnisproblem, wie tiefgreifend der Wandel durch das Netz eigentlich ist.

Vor allem viele Medienmacher gehen irrtümlich davon aus, dass der Vertriebsweg der eigenen Medien - sei es nun Nachrichten oder Musik oder etwas anderes - sich lediglich digitalisiert und ins Netz verlagert.

Das ist falsch.

Das ist nicht der Wandel. Das ist der Auslöser des Wandels.

Der Wandel, grundlegend und disruptiv, beginnt mit dem Wechsel ins Netz und stellt alles auf den Kopf.

 

Immer das Gleiche

Man muss die bisherige Geschichte von Medien verstehen, um die Tiefe des Wandels zu erkennen.

Print wurde zu einem Kanal für Hierarchien (=Verlage), um Rundumpakete zu verkaufen (Tageszeitungen). Als der Hörfunk hinzukam, wurde dieser zu einem weiteren Kanal für Hierarchien (=Sender), Rundumpakete anzubieten (=24h-Beschallung mit Musik und Nachrichten). Als TV hinzukam, wurde dieses ebenfalls zu einem Kanal für Hierarchien (=TV-Sender) ebenfalls Rundumpakete anzubieten (=24 Stunden Filme, Serien, Nachrichten etc.).

Für all diese Medienformen brauchte es große Hierarchien, um die Aufgabe der Produktion und Distribution zu stämmen.

Für alle diese Medienformen galt: Die Einstiegsbarrieren sind hoch. Und bei zwei von drei galt: es gibt nur begrenzte Plätze. Die Frequenzen für TV und Funk waren endlich.

Auf einer grundlegenden, abstrakten Ebene unterscheiden sich Print, TV und Hörfunk nicht stark von einander. Bei allen drei benötigte es eine ähnliche Herangehensweise - im Gegensatz zum Netz. Nur die Art des Produkts - geschriebenes Wort, Audio oder Video - war verschieden.

Das Gleiche gilt für den Musikbereich. Nimm eine große Hierarchie (=Majorlabel), um möglichst effizient und profitabel eine komplexe Aufgabe zu erledigen. Die Aufgabe dort war die Herstellung und Verbreitung von Musikaufnahmen. Kanal und Produkt, bereitgestellt von einer Hierarchie.

Immer alles aus einer Hand.

Und dann kam einfach so das Internet daher.

 

Here comes everybody

Egal ob Labelmanager oder Verleger, sie schauen auf das Internet und sagen: Wenn wir von der CD oder dem Print weg und hin zum Digitalen und online-only gehen, dann erst, wenn wir damit auch genügend Umsätze machen, um unsere jetzigen Unternehmen finanzieren zu können.

Das Produkt, zwar digitalisiert, bleibt in Form und Inhalt gleich. Denn es hat ja gestern so gut funktioniert. Das muss sich alles nur irgendwie refinanzieren lassen, wie weiland der analoge Kanal.

Das Problem nur?

Das muss es nicht.

Das Internet ist nicht einfach ein weiterer Kanal, der sich zeitlich einreiht nach Print, Hörfunk und TV und wie diese parallel neben den anderen Formen exisitiert.

Es saugt erstmal all diese als zugrundeliegenden Distributionskanal auf. Und spuckt die Medienwelt vollkommen verändert wieder aus.

Warum? Auch das alles kein Geheimnis:

Die Kostenstruktur des Netzes ist eine komplett andere, als die für analoge Produktion und analogen Vertrieb.Es ist oft nicht nur günstiger für Unternehmen: Privatpersonen können jetzt ohne Kosten oder zumindest in der Regel mit vernachlässigbar geringen Kosten produzieren, publizieren und distribuieren. Egal ob Nachrichten und Analysen (Blogs), Radio (Podcasts) oder Video (YouTube und co.) oder gar Musik (Über p2p vertriebene Musik, welche mit den entsprechenden Creative-Commons-Lizenzen ausgestattet ist; Vom zum Scheitern verurteilten Versuch, für digitale Musikaufnahmen entgegen ökonomischen Gesetzen Geld zu verlangen, ganz zu schweigen).

Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte kann man all das vorbei an etablierten Institutionen machen. Das ist nicht nur toll, es verändert nebenbei auch grundlegend die Dynamiken in den betroffenen Bereichen.

Das Internet hat im Gegensatz zu allen vorhergehenden Infrastrukturen für die Mediendistribution einen eingebauten, effizienten, ja sogar systemimmanenten - weil nahezu immer eingesetzten - Rückkanal. Diese Interaktionsmöglichkeit schafft erst Angebotsformen, die es so vorher nicht geben konnte (Stichwort: Personalisierung etwa), sie zwingt auch die alten zu Veränderung und Anpassung weil sich die Erwartungshaltung ändert. Das Senden ohne Zuhören, wie es seit Jahrzehnten überall üblich war, wird zunehmend untragbar.

Das Internet kennt keine Beschränkung. Niemand muss eine Frequenz beantragen. Niemand muss gegen künstliche Barrieren ankämpfen. Wenn jeder das machen kann, was er am besten beherrscht, weil für alle Platz und Zugang ist, benötigt die Gesellschaft keine Rundumpakete mehr. Deshalb kann ein Blog wie netzwertig.com mit etablierten Medien des Technologiesektors und den Internet-Ressorts der Mainstreammedien konkurrieren. Deshalb haben Journalisten die Deutungshoheit verloren. Deshalb ist so etwas wie Wikipedia möglich.

 

Und hier gehen die Hierarchien

Wenn Shirky vom Undenkbaren für den Printjournalismus spricht, dann bedeutet dieses Undenkbare auch, dass nicht nur die alten großen Redaktionen mit ihrem Rundumprodukt-Ansatz im Netz (nicht zuletzt oft gelöst durch online besonders redundantes Copy&Paste von Agenturmeldungen) nicht mehr tragfähig sein könnten, sondern auch und vor allem, dass das nicht gesellschaftlich wichtig ist, weil diese Rundumpakete von der Gesellschaft nicht mehr benötigt werden. Keine Nachfrage, kein Angebot. Es geht auch effizienter.

Wenn in den USA etwas passiert, was ich online auf den jeweiligen Newsdiensten zeitnah erfahre, kann ich die Artikel dazu direkt auf den Websites der New York Times, der Washington Post oder auch der Huffington Post nachlesen. Ich kann die Meinungen von Allerweltsamerikanern auf FriendFeed oder über die Twittersuche in Erfahrung bringen.

Wenn ich dann in der Tagesschau die vereinfachte Sicht der Dinge vom Auslandskorrespondent aus Washington näher gebracht bekommen soll, ist das vor allem ein bisschen absurd.

Nun muss man natürlich unterscheiden zwischen verschiedenen Graden des Einstieges in eine Materie. Ich bin kein Beispiel für den Otto-Normalnachrichtenkonsument. Und ich, wie jeder andere auch, steige nur bei Dingen, die für mich von persönlichen oder professionellen Interesse sind, tiefer ein, als Menschen mit anderen Interessen. Aber die Frage bleibt: Was kann der in Washington sitzende Kollege in Erfahrung bringen, was die Tagesschau-Redaktion in Deutschland nicht über das Netz recherchieren könnte? Mit Verlaub, ein Korrespondent in Washington kann es nicht mit der investigativen Macht der örtlichen Presse und Bloggerschaft aufnehmen. Er ist hauptsächlich dort, weil das Prinzip zu einer Zeit eingeführt wurde, als Informationen noch nicht online global abgerufen werden konnten - und weil es einfach wichtig aussieht.

Das ist nur ein Beispiel, und es funktioniert für Washington aber nicht für Bagdad. Aber dennoch: Es zeigt deutlich die Tendenz. Was früher aufgrund der Beschränkungen der Welt notwendig war, ist heute auf einmal nicht mehr so. Die Folge sind effizientere Wege als alles aus einer Hand kommen zu lassen.

Die Tendenz ist weg von der Hierarchie, hin zum Netzwerk.

Weitere Beispiele:

Memetracker wie Rivva und GoogleNews sind bessere Startseiten als es SPON, faz.net und co. je sein könnten. Zumindest solang letztere am redaktionellen Prinzip und dem selbst angebotenen Rundumpaket mit der vorgetragenen Illusion festhalten, man sei die einzige Nachrichtensite.

Musikblogs und Aggregatoren wie Hypemachine und Vertriebswege über p2p sind um Dimensionen effizientere Wege für die Musikverbreitung als Majorlabels in Verbund mit Radiostationen und MTV es je waren.

Und so weiter, und so fort.

Bei all dem die gleiche Konsequenz: Die alten Hierarchien sind nicht nur nicht mehr profitabel im Netz, sie werden von der Gesellschaft auch nicht mehr in dieser Form benötigt. Die Angebote kommen über andere, effizientere Wege, die erst durch das Netz entstanden sind. Diese sind effizienter, weil sie die Eigenschaften des Netzes nutzen.

 

Die kleinste Einheit

Noch mehr Veränderung gefällig? Bitte sehr:

Die Loslösung von den Rundumpaketen führt dazu, das die kleinste verbreitete Einheit sich verändert.

Print: War die Printzeitung, in der alles aktuell Wichtige stand - bzw. so viel vom Vortag, wie der Umfang es zulies - einst die kleinste Einheit, die vertrieben wurde, sehen wir heute Fachblogs, die Nischen besetzen. Kein Blog bildet in seinem Bereich alles ab. In der Regel sind Fachblogs noch stärker fokussiert als entsprechende Magazine (sie können aber gleichzeitig aufgrund der fehlenden Platzbegrenzung gleichzeitig noch weiter in die Tiefe gehen). Erst eine Mischung aus vielen kleinen Onlinepublikationen bzw. Blogs führt zu einem Gesamtbild, wie man es von den alten Publikationsformen kannte.

Aber hier kommt der Kicker: Nicht die Blogs sind die kleinste Einheit für das geschriebene Wort im Netz, sondern der einzelne Artikel. Immer mehr zeichnet sich ab, dass der einzelne Artikel, losgelöst vom digitalen Ursprungsort, künftig die kleinste distribuierte Einheit sein wird. Bereits jetzt kann man sehen, dass Links auf Twitter, Facebook, Digg und co. und auch nicht zuletzt auf Google News für die Verbreitung von Artikeln wichtiger oder zumindest ebenbürtig der Site selbst und ihrem Feed werden.

Nimmt man den Feedreader und Shared Items vom Google Reader hinzu, löst sich der Artikel vollständig vom Veröffentlichungsort: Irgendjemand teilt den Artikel mit seinen Bekannten im Google Reader und jeder, der diesen Shared-Items-Feed abonniert hat, bekommt den Artikel im Feedreader komplett losgelöst von der ursprünglichen Publikation zu lesen.

Musik: Ähnliches gilt für den Musikbereich. Das Album, seinerzeit eingeführt wegen der Beschränkungen von Vinyl, ist tot. Die kleinste Einheit ist der Song. Kein Musikblog postet ein ganzes Album, sondern nur einzelne Songs. Wann immer Konsumenten die Möglichkeit erhalten, einzelne Songs zu erwerben, bevorzugen sie diese Möglichkeit vermehrt gegenüber dem gesamten Album. Hinzu kommen digitale Möglichkeiten des Filterns und Sortierens. Wer seine MP3-Sammlung nach seinem Geschmack bewertet hat, wird immer seltener ganze Alben anhören, geschweige denn sich an die vorgegebene Abspielfolge halten. Ob Musiker am Album-Format festhalten oder nicht, in ein paar Jahren werden diese für ihren Bekanntheitsgrad keine Rolle mehr spielen.

 

Fazit

"Kann sich ja alles von mir aus verändern, aber bitteschön nicht mein Geschäftsmodell."

"Kann sich ja alles von mir aus verändern, aber bitteschön nicht mein Weltbild."

So funktioniert das natürlich nicht. Das Internet ist nicht dafür bekannt, um Erlaubnis zu fragen.

Auch wenn vieles im Artikel abstrakt und theoretisch klingen mag: Erst wenn wir anfangen, die im Artikel beschriebenen und die angedeuteten Implikationen zu akzeptieren und zu betrachten, können wir über künftig funktionierende Lösungsansätze nachdenken und diskutieren. Bis dahin treten wir auf der Stelle.

Das Internet ist nicht die digitale Fortsetzung der analogen Medienwelt. Es ist eine neue Welt mit neuen Spielregeln.

Leider ist der öffentliche Diskurs im deutsprachigen Raum von dieser Erkenntnis noch sehr viele lange und zähe Jahre entfernt. Und das ist nicht zuletzt so, weil die, welche den Diskurs führen müssten, am stärksten vom Wandel betroffen sind.

Kommentare

  • Michael

    02.04.09 (12:55:18)

    Der Wandel vom Albumkaufen zum Songkaufen ist, neben den von dir besprochenen Punkten, vermutlich auch darauf zurückzuführen, dass Alben immer weniger als Gesamtkunstwerke eingespielt und wahrgenommen werden. Man vergleiche nur die Konzeptalben der 60er/70er mit den Alben die derzeit in den Charts sind ...

  • hathead

    02.04.09 (13:47:08)

    @Michael da hast Du recht. Eine Pink Floyd CD kann man jedenfalls ohne Einschränkung von Anfang bis Ende durchhören. @Marcel Da spricht mal wieder Shirky in Dir. Deine Implikationen könnten allerdings tiefgreifender sein. Allerdings würde das dann wieder den Umfang der kleinsten Einheit sprengen. Denn über das Thema lassen sich Bücher schreiben. Das Problem liegt nicht nur in der Hierarchie, sondern auch zu großen Teilen an der Organisation der Hierarchie.

  • Daniel

    02.04.09 (14:17:31)

    Es ist sehr interessant zu sehen, wie viele Menschen nach dem Buiaga-Prinzip argumentieren: Bei uns ist alles ganz anders! Ich glaube sehr viel mehr Entscheidungsträger spüren inzwischen, dass mit dem Internet ein grundlegender Wandel stattfindet, als es letztendlich offen zugegeben wird. Interessanterweise agieren aber nur die wenigsten mit der entsprechenden Konsequenz und die viele tragen die Hoffnung, dass genau ihr eigenes Modell nicht betroffen ist bzw. mit ein wenig Anpassung in das digitale Zeitalter übernommen werden kann. Allerdings müssen wir uns auch bewusst sein, dass sich ein Wandel leicht auf dem Papier (respektive im Blog) darstellen lässt, in der Realität aber doch etwas schwieriger gestaltet. Kein seriöses Unternehmen wird einfach mal hergehen und sein Geschäftsmodell komplett umwerfen und damit seine Cash-Cow schlachten. Was ich allerdings nicht verstehen kann ist die Tatsache, dass man parallel nicht wirklich offen für neues ist und eher den Wandel versucht mit Restriktionen zu bremsen. Jeff Jarvis schildet in seinem Buch "What Would Google Do?" ein interessantes Beispiel aus dem Fernsehzeitschriften-Markt, wo man wider besseren Wissens auch so lange gewartet hat, bis eine Umstellung des Modells durchgeführt werden musste, um das Unternehmen am Leben zu erhalten. Ich glaube hier liegt das eigentliche Problem. Hätte man sich beispielsweise in der Musikindustrie vor 5 Jahren offener gezeigt gegenüber dem bevorstehenden Wandel, bräuchte man heute nicht wehklagend den einbrechenden Umsätzen im Tonträger-Handel hinterzusehen.

  • Andi

    02.04.09 (15:50:39)

    Es ist recht einfach, festzustellen, dass die alten Modelle in Zukunft nicht mehr funktionieren werden. Wobei ich denke, es wird nicht so extrem werden, wie es in dem Artikel überspitzt dargestellt ist. Es wird immer auch die Hierarchien geben - aber sie werden wohl nicht mehr die diesen Einfluss haben. Das Problem ist doch, welche Konsequenzen aus dem Medienwandel herauszuziehen sind: Wie werden die neuen Geschäftsmodelle aussehen? Ich denke, nicht der Wandel wird in Frage gestellt, sondern wie damit umzugehen ist. Hier herrscht die große Unsicherheit! Sobald sich vernünftige, tragfähige Modelle etablieren, werden sich auch die hierarchisch-organisierten Inhalteanbieter leichter umstellen. Die Schwierigkeit ist, dieses neue Terrain zu betreten und dieses "neue Land" zu erforschen. Die wenigsten Unternehmen können und wollen sich hier besonders "abenteuerlustig" zeigen. Pech hat allerdings, wer zu konservativ agiert. Dieser wird am Ende nehmen müssen, was ihm die anderen übrig lassen.

  • Oliver Springer

    02.04.09 (17:07:46)

    @Marcel: Wieso schreibst Du "Hierachien"?. Du benutzt den Begriff so oft, dass es Dir dabei um etwas Bestimmtes zu gehen scheint. Könnte man nicht auch von Organisationen sprechen? Für bestimmte Arten von Produkten, auf die die Menschen auch künftig nicht verzichten wollen, werden wohl auch in Zukunft große Organisationseinheiten erforderlich sein - wenngleich diese kleiner als heute sein können. Jeder kann mit der Kamera seines Handys Videos drehen. Aber ich hoffe, ich bin nicht der einzige, der auch in Zukunft aufwändige Produktionen wie "Die Sopranos" oder "Star Trek" konsumieren möchte - ob es das Medium Fernsehen dann noch gibt oder nicht. Für manche Produkte - auch digitale! - sind Organisationseinheiten einer gewissen Größe erforderlich. Der im Artikel beispielhaft genannte Korrespondent in Washington ist doch eher mit der örtlichen Presse vernetzt und arbeitet deshalb nicht auf verlorenem Posten. Er steht eben nicht isoliert in der Fremde, sondern hat durch sein Leben vor Ort einen besonders guten Einblick. Um von einer Pressekonferenz zu berichten, muss man nicht wirklich vor Ort sein. Aber Recherche vor Ort bleibt auch in Zukunft wichtig, Onlinerecherche kann das doch nicht ersetzen. Das Album als Einheit: Es werden nicht mehr alle Künstler unbedingt Alben aufnehmen. Und wie umfangreich ein Album zu sein hat - 10, 20, 30 Songs... - das wird nicht mehr durch die Speicherkapazität von Schallplatten, Cassetten oder CDs limitiert. Doch wenn die Zukunft bei Flatrates liegt, glaube ich nicht, dass sich die Nutzer so schnell vom Album abwenden werden. Die Kostenersparnis entfällt dann ja. Vielleicht ist das eine große Chance für das Album als Kunstform. Als bloßer Sampler von Songs eines Künstlers hat wohl ausgedient, doch unter Promotion-Aspekten dürfte der Einzelsong dem Album unterlegen sein. Es wird ja gerne argumentiert, die Musik diene in Zukunft vor allem der Promotion des Künstlers, damit er etwa Konzertkarten verkaufen könne.

  • Michi Porath

    02.04.09 (17:47:20)

    Was die Argumentation anbetrifft, dass Musik-Alben in der Form, wie sie heute bestehen, nicht mehr zeitgemäss sind, schliesse ich mich Michael im Kommentar oben an. Offensichtlich trifft das aber nur mehr auf einen Bruchteil der Künstler zu, da Musiker mit Sinn für ein Konzeptalbum nicht das gleiche Publikum im Visier haben wie Mainstream-Musiker. Letztere setzen auf Hits und als solches ist tatsächlich der Song die kleinste Einheit. Die Diskussion rund um die Verlagshäuser ist spannend. In der heutigen Form wird und würde wohl kein Verlagshaus überleben. Das Verlegen von Eigenleistungen hält der Diversität und Masse an Fachblogs nicht stand. Ich sehe jedoch ein tragbares Business-Modell im redaktionellen Aggregieren von News, Kommentaren und weiteren Inhalten im Netz. Der Aufwand, relevante und qualitativ herausragende publizistische Erzeugnisse im Netz zu finden, ist enorm. Die tiefe Eintrittsbarriere, wie oben beschrieben, führt auch zu einem grösseren "Grundrauschen" an irrelevanten Inhalten. Diese gilt es zu filtern, um auf die "Perlen" im Netz zu stossen. Ich habe durchaus noch das Bedürfnis, ein Medium mit dem Niveau einer FAZ oder NZZ zu konsumieren, aber nicht immer die Zeit, mir die Inhalte selber zusammenzusuchen. Diese Auslese kann meiner Ansicht nach nicht vollständig automatisiert werden, wenn das erste Kriterium die publizistische Qualität sein soll. So gesehen findet sich neben Google News womöglich eine lukrative Nische. Die verbleibende Frage stellt sich darin, ob das Aggregieren im Sinne der kollektiven Intelligenz (à la digg) funktioniert. Hier bin ich noch immer skeptisch, lasse mich aber gerne vom Gegenteil überzeigen.

  • Leander Wattig

    02.04.09 (19:44:37)

    D'accord! Die Welt wird flach :) Damit Du Dich nicht an einer unwichtigen Stelle angreifbar machst: Rundfunk bezeichnet die Übertragung von Informationen jeglicher Art (beispielsweise Bilder, Ton, Text) über elektromagnetische Wellen (siehe auch: Funknetz), wobei die Informationen für die Öffentlichkeit gedacht sind. Zum Rundfunk gehören insbesondere der Hörfunk (Empfangsgerät: Radio) und das Fernsehen. (Wikipedia) Also besser von Hörfunk und TV sprechen.

  • hathead

    02.04.09 (22:32:15)

    @Leander Stimmt. Das ist wirklich unwichtig. Die Information ergibt sich hier ohnehin aus dem Kontext.

  • Leander Wattig

    02.04.09 (22:41:04)

    @hathead Gerade Leute in der Medienbranche, denen so eine Argumentation nicht passt, greifen sich immmer gern diese Nichtigkeiten heraus. Von daher ist es besser, man bietet ihnen gar nicht erst Angriffsfläche ...

  • robin meyer-lucht

    02.04.09 (23:43:20)

    Lieber Marcel, sehr schöner Text. Tatsächlich bedeutet ein neuer Medienträger immer auch eine neue Informationskultur und ein neues Geschäftsmodell. Ich hatte mal versucht, die These Neues Medium = Neues Geschäftsmodell als "Rennersches Gesetz" zu bezeichnen. Hat sich leider noch nicht durchgesetzt: http://carta.info/5738/tim-renner-journalismus-internet-musikindustrie/ Ich glaube, dass wir jetzt erst am Beginn einer Phase stehen, in der uns klar wird, wie fundamental die Veränderungen sind, die das Internet mit sich bringt. Die Institutionen aus der analogen Welt beginnen gerade erst zu bröseln. Aber nun beschleunigt sich der Prozess. Zugleich hat sich schon mehr verändert als man sich vor zehn Jahren hätte vorstellen können. Das Verrückte ist: In zwei Jahren wird man diesen Artikel lesen und wissen: Es erändert sich gar noch mehr und noch anders. gruss, rml gruss, rml

  • Claudio

    03.04.09 (09:53:34)

    Ich glaube, es wird für die großen Medienhäuser keinen Königsweg geben vom etablierten Geschäftsmodell hin zu einem Modell, dass den Anforderungen der Web-Medien-Welt gerecht wird. Vor allem aus dem Grund, weil sie nicht mit ihren Webangeboten die finanziellen Verluste, die sie z.B. im Print haben, wettmachen können, ohne ihre aufgeblähen Strukturen einzudampfen. Im Moment trägt Print meistens noch Online, umgekehrt kann das aber nicht funktionieren. Daher werden die Medienhäuser in ihrer jetzigen Form nach und nach absterben, je nachdem wann und wie schnell die Nachfrage nach ihren klassischen Angeboten nachlässt. Dass sie nachlassen wird, ist wohl offensichtlich, wie im Artikel ja auch dargelegt. Der imho größte Vorteil: je dezentraler die Distribution der Informationen, desto dezentraler (sprich: vielfältiger) die Meinungen und Inhalte.

  • Patrick

    03.04.09 (11:19:30)

    @Marcel @Robin Spannend, dass wir wieder über die gleichen Dinge reden, wie vor 10 Jahren am mcm institute der Universität St. Gallen. Alles ist eine Frage des Timings, wann die Veränderungen eintreffen. Sie kommen schleichend, aber unabwendbar; im Nachhinein wird man sich wundern, warum die Menschen die Veränderungen nicht früher begriffen haben. Aber das haben wir bei der Finanzkrise eben auch so gemacht. Wir haben unsere mentalen Modelle, wie was ist und sein soll. Aber es gibt schwarze Schwäne, aber wir glauben erst, dass es sie gibt, wenn wir sie sehen. @Robin: Ich finde es schön, dass du das Gesetz Rennersche nennen möchtest. Wie wäre es mit Kelly, Shirky oder anderen, die dies schon vor 15 Jahren gesehen haben? Vielleicht waren die einfach zu früh oder du bist zu nah an der traditionellen Medienwelt. @Marcel: Interessant ist, wie du das Internet als neues Medium definierst. Du sprichst von Rückkanal. Auch hier verwendest du ein klassisches Model von Medien, das leider nicht genau auf neue, IKT basierte Medien anwendbar ist. Wir haben noch kein Modell der neuen Medien, das uns hilft zu verstehen, was das wirklich Neue neuer Medien ist. Die Aktivität des Mediums selbst ist wahrscheinlich das Wichtigste, aber auch das Unverstandenste der Neue Medien. Die Medien können selbst aktiv agieren, d.h. nicht unbedingt, dass sie hoch intelligent sind, aber sie sind nicht mehr passive Medien oder Trägermedien wie Papier oder das Radio. Das Medium selbst interagiert mit dem Nutzer, aber auch mit anderen Medien selbst. Hört sich kompliziert an, ist es aber nicht. Vielleicht sollte ich mich jetzt mal an den Gastbeitrag genau über das Thema "Was ist neu an Neuen Medien?" setzen ;-)

  • JollyJ

    03.04.09 (13:38:31)

    Ich kann der Argumentation folgen, würde ähnlich vorgehen und sehe auch die Schlußfolgerungen, die du bezüglich der kleinsten Einheit, Kostenstruktur etc. machst, als richtig an. Medienunternehmen müssen sich wandeln, ganz klar. Dennoch störe ich mich an deiner impliziten Annahme, dass das Internet "flach", sprich ohne ähnliche Hierarchien wie die analoge Welt auskommen sollte. Zum Einen scheint mir der Begriff "Hierarchie" äußerst unklar: Was meinst du damit? Hohe Einstiegsbarrieren? Gatekeeper? Stringentes Top-Down? Zum Anderen halte ich es aus einem distanzierteren, anthropologischen BLickwinkel für utopisch anzunehmen, dass das Internet wirklich "eine neue Welt mit neuen Spielregeln" sei, der demzufolge auch eine andere, aber unbestimmte Organisationsform zu Grunde liegen soll. Zwar sehen wir im Netz immer die neuen Möglichkeiten, glauben, dass der Privatmann nun Einfluss bekommen kann, vergessen aber bei unserer Argumentation stets, dass es auch noch eine Alternative gibt - und die ist so erschreckend wie banal: Großunternehmen wie Google oder Facebook und Behörden, seien sie ein Geheimdienst oder das Finanzamt, bauen aufgrund ihres massiven Informations - und Ressourcenvorteil neue Hierarchien auf. Im Internet stecken mehr Informationen als sich der Otto-Normal-Nutzer träumen lässt, entscheidend sind nicht mehr die direkten Informationen (Flugzeug landet im Hudson, Erdbeben in China), sondern die weniger gut erschliessbaren Meta-Informationen (Wer wusste warum zuerst von dem Flugzeugabsturz? Wie hat sich die Nachricht verbreitet? Durch wen? etc..). Und wer diese Daten verlässlich erheben kann und geschickt nutzt, bestimmt das zukünftige Aussehen der digitalen Welt. Interessant ist da etwa ein Blick in die Sozialwissenschaften. Bereits 1911 hat Michels, ein deutscher Parteiensoziologe, am Beispiel der SPD dargestellt, dass eine jede freie Organisationsform des Menschens irgendwann in einer Oligarchie, in einer Führung durch die wenigen endet, die durch ihre herausgehobene Position innerhalb der Organisation ihren Status auch sichern können. Ähnliches geschieht derzeit auch im Internet. Mit Google, Amazon, Ebay und ähnlichen sind keine basisdemokratischen Netz-Samariter entstanden, im Gegenteil sie haben bereits jetzt ein starkes Interesse - und auch die Ressourcen - ihren priviligierten Status zu sichern. Otto, der Blogger, kann schreiben, was er will, diese Oligarchisierung wird er nicht ändern können - im Gegenteil er wird sie als gegeben, als normal ansehen, schließlich kommt nicht jeder mit der neuen Komplexität und den inneren Widersprüchen des Internets zurecht. Ich würde den abgelaufenen Prozess schlichtweg als Konsolidierung bezeichnen, die einsetzt und damit die "Regulierungslücke" schließt, die immer nach der Einführung neuer Technologien entstanden ist, und nun auch beim Internet geschlossen wird. Man betrachte nur den Streit der Gema mit Youtube, den Heidelberger Appell oder von der Leyens Sperrungspolitik. Es werden Macht- und Kontrollstrukturen aufgebaut, die wir so im Internet noch nicht kannten, in der realen Welt aber zur Genüge schon beobachten konnten. So ist das Internet vielleicht eine neue Welt, die grundlegenden Spielregeln bleiben aber die gleichen.

  • Alexander

    03.04.09 (15:17:09)

    In den kommenden 20-30 Jahren wird der grundlegende Wandel der mit dem Internet begann, dazu führen das etwa mindestens 50% aller Unternehmen Pleite gehen wird und zwar diese die es nicht verstanden haben das Internet für sich und seine Produkte, Service etc... zu nutzen. Die nächste Krise ist somit vorprogrammiert, wird jedoch von vielen noch nicht erkannt. Da das Internet erstmals eine Technologie Sprung ist der das komplette Handeln des Menschen verändern wird, keine andere Technologie konnte eine solche Veränderung erzeugen.

  • Matthias Peschel

    03.04.09 (15:26:19)

    Auf jeden Fall eine sehr interessante Zusammenfassung des Status quo, allerdings hinterlässt auch er keine wirkliche Perspektive außer der diffusen Erkenntnis, der Wandel sei tiefgreifend.. Den kritischen Kommentaren möchte ich in diesem Sinne gerne zustimmen, aber zusätzlich noch anmerken, dass die hier durchaus positiv konnotierte Überwindung der Institutionen durchaus problematisch ist! Gerade auch der Vorschlag, einen Korrespondenten durch Blogs oder gar Online-Recherche zu ersetzen ist grob fahrlässig - ein sehr plastisches Beispiel ist in dieser Hinsicht doch der Fall zu Guttenberg...natürlich kann man hier auch die journalistische Sorgfalt bemängeln, aber generell ist auf das Internet und auch auf durch "kollektive Intelligenz" kontrollierte Angebote wie Wikipedia kein Verlass in Bezug auf "Wahrheitsfindung".. Grundsätzlich finde ich, das es sehr bedenklich ist die Aggregation von Nachrichten und ihre Verbreitung einfach in Begeisterung effizienterer Strukturen und der Überwindung von "Hierarchien" auf Automatismen und Algorithmen auszulagern. Letztlich sind diese ein Nullsummenspiel und führen zu einer Nivellierung - ganz davon zu schweigen das das Netz wie oben schon erwähnt nicht flach ist und daher man daher in diesem Sinne vom Regen in die Traufe kommt! Die Konstruktion unserer Wirklichkeit sollte man doch Menschen überlassen, die sich zumindest einem idealistischen Verständnis nach beste Mühe damit geben... ;-) In diesem Sinne kann meiner Meinung das Internet nur additiv und nicht alternativ verstanden werden - wir brauchen einen direkteren Draht zu den Dingen - wider den Primat der virtuellen Realität!

  • ben

    03.04.09 (17:28:53)

    @Facebook User: auf *institutionell* kontrollierte Intelligenz ist aber genauswenig Verlass. Verlassen tust du dich ja einerseits auf Stimmen denen du vertraust, egal in welchem Medium. Und zweitens und wichtiger am ganzen ist eh der Vergleich von verschiedenen Quellen. Und hier ist das Netz natürlich von grossem Wert. Das heisst ich kann den Standpunkt aller Parteien unabhängig in Erfahrung bringen und das ist ohne Netz einiges mühsamer.

  • ben

    03.04.09 (18:08:54)

    @JolljY: klar das Grossfirnmen eine massiven Informations - und Ressourcenvorteil haben, aber immerhin existiert jetzt die pysikalische Struktur um die ganze Welt zu erreichen. Das Problem liegt also nicht mehr in teurer Hardware (Druckpresse, Vertrieb) sondern ob ich's schaffe eine Audienz zu finden. Wenn man sich die Entwicklung der Musik ansieht wars vor 20 Jahren ein Traum der meisten Band's mal in ein Studio zu gehen und ne Platte aufzunehmen. Nur Studios waren wahnsinnig teuer, somit die Change relative klein. Mit der Entwicklung schnellerer PC's hatte dann auf einmal jeder die Möglichkeit mit Cubase/Logic sein eigenes Studio zu besitzen und unabhängig von viel Geld und Musikkonzernen ne Platte aufzunehmen. Aber was passierte? es wurden nicht gross Platten/CD's prodziert sondern "elektronisch" Musik gemacht, sprich die Club-Scene mit Live-Acts blühte auf. Kommuniziert wird unter Veranstaltern und Musiker direkt, Tonträger sind eher Promotion denn Einnahmequelle. Alles zum missfallen der Konzerne die diesen Prozess bis anhin kontrollierten. Hierzu fällt mir grad noch ne sehr empfehlenswerte Doku ein: http://www.goodcopybadcopy.net Somit denk ich findet durchs Netz durchaus ein Demokratisierungsprozess statt und das wird auch mit den Medien passieren.

  • JollyJ

    03.04.09 (18:40:17)

    @Ben: Eine Demokratisierung des Vertriebes haben wir erlebt, ja. Ich halte diesen Prozess aber nicht - im Gegensatz zur Demokratisierung der Produktion - für unumkehrbar. Zur Zeit reagieren die großen, alten Medienkonzerne, insbesondere in der Musik- und Filmindustrie, recht allergisch auf die neuen Vertriebsmöglichkeiten, sobald sie aber beginnen, zu experimentieren und sich etwa auf das p2p-System einlassen, wollen sie damit auch Geld verdienen - und das können sie nur, wenn sie ihr Gut entweder künstlich verknappen, was im Internet utopisch ist oder schlicht den Zugang zu den Medien schwieriger gestalten d.h. die Barrieren erhöhen und dann für den Abbau dieser Barrieren Geld verlangen. Noch bin ich mir über Art und Aussehen dieser Barrieren nicht ganz im Klaren, ein Beispiel könnte aber sein, dass die Unternehmen, ähnlich wie Megavideo, nach einer gewissen Zahl von Minuten einfach ihr Gut, einen Stream zum Beispiel, kappen und für deine IP sperren. Du zahlst dann, um den Stream ohne Unterbrechung sehen zu können. Natürlich würden diese Barrieren für jeden Medientyp anders aussehen.

  • Matthias Peschel

    03.04.09 (20:51:14)

    @ ben: Nun ja, grundsätzlich hast du natürlich recht, allerdings bieten Institutionen, wenn wir bei diesem Teil der Diskussion bleiben, zumindest einen Ausgangspunkt der Kommunikation welcher klar ansprechbar, kritisierbar, anzweifelbar (--> durch den von Dir angesprochenen Vergleich!) und v.a. auch von Dauer ist! Nur dadurch entsteht ja auch das Vertrauen, welches hier auch weiter oben in Marken wie FAZ oder ZEIT oder wie auch immer gesetzt werden. Und das System, sowie es sich in der Vergangenheit bei uns herauskristallisiert hat, kontrolliert sich gegenseitig, und das in aller Regel ja auch recht transparent. Das Internet ist in diesem Zusammenhang ein großartiger Katalysator, allgemein beschleunigt es die Prozesse und es hat den Kommunikationsfluss teilweise multidirektional werden lassen und der fragmentierten Masse neue Kanäle gegeben - und genau das meinte ich ja mit "additiv". Großer Fortschritt, Entlastung, Transaktionskostenreduktion, wie man es auch nennen mag, man sollte sich keine völlige Substitution der Strukturen wünschen. Denn dann sortiert dir Google o.ä. die Standpunkte aller Parteien in eine Reihenfolge, deren Entstehung dir nicht klar sein wird - und die, nach der Philosophie aller aktueller (kollaborativer) Algorithmen und soweit mir das klar ist, vor allem die Mehrheitspräferenzen affirmiert. Damit wären wir nicht weiter...oder?

  • microkultur

    04.04.09 (11:45:18)

    Ich kann vielen Punkten folgen. Und ebenso beobachte ich, dass sich Geschäftsmodelle ändern müssen. Leider wird darin nicht immer eine Chance, sondern hauptsächlich eine Bedrohung gesehen (Bspw. der Einfluss des e-Commerce auf den Einzelhandel). In vielen Bereichen ist aber natürlich noch völlig unklar, wie ein konstruktiver Wandel aussehen könnte. Zudem gehe ich davon aus, dass das Innovationstempo, das wir in den letzten Jahren gesehen haben, während der Rezessionsphase deutlich nachlassen wird. Auffällig viele Beiträge äußern sich aktuell umso euphorischer über die Kraft des medialen Wandels, womit häufig eine große Hoffnung auf Demokratisierung von Gesellschaft und Ökonomie verknüpft ist. Ich kann diese Hoffnung als absolut wünschenswert nachvollziehen. Trotzdem empfinde ich diese Kommunikation als Pfeifen im Walde und frage mich, ob wir hier nicht bereits die ersten Akkorde des Abgesangs auf die große Netzrevolution hören. Im Übrigen bilden sich auch im Netz deutliche Hierarchien heraus. Und damit meine ich gar nicht unbedingt die großen Corporations wie Google. Ob in Blogs oder auf Twitter, überall orientieren sich Nutzer an Meinungsführern, einfach weil es viel zu anstrengend ist tagtäglich die Weites des Web nach neuen relevanten Newsquellen zu durchforsten.

  • Marcel Weiss

    08.04.09 (16:24:01)

    Interessante Diskussion, die sich hier ergeben hatte. Leider konnte ich sie nur vom iPhone aus auf der re:publica verfolgen. Kurz ein paar Anmerkungen von mir: @Oliver Springer: "Wieso schreibst Du “Hierachien”?. Du benutzt den Begriff so oft, dass es Dir dabei um etwas Bestimmtes zu gehen scheint." Ja, das kommt wahrscheinlich durch meinen Hintergrund. Eine meiner Vertiefungen im BWL-Studium war Organisation. Als Organisationen werden auch virtuelle Unternehmen etc. bezeichnet, solche Formen will aber explizit ausschließen, wenn ich von Hierarchien spreche. Hierarchien sind geschlossene Organisationseinheiten, die eine klare Abtrennung zur Außenwelt besitzen. Demgegenüber stehen Netzwerke und netzwerkartige Org.formen. (Natürlich gibt es auch hier Überschneidungen und Grauzonen. Aber man muss irgendwann einfach ungenaue Bezeichnungen in Kauf nehmen, wenn man nicht zu akademisch in den Texten werden will.) "Um von einer Pressekonferenz zu berichten, muss man nicht wirklich vor Ort sein. Aber Recherche vor Ort bleibt auch in Zukunft wichtig, Onlinerecherche kann das doch nicht ersetzen." Das habe ich nie gesagt. Ich habe nur versucht, zu zeigen, dass die Recherche vor Ort nicht mehr von einem Mitglied der Hierarchie (da war das Wort wieder!), sondern oft effizienter einfach von außerhalb derselben kommen kann. @Leander Wattig: Danke für den Hinweis! Ich habe das in dem Text korrigiert. :) @robin meyer-lucht: "Ich hatte mal versucht, die These Neues Medium = Neues Geschäftsmodell als “Rennersches Gesetz” zu bezeichnen. Hat sich leider noch nicht durchgesetzt" Naja, die Aussage ist so allgemein, dass das etwas zu viel der Ehre für Herrn Renner wäre. :) "Das Verrückte ist: In zwei Jahren wird man diesen Artikel lesen und wissen: Es erändert sich gar noch mehr und noch anders." Ja, durchaus möglich. Das Verrückte ist: Oben sagt mir ein Kommentator, dass die im Artikel geäußerten Veränderungen so radikal nicht eintreten werden und der nächste sagt, dass es noch radikaler wird. Ich stehe da btw. mehr auf Deiner Seite. :) @Claudio: "Der imho größte Vorteil: je dezentraler die Distribution der Informationen, desto dezentraler (sprich: vielfältiger) die Meinungen und Inhalte." Ja, ich denke auch, die Aussage, dass die Demokratie mit dem Verschwinden der alten Medien bedroht ist, ist nicht nur übertrieben sondern grundfalsch, aus dem selben Grund, den Du nennst. @Patrick: "Interessant ist, wie du das Internet als neues Medium definierst. Du sprichst von Rückkanal. Auch hier verwendest du ein klassisches Model von Medien, das leider nicht genau auf neue, IKT basierte Medien anwendbar ist. Wir haben noch kein Modell der neuen Medien, das uns hilft zu verstehen, was das wirklich Neue neuer Medien ist. " Stimmt. Uns fehlt oft noch das passende Vokabular. @JollyJ: "Zum Einen scheint mir der Begriff “Hierarchie” äußerst unklar: Was meinst du damit? Hohe Einstiegsbarrieren? Gatekeeper? Stringentes Top-Down?" Wie oben in meinem Kommentar bereits geschrieben: Damit meine ich relativ geschlossene Organisationseinheiten. Unternehmen im herrkömmlichen und allgemein verstandenen Sinn. "Zum Anderen halte ich es aus einem distanzierteren, anthropologischen BLickwinkel für utopisch anzunehmen, dass das Internet wirklich “eine neue Welt mit neuen Spielregeln” sei, der demzufolge auch eine andere, aber unbestimmte Organisationsform zu Grunde liegen soll." Die Transaktionskosten-Situation _ist_ vollkommen neu. Wir waren dem theoretischen Konstrukt der vollkommenen Märkte nie so nahe. Teilweise treten diese online dank Googlesuche und co. sogar in der Realität ein. Dazu die Grenzkosten-Situation: Nie vorher konnte man Güter produzieren, welche _ohne_ Kosten reproduzierbar und distribuierbar waren. Das verändert so ziemlich alles. Frag mal die Tonträgerindustrie. ;) "Mit Google, Amazon, Ebay und ähnlichen sind keine basisdemokratischen Netz-Samariter entstanden, im Gegenteil sie haben bereits jetzt ein starkes Interesse - und auch die Ressourcen - ihren priviligierten Status zu sichern. " Es gibt einen Trend der Verbindung von kleinen Einheiten und großen Konzernen, über den ich hier vor einem Jahr geschrieben hatte. Das könnte Dich vielleicht interessieren. @#15 Facebook User: Nur damit ich das recht verstehe: Du bist der Meinung, dass hierarchisch organisierte Recherche von Journalisten einem Netzwerkansatz über das Internet vorzuziehen ist, weil so eine bessere Qualitätssicherung stattfindet? Und führst als Beispiel dafür an, wie genau diese Journalisten einfach (unzählig!) ungeprüft etwas aus der Wikipedia abgeschrieben haben? See what I did there? Wer das Konzept von Wikipedia verstanden hat, schreibt von dort nicht ungeprüft Fakten ab. Ich nutze es für netzwertig nur für Definitionen, weil der Wortlaut meist besser geschliffen ist, als man es selbst auf die Schnelle hinbekommt. Dass die jeweiligen Journalisten alle genau diesen Fehler gemacht haben, zeigt ziemlich deutlich, dass die Verbindung "professionelle Verlage = Qualität" so eben nicht stimmt. Das ist eine Illusion. @microkultur: "Im Übrigen bilden sich auch im Netz deutliche Hierarchien heraus. Und damit meine ich gar nicht unbedingt die großen Corporations wie Google. Ob in Blogs oder auf Twitter, überall orientieren sich Nutzer an Meinungsführern, einfach weil es viel zu anstrengend ist tagtäglich die Weites des Web nach neuen relevanten Newsquellen zu durchforsten." Das sind keine Hierarchien, wie ich es im Text meine. Es sind Rangordnungen. Dass diese sich aus Chaos herausbilden ist völlig normal und auch wünschenswert. Siehe hierzu unter anderem diesen sehr lesenswerten Aufsatz von Clay Shirky.

  • Matthias Peschel

    26.04.09 (12:50:03)

    @Marcel Hallo, ich bin erst jetzt wiedereinmal hier vorbeigesurft - nein, du hast mich nicht richtig verstanden oder ich habe es schlecht ausgedrückt. Mein Punkt war, dass es gefährlich ist, Korrespondenten durch Blogs/Online-Recherche zu ersetzen - natürlich unter der Vorraussetzung, dass in den Institutionen auch eine adäquate Erfolgskontrolle (und bspw. kein "Abschreiben" von Wikipedia) stattfindet - das ist hoffentlich keine Illusion! Dein Punkt (den hatte ich aber ja ebenfalls angerissen) ist natürlich gewichtig. Nur bleibe ich dabei, dass ich die Wirklichkeitskonstruktion nicht an ein Netzwerk abgeben will, welches für mich nicht transparent und adressierbar ist. Und außerdem bezweilfe ich irgendwie, dass ein Fehler wie bei der Guttenberg-Geschichte durch das "Netzwerk" öffentlichkeitswirksam aufgedeckt worden wäre..meines Wissens hat ihn doch der Autor selbst aufgedeckt. Einziger "sicherer" Weg bleibt damit doch die klassische Recherche. Der Königsweg wird wieder durch die Mitte gehen.

  • Alexander

    07.06.09 (10:49:11)

    Es ist doch eigentlich egal ob sich die etablierten Medien mit dem Web so auseinandersetzen wie sie es sollten oder nicht. Wenn sie es nicht tun, werden es andere tun. Ich freue mich jedenfalls über die Möglichkeiten, welche das Netz einem bietet und schaue mit Neugier in die Zukunft.

Diesen Beitrag kommentieren:

Die Kommentare können nur zwischen 9 und 16 Uhr
freigeschaltet werden. Wir bitten um Verständnis.

Um Spam zu vermeiden, schreiben Sie bitte die Buchstaben aus diesem Bild in das nebenstehende Formularfeld:

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer