<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

24.06.11Leser-Kommentare

Medienwandel: Appell für eine öffentlich-rechtliche API

Der Konflikt zwischen Medienkonzernen und der ARD um die mobile Tagesschau-App ist ein guter Anlass, um über die zukünftige Ausgestaltung des digitalen öffentlich-rechtlichen Rundfunks nachzudenken. Dieser sollte seine Inhalte in Zukunft frei über eine offene API anbieten - auch den Verlagen.

 

Am Dienstag wurde bekannt, dass acht deutsche Medienkonzerne Klage gegen ARD und NDR eingereicht haben. Die Unternehmen stören sich an der "textdominanten Berichterstattung ohne jeglichen Sendungsbezug” in den mobilen Apps der Tagesschau. Ich hatte bereits erläutert, warum ich diesen Schritt für nicht nachvollziehbar halte.

Betrachtet man nun nicht nur dieses spezifische Ereignis sondern das Gesamtbild, wird deutlich, dass die Debatte eigentlich nicht um die mobile Applikation der ARD-Nachrichtensendung kreist, sondern um die Ausgestaltung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im digitalen Zeitalter und darum, welche Inhalte vom Gebührenzahler finanziert und auf welchen Wegen diese verbreitetet werden sollen.

Aus Anlass des jüngsten Konflikts greift Blogger Nico Brünjes in diesem Zusammenhang eine Idee auf, die nicht neu ist, aber zumindest nach meinem subjektiven Empfinden viel zu wenig Aufmerksamkeit erhält: Er schlägt vor, dass die öffentlich-rechtlichen Sender ganz einfach alle im Netz publizierten Inhalte über eine offene Programmierschnittstelle (API) zur freien Verfügung stellen - eine kommerzielle Verwertung durch die Verlage nicht ausgeschlossen.

Ich finde diesen Vorschlag faszinierend. Er würde die sich durch die Digitalisierung gebotenen neuen technischen Möglichkeiten dafür einsetzen, die vom Gebührenzahler finanzierten Inhalte zur kollektiven Nutzung zugänglich zu machen, und böte gleichzeitig den Verlagen die Gelegenheit, Qualitätscontent der öffentlich-rechtlichen Programme kostenfrei zur Ergänzung der eigenen Inhalte zu verwenden.

Aspekte, die einem solchen Unterfangen im Weg stehen, sind nicht technischer sondern vor allem rechtlicher Natur. Denn sämtliche Tonaufnahmen, Videos, Texte und Fotos, die über eine derartige API bereitgestellt würden, ließen sich anschließend nicht mehr kommerziell zweitverwerten - da sie ja bereits frei im Netz kursieren.

Insofern ist offensichtlich, dass eine derartige API ausschließlich exklusiv für die öffentlich-rechtlichen Angebote produzierte Inhalte umfassen könnte. Also alles von Tagesschau über Kontraste bis hin zu Wetten Dass und Tatort. Bei der Sportschau oder Fußball-Länderspielen wären dagegen wohl aus rechtlichen Gründen Schluss.

Medienrechtsexperten könnten wahrscheinlich aus dem Stehgreif unzählige Hürden aufzählen, die einem solch progressiven, aber zeitgemäßen Schritt im Wege stehen. Und auch ist offen, wie Deutschlands Medienkonzerne reagieren würden. Hätten sie ein Interesse daran, nicht-exklusive öffentlich-rechtliche Inhalte in ihre eigenen Onlineangebote zu integrieren, oder sähen sie eine API eher als weitere Provokation, wie es ein Kommentator auf Nico Brünjes' Appell vermutet?

Trotzdem bin ich fest davon überzeugt, dass es sich lohnt, für eine ÖR-API einzutreten und diese den beteiligten Parteien schmackhaft zu machen. Im Erfolgsfall würde die Schnittstelle nicht nur den Ruf des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der Bevölkerung verbessern, sondern Deutschland auch eine Vorreiterrolle einbringen, was die Anpassung von bestehenden Strukturen an die neue digitale Realität betrifft. Das wäre ein echtes Novum.

Vielleicht ließe sich hier zwischen den Streithähnen sogar ein konstruktiver Kompromiss finden: Die Verlagshäuser akzeptieren eine API - die öffentlich-rechtlichen verzichten dafür auf die Bereitstellung von Textjournalismus (in diesem Punkt verstehe ich die privaten Anbieter), machen dafür aber ihr komplettes Video- und Audioarchiv online zugänglich (was eine Gesetzesänderung erfordert).

Ich habe bei der ARD per Mail nachgefragt, wie man dort zu einer offenen API steht. Im Falle einer Antwort wird dieser Beitrag aktualisiert.

Update: Antwort eines Sprechers der ARD:

"Die API der Tagesschau App ist derzeit nicht öffentlich zugänglich. Wir prüfen aber, ob wir die API zur Verfügung stellen können. Eine Entscheidung dazu gibt es noch nicht."

Kommentare

  • Bertram

    24.06.11 (08:59:02)

    Eine Vorreiterrolle erreichen wir dadurch leider nicht. Die BBC mit BBC Programmes und das NPR mit NPR Techcenter haben breits APIs. Vor allem die NPR API ist sehr erfolgreich und ein gutes Beispiel wie man eine solche Strategie implementieren kann. Ich sehe den Bedarf für eine API nicht so sehr darin, dass Programme abgegriffen werden können sondern viel mehr darin, dass die Programme ergänzt und verknüpft werden können. Die API sollte es möglich machen jede Sekunde jedes Programms mit Informationen zu versehen. Dann könnten Entwickler z.B. alle Twitter Kommentare zum Tatort mit dem live Bild synchronisieren etc.

  • Martin Weigert

    24.06.11 (09:14:04)

    Mhh NPR hat aber nicht die gleiche Bedeutung für das US-Mediensystem wie ARD und Co in Deutschland, oder? Und was BBC betrifft: Ok! Aber die ist in ihrer Ausformung ja auch weltweit einmalig. Insofern denke ich schon, dass sich noch immer eine Vorreiterrolle einnehmen ließe - selbst wenn man nicht der allererste ist, der diesen Schritt geht. Was die von dir angebrachten Usecases betrifft: Klar, auch das.

  • Konstantin Klein

    24.06.11 (09:33:30)

    So bestechend die Idee ist: Sie wird sich so schnell nicht umsetzen lassen. Denn auch in Tagesschau & Co. findet sich an allen möglichen Stellen Material, das von Fremdfirmen (z.B. Reuters oder AP Television Network) lizenziert wurde. Und die vertraglichen Regeln dahinter (ich weiß es, weil ich mich für meinen eigenen Sender, die Deutsche Welle, mit diesem Thema herumschlage) sind erschreckend kompliziert. Und es sind nicht nur die Sportverbände, die einem das Leben schwer machen. Eine API auch für die Nutzung durch kommerzielle Organisationen ist erst möglich und sinnvoll, wenn alle ARD-Anstalten ein voll integriertes und funktionierendes (!) Rechtemanagementsystem haben. Das aber wird noch einige Zeit dauern.

  • Stefan

    24.06.11 (09:48:36)

    Denn sämtliche Tonaufnahmen, Videos, Texte und Fotos, die über eine derartige API bereitgestellt würden, ließen sich anschließend nicht mehr kommerziell zweitverwerten – da sie ja bereits frei im Netz kursieren. Ich sehe nicht einmal diese "Gefahr", denn wieso sollten sich diese Inhalte *nicht* kommerziell weiterverwerten lassen, nur weil sie frei kursieren? Man könnte dennoch kluge Bündel aus ihnen schnüren (Hype-Stichwort: Kuration), thematische Pakete bilden, kommentierte Versionen erstellen, undundund. Tatsächlich würde ein freier Zugriff auf Inhalte der ÖR -- und dann noch maschinell vereinfacht via API -- einen ziemlichen Kreativsturm entfesseln, der auch nicht vor ökonomischer Verwertung haltmachen dürfte. Insgesamt hätte ein solcher Schritt nur Vorteile, gesellschaftlicher, kultureller und wirtschaftlicher Natur. Doch wie du völlig richtig schreibst, dürften 1. die Juristen mehrere dicke Striche durch die Rechnung machen (man betrachte, wie schwer sich ÖR Sender schon heute tun, komplett eigenproduzierte Inhalte auch nur unter CC-BY-NC-ND freizugeben) und 2. die Privaten aufschreien. Letzteres da sie, wie ich fürchte, das als weiteren Angriff auf den Wettbewerb/Markt sähen, statt an dieser Goldmine mitzuschürfen.

  • Sven Busse

    24.06.11 (10:26:29)

    eine offene Programmierschnittstelle (API) zur freien Verfügung stellen – eine kommerzielle Verwertung durch die Verlage nicht ausgeschlossen. Würde das bedeuten, dass Verlage Geld mit Inhalten verdienen könnten, für die wir Bürger schon Rundfunkgebühren bezahlt haben? Das fänd' ich nicht so fein.

  • Martin Weigert

    24.06.11 (10:35:51)

    Administrativ gesehen wäre es bei einer freien, auch kommerziell nutzbaren sinnvoll, möglichst wenige Beschränkungen aufzuerlegen - weil diese sonst auch kontrolliert werden müssen. Letztlich ist es wohl sinnvoll, den Zugewinn für die Gesellschaft in den Vordergrund zu Stellen und nicht die theoretische Option für die Verlage, dann auch indirekt mit ÖR-Inhalten Geld zu verdienen.

  • Patrick Stähler

    24.06.11 (11:17:44)

    Die Idee ist bestechend und richtig. Ob es jetzt via API ist oder sonst wie gelöst wird, ist eine rein technische Frage. Der Punkt mit den Rechten ist die Knacknuss. Aber alle Eigenproduktionen, müssen frei sein und bewusst zur kreativen und auch kommerziellen Weiterverwendung freigegeben sein. Damit hätten die Öffentlich-Rechtlichen auch im Internet Zeitalter ihre Legitimationsfrage beantwortet. @Sven Busse, Warum fänden Sie es nicht fein, dass die Inhalte von Verlagen kommerziell weiterverwendet werden dürfen? Wenn die Verlagen einen Mehrwert schaffen, dann haben sie auch das Recht, Geld dafür zu verlangen, wenn denn einer bereit ist dafür zu zahlen.

  • Sven Busse

    24.06.11 (13:49:37)

    @Patrick: Wenn die Verlage einen Mehrwert schaffen mit den Inhalten der ÖR, in dem sie Inhalte analysieren, verarbeiten oder sonstwie anreichern, dann find' ich es OK, ich dachte eher daran, sie würden die Inhalte einfach 1:1 übernehmen und verkaufen, das wäre dann doch eher schlecht.

  • Gruber Johann

    24.06.11 (14:37:43)

    Auch Forschungsergebnisse, an Universitäten geschaffene Computerprogramme und Texteditionen sind in diesem Zusammenhang zu diskutieren. In den U.S.A. gehen Werke, die von Staatsbediensteten geschaffen wurden, grundsätzlich in die Public Domain - Ingenieure auf der ganzen Welt profitieren davon. Wir sollten diese vorbildliche Regelung übernehmen und damit selbst zum Vorbild für Europa werden.

  • Gerd Kamp

    24.06.11 (17:17:35)

    Vielleicht ist es ja im allegemeinen Trubel untergegangen. Aber zusammen mit der Tagesschau-iPhone App hatte die Tagesschau am 21.12.2010 auch eine API angekündigt und Interessenten gebenten sich per Mail an api@tagesschau.de zu melden. Was ich auch gleich getan habe. In der Antwort auf meine Mail wurde ich um etwas Geduld gebeten weil nich nit eienm solch starken Andrang gerechnet wurde. Das war aber auch schon im letzten jahr. Seitdem Funkstille. Es ist also schon klar, dass die Tagesschau gern eine Api anbieten würde. Vielleicht brauch sie ja bei der Umsetzugn Hilfe. Aber da kann man ja auch weiterhelfen.

  • lenz

    24.06.11 (17:48:50)

    Und was ist mit den Rechten der Autoren, Kostümbildner, Grafikdesignern, Toningenieuren, Regisseuren, Schauspielern, Musikern, die ja den Inhalt produzieren? Mit VG Wort, Gema, GfL? Es ist deshalb (fast) unmöglich, ein ARD-Hörspil als Hörbuch herauszugeben. Und die Autoren enteignen wollen wir ja auch nicht.

  • Martin Weigert

    24.06.11 (17:55:01)

    Gerade im Moment habe ich folgende Antwort von einem ARD-Sprecher bekommen: "Die API der Tagesschau App ist derzeit nicht öffentlich zugänglich. Wir prüfen aber, ob wir die API zur Verfügung stellen können. Eine Entscheidung dazu gibt es noch nicht."

  • a.c.

    24.06.11 (18:53:32)

    wie mag wohl die url der api aussehen?

  • Gerd Kamp

    25.06.11 (11:11:15)

    Überhaupt keine Idee ;-(

  • Frank Barth

    05.07.11 (11:27:34)

    So schön der Gedanke einer ÖR-API auch ist, so wenig glaube ich an ihn. Nicht weil es nicht einen umgemeinen Nutzen für die Allgemeinheit hätte, sondern weil die ÖR damit wirklich öffentlich wären. Das dieses Verlangen da vorherrscht, konnte ich bislang nicht feststellen. Die Möglichkeiten sind enorm und wären idealer Nährboden für deutsche StartUps die verschiedene APIs verbinden. Es wäre zu schön

Diesen Beitrag kommentieren:

Die Kommentare können nur zwischen 9 und 16 Uhr
freigeschaltet werden. Wir bitten um Verständnis.

Um Spam zu vermeiden, schreiben Sie bitte die Buchstaben aus diesem Bild in das nebenstehende Formularfeld:

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer