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10.06.09Leser-Kommentare

Medienrevolution: Was werden die Newsmedien der Zukunft kosten?

Kein Zweifel, die Medienbranche steckt in einem fundamentalen Wandel, und niemand weiss, wie die erfolgreichen Geschäftsmodelle der Zukunft aussehen werden. Manchmal hilft es da, sich die Sache aus der Perspektive guter alter ökonomischer Gesetze anzuschauen. Die gelten nämlich auch im Zeitalter der Digitalisierung.

Die Diskussion um die Zukunft der Medienbranche ist weiterhin von Ideologie statt Sachlichkeit geprägt. Zwischen Internetfans ("Information will frei sein") und Traditionalisten ("Guter Journalismus muss gutes Geld kosten") scheint es kaum Gemeinsamkeiten zu geben. Internet-Propheten sprechen den Medienkonzernen oft schon jedes Recht ab, für ihre Produkte überhaupt Geld von den Konsumenten zu verlangen, während so manche Manager etablierter Medienkonzerne das lästige Internet am liebsten schliessen lassen würden.

Leider geht der Streit oft am Kern der Sache vorbei, denn die Zukunft der Medien wird nicht von abstrakten Idealvorstellungen bestimmt werden, sondern von einfachen Marktgesetzen. Und da kommt man mit etwas einfacher ökonomischer Analyse meistens weiter als mit ideologischem Eifer.

Zunächst: Ganz offensichtlich haben im Moment fast alle Medienkonzerne, insbesondere die Zeitungsverlage, ein Umsatzproblem. Die Auflagen brechen ein, und die User scheinen immer weniger bereit zu sein, für Medienprodukte zu bezahlen.

Ganz grob betrachtet ist dieser faktische Preissturz ein Resultat in der Verschiebung der Angebotssituation. Um etwas ökonomische Vulgär-Theorie zu bemühen: Der erzielbare Preis für ein Gut in einem freien Markt resultiert aus dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage. Ökonomen stellen das gern mit Nachfrage- und Angebotskurven dar:

Marktpreis: Gleichgewicht aus Angebot und Nachfrage

Die Angebotskurve S (Supply) stellt dar, dass Anbieter eine grössere Menge (x) ihres Produktes anbieten werden, je höher der Preis (p) ist. Umgekehrt werden die Nachfrager mehr kaufen, je niedriger der Preis ist, die Angebotskurve D (Demand) läuft also genau entgegengesetzt. Da es hier um Medien geht, ist die Angebotskurve ziemlich steil eingezeichnet, denn auch wenn der Preis für Medien deutlich sinkt, kann man nicht sehr viel mehr davon konsumieren. Zeit und Aufmerksamkeit sind immer begrenzt. Dort, wo sich Angebots- und Nachfragekurven schneiden, liegt der Gleichgewichtspunkt, der den tatsächlichen Marktpreis und die angebotene Menge im Markt bestimmt.

Die steigende Popularität des Internet als Medienkanal hat nun eine ziemlich massive Konsequenz. Durch die viel geringeren Kosten, die die Verbreitung von Medieninhalten per Netz verursachen, können die Anbieter (sowie neue Anbieter) mehr von ihrem Produkt zu geringeren Preisen anbieten. Die Angebotskurve verschiebt sich darum nach unten (von S zu S2). Das Resultat: Die gekaufte Menge an Medienprodukten wird etwas grösser, der Preis fällt hingegen massiv. Genau diesen Effekt in -- wie immer in der Realität -- etwas komplexerer Form erleben wir derzeit in der Medienbranche.

Neuer Marktpreis bei erhöhtem Angebot

Nun kommen wir zur entscheidenden Frage: Ist diese neue Position der Angebotskurve (und damit der viel niedrigere durchschnittliche Preis) nachhaltig, d.h. auf lange Sicht aufrechtzuerhalten? Das ist nicht notwendigerweise klar, denn das Angebotsverhalten in einer Branche überschiesst bei technischen Neuerungen oft das eigentlich vernünftige Niveau, bis sich die Geschäftsmodelle eingependelt haben.

Der Weg dahin ist aber nicht linear und hängt von vielen Faktoren ab, insbesondere auch den Wechselwirkungen mit den traditionellen Produkten. Um auf das Thema Newsmedien und Internet zu fokussieren: Für Zeitungsverlage ist es im Moment das optimale Verhalten, ihre Website gratis zu halten. Aber das gilt nur, solange das Print-Business gesund ist. Mit ein paar Zahlenspielereien können wir die Mechanismen dahinter aufzeigen.

Jeder Anbieter muss sich offensichtlich überlegen, zu welchem Preis er sein Produkt in einer bestimmten Menge anbieten kann. Es würde zu weit führen, in die theoretischen Details zu gehen, aber grob gesagt muss sich ein Anbieter an zwei Dingen orientieren: An den sogenannten Grenzkosten, d.h. den Kosten, die durch die Produktion eines weiteren Exemplars eines Produktes entstehen, und an den Durchschnittskosten, die letztlich durch den Verkaufspreis und Werbeeinnahmen gedeckt werden müssen.

Hier kommt nun der fundamentale Unterschied zwischen traditionellen Medien, die typischerweise an physische Informationsträger gebunden sind, und der digitalen Welt zum Tragen: Jedes Informationsprodukt verursacht zunächst mal initiale Kosten für die Produktion der Information (z.B. Löhne für die Redaktion). Bei den Kosten pro Exemplar -- den Grenzkosten -- unterscheiden sich analoge und digitale Medien aber fundamental: Die Kosten für die Produktion und Distribution eines zusätzlichen Exemplars einer Zeitung sind substantiell. Ein zusätzlicher Leser auf einer Zeitungswebsite kostet den Verlag hingegen fast nichts.

Spielen wir mal einen Modellfall für einen hypothetischen Zeitungsverlag durch: Nehmen wir an, dass die Produktion der täglichen Zeitungsinhalte fix 250'000 Euro pro Tag kostet (nicht unrealistisch für eine grosse Redaktion). Nehmen wir weiter an, dass die Produktion und Verteilung eines Zeitungsexemplars 50 Cent kostet, ein weiterer Leser auf der Website hingegen nur 5 Cent (verursacht durch zusätzliche Bandbreite- und Serverkosten).

Wenn wir nun die Durchschnittskosten für verschiedene Leserzahlen graphisch darstellen, ergibt sich folgendes Bild:

Durchschnittskosten für Zeitung und Zeitung + Internet

Das erste Exemplar ist extrem teuer, aber je mehr produziert werden, um so besser verteilen sich die Initialkosten. Mit steigenden Auflagen nähern sich die Durchschnittskosten pro Zeitungsexemplar (rote Kurve) immer mehr den Grenzkosten pro Exemplar an.

Was nun aber, wenn der Verlag mit dem gleichen Inhalt Print und Internet beliefert? Da die Zusatzkosten für den Web-Kanal so gering sind, erhöhen sich die totalen Durchschnittskosten für beide Medien zusammen (grüne Kurve) kaum. Wenn wir annehmen, dass die Umsätze aus dem Printgeschäft die Kosten der Zeitung bereits decken, ist das Internet-Geschäft potentiell recht lukrativ: Selbst wenn die erzielbaren Werbeumsätze eher gering sind, können sie problemlos die zusätzlichen Kosten decken und einen netten Gewinnbeitrag liefern, ganz abgesehen von den positiven Nebeneffekten wie Bekanntheitsgrad und Leserfreundlichkeit.

Nur: Wenn das Printgeschäft wegbricht -- durch ins Internet abwandernde Leser -- und der Internetkanal die Initialkosten allein tragen muss (blaue Kurve), ergibt sich ein anderes Bild.

Durchschnittskosten für Internet im Vergleich

Natürlich sind die Kosten für ein pures Internetangebot niedriger, aber sie sind weit höher als Null, besonders bei kleineren Leserzahlen. Wenn die Quersubventionierung durch das Printmedium einbricht, muss der Internetkanal deutlich höhere Umsätze liefern, um die initiale Inhaltsproduktion zu finanzieren. Und mit Werbeeinnahmen allein dürfte das in vielen Fällen schwer fallen.

Das von Internet-Radikalisten oft gehörte Argument, dass Verlage niemals Geld für ihre Internet-Ausgaben verlangen sollten, ist also letzlich recht naiv: Die Rechnung geht nur auf, so lange es ein gesundes traditionelles (Print-)Geschäft gibt. Und ganz offensichtlich bröckelt das immer mehr.

Was ist zu erwarten, wenn die Print-Schiene ganz zusammenbricht? Die unschöne Realität ist, dass viele Verlage das nicht überleben werden. Darum und weil das Internet plötzlich die Kosten für die Inhaltserstellung immer mehr allein tragen muss, wird das gesamte Angebot im Markt zurückgehen, und damit steigen auch die Preise.

Neuer Marktpreis bei zurückgehendem Angebot

Konkret gesagt: Wir erleben im Moment eine Phase in der Entwicklung der Newsmedien, die mit einer tragfähigen langfristigen Situation nicht viel zu tun hat. Die Zeiten des Überangebots an kostenloser Information werden früher oder später unweigerlich zu Ende gehen.

Wer kann, wird Geld für News und Hintergrundanalysen verlangen, und die User werden das auch bezahlen, wenn sie eine bestimmte Art von Information sonst nicht bekommen können -- und das wird mit einem verknappten Angebot zunehmend der Fall sein. Online-Abos werden natürlich deutlich billiger sein können (und müssen) als das gute alte Zeitungsabo, aber sie werden Geld kosten, je nach Medium vielleicht so ca. 10%-40% des alten Zeitungspreises.

Die ökonomischen Eigenschaften der Online-Medien haben noch eine weitere Konsequenz: Die grossen Player werden eindeutig bevorzugt, weil es ökonomisch sinnvoll ist, Initialkosten auf so viele Leser wie nur möglich zu verteilen. Printmedien hatten ab einem gewissen Punkt Skalierungsprobleme, die Grenzkosten erhöhen können, denn die physische Produktion von Zeitungen lässt sich nicht beliebig hochfahren. Aber das Internet ist weitgehend von solchen Problemen verschont.

Darum: Die Welt der digitalen News der Zukunft wird fast mit Sicherheit stark bipolar sein. Auf der einen Seite wird es einige gigantische Grossverlage geben, die das Basisangebot an globale Märkte liefern, fast mit Sicherheit in verschiedenen Versionen zu verschiedenen Preisen. Das in der Softwarebranche bereits beliebte Freemium-Modell (einfache Basisversion gratis, erweiterte Versionen kostenpflichtig) ist sehr wahrscheinlich auch in der Medienbranche das Modell der Zukunft. Und diese Grossverlage werden gezielt dafür sorgen, dass das Überangebot an News unter Kontrolle gebracht wird.

Daneben wird es Platz für sehr viele kleine, semi-professionelle Anbieter geben, die dank sehr geringer Initialkosten für die Inhaltsproduktion ihre Angebote weitgehend gratis publizieren können, rein durch Werbung finanziert. In ein paar lukrativen Nischen werden auch kleine Anbieter kostenpflichtige Angebote etablieren können.

Extrem eng wird es aber für die Gruppe dazwischen: Die mittelgrossen Medienhäuser, die substantielle Kostenstrukturen aus der Print-Ära unterhalten müssen, aber nicht die Skala haben, um ein wirklich grosses Publikum zu erreichen. Realistisch betrachtet wird das Modell des mittelgrossen Regionalverlags mit grosser Wahrscheinlichkeit untergehen. Die ökonomischen Eigenschaften digitaler Medien lassen dafür keinen Platz.

Nochmals: Die aktuelle Situation in der Medienbranche ist eine Anomalie, die nicht langfristig aufrechtzuerhalten ist. Das hat nichts mit Ideologie in die eine oder andere Richtung zu tun, sondern nur mit wirtschaftlichen Gesetzmässigkeiten. Ja, die Preise für Informationen werden sehr viel geringer sein als in der Vergangenheit. Aber ab einem gewissen Punkt werden wir uns daran gewöhnen müssen, für hochwertige News wieder zu bezahlen. Der Markt wird dafür sorgen, dass das Überangebot wieder auf ein wirtschaftlich tragfähiges Mass zusammenschrumpft. Das wird ein paar Jahre dauern, aber früher oder später so passieren.

Siehe zur Debatte rund um die Medien auch die gegenteilige Betrachtung:

Kommentare

  • Marcel Weiss

    10.06.09 (13:23:37)

    Die Argumentation ist in sich schlüssig und würde zutreffen, wenn es Hyperlinks nicht geben würde. Der Link aber verändert die Gesamtsituation komplett.

  • mds

    10.06.09 (13:39:23)

    Aber ab einem gewissen Punkt werden wir uns daran gewöhnen müssen, für hochwertige News wieder zu bezahlen. … wieder? Für hochwertige Informationen bezahlt man heute schon in den meisten Fällen. Die gängigen Printmedien hingegen liefern keine hochwertigen Informationen und entsprechend zahlt man bestenfalls für die Distribution, nicht aber für die Inhalte.

  • alius

    10.06.09 (14:41:17)

    @ Marcel: Warum?

  • Frank Horlitz

    10.06.09 (15:18:07)

    …fehlen bei dieser wirtschaftlichen Analyse nicht Megaplayer wie GoogleNews, die die Verbreitung von Informationen als kleinste Einheit (Artikel>Headline> Tag) frei betreiben? Zumindest erscheinen mir in diesem Zusammenhang die aufgeführten Marktgesetze als nicht komplex genug.

  • Marcel Weiss

    10.06.09 (15:24:45)

    @alius: Unter anderem, was Frank Horlitz in seinem Kommentar angesprochen hat.

  • Andreas Göldi

    10.06.09 (16:41:31)

    @Frank, @Marcel: Nein, die Bedeutung von Links und Aggregatoren ist mir schon klar. Aber ich glaube, dass diese Elemente in der Internetszene stark überschätzt werden, was ihren kommerziellen Wert angeht. Erstens sind Aggregatoren weiterhin ein relatives Nischenphänomen, das ausserhalb der ca. 8% der Bevölkerung, die Heavy User sind, kaum genutzt wird. Vergleicht nur mal die Trafficzahlen für Dienste wie Techmeme mit denen von New York Times, Wall Street Journal etc. Die Aggregatoren machen keinen Bruchteil so viel Traffic wie die grossen Mediensites und können dementsprechend auch kaum relevanten Traffic dort hin leiten. Selbst Google News wird von gerade mal 6.7% der amerikanischen Internetuser genutzt. Zweitens sind Links auf offen verfügbare Inhalte nur etwas wert, wenn man sie monetarisieren kann, und zwar durch Werbung. Im Moment bröckeln aber die Preise für Internetwerbung immer weiter ab, und das ist nicht nur ein konjunkturelles, sondern ein strukturelles Problem. Es gibt schlicht zu viel undifferenzierte Werbeplätze. Damit fällt auch der kommerzielle Wert eines Links dramatisch. @mds: So würde ich das nicht generalisieren. Zeitschriften wie etwa der Economist bieten eine Qualität, die man kaum irgendwo bei Online Pure Plays findet. Und es ist wohl kein Zufall, dass bei den meisten Aggregatoren ein paar etablierte Printmedien immer ganz vorne bei den beliebtesten Quellen dabei sind. Wenn die Inhalte so schlecht wären, wäre das wohl kaum der Fall.

  • Oliver Springer

    10.06.09 (18:14:01)

    Ich bin angenehm überrascht, dass netzwertig.com auf einen ausgewogeneren Kurs geht. Ganz ehrlich: Die Sichtweise der im Artikel genannten Internet-Propheten schien nach meinem Erleben schon fundamentalistische Züge anzunehmen.;-) Ich kann heute fast vorbehaltslos der Argumentation im Artikel zustimmen und freue mich, dass es mit diesem ausführlichen Artikel nun etwas gibt, auf das ich künftig verlinken kann. Die große Herausforderung für Verlage / Medienunternehmen besteht meiner Ansicht nach jetzt darin, diesen Sachverhalt den Menschen nicht nur zu vermitteln, sondern mit den Konsumenten das erforderliche Verhalten einzuüben. Man könnte hier mit Blick auf einen Großteil der Digital Natives von einer "verlorenen Generation" sprechen.

  • Patrick

    10.06.09 (19:14:21)

    @Andreas Ich analysiere gerade für einen Kunden, wie grosse Qualitätszeitungen im Web ihre Inhalte anbieten. Und ich stimme dir vollkommen überein, dass das heutige Internetgeschäft von Qualitätszeitungen nicht nachhaltig ist, wenn das so gescholtene Printgeschäft nicht wäre. Heute bringt das Internet nur einen Deckungsbeitrag, könnte aber nie die Vollkosten tragen, da Onlinewerbeeinnahmen nie den gleichen Deckungsbetrag bringen werden wie im Print. Der Grund liegt in der, wie du schon erwähnst, undifferenzierten Werbung bei Medienwebsites. Ob jetzt wieder Geld für Informationen gezahlt wird, hängt aber auch davon ab, wie sich die Produktionskosten entwickeln. Heute habe ich grosse Redaktionen, die über Alles für Alle schreiben. So ist die NY Times ein wahrliches Informationsmekka, wo man sich herrlich verlieren kann. Aber die einzelnen Artikel werden sehr unterschiedlich gelesen, d.h. einige Journalisten insbesondere Blogger verdienen einen deutlich höheren Deckungsbetrag als andere. In der Printwelt waren Quersubventionierungen die Norm, auch wenn man häufig nicht wusste, wer wen unterstützt hat. Dafür fehlten einfach die Zahlen. Die Redaktion wurde zusammengehalten, da sie nur gemeinsam eine Zeitung mit grosser Reichweite gestalten konnte. Jetzt wissen aber die Schreiber, welchen Deckungsbeitrag sie z.B. durch Werbung bringen und werden, wenn sie nicht austauschbar sind, weil sie eine Marke wie Krugman geworden sind, ihren Anteil fordern. Und wenn sie ihn nicht bekommen, dann werden sie sich selbständig machen und selbst publizieren. Wer braucht einander mehr? Krugman, die NY Times oder die NY Times Krugman? Was ich sagen möchte ist, dass sich auch die Produktionsfunktion fundamental ändern wird und wir noch gar nicht wissen, welche Auswirkungen das auf den Preis der Nachricht hat. Und somit können wir noch nicht abschätzen, wo sich der Preis hinbewegt. Es bleibt spannend.

  • Daniel Niklaus

    10.06.09 (19:15:21)

    Darf ich stark vereinfachen? Wirft man einen Blick in die Erfolgsrechnung einer Tageszeitung, gibt es grob zwei Kostenblöcke. Ausgaben Ca. 50% der Kosten fallen für Redaktion & Administration an . Die andere Hälfte geht für Produktion & Vertrieb drauf. Einnahmen Etwa die Hälfte der Kosten wird per Abos und Zeitungsverkäufen herein geholt und die andere Hälfte mit Werbung verdient. Im Internet fällt die Holz-Produktion & Vertrieb vollständig weg. Dasselbe Angebot kann also mit der Hälfte der Kosten gestemmt werden. Ich komme theoretisch im Internet mit Werbung alleine aus und kann denselben Dienst wie im Print bieten - inklusive Qualitätsjournalismus. Gibt es Beispiele im Netz, die diese vereinfachte Rechnung bestätigen? Ja, der Spiegel Online. Als Wochenzeitschrift hatten sie keine Hemmungen ein Tagesjournal im Netz aufzubauen. Sie verdienen rein über Werbung und die Onlineausgabe des Spiegel schreibt schwarze Zahlen - inklusive oft sehr guter Artikel.

  • Andreas Göldi

    10.06.09 (19:27:26)

    @Patrick: Da hast Du recht, die Entwicklung auf der Produktionsseite wird vermutlich der interessanteste Aspekt werden. Ich habe aber Zweifel, ob wir wirklich so eine extreme Fragmentierung sehen werden, denn das erodiert schnell mal den Wert einer News-Marke. Die Leute habe immer noch das Beduerfnis nach einem vergleichsweise uebersichtlichen, gut selektierten Nachrichtenangebot, wie es z.B. die New York Times anbietet. Quersubventionierung braucht man dafuer. Und gerade die Internetriesen Google, Yahoo, Microsoft sind die Koenige der Quersubventionierung. Google verdient mit genau einem Produkt Geld, der Rest ist sozusagen Feuillton... @Daniel: Auf der Kostenseite stimme ich Dir zu, aber ich behaupte, dass es in sehr vielen Faellen schwierig sein wird, die 50% Kosten fuer die Inhaltsproduktion wirklich nur per Werbung zu decken. Das kannst Du machen, wenn Du zu den Top 5 Sites in einem Markt gehoerst, darunter wird es (fuer klassische Redaktionen in heutiger Groesse) schnell mal eng. Und der Spiegel ist auch kein perfektes Beispiel, weil gerade die guten Artikel oft aus der Printausgabe stammt. Vielleicht ist das Model der HuffingtonPost ein moegliches Vorbild, denn die haben eine relativ schlanke Vollzeitredaktion mit vielen externen Autoren, die zum grossen Teil gratis (nur fuer Ruhm und Ehre) arbeiten. Nur: Selbst die HuffPo verlinkt bei vielen Top-Stories oft einfach auf die New York Times und andere Groessen, ist also teilweise auch wieder nur ein Aggregator mit recht duenner eigener Contentdecke.

  • Daniel Niklaus

    10.06.09 (19:47:22)

    Absolut richtig mit den Top5. Diese Wirklichkeit finden wir auch schon im Print. Ringier, Tagi und NZZ mit ihren Themen und Lokalablegern. Und dann ein paar Kleinverlage, die sich entweder auf Sonderthemen oder Regionen konzentrieren. Dazu erhöht der Einkauf bei SDA und Reuters die publizistische Vielfalt auch nicht besonders. Neben dem HuffingtonPost Modell erwarte ich schon länger die Gründung einer Quality SDA für Spezialthemen, die dann auch starke Hintergrundberichte recherchiert. (hätte da ne Idee, aber mir fehlt die Zeit) Etwas ausblenden tun wir in dieser Diskussion immer die nationalen TV- und Radioprogramme, welche eine insgesamt doch gute Qualität liefern.

  • Matthias

    10.06.09 (20:05:21)

    Da es hier um Content und Bezahlen geht, hier ein Vorschlag: Ich würde gerne ein Tagesseminar von Andreas Göldi besuchen. Am liebsten in Deutschland, aber meinetwegen fahre ich dafür auch in die Schweiz. Thema wären z.B. 10 Thesen wie diese, genau so sauber aufgearbeitet wie in diesem Beitrag, auf diesem Niveau. Um mal einen Preispunkt zu nennen: wenn es eine kleine Gruppe von sagen wir max 15 Teilnehmern wäre, und man so auch noch direkt mit Andreas diskutieren könnte, würde ich dafür 2000 Euro bezahlen. Keine Ahnung ob 30K Euro Umsatz für blogwerk oder Andreas interessant genug ist, darüber mal nachzudenken. Hoffen darf man ja....

  • Marcel Weiss

    10.06.09 (21:10:34)

    @Andreas: Da haben wir fundamental unterschiedliche Ansichten. Vielleicht schreib ich dazu mal noch was, mal sehen. Nur kurz: Techmeme und NYT vergleichen, ist ziemlich unfair. Das solltest Du wissen. Wenn Du beides vergleichen willst, dann kannst du Techmeme nur mit dem Techressort der NYT vergleichen (das ja mittlerweile zT auch mit Syndikationen von Blogs bestückt wird..). 2. Darfst Du die Markenmacht nicht vergessen, NYT etc. sind extrem alte und damit seit langem etablierte Marken, die in ihren Märkten bekannt sind. Natürlich werden sie noch gut besucht. Wie lang gibt es die ersten erfolgreichen kommerziellen Blogs und Aggregatoren? 5+ Jahre? Logisch, dass die Strukturen erst im Aufbau begriffen sind. Man sollte sie aber nicht unterschätzen. Denn sagt es nicht viel über den Markt und die Konsumenten aus, wenn sich trotzdem in historisch extrem kurzer Zeit erste ernstzunehmende Konkurrenz bilden kann? TC, GigaOm, RWW und co. sind alle von der Seite gekommen und haben die etablierten Größen in ihrem Markt in ihre Schranken verwiesen. (Dass das erst im Techbereich passiert, ist auch klar. Die dortigen Konsumenten sind per se immer die Vorreiter bei der Adoption. Und soll mir niemand erzählen, dass sich das nicht über die nächsten Jahre auf die Restbevölkerung überträgt. Das erste Mal nytimes.com aufrufen, ist genauso verwirrend wie das erste Mal techmeme.com aufrufen. Bei beiden muss man die Nutzung erst erlernen.) 3. Andere Sites wie Digg, Twitter oder Facebook können bereits massiv Traffic liefern und wachsen weiterhin rasant. Du glaubst das spielt keine oder nur eine geringe Rolle in zwei, fünf, zehn Jahren? Mit jedem Jahr wachsen die Opportunitätskosten für eine Bezahlschranke. "Zweitens sind Links auf offen verfügbare Inhalte nur etwas wert, wenn man sie monetarisieren kann, und zwar durch Werbung. Im Moment bröckeln aber die Preise für Internetwerbung immer weiter ab, und das ist nicht nur ein konjunkturelles, sondern ein strukturelles Problem. Es gibt schlicht zu viel undifferenzierte Werbeplätze. Damit fällt auch der kommerzielle Wert eines Links dramatisch." Nee, Links sind der effizienteste und oft sogar der einzigste Weg, online neue Stammleser zu generieren. Reichweite und Bekanntheit bekommt man so am effizientesten. Paywall bedeutet bestenfalls Stillstand, schlechtestenfalls Rückgang der Leserschaft. Außerdem ist die Bannerwerbung nicht die einzige Alternative zum Direktkassieren. Expertenblogs ZB wie Buzzmachine verschaffen den Verfassern Vorträge, Beratungsaufträge etc. Das gilt auch für Teamblogs wie Techdirt. Und ja, das ist keine Lösung für eine ganze Branche. Muss es auch nicht sein. Es sind nur Beispiele für Kleinsteinheiten, denn: Medien waren immer im Aufmerksamkeitsgeschäft. Was sie ihren Werbekunden verkauft haben, ist Aufmerksamkeit, Reichweite. Das via Bannerwerbung zu vermarkten ist nur ein Weg, und ein online recht holpriger, wie wir mittlerweile wissen. Zu glauben, dass sich deswegen die noch schlechtere Alternative durchsetzt, halte für äußerst gewagt. Ah, ich sollte doch dazu noch einen Artikel schreiben. Damn it. :)

  • Peter Hogenkamp

    10.06.09 (21:25:48)

    @Matthias: Danke für die Anregung und auch für die eigenständige Budgetierung. Andreas Göldi ist zwar Schweizer, lebt aber in Boston und macht dort sein eigenes Start-up, daher wird das mit dem Seminar wohl trotz allem etwas schwierig. Jetzt ist er gerade in der Schweiz, und ich sehe ihn morgen früh. Werd ihn mal darauf ansprechen, aber vorerst muss ich leider erstmal absagen, aber wie gesagt, danke für die Initiative.

  • ephes

    11.06.09 (00:14:25)

    Bin mir nicht sicher, ob ich alles richtig verstanden habe, aber die wirtschaftlichen Mechanismen sollten ja unabhängig von der Art des produzierten Contents funktionieren, oder? Dann sollten die Auswirkungen zunächst bei Contentproduzenten sichtbar werden, bei denen die Grenzkosten eine grosse Rolle spielen. Testen wir die Bezahl-Hypothese doch mal an einem Beispiel: Wikipedia Was ist zu erwarten, wenn die Print-Schiene ganz zusammenbricht? Die unschöne Realität ist, dass viele Verlage das nicht überleben werden. Darum und weil das Internet plötzlich die Kosten für die Inhaltserstellung immer mehr allein tragen muss, wird das gesamte Angebot im Markt zurückgehen, und damit steigen auch die Preise. Werden die Preise für Enzyklopädien nach dem Untergang der Druckausgabe des Brockhaus (die von 2006 ist wohl die Letzte) wirklich steigen?

  • Leander Wattig

    11.06.09 (00:40:32)

    @ Oliver Springer "Die große Herausforderung für Verlage / Medienunternehmen besteht meiner Ansicht nach jetzt darin, diesen Sachverhalt den Menschen nicht nur zu vermitteln, sondern mit den Konsumenten das erforderliche Verhalten einzuüben." Was soll "das erforderliche Verhalten einzuüben" konkret bedeuten?

  • Stadtbote

    11.06.09 (08:02:32)

    Endlich mal wieder eine klare, unideologische Analyse auf diesem Blog. Glückwunsch! Nur eine Kleinigkeit: Der Begriff "Newsmedien" ist wahrscheinlich irreführend, weil reine News ("Partei xy hat die Wahl gewonnen")größtenteils Commodities sind. Für Kurzmeldungen dieser Provenienz wird auch zukünftig niemand zahlen. Anders sieht es aber aus, wenn es um Einordnung, Bewertung, Analyse geht - und zwar auf hohem Niveau so wie in diesem Beitrag.

  • Martin Weigert

    11.06.09 (09:30:21)

    Ich möchte noch einmal genauer auf die Kostenseite blicken: Ein journalistisches Qualitätsmedium der Zukunft hat nicht nur erheblich geringere Distributionskosten, sondern kann auch dezentral arbeiten - verschiedene lokale Redakteure, verteilt über die ganze Welt, die mit Hilfe von Onlinetools gemeinsam arbeiten. Das reduziert die anfallenden Fixkosten noch einmal dramatisch. Kein Büro, keine Fruchtkörbe, keine Drucker, keine Standleitung, keine Rezeption usw usw usw. Dieser Aspekt kommt mir im obigen Artikel und in der Diskussion zu kurz. Je mehr es also führenden Blogs gelingt, sich zu professionalisieren, gleichzeitig aber die schlanke Kostenstruktur beizubehalten, desto stärker werden sie zu einer Konkurrenz für etablierte Qualitätsmarken mit all ihren Fixkosten und ihrer traditionellen Arbeitsweise. Und wer außer für die Autoren und für ein paar Webwerkzeuge nichts weiter bezahlen muss, kann es sich mitunter auch in Zukunft leisten, hochwertigen Content gratis zu verteilen.

  • Andreas Göldi

    11.06.09 (12:56:14)

    @Martin: Diesen Optimismus bezueglich neuer Redaktionsstrukturen kann ich nur bedingt teilen. Stark verteiltes Arbeiten mag eine Option fuer eher "langsame" oder stark an Persoenlichkeiten orientierte Medien (wie Blogs) sein. Aber ein taegliches bzw. laufend aktualisiertes Medium braucht die soziale Dynamik eines Newsrooms, um eine publizistische Handschrift reinzukriegen. Nicht umsonst sind viele Online-Angebote von Zeitungen erst besser geworden, als die Newsrooms integriert wurden. Selbst ein grosses Blog wie Techcrunch hat inzwischen ganz traditionelle Bueros (http://www.techcrunch.com/2009/03/09/techcrunch-now-has-an-office-that-isnt-my-house/). Das wuerden die kaum machen, wenn ein bisschen Skype und e-Mail gut genug waeren fuer die taegliche Redaktionsarbeit.

  • Martin Weigert

    11.06.09 (13:32:59)

    Naja nur weil TC ein Redaktionsbüro hat, würde ich nicht automatisch den Schluss ziehen, dass dies für alle aufstrebenden Blogs so geschehen muss. Davon abgesehen - spartanischer und mehr auf Low-Budget getrimmt geht es nicht. So eine Lokalität in irgendeinem Industriepark lässt sich für wenig Geld finden und ist weit von einer echten Redaktion mit allem dazugehörigen Komfort entfernt. Aber ein taegliches bzw. laufend aktualisiertes Medium braucht die soziale Dynamik eines Newsrooms, um eine publizistische Handschrift reinzukriegen. Ich will nicht in Frage stellen, dass dies bisher so war. Aber ob dies wirklich immer so sein muss, dagegen schon. Man muss nur funktionierende Lösungen zur Organisation von verteilter Arbeit finden, um Workflow und Kreativität nicht zu beschädigen. Ich behaupte nicht, dass dies leicht ist, und ich habe auch kein Patentrezept dafür. Nur grundsätzlich ausschließen, wie du es machst, möchte ich es nicht. Eine "Why not"-Denkweise ist meiner Ansicht nach besser als eine "No never"-Einstellung.

  • Daniel Niklaus

    11.06.09 (13:38:00)

    @Martin Die Chance, dass ein traditioneller Verlag dich beauftragt und dich für gute Artikel bezahlt, ist grösser, als dass sich die Blogs für die Massen erfolgreich professionalisieren. Dass aber z.B. aus Netzwertig ein "Fachverlag" werden kann, dafür sehe ich durchaus Chancen. Dann, vermute ich, bekommt Peter vorher ein gutes Angebot von einem traditionellen Fachverlag. Weil diese verfügen immer noch über massig mehr Substanz, als "die Neuen" im Markt.

  • Marcel Weiss

    11.06.09 (14:02:11)

    @Andreas: "Selbst ein grosses Blog wie Techcrunch hat inzwischen ganz traditionelle Bueros (http://www.techcrunch.com/2009/03/09/techcrunch-now-has-an-office-that-isnt-my-house/). Das wuerden die kaum machen, wenn ein bisschen Skype und e-Mail gut genug waeren fuer die taegliche Redaktionsarbeit." Ist das nicht eher ein Beispiel dafür, dass sich nachhaltige Strukturen unabhängig von etablierten Strukturen und Paid Content finanzieren lassen? Martins Aussage "Eine “Why not”-Denkweise ist meiner Ansicht nach besser als eine “No never”-Einstellung." finde ich interessant. Gerade heute, wo sich alles auf den Kopf stellt, ist oft nützlich, genauer hinzuschauen und sich nicht die Sicht auf die Dinge versperren zu lassen, in dem man von zu vielen starren Parametern ausgeht. Würde ich hier behaupten, das Menschen freiwillig ohne direkte Bezahlung global kooperieren könnten, um ein Lexikon oder ein Betriebssystem zu erstellen, würde man mir in den Kommentaren kollektiv den Vogel zeigen, wenn es Wikipedia und Linux nicht geben würde. Die veränderten Transaktionskosten ermöglichen neue Organisationseinheiten. Ich würde nicht darauf setzen, dass ausgerechnet Unternehmen, die mit reinen Informationen arbeiten, davon verschont werden.

  • Patrick

    11.06.09 (15:11:25)

    @Alle Hier wird eine Diskussion um Glauben geführt. Was kommen wird, wissen wir nicht. Das ist eben das Interessante an der Zukunft. Wir können höchstens aus der Vergangenheit lernen. Paul A. David, ein Wirtschaftshistoriker, hat vor fast 20 Jahren untersucht, wie der Strom die Produktionsmethoden verändert hat. Obwohl Strom schon in den 1880er Jahren in London oder New York allgegenwärtig war, hatten sich selbst 20 Jahre später die Produktionsmethoden noch nicht grundlegend verändert. Erst weitere 20 Jahre später hat man die Produktivitätsfortschritte, die erst durch Strom möglich waren, messen können. Das Internet ist eine vergleichbare Querschnittstechnologie. Durch das Internet wird sich die Art und Weise verändern, wie wir arbeiten. Und es wird noch eine längere Zeit vergehen, bis wirklich alle Auswirkungen sichtbar sind. Die heutigen Geschäftsmodelle sind Geschäftsmodelle, die aus dem Papierzeitalter stammen. Ganz ehrlich, keiner weiss, wie die Zukunft sich entwickeln wird. Eine Gruppe von Wissenschaftlern argumentiert, dass wir dank sinkender Transaktionskosten mehr marktliche Koordinationsmechanismen haben werden, andere sagen, dass eben auch hierarchische Koordination z.B. in Grossunternehmen vom Internet stark profitieren wird, so dass nicht klar ist, welche Form (klein und viele gegen grosse Unternehmen) dominieren wird. Während vieles für klein und dezentral spricht, spricht auch einiges für Winner-takes-it-all Märkte. Zwar gibt es Millionen von Websites, aber nur ein Google, ein Facebook, etc. Also, die Zukunft ist unbekannt. Lasst uns weniger glauben, sondern aufzeigen, dass es eben nicht eine Wahrheit gibt.

  • Peter Eberhard

    12.06.09 (10:39:32)

    Meine These: Angesichts des rasant zunehmenden Gratisinformationsvolumens - mit gleichzeitig steigendem Schrottanteil - wird der Bedarf an Eindordnung, Orientierung, Analyse, Kommentar, Hintergrund ebenfalls zunehmen. Und das ist für mich die Chance dessen, was man heute "Tageszeitung" nennt - ob Print oder Online oder, wohl eher, kombiniert. Vorausgesetzt, es wird intelligenter, reflektierter Inhalt geliefert und nicht einfach dem Mainstream nachgeplappert. Also: Die reinen Fakten-News hole ich mir am Tag X online (gratis), die Hintergründe am Tag X+l aus meiner intelligenten Tageszeitung (und dafür bin ich bereit zu zahlen, weil ich es sonst nirgends kriege). Oder ist das nur naives Wunschdenken eines digitalen Immigranten?

  • Martin Weigert

    12.06.09 (11:28:40)

    Peter, ich finde, das klingt sehr plausibel. Kurz und bündig auf den Punkt gebracht.

  • Andreas Göldi

    12.06.09 (13:04:01)

    @Peter: Genau das wollte ich mit den verschiedenen Versionen zu verschiedenen Preisen, samt Gratis-Basisversion ("Freemium") sagen.

  • Klaus

    12.06.09 (22:55:15)

    Die Frage ist nur, wer die Presseagenturen für die reinen Fakten-News entlohnt, wenn es die Masse an Zeitungen nicht mehr gibt, die bisher für Agenturmeldungen bezahlen. Eine dpa oder ein Reuters mit Hunderten von Redakteuern und einem weltweiten Korrespondentennetz kostet schließlich auch Geld - und zwar nicht zu knapp.

  • Uli Speck

    12.06.09 (22:56:55)

    Viele gute Punkte in dieser Diskussion. Etwas zu kurz kommt allerdings das Inhaltliche, naemlich: Welche Inhalte sind attraktiv genug, um Kaeufer zu finden? News, Nachrichten sind es nicht, jedenfalls nicht allgemeine News. Diese News werden groesstenteils von den Nachrichtenagenturen generiert -- Reuters, AP, AFP, DPA -- und eben kaum von den Zeitungen selbst. News sind ueberall erhaeltlich -- mit dem Internet haben die Zeitungen das Monopol auf News verloren. Eine Chance haben nur Nischen-News: Lokal oder fachspezifisch. Selbst fuer die Einordnung und Diskussion dieser allgemeinen News wird kaum bezahlt werden, weil der Mehrwert zu gering ist -- selbst wenn es sich um Friedman oder Krugman handelt. NYTimes Select ist ja genau deshalb aufgegeben worden. Aus diesen Gruenden wird jede allgemeine Tageszeitung, die sich auch nur teilweise hinter einem Paywall verschanzt, in grosse Probleme kommen. Die Zugriffsraten werden in den Keller rasseln. Anders verhaelt es sich mit Medien, die einen offensichtlichen Nutzwert haben, ueber die politische Bildung hinaus. Das gilt insbesondere fuer Wirtschaft: Financial Times, und zu gewissem Grad auch fuer das Wall Street Journal. Der Trend der Verlage, angesichts des Niedergangs im offline-Geschaeft zu versuchen, online Geld zu verdienen, wird zur Frustration fuehren. Keine der grossen US- oder deutschen Zeitungen ist derart einzigartig, dass man nicht ohne sie auskommen koennte. Wenn die Paywall hochgeht, werden Leser eben woanders finden, was sie interessiert. Insofern wird das grosse Paywall-Experiment, das in den USA bevorsteht -- und in Deutschland offenbar kopiert werden soll --, wahrscheinlich den Niedergang des Zeitungswesens noch beschleunigen. Journalismus wird es auch weiterhin geben, hoffentlich sogar besseren (die Monopole ueber Jahrzehnte haben den Journalismus faul gemacht). Journalismus wird eben nur neue Business-Modelle finden muessen, um zu neuer Bluete zu kommen. Gegenwaertig sehen wir eine Vielzahl von Experimenten, ohne dass schon neue feste Standards erkennbar waeren. Wir wissen nur, dass das Ancien Regime broeckelt (Deutschland), oder am Zusammenbrechen ist (USA), wie die neue Ordnung aussieht, wird sich in den naechsten Jahren zeigen.

  • Matthias

    13.06.09 (00:26:13)

    @Peter Hogenkamp /#14: Danke für deine schnelle Reaktion. Das mit Andreas und Boston war mir klar, ich wollte es trotzdem mal einwerfen, war nur laut gedacht (und sollte natürlich auch meine Wertschätzung ausdrücken). Weitere Gedanken: vielleicht wäre ein kostenpflichtiger AGöldi-Informationsdienst eine Nische über die es sich lohnen würde nachzudenken. Oder ein noch kleinerer Schritt: im Moment muss ich zwischen http://blog.agoeldi.com/ und hier hin und herspringen, also mich würde es nicht stören wenn seine Blogartikel alle auch hier erscheinen würden (das Layout hier ist noch etwas angenehmer zu lesen), die könnten auch ruhig englisch bleiben. Ist bei diesem Artikel zwar der Fall, aber z.B. den sehr gute Smart-Bundling-Artikel vom 19. Mai gibts nur auf seinem Blog. Praktisch wäre auch ein Kasten direkt auf der Home, wo man sofort sehen könnte ob von Andreas was neues dabei ist. Aber genug der Lobhudelei, ich will auch damit nicht die Arbeit der anderen Autoren hier herabwürdigen. Bin trotzdem der Meinung, Andreas spielt aufgrund Ausbildung und Berufserfahrung in einer "league of its own", und mit dem Pfund würde ich als blogwerk ag noch mehr wuchern.

  • Matthias

    13.06.09 (00:44:44)

    zu der sehr interessanten Diskussion, insbesondere Peter Eberhart #24: Sehe das ganz genauso, Einordnung und Hintergrundinformation in der Gratis-News-Schwemme ist und wird ein Markt sein. ABER: Welche Chance hat die Tageszeitung hier wirklich? Ist die Tageszeitung dazu wirklich das geeignete Medium? Oder ist das nicht vielmehr - wie jetzt auch schon - eine Wochenzeitung? Machen wirs doch an einem konkreten Beispiel fest, dem Flugzeugabsturz von letzter Woche. Um hier fundierte Hintergrundinformationen liefern zu können, brauche ich in der Redaktion erstmal jemanden, der auf Flugzeuge spezialisiert ist - der alle Flugzeugtypen kennt, alle Unglücke der Vergangenheit, der ein Kontaktnetzwerk zu Piloten, Ingenieuren etc. unterhält und damit die Frage nach den möglichen Absturzursachen etwas kompetenter beleuchten kann. Das kann eine mittelgroße Zeitung schonmal nicht leisten, aber das entspricht ja auch der These von Andreas. Nun bin ich eine große Tageszeitung und habe diesen Mann. Nun aber Problem 2: Die Nachricht geht um 13 Uhr über den Ticker, der Mann hat kaum 5 Stunden Zeit für seine Hintergrundrecherche bis Redaktionsschluss - viel zu wenig. Deine Lösung "Tag X+1" mit diesem Artikel rauszugehen, macht aber ein ganz anderes Fass auf: nämlich den Nutzungsgewohnheiten der Zeitungsleser. Wieder konkret: Das Flugzeug stürz am Montag ab, d.h. am Mittwoch habe ich den relativ langen Hintergrundartikel im Blatt. Jetzt hat der Leser aber Mittwoch dafür keine Zeit, sondern vielleicht erst am Wochenende. Bis dahin hat er aber auch noch die Donnerstag, Freitag und Samstagausgabe auf dem Tisch. Deshalb gibt es ja die Wochenzeitung (Spiegel, Focus etc). Die gibt mir psychologisch das Gefühl, auf ein Mal die wichtigen Hintergrundgeschichten zu aktuellen Ereginissen in den Händen zu halten. Ich bin schon gewohnt, im Laufe der Woche immer wieder mal drin zu blättern und auch längere Artikel zu lesen. Dieses Nutzungsverhalten bin ich bei Tageszeitungen doch gar nicht gewohnt. Und das Medium - täglich ein Stapel Papier - ist dafür doch gar nicht geeignet. Deshalb wäre meine These: Wochenzeitungen wird es noch lange in Print geben, dort wird das Bedürfnis nach Einordnung und Analyse der Gratis-News-Flut befriedigt. Die Tageszeitung hat dagegen ganz schlechte Karten.

  • Tarantoga

    13.06.09 (09:45:04)

    Die Markt-Preis-Modelle sind letztlich auch nur abstrakte Ideologie. Ein Eiswürfelverkäufer am Nordpol wird niemals Geld verdienen. Egal wie seine Kostenstruktur ist, egal wie viele Kunden rumstehen und egal wie viele Wettbewerber er verdrängen konnte. Hinzu kommt, dass sich die Gewohnheiten potentieller Leser verändern. Früher hatte jeder halbwegs gebildete Haushalt seine Tageszeitung abonniert, auch wenn dann niemand im Haushalt signifikante Teile der Zeitung gelesen hat. Mit dem Internet verteilt sich die Aufmerksamkeit der Leser hin zu Spezialinteressen. Nicht umsonst ist eines der kommerziell erfolgreichsten Blogs der Welt eines mit dem Thema Promis&Starlets. Das interessiert eben die Masse. Für klassische Nachrichten aus Politik und Gesellschaft interessiert sich sowieso nur eine kleine Minderheit und die Zahl derer, die dafür auch nur irgendwas bezahlen würden, ist nochmals viel kleiner. Provokant gefragt: Welchen Nutzen haben politische Nachrichten überhaupt, wenn es ohnehin keine Mitbestimmung in der Demokratie gibt, für die diese Informationen von Bedeutung wären? Ich befürchte daher, dass in Zukunft in vielen Bereichen klassischer Nachrichten (ebenso wie bei den meisten Blogs) derjenige bezahlen wird müssen, der die Nachricht/Meinung veröffentlicht haben möchte. Zum Teil ist das gut, denn der Zustand der früheren Printmedien, wo der Leser auch noch dafür bezahlen musste die Meinung des Verlegers vorgekaut zu bekommen, war letztlich absurd. Ich erwarte daher, dass zukünftig eine viel stärkere Vermischung von PR und Werbung mit Nachrichten stattfinden wird. Das wird zwar den Vorteil haben, dass diese Praxis transparenter als heute sein wird, aber letztlich ist das sehr zum Nachteil des Lesers, der „objektive“ Information haben möchte. Es wird daher daneben ein Bereich entstehen, der vom Idealismus der Beteiligten wird leben müssen. Auf Produzentenseite wird es Versuche gemeinnütziger Nachrichtenmedien geben, die durch Stiftungen und Mäzene getragen werden. Auf der Konsumentenseite wird es aber auch Raum für neue Modelle geben, wo Nutzer freiwillig (und wahrscheinlich ohne Vetragsbindung) durch Spenden, Vereinsmitgliedschaften etc. für unabhängige Information bezahlen. In diesem Bereich fehlt es heute leider an geeigneten Bezahlsystemen. Zusätzlich werden Journalisten in dem Bereich lernen müssen, auf die Bedürfnisse der Leser viel besser einzugehen. Die Verkündung der Staatsräson wird es da nicht tun. Was es nicht geben wird, ist die Garantie eines journalistischen Geschäftsmodells.

  • Matthias

    13.06.09 (17:06:09)

    @Tarantoga: Das Markt-Preis-Modell ist keine "abstrakte Ideologie", sondern eine ökonomische Theorie. Klingt zwar ähnlich, ist aber dann doch was anderes ;) Den Sonderfall den du beschreibst mit dem Eiswürfelverkäufer in der Arktis wird in dem Modell prima abgebildet, es handelt sich ja nur um den Sonderfall, dass ein Produkt für jeden Preis >0 eine Nachfrage von 0 erzeugt. Das bedeutet nicht dass das Modell perfekt ist, die starke Vereinfachung erzeugt eine Reihe von anderen Problemen (Stichwort "vollständige Information"), ganz gut einlesen kannst du dich bei Interesse in diesem Wikipedia-Artikel: http://de.wikipedia.org/wiki/Marktgleichgewicht

  • Tarantoga

    13.06.09 (20:51:31)

    Weiß ich doch. ;) Das Problem ist, dass dieses Modell nur eine näherungsweise Betrachtung bietet, die oft zu guten praktischen Konsequenzen führt, aber in manchem Detail andere Betrachtungen besser sein können. Die Ideologie besteht darin, dennoch auf dieser Theorie als bester Betrachtungsweise zu bestehen. Wie inzwischen genug ausprobiert wurde, führen kostenpflichtige Nachrichtenangebote zum Zusammenbruch der Nutzerzahlen. Das bedeutet für obige Marktpreiskurve, dass exakt bei einem Preis von 0 die Menge plötzlich auf ein Vielfaches explodiert. Mit realen Gütern wird man so ein Phänomen niemals beobachten können, schon weil die Produktion nicht elastisch genug ist. Aber für das hier diskutierte Produkt ist eigentlich nur dieser Punkt und seine Nachbarn interessant.

  • Marcel Weiss

    14.06.09 (17:10:05)

    Die Frage ist doch, ob wir es hier mit linearen Angebots- und Nachfragefunktionen zu tun haben. Ich denke nicht, dass das der Fall ist. Bereits mit einer geknickten Nachfragekurve dürfte man der Realität weit näher kommen.

  • Daniel Niklaus

    14.06.09 (18:08:59)

    Vielleicht merke ich jetzt mein fehlendes Hochschulstudium. Aber als Verkäufer behaupte ich, um Eiswürfel in der Arktis zu verkaufen, braucht es etwas Erdbeersauce, ein gediegenes Ambiente für die gewünschte Zielgruppe und dann klappt das auch mit den Eiswürfeln in der Arktis. Beim gesamten Kulturpessimismus der hier herrscht, es gab einen Grund, warum wir in der Vergangenheit für Zeitungen Geld bezahlten und "freiwillig" Gebühren für die öffentlich Rechtlichen abgeben. Wir wollen professionell informiert sein - für alles andere gibt es Gerüchte. Sollte dereinst das Geschäftsmodell für die Verleger tatsächlich nicht mehr aufgehen, bleibt der Grund "wir wollen informiert sein" weiterhin bestehen. Unternehmer werden dann auch Wege finden, dieses Bedürfnis zu befriedigen und die richtige Finanzierung zu finden.

  • Diablo

    15.06.09 (00:24:35)

    Ich sehe auch kein wirkliches Problem darin, wenn gute Magazine ausschließlich online berichten. Es wird aber wohl noch 20 Jahre dauern, bis sich Onlinemagazine vielleicht unter den Top3 "Blättern" etablieren können. Bis dahin wird sich das Angebot von Jahr zu Jahr verschieben. In wie weit zielgerichtete Werbung (Google z.B. wir da von Jahr zu Jahr besser) die Einnahmen noch erhöhen wird, ist heute noch nicht absehbar.

  • tsubame

    16.06.09 (11:15:06)

    In der ganze Diskussion fehlt noch ein extrem wichtiger Faktor: Der derzeitige TKP (Tausender Kontakt Preis) für Print und Online. Durch Feedback-Studien wissen wir, dass Printwerbung für Produkte deutlich besser rezepiert wird (Anzahl Feedback pro 1000er Kontakt) als Online-Werbung. Also ein Lead über Print kostet (das ist ein spezifisches Beispiel und lässt sich nicht pauschal übertragen) mich via Print 30 Euro - bei großen Webseiten hingegen 400 Euro. Das hat sich bisher aber noch nicht zu den Mediaplanern rumgesprochen (da die meisten die Wirksamkeit von Print-Werbung nicht messen). Die Konsequenz: Online-Werbung wird derzeit zu teuer verkauft. Und trotz des hohen Online-TKPs können sich Online-Medien nicht finanzieren. Sollten also Medienplaner in Zukunft die gleiche Feedback-Quote von Online wie von Print erwarten, dürfte Online ganz und gar nicht zu finanzieren sein.

  • ben_

    21.06.09 (13:21:31)

    Ein spannender Aspekt im Unterschied zwischen Print und Online ist die Granularität. Während ich im Print immer Produkt mit einer Mischkalkulation habe, kann ich im Netz bis auf den einzelnen Artikel entscheiden, ob er produziert wird oder nicht, und präzise seine Einnahmen verfolgen. Der Break-Even läßt sich dank Google Ads und Google Analytics bis auf die kleinste journalistische Einheit runterbrechen. Steht die (initial kostengünstige oder wenn man Jeff Jarvis folgt sogar dank Google konstenneutrale) Infrastruktur, kann ich Nachfrage auf Keyword-Ebene messen und auf Artikel-Ebene befriedigen. Das ist zwar wirtschaftlich mit den gleichen Mechanismen abbildbar, bedeutet für die Verlage aber ein radikales Umdenken. Ein weiterer spannender Aspekt in diesem Rahmen ist die Gemeinnützigkeit und die Öffentlich-Rechtlichkeit. Gemeinschaftlich finanzierter News-Journalismus, wie ihn ARD und ZDF betreiben, stellt hier im Netz eine weitaus größere Herausforderung für die Verlage dar, als es vorher war. Sinkt durch die wegbrechenden Printeinnahmen auch das Online-Angebot, bleiben die öffentlich-rechtlichen Angebote aber weitehrin bestehen und "gefährden" so das Zurückwandern der Angebotskurve. Gleichzeitig besteht (wiederum durch die massive Reduktion der initialen aber auch laufenden Kosten) zum ersten Mal überhaupt die Möglichkeit, ein auf Gemeinnützigkeit gründendes, journalistisches Massenmedium zu etablieren. Protale wie Nowpublic.com sind ein erster Anfang, der zudem noch durch direkten Zugang zu Newsquellen wie Reuters Spotlight beschleunigt werden. Unsere Gesellschaft hat sich in vielen Bereich dazu entschlossen wichtige Teile nicht privatwirtschaftlich, sondern gemeinnützig und gemeinschaftlich zu gestalten. Warum sollte Journalismus sich nicht dahin entwickeln? Je länger ich diese Vorstellung schon hege, desto einleuchtender erscheint sie mir. Die Parallelen zwischen dem deutschen Universitäts- und Hochschulwesen einerseits und dem deutschen Journalismus und Verlagswesen andererseits sind eigentlich so unübersehbar, dass mir beide inzwischen fast wie Geschwister erscheinen. Die Innere Mechanik dieser Institutionen; das Selbstverständnis ihrer Akteure; sogar die eigentliche, tatsächliche Arbeit (am Computersitzen und schlaue Texte lesen und schlaue Texte schreiben) ähnelt sich so frapierend … warum also nicht?

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