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10.02.08Leser-Kommentare

medienlese - der Wochenrückblick

Klagen, Plagiate, Recherchen bei Wikipedia.

Es wurde geklagt diese Woche. Der Verleger der Gratiszeitung .ch, Sacha Wigdorovits, klagte gegen den SonntagsBlick des Ringier-Verlags. Er warf der Zeitung "zahlreiche Unwahrheiten" vor, "die den Werbemarkt verunsichert haben" sollen und nannte einen Artikel "besonders heimtückisch".

Der ehemalige Chef der Swissfirst Bank, Thomas Matter, reichte eine Zivilklage über 10 Millionen Franken gegen den NZZ Verlag ein. Die NZZ am Sonntag habe "mehrfach Unwahrheiten" verbreitet . Während sich der Ringier-Verlag demütig zeigte und sich zweifach auf der Titelseite bei Thomas Matter entschuldigte, zeigte der NZZ Verlag kein Entgegenkommen und stellte nun den Antrag, das Verfahren aufzuteilen. Persoenlich.com schreibt: "Die Klage gegen den Verlag soll separat von der Klage gegen die Journalisten behandelt werden." Die beiden Journalisten, Charlotte Jacquemart und Daniel Hug, gewannen für ihre Berichterstattung zum Fall den Zürcher Journalistenpreis 2007 und damit 7000 Franken. Das neuste Gerücht lautet nun, dass Thomas Matter als Grossaktionär bei der NZZ eingestiegen sei.

Unglück traf auch das neu aufgemachte Kulturmagazin Du , denn die Zürcher Werbeagentur Euro RSCG Switzerland unter der Leitung von Frank Bodin (Chairman und CEO) hat das Werbeplakat, "auf dem das Heft einem Leser als Farbexplosion ins Gesicht klatscht", offenbar im Internet gefunden. Frank Bodin: "Unser Kreativteam hat das Bild in einem Blog gesehen und die Idee übernommen, ohne jemanden zu informieren". Dem Kleinreport sagte er, ähnliches passiere zwar immer wieder, mache es aber nicht besser.

Eine Studie unter 2700 deutschen Journalisten , die gerne erwähnen, wie unzuverlässig Wikipedia sei, ergab, dass sie sich ebenso gerne dort informieren: "74 Prozent gaben an, Wikipedia zu Recherchezwecken verwendet zu haben." Hendrik Zörner, Pressesprecher beim DJV, sagte dazu: "Journalisten, die Wikipedia bei ihren Recherchen zu Rate ziehen, sollten zwei Dinge beachten: Erstens müssen sie sich vergewissern, woher die dort gefundenen Informationen ursprünglich stammen und zweitens sollten sie zu ihrer eigenen Rückversicherung noch mindestens eine weitere Quelle hinzuziehen". Nur Google ist noch wichtiger bei der Recherche: 95% der Befragten stuften die Arbeit mit der Suchmaschine als "sehr wichtig" oder "wichtig" ein.

Die Bank UBS verweigerte dem Schweizer Fernsehen die Live-Übertragung einer ausserordentlicher Generalversammlung, die Boulevardzeitung Blick wird ab März 2008 nur noch in einem Bund erscheinen und die AZ Medien Gruppe vertagte ihren Entscheid über die Lancierung einer Gratiszeitung. Der Newsletter Ronorp suchte Mitarbeiter aus Zürich, die eine "hohe Affinität zu Internet/Neuen Medien" aufweisen können und sich dazu auch noch in den Bereichen Nachtleben und Orthographie auskennen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • mds

    10.02.08 (19:54:37)

    Woher kommt eigentlich das populäre Missverständnis, der Zürcher Journalistenpreis sage etwas über die Qualität der journalistischen Arbeit der Preisträger auf? Gerade bei den im Journalismus häufigen Persönlichkeitsverletzungen sehe ich keinen wesentlichen Unterschied zwischen solchen Preisträgern und weniger hoch dekorierten Journalisten ?

  • Jean-Claude

    11.02.08 (10:35:55)

    @MDS, dass Journalistenpreise, insbesondere in Zürich, noch nicht unbedingt ein Qualitätsmerkmal sind, sehe ich auch so. Anderseits gefällt es mir natürlich sehr, dass ausgerechnet die wirtschaftsnahe NZZ nicht sofort einknickt, wenn ein gescheiterter Privatbankier mit einer Zehn-Millionen-Klage gegen die Redaktion der NZZ am Sonntag droht. Der Hintergrund dieser Affäre: zwei Grossaktionäre der kleinen Bank Swissfirst haben versucht, sich gegenseitig auszutricksen. Beide Parteien fanden willige Journalisten , die in den Medien die jeweilige Position besonders freundlich beleuchteten. Der Ringier-Verlag, mehr zu Hause im Blättliwald als im Finanzbusiness, hat den Schwanz jämmerlich eingezogen und einen öffentlichen Kotau vor Matter gemacht, wie es ihn so zuvor wohl noch nicht gegeben hat. Es war eine tränenreiche Entschuldigungsorgie, wobei nie klar wurde, wofür Ringier sich eigentlich entschuldigte. Die Androhung einer Zehn-Millionen-KLage genügte offenbar.Die Hintergründe blieben, wie in der Schweiz bei solchen Affären durchaus üblich, im Dunkeln. Das Wirtschaftsmagazin "Bilanz" oder die "Weltwoche", damals noch im gleichen Verlag, habe sich offen auf die Seite des Bankiers Matters gestellt und ehrerbietige Interviews mit ihn veröffentlicht; hinter ihm stehen illustre Namen der Zürcher Grossfinanz, die sich in den Medien gleichfalls lautstark für Matter eingesetzt haben. Ich gehe davon aus, dass die Karten der NZZ-Journalisten besser sind als die der andern, obwohl auch sie nicht darum herum kommen werden, ihre Karten - zu mindest teilweise -offenzulegen, von wem sie mit Insider-Informationen, die man nicht recherchieren kann, gefüttert wurden, unter welchen Bedingungen und mit welcher Absicht. Das ganze böte über die Millionenklage hinaus Stoff für eine spannende Sittengeschichte über das Wechselspiel zwischen Wirtschaft und Publizistik in einem kleinen Land, wo jeder jeden kennt. Aber gerade weil hier jeder jeden kennt, wird diese Geschichte wohl nie geschrieben werden.

  • mds

    20.02.08 (09:55:06)

    Haben sich unsere Medien nicht sowieso von ihrer Wirtschaftskompetenz verabschiedet? Die Berichterstattung über unsere Grossbanken ist ein einziges Dekabel. Wer sich informieren möchte, liest im englischen Sprachraum mit ? und macht sich dann wesentlich mehr Sorgen als nach der diesbezüglich allzu beruhigenden Lektüre von NZZ, etc.

  • Jean-Claude

    20.02.08 (16:00:56)

    @mds: Ist es bloss mangelnde Kompetenz? Jedenfalls habe ich den gleichen Eindruck wie du: In Schweizer Medien erfährt man über die Grossbanken eigentlich nichts. Wenn es nichts zu bejubeln gibt, sondern Nachhaken und Recherche gefragt ist, führt der Weg immer zuerst über "Wall Street Journal" und "Finacial Times". Erst danach wagen sich Schweizer Journalisten vor - und zitieren mutig, oft aus entrüstet, die angelsächsischen Kollegen. Das fällt nicht nur beim Thema Banken auf. Wenn der grösste Maschinenbaukonzern des Landes und einer der grössten der Welt, ABB, seinen CEO über Nacht ohne weitere Erklärung entlässt - die Schweizer Medien wissen von nichts. Rein gar nichts. Auch Tage danach nicht. Dabei bereiten sich solche Entscheidungen über Wochen vor. Zürcher Journalisten, Tür an Tür mit den Mächtige der Wirtschaft, erfahren nichts. Ob sie nicht wollen oder nicht können? Ich weiss es nicht. Zuerst wurde ABB-CEO Fred Kindle bis über den grünen Klee von diesen Medien gelobt. Und uebergangslos wird nun der VR-Präsident über den grünen Klee gelobt, der Kindle über Nach gefeuert hat. Kein Wort der journalistischen Selbstkritik. Manchmal ist das fast wie zu DDR-Zeit mit dem "Neuen Deutschland": alles stramm auf braver Linie. Dieselbe fromme Blauäugigkeit beim Thema CS. Die "Bilanz" brachte mehrseitig eine wie üblich jubilierende Story über CS-Chef Brady Dougan, den General der Credit Suisse. Toller Hecht, Supermanager, weil er sich blütenweiss aus der US-Immobilienkrise herausgehalten habe. Alles nur Mist! Wenige Tage später gab die CS bekannt, dass sie insgesamt 3,1 Milliarden Franken in der Immobilienkrise verbrannt hat. Ueber die Zahl von 3100 Millionen regt sich schon gar niemand mehr auf. Man muss nicht Wirstchaftsjournalist sein, um zu wissen, dass dies mit Garantie noch nicht das Ende der Affäre ist. Den Fortgang werden wir sicher nicht zuerst aus Schweizer Medien erfahren. Die reagieren erst, wenn die Bank mit einem offiziellen Communiqé die Erlaubnis zum Schreben erteilt. Auch wie die akute Liechtenstein-Affäre von Schweizer Medien behandelt wird , ist unter aller ... (nein, ich halte mich trotz erheblicher Zornaufwallung zurück): unter aller Kritik. Als hätten diese Vorgänge mit der Schweiz nicht das Geringste zu tun. Als lägen auf Schweizer Bankkonten nicht hunderte von Milliarden (!) Franken ans steuerhinterzogenem Schwarzgeld. Ein grosser Teil davon aus Deutschland. Das ist kein Geheimnis, das ist offiziös, auch was die Zahlen betrifft. Hat man in den letzten Tagen in Schweizer Medien etwas einigermassen Brauchbares darüber gelesen? Oder darüber, dass Liechtensteiner Treuhänder häufig nur als Geldsammelstelle arbeiten und das Schwarzgeld unmittelbar auf Schweizer Bankkonten weiter transferieren? Ist es Dummheit, ist es Angst, ist es Schleimerei, ist es Unwissen, ist es Korruption im Journalismus?* *) Passendes bitte ankreuzen.

  • Jean-Claude

    21.02.08 (12:43:48)

    Ncoh ein kleiner Beitrag sozusagen zur Beweisführung (siehe oben): "Die Schweiz von Steueraffäre nicht betroffen", titelt heute Donnerstag die NZZ im Wirtschaftsteil über einen Berichts zur Liechtenstein Connection. Ein kleines Beispiel, wie aus Journalisten einfach Propagandisten einer offiziösen Argumentation werden , ohne sie zu hinterfragen. Die präsentierten Infos basierten ausschliesslich auf der Lobbyvereinigung "Bankiervereinigung" und auf dem damit in engstem Einklang stehenden Schweizer Finanzministerium. Dass diese unübersichtliche Affäre mit womöglich hunderten Beschuldigten die Schweiz nicht betrifft, kann man als seriös arbeitender Journalist zum jetztigen Zeitpunkt schlicht nicht behaupten. Dass hingegen die Wahrscheinlichkeit extrem gross ist, dass die Spur früher oder später in die Schweiz führt, müsste zumindest erwähnt werden, auch die höchst plausiblen Gründe, warum. Bei den Grossbanken UBS und CS lief es genau gleich ab: Monatelang schrieben die NZZ und andere brav, UBS und CS von US-Immobilienkrise nicht betroffen. Wir doch nicht, hiess die Message. Heute hängen beide Banken so tief drin wie kaum eine andere Bank:zusammen mit 25'000 Millionen Franken, die sich in heisse Luft auflösten. Und es ist noch nicht das Ende. Ich meine, solche Beispiele erleichtern dem Leser doch immer öfter, was man getrost im Voraus ungelesen als Propaganda etc. aussortieren kann. Wenn eine Zeitung das zu oft und zu dreist macht, wird halt möglicherweise diese ganz aussortiert.

  • N.N.

    22.02.08 (19:14:30)

    ... und dann herrscht in Verlegerkreisen noch Verwunderung über den fortlaufenden Auflagen- und Leserschwund. Das qualitative Niveau sämtlicher Medienerzeugnisse in der Schweiz - egal ob Print oder TV - nimmt ab. Gesunder Menschenverstand, journalistische Kompetenz sind längst nicht mehr sexy - Banalität dagegen schon. In der Politik läuft dasselbe Trauerspiel ... Sic transit Gloria mundi!

  • Jean-Claude

    22.02.08 (22:41:58)

    N.N., ich frage mich manchmal, ob dahinter irgendein System steht. Wir werden mit Banalitäten zugeschüttet, jeden Tag dreister, aber die Wahrheit erfahren wir selten, Hintergründe bleiben im Dunkeln, Zusammenhänge werden nicht erforscht. Es ist manchmal wie ein kollektiver brain wash. Gäbe es das web nicht, würden wir vollends zu Idioten gemacht. Hier greifen die Kontrollmechanismen nicht mehr greifen. Und darin liegt eine explosive Kraft. Eine Zeitbombe. Ich glaube nicht an Verschwörungstheorien, aber allmählich zweifle ich, dass das alles auf Zufälligkeiten beruht. In der kleinen Schweiz - anderswo natürlich auch - gibt es eine kleine Heerschar von Spin doctors, von Strippenziehern, von "Consultants" usw. , die ständig zwischen Information und bewusster und gezielter Desinformation pendeln. Dazwischen stehen die Journalisten und durchschauen nicht mehr, was da um sie herum geschieht. Sie merken nicht, wie sie dauernd instrumentalisiert werden. Oder es ist ihnen inzwischen völlig egal. Sie haben ihre - schon immer relative -Eigenständigkeit fast vollständig verloren, und die Unabhängigkeit schon längst, falls es diese in der Publizistik jemals wirklich gegeben hat. Was mich aber wundert, dass diese Branche so wenig in der Lage ist, über ihre unübersehbaren Schwächen - sie werden täglich spürbarer, finde ich - selbst zu reflektieren. Spätestens an dieser Stelle fällt jeweils mit Häme der Ausdruck "Kulturpessmismus". Es ist eigentlich egal, wie man's nennt. Wichtig ist der Befund: allmählich geraten fundamentale Dinge aus dem Lot. Und wir stehen daneben und tun so, als wär da nix. Ich seh das ähnlich wie du N.N.: Wenn die traditionellen Medien so weiter machen, ruinieren die sich selbst und zwar schneller, als sie es für möglich halten. Noch ein paar harte Fakten zu obigen Thema: Gestern Donnerstag interviewte Maybritt Illner den deutschen Finanzminister und redete dabei dauernd von 300 Milliarden Euro unversteuertem Schwarzgeld, das aus Deutschland ins Ausland flieht. Der Finanzminister fragte mal kurz dazwischen:Woher wisssen Sie das? Illner ging nicht drauf ein und merkte nicht, dass der Minister damit andeutete: Mädel, die Zahl ist in Wahrheit noch viel höher. Sonst hätte er ganz anders reagiert, etwa: Was für ein Unsinn. Das ist eine Mondsumme, die Sie da nennen usw.. Der Finanzminister weiss sehr genau , dass diese Schwarzgeldzahlen sehr viel höher sind - und dass sie allmählich existenziell werden für Deutschland. Auf eine parlamentarische Anfrage Ende der 90er Jahre nannte die deutsche Regierung erstmals eine konkrete Zahl: 980 Milliarden DM, unversteuertes Schwarzgeld. Die deutschen Medien stiegen nicht darauf ein. Es war halt grad kein Herr Zumwinkel greifbar. Die genannte Zahl an Schwarzgeld entspricht heute 500 Mia. Euro oder 820 Mia. Fr.. Das war vor zehn Jahren. Heute liegt die Zahl im Billionenbereich. Eine Billion hat eine Million Millionen. Und ein grosser Teil davon ruht auf Schweizer Bankkonten. Aber lassen wir uns lieber wieder von der NZZ und anderen Schweizer Medien einlullen: Die Schweiz ist, natürlich, nicht betroffen.

  • Wolf-Dieter Roth

    23.02.08 (11:02:46)

    Also in Deutschland hat eine Billion 1000 Millionen Millionen. Habt ihr amerikanische Billionen? Die heißen bei uns immer noch Milliarden. Außerdem glaube ich nicht, daß das System wirklich maroder ist als früher - es war in den 50ern und 60ern m.E. weit korrupter. Es ist heute nur transparenter. Was für Journalisten nicht immer angenehm ist: man bekommt weniger Geld als früher und muß dafür mehr arbeiten, steht dabei von Chef und Leser unter Aufsicht. Und kann es nicht allen recht machen. Schreibt man für den Leser, hat man seine Stelle nicht lange, schreibt man für die Chefs, heißt das: Finger weg von brenzligen Storys. Und allen Lesern kann man es auch nicht recht machen. Ist auch keinesfalls die Aufgabe eines Journalisten, aber die, die einen nicht mögen, versuchen alles, um einen rauswerfen zu lassen. Ein weiteres Argument gegen brenzlige Storys....

  • Jean-Claude

    23.02.08 (12:06:50)

    @)Wolf-Dieter: Eine Milliarde hat tausend Millionen und eine Billion tausend Milliarden (auch in Deutschland) = 10 hoch zwölf. Allein in den USA und in Frankreich sind eine "Billion" "nur" tausend Millionen . Hier ist aber die ganze Zeit von der deutschen bez. schweizerischen Billion die Rede (also von einer Million Millionen). Seis drum: Die Summen, die hier im Spiel stehen, sind unvorstellbar gross. Allein die UBS verwaltet Fremdvermögen von mehr als drei Billionen (= drei Millionen Millionen). Das ist natürlich nicht alles Schwarzgeld. Wenn nur zehn Prozent davon Schwarzgeld sind (was nun wirklich sehr, sehr mager gerechnet ist), wären das 300 Milliarden CHF. Angesichts dieser unvorstellbaren Kapitalko nzentrationen und der damit verbundenen Marktmacht wird man schon in grösseren Zusammenhängen denken müssen (siehe oben). Der Fall Zumwinkel & Co beschreibt nun wirklich nur ein Spitzchen eines Eisbergs. Zufällig ist grad eine DVD aus einer einzigen und international keineswegs besonders bedeutenden Bank aufgetaucht. Wenn sich einmal die Mehrheit der Deutschen (und der Schweizer) im Klaren werden, was da hinter den Kulissen abbläuft, möchte ich nicht wissen, was dann los sein wird. Die heutigen Finanzmärkte und die Mobilität des grossen Geldes sind in nichts zu vergleichen mit den 50er und 60er Jahren. Wo es um dermassen viel Geld geht, ist Koruption zwangsläufig. Das ist keine Frage der Moral oder der Ideologie, sondern der Oekonomie. Ich glaube, Journalisten machen sich keine Vorstellung, um welche Dimensionen es hier geht. Das wächst sogar grossen Staaten wie Deutschland oder USA über die Köpfe. Was ich kritisiere: Solche Zusammenhänge kriegt man praktisch nie journalistisch vernünftig aufbereitet serviert. Davor haben alle Angst - und dafür gibt es Gründe. Ich bin kein Schwarzmaler. Aber ein wenig Einblick in die Branche habe ich.

  • Wolf-Dieter Roth

    23.02.08 (13:35:43)

    Haste natürlich Recht. War nur durcheinandergekommen, weil ich eigentlich die Regel kenne, wenn es um "Billions of $" geht, dann sind es nur Milliarden, weil Billionen das Vermögen der ganzen USA übersteigen würden. ich denke, das Verhältnis der Geldmengen ist immer noch wie in den 50ern und 60ern, zumindest was D betrfft (wo man zu dieser Zeit ja nix hatte). Die Reichen hatten immer schon Methoden, ihre Schäfchen trocken zu halten. Auch wenn weltweit die Schere zwischen reich und arm immer weiter sufgeht. Und ja, warum Journalisten so etwas nicht angehen, ist eigentlich klar. Man bekommt wegen eigentlich echten Kindereien schon einstweilige Verfügungen an die Backe. Aber wer wirklich was von diesen Dimensionen aufdeckt, ist am nächsten Tag arbeitslos und hat EVs in Millionenhöhe gegen sich. Da braucht man sich keine Illusionen zu machen. Abgesehen davon, daß so etwas nur infolge weiterer Geldgier (nämlich desjenigen, der die DVD verkauft hat) auffliegen kann. Und die Millionen für diese DVD, die kann ein Finanzbeamter bewilligen, ein Verleger würde es nicht tun. So edel, daß jemand eine derartige Story für lau preisgibt, wenn er auch 4 Millionen damit machen kann, ist niemand. Auch hier ist es also nur eine Frage des Geldes. Das Lustige ist es im Übrigen, wenn dann von "Steuerhinterziehung als Kavaliersdelikt" geredet wird. Das mag es bei armen Schluckern sein, die eh' nix haben, und ganz schnell auffliegen. (Z.B. all die Deppen, die irgendwelche Internet-Klickprogramme laufen haben und ihre § Euro 50 nicht angeben). Bei den Reichen ist es nicht Kavaliersdelikt, sondern Geschäftsgrundlage. Wenn ein Herr Zumwinkel jetzt nicht mehr den nächsten Posten kriegt, ist das eigentlich auch egal, er hat längst ausgesorgt. Und Geld fällt immer dahin, wo schon welches ist. Es gibt auch Klassenjustiz: Als Reicher steht Dir z.B. Privatsphäre zu, als "Kleiner" nicht. Ein Kleiner ist vielleicht nicht so davon bedroht, wenn seine Vermögensverhältnisse bekannt werden, aber sein Privatleben will er auch nicht ausspioniert haben. Interessiert aber niemand. Wer Geld hat, schafft an. Lustig auch, daß verkündet wurde, so ein Steuerfahnder bekäme 80.000 ? im Jahr. Da würde ich mich glatt bewerben, unbeliebter kann ich auch nicht mehr werden. Aber das war nicht Gehalt, sondern Bruttokosten samt Pension (= Rente). Und manchmal beißt sich das alles auch in den Schwanz. Meine Partnerin verdient kaum Geld, also muß ich alles ranschaffen und acker deshalb nicht nur wie blöde, sondern zahle auch noch den vollen Single-Steuersatz. Man müßte heiraten. Aber: Wer will das nur aus steuerlichen Gründen tun, zumal, wenn es dann heißt "aber das kostet zuviel, das haben wir momentan nicht!"...von Kindern ganz zu schweigen... Dafür weiß ich natürlich, daß ich von einer Steueraußenprüfung nichts zu fürchten habe - hatte auch schon eine, das ist als Selbstständiger normal. Und kam eben wegen der erwähnten Internetsachen von 3,50 ?. Denn weil viele die unterschlagen und denken, das merkt keiner, überprüfen die Finanzämter da sehr genau, weil sie halt meist eine "Erfolgsmeldung" haben. Am Ende haste aber als Betroffener zwar keinen Ärger, aber eine ganze Woche Zeitverlust, mußt ja für Fragen des Prüfers da sein, also 4 Tage Urlaub nehmen, und das dann alles wegen der paar Ocken...da fragt man sich dann auch, ja haben die nix Wichtigeres zu tun...?

  • mds

    24.02.08 (13:00:10)

    ? und dann herrscht in Verlegerkreisen noch Verwunderung über den fortlaufenden Auflagen- und Leserschwund. Das qualitative Niveau sämtlicher Medienerzeugnisse in der Schweiz - egal ob Print oder TV - nimmt ab. Gesunder Menschenverstand, journalistische Kompetenz sind längst nicht mehr sexy - Banalität dagegen schon. Der Leser- und Auflagenschwund ist schlicht die Folge davon, dass «Print» stirbt ? wie viele der heute 25-jährigen lesen noch gedruckte Bezahlpublikationen? Mit der Qualität hat der Leser- und Auflagenschwund IMHO nicht viel zu tun. Unabhängig davon kann man aber beobachten, dass Qualität nicht (mehr?) beziehungsweise nur noch von einer Minderheit gefragt ist ? alle anderen bevorzugen Häppchenjournalismus im Unterhaltungsbereich. Da die Medien primär als Transportmittel für Werbung wirken, kann man ihnen nicht vorwerfen, die Bedürfnisse der Leser, Zuschauer, usw. zu bedienen.

  • Jean-Claude

    24.02.08 (18:37:58)

    @)MDS, ich teile deine Zweifel, dass der Auflageschwund nur oder hauptsächlich mit schwindender Qualität zu tun hat. Zugleich sehe ich aber, dass sich einzelne Printmedien durch hastige Qualitätsanpassungen nach unten und peinliche Anbiedereien an den fiktiven "Durchschnittsleser" selbst aus dem Rennen nehmen: sie machen sich selbst überflüssig. Auf dem schweizerischen Markt scheint mir dieser Trend stärker als auf dem deutschen. Dort gibt es immerhin noch eine "Zeit", einen "Spiegel", eine SZ; FAZ, Welt und ein paar andere Titel, wo man sieht: den Qualitätsstandard können die einigermassen halten, ohne sich allzu sehr an vermeintliche oder tatsächliche Marktzwänge anzubiedern. Zumdindest sieht es in meiner Wahrnehmung so aus. In der deutsschprachigen Schweiz wird das Angebot hingegen dramatisch dürftiger. Die drei grossen Sonntagszeitungen haben sich den Markt einigermassen geschickt aufgeteilt und brauchen sich in ihrem Segment nicht mehr allzu sehr "ein Bein auszureissen". Gut sind die NZZ (in Wirtschaft und Innepolitik aber noch stark ideologieverhaftet und interessengebunden); der Tages-Anzeiger (mit erheblichen Einschränkungen; beschränkt sich auf das Dasein eines grossen und oft guten gemachten Regionalblatts), die Weltwoche (scheint zur dämlichen Blocher-Blauäugigkeit allmählich wieder Distanz zu gewinnen). Und sonst? Ueberregional gibts sonst nichts mehr: frische Ideen, kritisch gegenüber übermächtigen Interessen, mutig, meinungs- und recherchestark, nach Europa und zur Welt offen, originell und professionell geschrieben und gemacht. Das müsste nicht täglich ein ganzes Taschenbuch sein, sondern selektiv auf das knappe Zeitbudget einer gut ausgebildeten Schicht zugeschnitten. Die ist doch nicht mit "gratis" und Boulevard zufrieden! Das wäre ein modernes Konzept. Da besteht eine seltsame, immer schmerzhafter spürbare Lücke. Dabei ist die Schweiz in den letzten 20 Jahren allein durch Zuwanderung um fast eine Million Einwohner gewachsen: Multikulti-Einwanderer mit oft guter bis sehr guter Bildung (obwohl in der öffentliche Diskussion ausschlieslich "vom Balkan" die Rede ist), mit hohem Einkommen, für internationale Firmen tätig und open minded. Ihre Einkommen erklären, warum das Durchschnittseinkommen in der Schweiz so hoch ist. Der Durchschnittschweizer verdient daneben überhaupt nicht so gut, wie er selber und alle Welt glaubt. Diese interessante Zuwanderer-Schicht existiert für Schweizer Medien in ihrer ewigen Schwyyyyz-Seeligkeit überhaupt nicht. Diese Schicht, die partiell durchaus Interesse an der Schweiz hat, aber eben nicht am einförmigen Bünzli-Kram, könnte als Leser abgeholt werden und mit der Schicht von Schweizern gekoppelt werden, die von Häppchen und Einheitsbrei genug haben. Das sind mehr, als man glaubt. Diese Schicht ist weniger alters- als bildungsabhängig. Dieses Potential wird bisher von keiner Marktanalyse erfasst. Und Verleger interessieren sich für solche Ueberlegungen gar nicht erst: Qualität und Markenpflege (etwas ganz wichtiges, das in der Schweizer Publizistik völlig vernachlässigt wird) als langfristige Ueberlebensstrategie. Das Schielen der Verleger auf möglichst grosse Auflagen verflacht zwangsläufig das Angebot. Das ist eine zu Tode gerittene Strategie. Heute merken selbst Werber und Mediaplaner, dass weniger oft mehr ist. Jedenfalls kann das web allein diese seltsame Lücke nicht füllen.

  • mds

    25.02.08 (13:17:57)

    @Jean-Claude: Ich kann Dir ausnahmsweise nicht grundsätzlich widersprechen! ;) Was den kostenpflichtigen «Print» betrifft, bin ich auch der Meinung, dass einerseits das Publikum per se immer kleiner wird, und andererseits dieses Publikum durch die inhaltliche Nivellierung weiter schrumpft. Zum Web als Lückenfüller gilt für mich, dass man nicht die Medien dafür verantwortlichen machen kann, dass sie schlecht informieren ? das Gegenteil ist der Fall, wir informieren uns schlecht.

  • Jean-Claude

    25.02.08 (21:25:38)

    @ naja, MDS, den Gast dafür verantwortlich machen, wenn der Koch schlecht kocht? Ich weiss nicht ... Aber warum muss denn die publizistische Nivellierung derartige Formen annehmen, wie das derzeit der Fall ist? Es gibt eine nicht mal dünne Schicht von Lesern, die das nicht mehr will. Das fällt auf. Die Leser fangen hörbar an, zu rebellieren. Die Journalisten scheinen es aber immer noch nicht zu merken. Mittelerweile sind die Leserbriefseiten (eine Art web 1.0)in grösseren Zeitungen und Magazinen oft spannender, besser geschrieben und sachkundiger als die Kommentare der bezahlten Journalisten, häufig auch voller Insider-Informationen und fundierter Kritik. Es wird längst nicht mehr nur rumgenölt, wie das früher oft der Fall war . Leserbriefschreiber haben den Journalismus übernommen. Daraus kann man unschwer ablesen: Leser fühlen sich zunehmend von den Medien belogen und in die Irre geführt. Achte mal drauf. Dabei ist zu bedenken, dass da immer noch ein redaktioneller Filter dazwischen geschaltet ist. Die meisten Leserbriefe wandern ohnehin in den Papierkorb, bestenfalls ins Archiv. Was sich auf den Leserbriefseiten, der Urform des Blogs, tut, wäre Stoff für die Analyse in einem publizistischen Seminar. Für mich ist das eines von vielen Signalen: Da braut sich ganz schön was an Unmut zusammen - offenbar unter Ausschluss von Journalisten. Die erscheinen dabei eher als Störfaktoren, die man einfach beseite schiebt. Ich muss dazu aber sagen, dass sich meine Beobachtung in diesem Fall fast nur auf Schweizer Medien beschränken. Ueber Deutschland oder Oesterreich kann ich nichts sagen.

  • mds

    25.02.08 (21:47:26)

    @ naja, MDS, den Gast dafür verantwortlich machen, wenn der Koch schlecht kocht? Ich weiss nicht ? Ein Koch kann nur für Gäste schlecht kochen, die auch tatsächlich bei ihm essen. Für die restlichen Themen fehlt mir jetzt gerade die Musse. Überhaupt, könnte medienlese.com nicht mal eine Veranstaltung jenseits der virtuellen Kommentarspalten organisieren?

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