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20.04.09Leser-Kommentare

Medienkrise: Der Leser merkt's schon nicht

Warum das Internet nicht allein Schuld an der Krise der Zeitungen ist – und warum die ewigen Stellvertreterkriege dem Journalismus schaden.

Dass dem Handelsblatt-Boss Bernd Ziesemer hier endlich mal die Hutschnur platzte, als er an die Heerscharen ahnungsloser Marketing-Fuzzies in den Verlagshäusern dachte, die mit immer mehr schlappem Allerwelts-Content immer mehr Auflage machen möchten, statt mit immer mehr Aufklärung, das verstehe ich gut. Denn die Quelle allen medialen Elends ist auf den Verlagsetagen zu suchen. Dass der Kaiser dort nackt durch die Gänge läuft, das darf man aber schon nicht mehr sagen. Denn bekanntlich erreichen diese Renditejäger seit Jahren doch nur das blanke Gegenteil: Sie drehen - unterstützt von todessüchtigen Verlegern - faktisch an den holzmedialen Schlachtschiffen die Ventile auf. Doch alle Welt aber glaubt mal wieder den Cagliostros ...

Ersatzhandelnd prügelte der Herr Ziesemer dann reflexhaft auf die 'Dumm-Blogger' ein, die aber faktisch mit dem hausinternen Lemmingzug auf den holzmedialen Verlagsetagen nichts zu tun haben. Hier schafft sich Ziesemers Text einen Popanz:

'Eine „besondere Kategorie von Dummschwätzern“ finde sich unter den Medien-Bloggern, klagte Ziesemer, die versuchten „ein paar lousy Pennys zu verdienen, dabei aber nicht mal auf Hartz-IV-Regelsatz kommen“. Diese würden dennoch den Journalisten täglich empfehlen, ihre Printprodukte einzustampfen und nur noch auf Online zu setzen - obwohl dort offenbar nicht so viel Geld zu verdienen sei'.

Der sattsam bekannte Schwund bei den Holzmedien wäre - Ziesemers voriger Einlassung zufolge - doch eher auf das Wirken der Marketing-Fuzzies und auf die darauffolgende Leserflucht zurückzuführen, nicht aber auf das Handeln einiger ungenannter Online-Schreiber. Es waren keine anonymen Medienblogger, die jene Einheitsredaktion für gleich fünf Wirtschaftstitel in Hamburg geschaffen haben, nach dem Motto: "Der Leser merkt's schon nicht!" - sondern Ökonomisten und Verlagsgranden im Hause Gruner & Jahr. Dass daraufhin dem Herrn Ziesemer die Muffe saust, weil sein Verlagshaus ja auch mal auf gewisse Gedanken kommen könnte, das ist mir zwar verständlich, nur sollte er aufhören, den Boten zu hauen. Dazu noch mit perfiden Argumenten.

Denn Bernd Ziesemer macht im obigen Zitat faktisch die Einkommenssituation zum Nachweis für Qualität: Wer mehr verdient, kann auch mehr. Natürlich sprudeln online nicht jene opulenten Einkommen, die fest angestellte Journalisten in der analogen Zeit jahrzehntelang verwöhnten. Es ist auch nicht absehbar, ob sie jemals wieder sprudeln werden. Trotzdem schmilzt auch jene Eisscholle faktisch, auf der ein Herr Ziesemer noch breit und bräsig zu sitzen meint. Das mächtige Holzhausen versinkt im medialen Meer wie einst das stolze Vineta - schon bald dürfen alle Schreiberlinge gemeinsam dann im gleichen Badewasser paddeln, während das Hartz-IV-Niveau ihnen die Lippen netzt. Jedenfalls dann, wenn diese Stellvertreterkriege nicht endlich einmal aufhören! Sich über den eigenen absaufenden Berufsstand lustig zu machen, nur weil die Brücke, auf der man selbst steht, noch aus dem Wasser ragt, das ist nicht sonderlich witzig.

Bernd Ziesemer ist nicht der einzige, der sich über die mediale Situation großmächtige Illusionen macht. Auch ein Hans-Ulrich Jörges sorgte auf dem taz-Kongress für Lachstürme, als er davon sprach, dass es 'mehr kritische Öffentlichkeit als je zuvor' gebe. So, wie die Bankster bisher jede Verantwortung für die Finanzkrise weit von sich weisen, so lassen eben auch die Alphajournalisten und Verleger den Gedanken an eine eigene Verantwortung für die fortlaufende Medienkrise nicht an sich heran:

"Schimmeck beobachtet eine "Verhöhnung von Leuten, die anders denken wollen, die Nachfragen stellen." Und aus dem Publikum unterstützte ihn Tagesspiegel-Redakteur Harald Schumann: "Die gesamte Branche hat sich in den Mainstream eingefügt, weil das die schnelle Karriere verheißt." ... Um die Binnenpluralität des Podiums machte sich Hans-Ulrich Jörges verdient, der, obwohl mal wieder keiner seine Ansichten teilte, bis zum Schluss darauf beharrte, dass es in Deutschland gut bestellt ist um die kritische Öffentlichkeit".

Dass es in Deutschland nach allgemeiner Überzeugung eben nicht gut bestellt ist um die kritische Öffentlichkeit, das wiederum wäre dann doch die Schuld jener Medien, die jetzt in die Krise geraten sind. Sie haben jene missratene Öffentlichkeit jahrzehntelang doch ziemlich freihändig gestalten dürfen. Erst in der Folge ihres Wirkens ist diese Öffentlichkeit jetzt so ungestalt geworden, dass den alten Medien das Publikum in Scharen davonrennt. Die Schuldfrage stellt sich daher nicht in Richtung Publikum - sondern in Richtung Journalismus.

Eine gute Darstellung der stattgehabten Entwicklung gibt es im Blog von FoolDC, ein Text, der in seiner Luzidität jede bisherige Darstellung aus dem holzmedialen Raum um Längen schlägt (via):

"Mit Zeitungen und Magazinen konnte man (und kann man heute noch) richtig viel Geld verdienen. Obwohl Zeitungmachen ein teures Geschäft ist: Gut bezahlte Journalisten mit Spesen- und Reisekonten, dazu eine Druckerei, eigene Vertriebsstrukturen. Das kostet. Das Internet dagegen versprach die Maximierung des Profits durch weitgehend entfallende Produktionskosten. Keine Druckmaschinen mehr, keine Papierkosten, kein Vertrieb. Und das Beste: Im Internet produziert sich der Content von alleine. Mit Nix viel Geld verdienen, und dann beim IPO richtig absahnen. Dieser Mindset ist sozusagen die Ursünde. Bis heute hält sich hartnäckig die Vorstellung der billigen Contentmaschine, die maximale Rendite abwirft. Das Rendite-Dogma, das McKinsey-Arschlöcher nunmal mit der Muttermilch aufsaugen, infizierte eine Branche, die vorher auch höhere Ideale hatte".

Kurzum - die Krise der Holzmedien ist ganz und gar hausgemacht, nirgends sind böse Aliens gelandet, die ein florierendes und gut geführtes Unternehmen von außen mit ihren Online-Kanonen zerstört hätten. Im Journalismus selbst 'ist der Wurm drin'. Die Ursünde bestand vor allem darin, das eigene Produkt, den Text und den Gedanken, in beliebig austauschbaren 'Content' zu verwandeln. So McBlabla-mäßig sieht es in Deutschlands Redaktionen heute auch aus: Schlabberiger Mainstream, eine salzlose Buchstabensuppe, so weit man schaut - meist noch nicht einmal gut geschrieben ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • wortwart

    20.04.09 (18:20:38)

    Das mag ja in der Sache alles stimmen, aber ich hab nach der Hälfte zu lesen aufgehört, weil ich den Stil unerträglich finde. Gibt's hier einen Satz, der ohne einen überflüssigen Schnörkel auskommt?

  • housetier

    20.04.09 (19:24:50)

    in der zweiten Hälfte schon

  • Klaus Jarchow

    20.04.09 (19:38:14)

    @ wortwart: Ein Kommentar als 'Feigenblatt' - wie witzig!

  • Jeeves

    21.04.09 (09:54:56)

    Ich hab bei "IPO" aufgehört und erst mal nachgeschaut: IPO wird verwendet als Abkürzung für * Initial Public Offering, erstmaliges öffentliches Anbieten von Aktien an der Börse, siehe Börsengang * International Procurement Organization, Beschaffungsdienstleister im Rahmen des Global Sourcing, siehe Global Sourcing * Input-Processing-Output, Eingabe-Verarbeitung-Ausgabe (EVA), siehe EVA-Prinzip * interprocedural optimization, funktionsübergreifende Optimierung (Informatik) * die Internationale Philosophie-Olympiade * Instrumentum Pacis Osnabrugensis, der Frieden von Osnabrück, siehe Westfälischer Friede * das Institut für Personal- und Organisationsentwicklung an der Universität Linz * das Instituut Perceptie Onderzoek, bekannt für das dort entwickelte Intonationsmodell * International Purchasing Offices, Einkaufsniederlassungen im Ausland * Interpolation in der Robotik, insbesondere für den IPO-Takt * Irish Poker Open, ein Pokerturnier in Dublin * Israel Philharmonic Orchestra, ein Sinfonieorchester aus Israel * Internationale Prüfungsordnung, siehe Gebrauchshundeprüfung ...und dann nicht mehr weiter gelesen.

  • Klaus Jarchow

    21.04.09 (10:02:33)

    @ Jeeves: Wenn FoolDC in seinem Beitrag von einem IPO im Zusammenhang mit Medienstrategien spricht, dann dürfte wohl klar sein, dass dieses Initial Public Offering, das erstmalige öffentliche Erscheinen gemeint sein dürfte. Denn beim Frieden von Osnabrück hatten die Beteiligten ja schon im Jahr 1648 'abgesahnt' ...

  • Frau Müller

    21.04.09 (10:54:57)

    Holzmedial, nochmals holzmedial, Holzmedien, Holzhausen, holzmedial zum Dritten und schliesslich nochmals Holzmedien. Wenn's um Lack und Leder ginge, könnte ich es ja noch nachvollziehen, aber Ihr Holz-Fetischismus, dem Sie in nahezu jedem Artikel frönen, ist ja nun wirklich völlig pervers ;-)

  • Klaus Jarchow

    21.04.09 (11:16:20)

    @ Frau Müller: Immerhin - ich habe nicht von 'Zellu-Losern' geredet - oder von Papyromanen ... ;-)

  • Happy Eater

    21.04.09 (12:14:33)

    Ja, ja, so ist das mit dem Content. Da bringt es Jarchow auf den Punkt, und die Kommentatoren haben nix Besseres zu tun, als sich über die Form aufzuregen. Was schließen wir daraus?

  • Michael

    25.04.09 (00:31:50)

    @Happy Eater: Daraus schließen wir, dass Herr Jarchow sich um eine etwas klarere Sprache bemühen konnte. Schon der erste Satz ist selten verquast. Ich hab's nicht geschafft, es alles zu lesen, obwohl mich das Thema an sich interessiert. "Auf den Punkt" hat er da sicher nichts gebracht. PS: Diese nachträglichen 5 Minuten zum Kommentarändern sind allerdings sehr toll.

  • Klaus Jarchow

    25.04.09 (07:28:37)

    Ja, dieser erste Satz, der erfordert schon eine durchschnittliche Lesekompetenz! ;-)

  • Michael

    26.04.09 (03:36:35)

    Besonders schön finde ich die Kritikfähigkeit von Klaus Jarchow. Aber schon klar: Umständlich ausdrücken ist ein Zeichen für Intelligenz bzw. wem so ein Schwurbelstil zu mühsam ist, der hat mangelnde Lesekompetenz. So kann man sich seine Defizite natürlich auch schönreden.

  • Klaus Jarchow

    26.04.09 (07:09:40)

    Tscha - dass dem Spiegel das gar nicht auffiel! Die Lesekompetenz sinkt wohl allüberall auf breiter Front - und ein anderer Schluss wäre Ihnen jedenfalls überhaupt nicht angemessen ... Da bin ich mir ganz sicher. ;-)

  • Klaus Jarchow

    26.04.09 (07:48:48)

    Apropos: "Der kurze Satz ist gar kein Ideal, sondern eine Krücke für die Fußkranken des Schreibenmüssens."

  • Klaus Jarchow

    26.04.09 (08:59:38)

    ... Drollig ist es jetzt, dass der Müller sich selbst auch noch für ein Stilorakel hält. Er führt nämlich eine etwas wirre Homepage, für die er ...

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