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18.05.08Kommentieren

Medienformate im Vergleich: Mein Podcast gegen dein TV-Gerät

Natürlich haben Zeitungen und Magazine unbestreitbare Vorteile. Podcasts und Online-Portale aber auch. Und was ist mit dem Radio? Gut, dass wir verglichen haben!

Kürzlich fragte ich mich, warum Medienformate noch immer gegeneinander ausgespielt werden, obwohl es doch eigentlich allen um die Inhalte geht. Nun drehen wir den Spiess um: Wir lassen die verschiedenen Medienformate gegeneinander antreten und listen ihre Vorteile und Nachteile auf. Für Ergänzungen sind wir dankbar.

Zeitungen: Das tolle Gefühl. billiges Papier anzufassen (Bild Meepocity, Creative-Commons-Lizenz)

Zeitung: Kürzlich sass ich in der Tram neben einem grauhaarigen Herrn mit Brille und lernte von ihm, wie man die riesenhafte Zeit in der Tram liest. Er hatte nur einen Bund dabei (von acht) und faltete diesen immer wieder neu auseinander, was mit grösstem Geschick und grösstmöglicher Zurückhaltung einherging. Mal faltete er den Bund auf eine Viertelseite zusammen, mal auf eine Spalte. Es hätte mich nicht gewundert, wenn er daraus plötzlich einen Schwan oder sonst etwas schönes gebastelt hätte.

Ich dagegen bin doof, was das Lesen einer Zeitung angeht. Immer habe ich alle acht Teile dabei und lese dann doch immer nur die jeweils erste obere Seite davon, weil ich meinem Sitznachbar nicht meinen Ellenbogen ins Gesicht rammen möchte. Zuhause am Küchentisch geht es mir auch nicht, denn der ist immer verstellt und für die Zeit müsste ich den schon ganz freiräumen. Oder einen grösseren Küchentisch kaufen.

Aber natürlich hat die Zeitung Vorteile. Norbert Bolz zum Beispiel sagt:

Printprodukte haben unersetzbare Materialqualitäten, die man optimieren kann: bequem zu handhaben, gut zu lesen, rascher Überblick, Tastbarkeit - und nicht zu vergessen: Man kann sie wegwerfen. Das werden die Zeitung und Zeitschrift der Online-Welt immer voraushaben - und das lässt sie überleben.

Wegwerfen als der grosse Vorteil? Immerhin: Man kann Zeitungsartikel ausschneiden und aufbewahren. Man hat dann etwas in der Hand (bedrucktes Papier). Man kann das aufhängen und einrahmen. Wenn es ganz gut geht, hat das ein paar hundert Jahre Bestand.

  • Vorteile: Mobilität des Mediums, das tolle Gefühl, billiges Papier anzufassen
  • Nachteile: Immobilität der Inhalte, sperriges Format, Langsamkeit, Produktionskosten, schwarze Finger, Papierverschwendung

Claudia Schiffer auf dem Vogue-Cover: Handlichkeit, Haptik, Olfaktorik (Bild PR)

Magazin: Das Magazin ist doch schon handlicher. Die meisten Magazine sind so gross wie mein Laptop - und wenn ich den irgendwohin mitnehme, dann kann ich doch auch gut ein Magazin mitnehmen. Warum eigentlich gibt es noch kaum Magazine, die das Format eines Smartphones aufweisen und auch in eine Jackentasche passen würden?

Ein Magazin erscheint auch nicht täglich neu, man kann es also gut auch mal zwei Tage ungelesen in einer Tasche vergessen und wenn man es dann herausholt, stehen nicht die Ergebnisse der längst vergessenen Bundesliga-Runde drin.

Wie die Zeitung kann man die Zeitschrift zwar ausschneiden und an die Wand hängen, mehr aber auch nicht. Man kann kein Bild daraus abspeichern und keinen Text daraus ausschneiden und das irgendwo anders einzufügen.

  • Vorteile: Mobilität des Mediums, Handlichkeit, Haptik, Olfaktorik
  • Nachteile: Immobilität der Inhalte, Produktionskosten

Sony-Fernseher von 1947: Bequemlichkeit, Berieselungsmöglichkeit, endlose Inhalte (Bild wheany, Creative-Commons-Lizenz)

Fernsehen: Das Fernsehen ist das Medium aller Passiven und Tumben. Es reicht, zu wissen, wo man das Gerät einschaltet. Danach muss man es nur noch hinkriegen, seinen Blick geradeaus richten. Wird es langweilig, drückt man auf der Fernbedienung ein paar Knöpfe. Das Denkvermögen kann beansprucht werden, muss aber überhaupt nicht. Während man eine Printmagazin oder ein Weblog zu Ende lesen kann, kommt im Fernseher immer wieder etwas, das man noch nicht gesehen hat. Rund um die Uhr. Viele schlafen darum irgendwann einfach ein (und werden dann später durch eine Werbeunterbrechung in doppelter Lautstärke wieder aufgeweckt).

Der grosse Vorteil ist, dass man zum fernsehen nichts liefern muss und nur das konsumieren kann. Und zwar dort, wo es einem am Bequemsten ist (Sofa, Bett, Küche), mit den Personen, mit denen es einem am Bequemsten ist (Fussballrunde, Partner, alleine). Eventuelle Rückmeldungen können mit Mitkonsumenten verhandelt werden, bleiben aber in aller Regel folgenlos. Das Fernsehprogramm kann man sowenig ändern wie das Wetter - man kann nur umschalten. Oder verreisen.

  • Vorteile: Bequemlichkeit, Berieselungsmöglichkeit, endlose Inhalte
  • Nachteile: Zeitzwang für Inhalte, Dumpfsinn, Beliebigkeit

Radio: Dumpfsinn, Beliebigkeit, ungefragte Belästigung (Bild currybet, Creative-Commons-Lizenz)

Radio: Da sich nur das Ohr dem Radio widmen muss, können die anderen Sinne währenddessen andere lustige Dinge machen. Autofahren, putzen, kochen, dösen, lesen, duschen, Sport zum Beispiel. Wer niemanden hat, der mit ihm redet, kann wenigstens das Radio anschalten. Es ist wie TV ein Passivmedium, aber nur glotzen reicht zum Verständnis nicht aus. Man muss zuhören, verarbeiten, mitdenken, verstehen wollen.

Das Radio kann einen aber auch übel belästigen, im Supermarkt oder im Lift. Es kann passieren, dass man wehrlos schon am frühen Morgen gute Laune Moderatoren ausgesetzt ist, die vorgeben, gute Laune zu haben und deren Grausamkeit nur noch die dazwischengeschaltete Werbung übertreffen kann.

  • Vorteile: Bequemlichkeit, endlose Inhalte, Anregung zur Kombination von Zusammenhängen
  • Nachteile: Zeitzwang für Inhalte, Dumpfsinn, Beliebigkeit, ungefragte Belästigung

Podcasts: Neigen zur Geschwätzgkeit (Bild aloshbennett, Creative-Commons-Lizenz)

Podcast: Podcasts haben es geschafft, das klassische Radio aus der Zeitabhängigkeit zu befreien. Im Idealfall sind sie mit der Ausstrahlung einer Sendung verfügbar und in hörgerechte Teile gestückelt, die mit ihrem Inhalt beschriftet sind. Leider ist das nicht immer so. Viele Podcasts neigen zur Geschwätzigkeit und auch wenn interessante Aussagen dabei sind, weiss man nicht, ob diese bei Minute 14 oder bei Minute 74 getätigt werden. Was dazu führt, dass man sie sich gar nicht anhört.

  • Vorteile: Zeitunabhängigkeit, Persönlichkeit
  • Nachteile: Stundenlanges Blabla ohne Fokus

Weblog: Ein Foto eines Meteroiten, der vor meinem Haus eingeschlagen hat, ist in zehn Minuten online (Bild Jacob Bøtter, Creative-Commons-Lizenz)

Weblog: Man kann es sich Tag und Nacht in seiner ganzen gesamten Grösse ansehen und immer steht der aktuelle Beitrag, den man sich auch per RSS-Reader liefern kann, zuoberst. Wenn man sich mit einem Kommentar beteiligt, kann man davon ausgehen, dass der Schreiber des Weblogs den auch liest. Weblogs sind schnell: Ein Foto eines Meteroiten, der vor meinem Haus eingeschlagen hat, ist in zehn Minuten online.

  • Vorteile: Weiterverwendungsmöglichkeit (CopyPaste), Verlinkbarkeit, Persönlichkeit, Feedback
  • Nachteile: Kein Zugang ohne Internet, keine Haptik

Online-Portal: Kein Zugang ohne Internet, keine Haptik (Screenshot)

Online-Portal: Die Vorteile der grossen Online-Portale liegen in ihrer Grösse und der damit verbundenen Personalstärke. Bei Spiegel Online beispielsweise arbeiten zurzeit insgesamt über hundert Personen (Impressum). Das Potential, schnell und mit vielen Leuten einzelnen Themen nachzurecherchieren ist also da. Und zeigt sich dann auch in der Anzahl und der Qualität der publizierten Stories. Das ist aber, den konservativen Verlagen und Werbern sei dank, noch immer eine Ausnahme. Die Regel ist, dass ein budgetknapper Onlineredakteur vor allem hektisch Pressemitteilungen umschreibt, um einigermassen mit der wachsenden Zahl von Mitbewerbern mithalten zu können.

  • Vorteile: Weiterverwendungsmöglichkeit (Copy'n Paste), Finanzkraft
  • Nachteile: Kein Zugang ohne Internet, keine Haptik

Social Networks: Angebete P. ist nicht mehr mit ihrem Freund zusammen (Bild hrlndspnks, Creative-Commons-Lizenz)

Social Network: Sind Social Networks überhaupt Medien? Ist es bereits eine Meldung, dass sich "Freund" C. von virtuellen Schafen hat bewerfen lassen (Facebook)? Ganz sicher eine Meldung ist, dass Ex-Freundin V. einen neuen Job hat - und das bei der Konkurrenz (Xing). Oder dass Angebete P. nicht mehr mit ihrem Freund zusammen ist (Facebook).

  • Vorteile: Individualisierbare Neuigkeiten
  • Nachteile: Banalitätenflut

Twitter: Banalitätenflut (Bild touterse, Creative-Commons-Lizenz)

Twitter: Twitter ist schnell, sehr schnell. Wenn Sascha Lobo twittern würde, dass der Flügel des Flugzeugs, in dem er gerade sitzt, brennt, dann wissen das Sekunden später potentiell über tausend Menschen. Menschen, von denen viele selbst Medien machen und eine solche Information sofort weiterverwenden werden. Bis dann eine Nachrichtenagentur, ein Online-Portal, eine Zeitung zu dieser Information kommt, vergeht einige Zeit. Es ist ja im geschilderten Fall auch nicht so leicht zu klären, ob der Flügel wirklich in Flammen steht oder ob sich vielleicht jemand einen Scherz erlaubt hat.

  • Vorteile: Schnelligkeit, individualisierbare Neuigkeiten
  • Nachteile: Begrenzung auf maximal 140 Zeichen pro Eintrag ("Twit"), Banalitätenflut

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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