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03.07.14

Massiv finanzierte Internetfirmen: Der Fluch, um jeden Preis wachsen zu müssen

Viele einstige Hoffnungsträger der Internetbranche treffen Produktentscheidungen, die nicht im Sinne der Nutzer sind. Oft bleibt ihnen keine andere Wahl: Hohe Bewertungen und Wagniskapital im dreistelligen Millionenbereich verpflichten sie dazu, um jeden Preis zu wachsen.

Was haben regelmäßige, engagierte Nutzer von Twitter, SoundCloud, Foursquare und Quora gemeinsam? Sie alle mögen zwar Dutzende Verbesserungsvorschläge für einzelne Funktionen und Abläufe aufzahlen können. Dennoch würden die meisten ein insgesamt positives Fazit ziehen und sich im gleichen Atemzug gegen tiefgreifende konzeptionelle Modifikationen aussprechen. Ob Journalisten, Blogger und Multiplikatoren bei Twitter; (Indie-)Musiker, DJs und ihre Fans bei SoundCloud; Weltentdecker, Stadtkenner und Netzwerker bei Foursquare sowie Experten und Wissbegierige bei Quora - jeder der genannten Services hat sich seine ganz spezielle, unnachahmliche Subkultur mit einem jeweils leidenschaftlichen und loyalen Anhang geschaffen. Dummerweise ist das für die Unternehmen hinter diesen Diensten nicht ausreichend. Denn alle vier Angebote haben Fremdkapital im mindestens dreistelligen Millionenbereich aufgenommen. Twitter wird mittlerweile gar an der Börse gehandelt. Alle vier ehemaligen Startups sind darauf ausgelegt, irgendwann massive Reichweite zu erzielen und ihren Geldgebern zeitnah Rendite zu liefern. Das führt zu erheblichem Druck. Dies wiederum bedroht die einzigartigen Communities, die sich bei den Services über die Jahre gebildet haben, und den damit verbundenen Informations-, Daten- und Kreativschatz.

Bei SoundCloud stehen die Weichen auf Wandel. Kulturschaffende, ihre Interaktion mit Usern sowie die Kuration geraten in den Hintergrund. Stattdessen erhalten die kommerziellen Kräfte der Musikindustrie verstärkten Einfluss. Foursquare entbündelt seine Apps in der Hoffnung, endlich auch bei "Normalos" auf Interesse zu stoßen, bringt damit aber viele seiner Stammuser gegen sich auf . Twitter werkelt seit langer Zeit daran, bei der breiten Masse eine ähnliche Resonanz zu erzielen wie Rivale Facebook. Außerdem muss es parallel die Anteilseigner mit schnellem Umsatzwachstum zufriedenstellen. Immer mehr Werbung, animierte GIFs, Imitationen von Facebook-Features und vom Fokus ablenkende Übernahme-Gespräche verzerren den Schwerpunkt und verwässern die Qualität von Twitter, die seine eingefleischten User so schätzen. Die Wissensplattform Quora wird unterdessen eigenartigerweise Teil des eigentlich auf blutjunge Startups beschränkten Y-Combinator-Programms. Dass an dessem Ende ein aus Sicht der heute aktiven Mitglieder unpopulärer "Pivot" steht, kann zumindest nicht ausgeschlossen werden.

Jon Evans warf bei TechCrunch neulich die Frage auf, wie die Zukunft für deftig finanzierte "Underachiever" wie Foursquare, Quora oder das gefloppte soziale Netzwerk Path aussehen könnte. Doch die Geschehnisse rund um einige der einstmals prominentesten, vielversprechendsten Startups geben auch Anlass für eine andere Fragestellung: Existieren für junge Technologie-Firmen bei der Festlegung langfristiger Ziele überhaupt realistische Alternativen zwischen "nächstem großen Ding" mit Riesenreichweite sowie absoluter, von weiten Teilen der Netzbevölkerung komplett ignorierter, aber lukrativer Nische mit außerordentlich spitzer Zielgruppe?

Rein theoretisch wären alle vier Firmen konzeptionell ganz gut dort aufgehoben, wo sie heute stehen. Keine Giganten wie Facebook und Google, aber auch keine Nobodies. In jedem Fall Dienste, die Millionen Menschen Mehrwert liefern, ihnen Freude bescheren und ihren digitalen Alltag bereichern. Dummerweise sind die Geschäftsmodelle sowie Renditeerwartungen nicht auf einen derartigen Status ausgelegt. Sie verlangen weitaus mehr Quantität bei sämtlichen entscheidenden Metriken - nicht zuletzt, was Umsatz angeht. Hätten die Gründer dieser Startups in den frühen Phasen, in ihren Businessplänen sowie in den Verhandlungen mit Investoren aber von vorne herein nur kleine Brötchen in Aussicht gestellt, wären eventuell gar nicht erst genug Mittel zusammenkommen, um in dem Tempo dorthin zu gelangen, wo die Produkte heute stehen.

Die Schwierigkeiten, mit denen sich die innovativen und lange Zeit als Hoffnungsträger gehandelten Dienste aktuell auseinandersetzen müssen, was ihre wirtschaftliche und produktspezifische Roadmap angeht, regen zum Nachdenken an: Über die oft bei aufstrebenden Webfirmen zu beobachtende, sehr bereitwillige, aber spätere Verpflichtungen nach sich ziehende Entgegennahme von umfangreichen Kapitalspritzen, sowie über die Konflikte, die entstehen, wenn leidenschaftliche, auch idealistische Gründer plötzlich erhebliche Kompromisse eingehen müssen, um einstmals definierte Wachstumsziele nicht zu verpassen.

Speziell in Europa beklagen sich Entrepreneure häufig darüber, dass es so schwierig ist, Investoren zu finden. Doch das Geld zu Milliardenbewertungen nachgeworfen zu bekommen, hat auch nicht nur Vorteile: Es schafft Verpflichtungen. Nur nicht gegenüber den Usern. /mw

Illustration: Businesswoman sitting in office, looking tired, Shutterstock.

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