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20.04.10

Massenmedium Internet: Jedem seine Verschwörungstheorie

Kritiker der Digitalisierung betreiben gerne pauschale Schwarzmalerei in eigener Sache. Gleichzeitig übersehen sie andere Herausforderungen wie die Frage, welche Auswirkungen die Omnipräsenz von skurrilem, absurdem und bedenklichem Gedankengut im Web auf Menschen und ihre Psyche haben könnte.

Ausgiebig wurden in den letzten Monaten in den deutschen Feuilletons die langfristigen Auswirkungen der digitalen Vernetzung auf das Gehirn diskutiert. Skeptiker wie Frank Schirrmacher befürchten eine Überforderung des Menschen durch die enorme Menge ungefilterter Information, die rund um die Uhr auf einen einprasseln.

Während diese Diskussion mittlerweile recht erschöpft ist und sich angesichts der in den letzten tausend Jahren bewiesenen Anpassungsfähigkeit des menschlichen Gehirns womöglich ohnehin als müßig herausstellen wird, bringt die fortschreitende Verbreitung des Internets ein mögliches Problem mit sich, das bisher kaum in die öffentliche Debatte gefunden hat.

Die große Errungenschaft der digitalen Gesellschaft, nämlich das Verschwinden des Publikationsmonopols, sorgt gleichzeitig für eine große Herausforderung: Die Notwendigkeit des Umgangs mit Theorien, Ansichten und Lehren, die gemeinhin als Unfug, Aberglaube oder gar als menschenverachtend angesehen werden. Der Zugang zu derartigem Material war noch nie leichter als heute.

Egal ob nun Illuminaten, Reptilienmenschen, Freimaurer, PNAC, Zeugen Jehovas, Scientology oder andere Geheimbünde, Organisationen oder Sekten – es reicht eine Suche auf YouTube oder Google, um sich nahezu unbegrenzten Zugang zu skurillen Theorien, fantasievollen Verschwörungstheorien und esoterischem Geheimwissen zu verschaffen.

Was auf einen gesunden, rational denken Menschen auf den ersten Blick den Anschein kompletten Humburgs macht, kann für Personen mit einer Neigung zu alternativen Weltanschauungen, einem Interesse für esoterische Lehren oder dem generellen Wunschtraum nach einem anderen Dasein, zu einem Türöffner in eine Parallelwelt werden, in der sie komplett versinken, nächtelang herumsurfen und dabei aufgrund der schieren Masse an die jeweilige Theorie scheinbar bestätigenden Materials immer mehr in den Glauben verfallen, darin DIE Erklärung für das Leben gefunden zu haben.

Für psychisch stabile Personen mag das völlig abwegig klingen. Aber wer nicht glaubt, welchen Einfluss Verschwörungstheorien und eigenwillige spirituelle Lehren auf Menschen ausüben können, sollte sich einfach mal bei YouTube mit Videos rund um das Suchwort "Conspiracy" ("Verschwörung") beschäftigen, die Clips studieren, die Kommentare anschauen, auf weiterführende Links klicken... Es gibt Leute, die in derartigem Material die Erklärung für das gesamte Weltgeschehen sehen, die sich mit nichts anderem beschäftigen als mit der Theorie, der sie sich verschrieben haben. Manchen scheint der Sinn für die Realität völlig verloren zu gehen.

Ich kenne selbst eine Person, der es so ergangen ist, und habe dadurch die Anregung zu diesem Artikel erhalten.

Natürlich sind derartige Ansichten keine Erfindung des Internets. Schon immer hat es Leute gegeben, die mit den rationellen Erklärungen zur Menschheit und zum Leben sowie mit dem Glauben der großen Religionen nicht viel anfangen konnten. Nur war es für den Großteil der Bevölkerung deutlich schwerer, mit derartigem Gedankengut in Verbindung zu kommen und – sofern es dann doch geschah – sich mit Lektüre darüber einzudecken. Man musste von Bibliothek zu Bibliothek fahren, von Antiquariat zu Antiquariat, und mitunter Titel teuer aus dem Ausland bestellen. Heute reicht ein Klick.

Kritiker des Mitmach-Netzes stören sich zumeist an der enormen Menge an minderwertigen Inhalten, an den "Klowänden des Internets", wo Individuen sich publizistisch betätigen, die davon keine Ahnung haben. Das jedoch ist nichts anderes als Ausdruck des Unbehagens der intellektuellen Elite darüber, dass nun jeder das machen kann, was zuvor nur ihr vorbehalten war.

Doch ein tatsächliches Problem könnte in der leichten Zugänglickeit von Material liegen, das zwar nicht gegen geltendes Recht verstößt, aber dennoch eine Gefahr für die mentale und seelische Stabilität eines Menschen darstellen kann. Ich bin kein Psychologe oder Soziologe und weiß nicht, wie gravierend die Konsequenzen dieser Entwicklung sein können. Ich finde jedoch, dass eine Diskussion darüber notwendig ist, um ein Bewusstsein für die Thematik zu schaffen.

Mehr als das kann man wahrscheinlich auch gar nicht tun. Zur in vielerlei Hinsicht unseren Alltag bereichernden Freiheit im Netz gehört unweigerlich, dass Jeder Ansichten und Meinungen kundtun können muss. Was bleibt, sind also – wie so oft – Maßnahmen zur frühzeitigen und stetigen Verbesserung der Medien- und Informationskompetenz – und das unabhängig vom Alter.

Jedem muss klar sein, dass Sachverhalte nicht automatisch wahr werden, nur weil sich dazu eine Reihe von diese scheinbar belegenden, aber möglicherweise gefälschten/erfundenen Videos und Artikel im Netz finden lässt. Das klingt vielleicht banal, aber es ist die einzige Lösung. Geben wird es skurriles Gedankengut immer.

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