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12.11.12

Massenmedien und Prominente: Die nächste Gatekeeper-Funktion geht verloren

Einst waren Prominente von der Sichtbarkeit in den traditionellen Massenmedien abhängig. Jetzt halten Berühmtheiten direkten Kontakt zur Öffentlichkeit - und die einstigen Gatekeeper werden zu Statisten.

Im Zeitalter von User Generated Content, "Bürgerjournalismus" und sozialen Medien verliert die Presse ihre bisherige Gatekeeper-Position. Diese Erkenntnis dürfte mittlerweile auch zu den letzten Verfechtern der alten Welt- und Gesellschaftsordnung durchgedrungen sein. Ob es ihnen - wie Dieter Gorny - gefällt oder nicht. Sicherlich fehlt den Otto-Normal-Verbrauchern das handwerkliche Know-how, um einen nach allen Regeln der journalistischen Kunst angefertigten Artikel zu verfassen. Aber zumindest ihre Rolle als Beobachter, Berichterstatter und Kommentator kann ihnen niemand mehr nehmen.

Ein anderer Punkt, in dem die Massenmedien bisher eine Gatekeeper-Funktion einnahmen, war ihre Rolle als Macher von und Sprachrohr für Prominente. Fernsehen, Radio, Zeitungen und Zeitschriften dienten dazu, die Bevölkerung über die jüngsten Ereignisse und Projekte rund um Stars und Sternchen zu informieren. Abgesehen von einigen wenigen herausragenden Kreativköpfen und Supertalenten, deren Filme, Musikstücke oder sonstigen Meisterwerke sich allein per Mundpropaganda verbreiteten, waren Promis von der Berichterstattung in den Medien abhängig - ohne eine intensive Pressebewachung blieben sie oder wurden sie zu "Nobodys".

Und heute? Sicherlich helfen eine Präsenz zur TV-Primetime oder stetige Schlagzeilen in einschlägigen Klatsch- und Tratsch-Magazinen den Berühmtheiten noch immer dabei, mehr Menschen zu erreichen oder Konzerthallen oder Kinosäle zu füllen. Doch das einstmals existierende Abhängigkeitsverhältnis ist dabei, komplett auf den Kopf gestellt zu werden. Nicht mehr länger sind Prominente unbedingt von den Massenmedien abhängig, sondern mitunter kehrt sich die Situation um: Sie können über das Web direkt mit der Öffentlichkeit kommunizieren, und die einstigen Gatekeeper werden zu Nacherzählern degradiert.

Lance Armstrong twittert - Leitmedien berichten

Eindrucksvoll zeigt dies ein kurzer dpa-Bericht, der am Sonntag in redaktionell nachbearbeiteter Form bei diversen Leitmedien wie Spiegel Online oder Focus Online publiziert wurde. Darin geht es um ein per Twitter vom wegen Doping lebenslang gesperrten Radprofi Lance Armstrong veröffentlichtes Foto, das ihn entspannt auf seinem heimischen Sofa zeigt, während im Hintergrund sieben eingerahmte Gelbe Trikots an der Wand hängen - eine Provokation, bedenkt man, dass Armstrong alle sieben Siege der Tour de France aberkannt wurden.

Der Beitrag bei Focus Online beschränkt sich auf einen Hinweis zu dem immerhin verlinkten Foto  sowie einer kurzen Zusammenfassung von Armstrongs Dopingskandal. Spiegel Online liefert dagegen Lesern noch eine kleine Auswahl an Twitter-Reaktionen auf den Tweet. Eines haben beide Texte gemeinsam: Sie enthalten zwar einige Links zu früheren Armstrong-Geschichten der jeweiligen Nachrichtensite, aber verzichten gänzlich darauf, zu Armstrongs Twitter-Konto oder besagtem Tweet zu verlinken. In Anbetracht der Tatsache, dass die Beiträge eindeutig vor der Veröffentlichung durch die Redaktionen bearbeitet wurden, muss man von einem bewussten Weglassen der Verweise zu Twitter ausgehen. Oder von komplett für ihre Arbeit ungeeigneten Redakteuren.

Deutlicher kann der Verlust der Gatekeeper-Rolle der führenden Medienangebote sowie ihre Furcht und daraus resultierende Haltung vor selbigem kaum werden: Früher hätte Armstrong irgendeinem bekannten Nachrichtenangebot ein Exklusivinterview gegeben und sich dafür auf seiner Couch fotografieren lassen. Heute nimmt er das einfach selbst in die Hand und überlässt seinen 3,8 Millionen Follower die weitere Verbreitung des Schnappschusses. Die Medien werden zu Statisten, die sich dazu gezwungen fühlen, den Vorfall nachzuerzählen. Indem sie die Links zu dem Tweet weglassen, generieren sie künstlich den Anschein journalistischer Arbeit - denn so entsteht für die Mehrheit der Leser - die nicht genau mit der Funktionsweise von Twitter vertraut ist - der Eindruck, die Schilderung aus einem Tweet sei eine besondere redaktionelle Leistung, die nur Profis können.

Dass Nachrichtenportale, Radiostationen oder auch TV-Sender das nacherzählen, was bei Twitter oder Facebook von Stars, Politikern oder "normalen" Nutzern an Meinungen und Informationen verbreitet wird, ist mittlerweile gang und gäbe. Je nach Situation kann es auch durchaus einen Informations- oder Unterhaltungswert für Leser haben, die den jeweiligen Personen nicht in sozialen Medien folgen. Doch es zeigt, dass der Bedeutungsverlust der Massenmedien in diesem Themenfeld unaufhaltsam ist - und setzt voraus, dass die berichtenden Websites ihrem Auftrag des Service für den Lesern folgen und die notwendigen Links setzen. Von der von Twitter selbst angebotenen Einbettung von Tweets oder einer Storify-Sammlung ganz zu schweigen.

"Prominente gratulieren Obama"

Vom Status einer Selbstverständlichkeit sind derartige Maßnahmen aber noch weit entfernt. Stattdessen werden Promi-Tweets als Gelegenheit für Bildergalerien genutzt - so wie im FAZ-Artikel "Prominente gratulieren Obama". Die meisten der dort in einer zehnteiligen Fotostrecke zitierten Glückwünsche zur Wiederwahl des US-Präsidenten stammen von Twitter. Links dorthin sucht man natürlich vergeblich.

Es gibt unzählige Bereiche, in denen nur der Profi-Journalismus die vorhandene Nachfrage nach Informationen, Hintergründen und Zusammenhängen befriedigen kann. In allen anderen Segmenten wäre es wünschenswert, wenn Medien damit aufhören, den Eindruck von Exklusivität zu wahren, wo keine ist. Wenn das Erreichen der angestrebten Zahl monatlicher Seitenaufrufe die Wiedergabe von Inhalten aus sozialen Medien erforderlich macht oder Leser dies einfordern, dann soll dies so sein. Aber dann muss man mindestens erwarten können, Zugang zu den Tweets zu erhälten.

Mittelfristig ist davon auszugehen, dass diese Art des Fast-Food-Nacherzähl-Journalismus gänzlich verschwindet. Oder dass er von Maschinen übernommen wird. Menschliche journalistische Kompetenz ist an anderer Stelle deutlich besser investiert.

 

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