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05.02.10

Die kommende IT-Ära: Halbgeschlossenen, aber konsumentenfreundlich

Offenheit gut, Geschlossenheit schlecht. Das ist seit vielen Jahren ein Dogma in der IT-Branche. Aber stimmt dieses Prinzip wirklich? Oder zeigen uns nicht die erfolgreichsten Produkte der letzen Jahre, dass mehr Herstellerkontrolle manchmal gut ist für die Konsumenten?

Die Reaktionen zu Apples iPad-Ankündigung fielen in vielen Teilen der Technologiewelt harsch aus. Kritisiert wurden nicht nur fehlende Features, sondern vor allem auch die Tatsache, dass Apple die iPad-Kunden mit sanfter Gewalt ins iTunes-Ökosystem zwingt. Apples Hardware und seine Inhaltsplattform sind eng gekoppelt, und darum können iPad-Nutzer realistischerweise ihre Musik, Filme und Apps fast nur bei Apple kaufen.

Aber angesichts des Erfolgs von iPod und iPhone sieht es aus, als ob sehr viele Konsumenten diese geschlossene, aber reibungslos funktionierende Welt zu bevorzugen scheinen. Ich glaube, dass Apple die zwar aggressivste, aber keineswegs einzige Firma ist, die einen grossen Trend hin zu einfacheren, konsumentenfreundlicheren IT-Produkten vorantreibt.

Konsumprodukte müssen einfach sein. Konsumenten kaufen Produkte, keine Systeme. Aber das heisst auch, dass die meisten Konsumprodukte nicht "offen" sind, so wie eine Linux-Maschine offen ist. Die kommende Welle in der IT könnten halbgeschlossene, vom Hersteller stark kontrollierte Produkte sein, die aber für essentielle Funktionalität die Möglichkeiten offener Plattformen nutzen.

Es gibt viele Beispiele dafür in der Nicht-IT-Welt: Ein BMW 7er läuft mit dem gleichen Benzin wie ein Toyota Prius und hat eine zumindest ähnliche "Benutzeroberfläche", aber abgesehen davon sind diese zwei Fahrzeuge sehr verschieden. Niemand würde auf die Idee kommen, dass BMW-Ersatzteile auch im Prius funktionieren sollten. Autos teilen sich eine gemeinsame, offene Infrastruktur (das Tankstellennetz, das standardisiertes Benzin verkauft) und gewisse Bedienungsprinzipien (Steuerrad, Gaspedal etc.), aber ansonsten sind die Produkte sehr verschieden und proprietär. Ebenso zum Beispiel bei Elektrogeräten: Ein Miele-Geschirrspüler läuft mit dem gleichen Strom und passt in die gleiche Aussparung wie einer von Siemens, aber sonst sind diese Produkte sehr unterschiedlich.

Mein Lieblingszitat zu Technologie wird meistens Antoine de St.Exupéry zugeschrieben:

"Technologie entwickelt sich immer vom Primitiven über das Komplizierte hin zum Einfachen."

Die frühen Heimcomputer waren primitiv. Sie waren geschlossene Systeme, die nicht sehr viel Funktionalität boten. C64-Games liefen nicht auf dem TI 99/4a.

Dann kam der IBM PC, der mehr aus Versehen als Absicht zum offenen System wurde. Plötzlich lief die gleiche Software auf Systemen vieler verschiedener Hersteller, und selbst Peripheriegeräte und Erweiterungskarten funktionierten mit den meisten "IBM-kompatiblen" PCs. Das war ein grosser Fortschritt, aber es führte zu viel Komplexität. Auch heute, drei Jahrzehnte nach der Einführung des IBM PC, ärgern sich User immer noch mit Treiberproblemen, Kompatibilitätseinschränkungen und aufgeblasener Software herum, weil Windows so viele Variationen an Hard- und Software unterstützen muss. Offenheit stellte sich auch als schlechte Geschäftsgrundlage für die eigentlichen PC-Hersteller heraus, weil PCs zum Commodity-Produkt wurden. Die Gewinner waren die beiden Firmen, die die einzigen proprietären Elemente kontrollierten, nämlich Microsoft und Intel.

Treten wir nun in eine Ära der Einfachheit in der IT ein, die einiges an Offenheit für andere Vorteile aufgibt? Das ist sehr gut möglich. Und Apple ist längst nicht das einzige Beispiel. Andere erfolgreiche Produkte und Services im Konsumentenmarkt verfolgen einen ähnlichen Ansatz:

  • Facebook ist unangefochten das erfolgreichste Social Network der Welt, aber alles andere als offen. Und die Firma versucht nun ihren Einfluss mit dem Login-Dienst Facebook Connect auch noch auf andere Bereiche auszudehnen.
  • Die andere wirklich massiv wachsende Smartphone-Plattform neben dem iPhone, RIMs BlackBerry, ist vielleicht sogar noch geschlossener als Apples Produkt.
  • Die Spielkonsolen von Sony, Nintendo und Microsoft mit ihren zugehörigen Onlinediensten waren schon immer geschlossene, eng kontrollierte Systeme.
  • Google ist ein interessanter Spezialfall. Obwohl die Firma in vielen ihrer Aktivitätsbereiche offen ist, hält sie den Kern ihres Geschäfts, die Suchmaschine, extrem geschlossen. Yahoo und Bing bieten sehr viel offenere APIs an, während Google eng einschränkt, was Entwickler mit Suchresultaten machen können.

Was diese Beispiele gemeinsam haben: Sie alle benutzen eine offene Infrastruktur (das Internet) und teilen sich gewisse Elemente mit Konkurrenten, sind aber abgesehen davon geschlossene und eng kontrollierte Systeme. Und interessanterweise scheint das den Konsumenten zu gefallen.

Ein gut designtes, einfaches, verlässliches Produkt triumphiert im Konsumentenmarkt fast immer über Offenheit. Es gibt zahllose Social Networks, die offener sind als Facebook, aber Mark Zuckerbergs Firma dominiert den Markt trotzdem. Man kann heute problemlos ein total offenes Linux-basiertes Smartphone kaufen, aber die Leute holen sich doch lieber iPhones und BlackBerries. Und Spiele gibt es auf offenen PC-Plattformen, aber die geschlossenen Konsolen dominieren trotzdem den Markt.

Ist dieser scheinbare Trend weg von Offenheit eine negative Sache? Nicht unbedingt.

Die Zuverlässigkeit und Effektivität von IT-Produkten vergrössert sich meistens mit mehr Einfachheit. Es mag Leuten, die in EDV-Abteilungen arbeiten, aus Gründen der eigenen Jobsicherheit nicht gefallen, aber ein einfacherer Computer ist ein besserer Computer. Weniger technische Probleme bedeuten, dass Ressourcen für wirklich nutzbringende Aufgaben eingesetzt werden können statt für die Beseitigung technischer Schwierigkeiten. Grössere Einfachheit aber kann meistens nur auf Kosten von wenigstens etwas Offenheit erzielt werden.

Aber killt Geschlossenheit nicht Innovation? Wiederum, nicht unbedingt. Die letzten Jahrzehnte zeigten eher, dass Offenheit ein schlechtes Geschäftskonzept ist. Beispiel: Sun Microsystems vertrat immer die Philosophie offener Systeme. Die Firma öffnete ihre Java-Plattform, machte damit aber nie Geld. Resultat: Kürzlich wurde Sun von Oracle geschluckt, einer Firma, die wahrlich keine Preise für Offenheit gewinnt. Anderes Beispiel: Red Hat verdient gutes Geld mit Linux und gibt der Open-Source-Szene viel zurück. Das ist toll, aber Red Hat macht im Jahr so viel Umsatz wie Microsoft in vier Tagen.

Der Punkt ist: Innovation benötigt Kapital. Kapital kriegt man nur, wenn das Investment schützbar ist und in ein lukratives Geschäft entwickelt werden kann. Volle Offenheit hilft dabei nicht. Die Open-Source-Bewegung hat viele grossartige Dinge erreicht und viel volkswirtschaftlichen Wert geschaffen, aber sie hat bisher noch nie einen echten Innovations-Durchbruch hingekriegt. Offenheit macht Technologie billiger, aber sie bringt keine fundamental neuen Dinge in die Welt.

Schlussendlich ist totale Offenheit versus geschlossene Systeme eine falsche Dichotomie. Wie im Beispiel mit den Autos und Geschirrspülern wird es immer offene Standards und Infrastrukturen geben, die teilweise geschlossene Produkte erst wirklich nützlich machen. Und genau da geht die Informationstechnologie derzeit hin. Das iPad ist sehr viel offener als die frühen Heimcomputer. Es kann unter Verwendung offener Standards auf das ganze Web zugreifen, aber andere Aspekte bleiben zugunsten der Einfachheit, Verlässlichkeit und kommerzieller Machbarkeit (weil Filmstudios und Buchverlage für digitale Inhalte immer noch DRM verlangen) geschlossen.

Sehr wahrscheinlich ist das ein Muster für die konsumentenorientierten IT-Produkte der näheren Zukunft. Denn Technologie sollte einen Zweck für ihre Benutzer erfüllen, nicht einer abstrakten Ideologie dienen.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich auf dem englischsprachigen Blog des Autors.

(Bild: dreamglow, CC-Lizenz)

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