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04.05.09Leser-Kommentare

Marketing: Warum das Social Web schlechte Produkte eliminiert

Unternehmen, die exzellente Güter herstellen, haben es so leicht wie nie. Rasend schnell erlangen Spitzenprodukte im Netz Bekanntheit. Wer dagegen nichts weiter als leere Marketingversprechen zu bieten hat, wird untergehen.

kaputtDas beste Geschäftsmodell überhaupt ist es, großartige Produkte oder Dienstleistungen anzubieten. Dies ist die Quintessenz eines sehr lesenswerten Blogpostings von Harvard-Ökonom und Visionär Umair Haque. Anhand des potenziellen PowerPoint-Killers Prezi beschreibt er, wie er plötzlich etwas für ihn bisher nahezu Unvorstellbares tat: nämlich für Software zu bezahlen. Die Präsentations-Applikation, die wir im Februar vorgestellt haben, überzeugte den für seine progressiven Thesen bekannten Haque in der selben Minute, in der er Prezi zum ersten Mal sah.

Sicherlich ist die Idee, mit Hilfe eines revolutionären und vor allem unschlagbar guten Produkts seine Konkurrenten auszuschalten und ohne übermäßigen Marketing-Aufwand die Marktführerschaft in einem Sektor zu erlangen, nicht neu. Doch erst mit dem Aufkommen des Social Web und seinen Möglichkeiten zur quasi unbegrenzten n:n-Kommunikation von Nutzer zu Nutzer entsteht für einen solchen Unternehmensansatz eine sichere und planbare Grundlage.

In der Vergangenheit war es nicht immer das Produkt oder der Service mit den besten Leistungsmerkmalen, was sich am Markt durchsetzen konnte. Zu einem nicht unwesentlichen Teil bestimmten die Werbebudgets der konkurrierenden Anbieter, wer die meiste Aufmerksamkeit bekommen sollte und damit die größten Chancen, ordentlich zu verkaufen.

International aktive Konzerne mit entsprechend umfangreichen Kommunikationsetats befanden sich gegenüber jungen, kleinen und unbekannten Firmen häufig im Vorteil. Selbst wenn das Angebot letztgenannter besser war, so sorgte nicht selten der kräftige Werbedruck der Großunternehmen dafür, dass sich trotzdem deren Güter an die Spitze der Verkaufslisten setzen konnten.

Im Zeitalter des sozialen Netzes gelten die alten Spielregeln nicht mehr. Intransparenz wird von Transparenz abgelöst. Die von Unternehmen kommunizierten Botschaften zu Produkteigenschaften und -vorteilen verlieren zunehmend ihre Relevanz als Informationsquelle für den Konsumenten. Stattdessen tauscht sich dieser auf verschiedensten Wegen im Internet darüber aus, für welches Angebot er sich entscheiden soll - über Produktreviews, Bewertungssites, Foren, Blogs und Microblogs berichten User von ihren Erfahrungen mit Dienstleistung X oder Ware Y und beeinflussen so die Kaufentscheidung anderer.

Wenn Handelsblatt-Journalist und -Blogger Thomas Knüwer sich bei Twitter mehr als deutlich über eine bestimmte Fluggesellschaft beschwert, hat das eine größere Tragweite, als wenn er es vor zehn Jahren in seinem engsten Freundeskreis getan hätte. Hunderte von anderen Usern lesen die Kritik und nehmen sie wahr - bewusst oder unbewusst. Womöglich entscheiden sie sich im Fall das Falles dann für eine andere Airline.

Die Kunde von mangelhaften Angeboten, schlechtem Service und mit großem Werbeaufwand angepriesenen Produkten minderwertiger Qualität verbreitet sich heute schneller denn je und erreicht mehr Menschen als jemals zuvor. Was eine schlechte Nachricht für Firmen ist, bei denen Marketinginvestitionen eher das Ok bekommen als Ressourcen für Angebotsverbesserung und Innovation. Unternehmen mit ausgeprägtem Produktfokus dürfen sich darüber freuen.

Sie werden nun endlich für das belohnt, wofür sie mit Herz und Seele lange gearbeitet haben: Internetnutzer hinterlassen an vielen Stellen im Netz positive Erfahrungs- und Testberichte. Andere User greifen dies auf, bloggen oder twittern darüber, und probieren das entsprechende Gut oder den jeweiligen Dienst aus. All das kann ohne nennenswerte Marketing-Aufwendungen geschehen - wie im Fall Prezi. Wer wie Apple den Verkaufsstart des iPhones, eines allgemein als hervorragend wahrgenommenen Produkts, zusätzlich noch mit einer teuren Kampagne unterstützt, vervielfacht die positiven Effekte.

Wir stehen noch immer ganz am Anfang dieser Entwicklung. Nach wie vor lassen sich Menschen von Werbebotschaften beeinflussen - selbst wenn sie bestreiten, das dies so ist. Doch im Gegensatz zu früher möchte eine steigende Zahl von Konsumenten die aufgenommenen Botschaften verifizieren. Finden sich an jeder Ecke des Webs negative Berichte enttäuschter Käufer/Kunden, verpufft die Wirkung jedes noch so aufwändigen/kreativen Werbespots.

Verbrauchte möchten Produkte, die ihnen den Atem rauben. Produkte, von denen sie schwärmen können, die sie auch noch Monate nach dem Kauf mit strahlenden Augen anschauen können. Das Social Web belohnt Unternehmen, die sich der Herstellung bzw. Bereitstellung solcher Produkte bzw. Services verschreiben. Und es bestraft die, die nicht in der Lage sind, die Bedürfnisse der Konsumenten zu erfüllen.

 

Foto: Flickr/dpstyles (CC-Lizenz)

Kommentare

  • marc

    04.05.09 (15:34:46)

    Aus rechtlichen Gründen werde ich im Folgenden keine Namen nennen, kann aber ein interessantes Verhalten aufzeigen, dass in einem Blog auftrat, nachdem sich Autoren und User kritisch über ein Produkt geäußerst hatten. Der Hersteller versuchte zunächst mit Blogs unter seinem Namen, die im Blog gestellten Fragen und Behauptungen zu widerlegen, als die Kritik danach nicht abriß, forderte der Hersteller mehrfach den Blogbetreiber auf, die Artikel zu löschen, da es sich um Geschäftsschädigung handele (es sei gesagt, dass hier nur User ihre Erfahrungen mit dem Produkt darlegten). Nachdem der Blogbetreiber sich nicht einschüchtern ließ, traten plötzlich vermehrt positive Posts auf, die das Produkt in den Himmel lobten. Die Bloggosphäre äußerte daraufhin in weiteren Posts ihren Verdacht, dass der Hersteller hier gezielt Posts schreiben ließ, um die negativen Posts auszugleichen. Liest man nun die ganze Phanlanx an Postings, so ergibt sich ein Bild über das Produkt, das weitaus mehr Transparenz beinhaltet, als die ursprünglich vom Hersteller rausgebrachte Pressemitteilung. Interessant ist, dass der Hersteller auf die Publikation seines Produktes im Netz hofft, die Eigendynamik der User und ihrer Meinungen aber nur soweit akzeptiert, als dass sie für ihn positiv ausfallen. In diesem speziellen Falle wird in google mittlerweile der besagte kritische Blog mit all seinen posts an erster Stelle gefunden und dann erst die Hersteller-HP. In sofern kann ich dem Artikel nur zustimmen: Das Netz vergißt nie, belohnt Qualität und straft mangelhafte Produkte ab.

  • Tom Schilter

    04.05.09 (15:46:11)

    Ach du meine Güte, so viel Blauäugigkeit habe ich ja selten gesehen:-) Als ob apple und die anderen Großen es sich nicht leisten könnten, zwanzig Leute zu bezahlen, die in sozialeln Netzwerken Werbung für sie machen. So wie nw für facebook.

  • Martin Weigert

    04.05.09 (16:02:26)

    Marc, gutes Beispiel, danke für die Ergänzung!

  • Jochen Siegle

    05.05.09 (12:26:49)

    Dämpfer und aller Kritik zum Trotz, Twitter ist derzeit die wohl begehrteste Firma des Planeten. Nachdem Google einen Korb bekam, scheint nun Apple zu versuchen, sich den MikroNews-Dienst einzuverleiben --> Siehe: [Martin: thematisch hat das wenig mit obigem Artikel zu tun und riecht zudem nach Eigenwerbung, daher Link entfernt].

  • Oliver Springer

    05.05.09 (23:20:23)

    Das Social Web ist ein mächtiger Hebel für einen schon immer wirkenden Mechanismus. @Tom Schilter: Wenn es ein ernsthaftes Problem bei Apple gäbe, dass viele Leute wütend machte, würden die zwanzig bezahlten Redakteure aber auch nicht mehr helfen. Klar gibt es Manipulationsmöglichkeiten, doch bei Produkten, über die viele Menschen sich äußern, lässt sich von Unternehmensseite kaum in der Form dagegen angehen. Die User sind einfach in der Überzahl. Allerdings hat diese neue Macht der User nicht unbedingt nur positive Auswirkungen. Nicht jeder Nutzer verhält sich fair beim Kritisieren. Das hat zuweilen etwas von einem Mob.

  • Alex

    02.06.09 (00:30:49)

    Der von dir beschriebene Effekt hat nur bedingt etwas mit dem Kommunikationsverhalten der Nutzer zu tun, sondern eher mit der Auffindbarkeit und Aggregation der (auch Nutzergetriebenen) Informationen über Intermediäre. N:N Kommunikation ist auch online nicht mächtiger als offline.

  • Martin Weigert

    02.06.09 (08:43:47)

    Ich glaube schon, dass n:n-Kommunikation online mächtiger ist als offline. Es ist ein großer Unterschied, ob ich fünf Freunden von meinem neuesten Lieblingsgadget erzähle, oder 500 Twitter-Followern.

  • Alex

    02.06.09 (22:50:22)

    Ob damit die einzelne Nachricht (ge-) wichtiger wird ist allerdings nicht nachweisbar.

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