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17.05.13 07:40

, von Martin Weigert

Mangelnde Ethik: Die Technologiepresse benötigt ein eigenes Watchblog

Die Technologieberichterstattung leidet unter ethisch problematischen Arbeitspraktiken und Einflussnahmen der großen Netzfirmen. Ein Watchblog für die Techpresse hätte viel zu tun.

TechnologiepresseGroß aufgeblasene Produktveranstaltungen der Technologiegiganten wie Facebook, Apple, Microsoft oder Google sind für die Unternehmen nicht nur Gelegenheit, die Programmierergemeinde enger an sich zu binden und ihnen zu zeigen, wie Dienste und Produkte sich für Entwickler nutzbarmachen lassen. Es ist auch jeweils eine riesige Chance, um massive Presseaufmerksamkeit zu erhalten und um Journalisten mit Goodies, Testgeräten und bisher sonst schwer zugänglichen Informationen zu versorgen, in der Hoffnung auf vorteilhafte Berichterstattung und langfristig "fruchtbare" Kontakte.

Die Konzerne selbst sind dabei in der Regel sehr großzügig. Es obliegt den Journalisten, Grenzen zu setzen und als Zähmungs- oder Anbiederungsversuche wahrzunehmende Angebote abzulehnen. Valleywag, ein Art Gossip- und Watch-Blog des Silicon Valley, das kürzlich nach zwei Jahren Pause sein Comeback feierte, machte gerade auf einen interessanten Fall aufmerksam: So stellte Google jedem Besucher der Keynote der diese Woche in San Francisco stattfindenden Entwicklerkonferenz I/O ein Pixel-Chromebook im Wert von 1300 Dollar zur Verfügung. Das Unternehmen überließ es den Empfängern der Geräte, ob sie diese als Leihgabe für die Zeit der Konferenz nutzen oder als Geschenk mit nach Hause nehmen wollten. Dass Google das vorrangig aus Entwicklern bestehende Publikum seines Events mit den Werkzeugen zu versorgen versucht, die sie benötigen, um ideale Voraussetzungen für ihre Programmierarbeit rund um Google-Services zu schaffen, ist nachvollziehbar. Doch sollten Berichterstatter, die als Konferenzbesucher ebenfalls in den Genuss des Angebots kamen, nicht selbstverständlich darauf verzichten, ein bereits vor Monaten auf dem Markt gelandetes und damit nicht mehr redaktionell relevantes Gerät auf Dauer mit nach Hause zu nehmen? Für mich lautet die Antwort ganz klar "ja". Doch eine Valleywag-Befragung einiger Reporter einschlägiger Techmedien zeigt: Nicht alle Blogger/Journalisten sehen dies so. Einige, wie Steve Kovach von Business Insider und Tim Stevens von Engadget gaben an, das im Falle des zeitweiligen Ausleihenes zu unterschreibende Dokument nicht signiert zu haben. Kovach erklärte Valleywag allerdings, es trotzdem zurückgeben zu wollen, während Stevens verlautbaren ließ, das Pixel unter den Lesern verlosen zu wollen. Robert Scoble, der sich kürzlich mit Google Glass unter der Dusche ablichten ließ, verzichtete ebenfalls darauf, den Leihvertrag zu unterschreiben, plant also, das Gerät zu behalten. Bei ihm geht ohnehin niemand von seiner Unabhängigkeit aus.

Zahlreiche andere Reporter haben auf die Anfrage von Valleywag-Chefredakteur Sam Biddle noch nicht geantwortet. Die bisher eingesammelten Reaktionen zeigen, dass lediglich Mike Iscaac von AllThingsD sowie Farhad Manjoo von Slate das Pixel gar nicht erst in die Hand nahmen - in meinen Augen das für Journalisten einzig ethisch korrekte Verhalten. Nochmal zur Erinnerung: Die Reviews zum Pixel selbst gingen schon vor Monaten durch die Presse. Anders als Google Glass, das derzeit wohl jeder Technologie- und IT-Schreiberling liebend gerne einmal ausprobieren würde, gibt es also zumindest für US-Pressevertreter keinen beruflichen Grund, sich auf der Google-Konferenz ein teures Google-Notebook als temporäres Arbeitsgerät anbieten zu lassen. Zumindest dann nicht, wenn sie die Ambition weitgehender Unabhängigkeit hegen. Objektive, kritische Zeilen über das Treiben von Google schreiben sich auf einem mitgebrachten Rechner garantiert leichter als auf einem freundlicherweise von dem Internetkonzern zur Verfügung gestellten Edel-Chromebook.

Das Ereignis zeigt einmal mehr, was bereits seit langem ein großes Problem der im öffentlichen Rampenlicht stehenden Technologiebranche darstellt, und was ich in der Vergangenheit wiederholt moniert habe: die allseitigen Interessenkonflikte derjenigen, die über diesen wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch so wichtigen Sektor berichten. Die Verflechtungen zwischen Journalisten, Bloggern, Gründern, Investoren, Marketing- und PR-Managern sowie Entscheidern der großen Netzkonzerne sind so eng und die Grenzen zwischen einem legitimen, für die Ausübung des Berufs notwendigen Austausch und einer klaren, ethisch fragwürdigen Vorteilsnahme so fließend, dass Grenzüberschreitungen an der Tagesordnung stehen. Hinzu kommt, dass viele der technologieverliebten Pressevertreter ihre Prinzipien leichtfertig über Bord werfen, sobald sie ein exklusives, nagelneues Gadget anstrahlt. Die eigentliche Stärke für ihren Job, nämlich ihre Leidenschaft für Technologie, wird da schnell zum Fluch.

Angesichts des Stellenwertes, den der Technologiejournalismus im digitalen Alltag der Zukunft besitzt, halte ich diese Situation für äußerst bedenklich, denn sie fördert diejenigen, die hinreichend Ressourcen besitzen, um aus kritischen Berichterstattern zahme Lämmchen zu machen. Es bräuchte daher unabhängige Watchblogs für die Techpresse, die uns allen (ja auch netzwertig.com gehört zur Techpresse) bei unserer Arbeit auf die Finger schauen und die bei zu innigen Schmusekursen zwischen Firmen und den über sie berichtenden Journalisten/Bloggern Alarm schlagen. Valleywag ist sicher ein Anfang, befasst sich aber zu sehr damit, sich über den Technologiesektor als Ganzes lustig zu machen. Zudem betreibt das Mutterhaus Gawker selbst Techblogs wie Gizmodo und liefert sich immer wieder Fehden mit konkurrierenden Medien wie beispielsweise TechCrunch, insofern mangelt es Valleywag an Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit, um sich zu einem ernstzunehmenden Watchblog zu entwickeln.

Als ich letztens App.net-Gründer Dalton Caldwell fragte, wieso bei den führenden Techmedien bloggende US-Multiplikatoren wie beispielsweise MG Siegler (der den Begriff Interessenkonflikt völlig neu definiert) nicht oder nur selten über den Twitter-Konkurrenten schreiben, erklärte er mir, dass MG sehr gut mit einem hohen Tier bei Twitter befreundet sei, weshalb aus dieser Richtung wenig zu erwarten ist.

MG Siegler ist kein Journalist, dennoch beschreibt die von Caldwell beschriebene Dynamik sehr gut, in welchem Maße persönliche Netzwerke darüber entscheiden, wer im Internetsektor wann und von wem welche Aufmerksamkeit bekommt. Bisher wird all dies jedoch kaum hinterfragt oder beleuchtet. Es ist an der Zeit, dass sich dies ändert. /mw

Foto: Google I/O

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Kommentare: Mangelnde Ethik: Die Technologiepresse benötigt ein eigenes Watchblog

Ich halte das Beispiel mit dem Chromebook Pixel für falsch. 1. Durfte es eben nicht - wie oben suggeriert - jeder testen, tatsächlich wohl einige Blogs in den USA aber weltweit (und die Google i/o ist schließlich international) sieht die Nummer anders aus. 2. Zahlt man 900 Dollar plus Anreise für die Messe - schaut man sich auf eBay um, refinanzieren viele darüber die Reise. Besser als sich einladen zu lassen, dann wäre man ja auch nicht mehr unabhängig (sagen einige Pfeifen). 3. Die Diskussion ist steinalt. Dann könnte man auch generell einen Journalismus-Watchblog fordern. Was gerade besonders bei den Autoblogs für Goldgräberstimmung herrscht ist da deutlich extremer.

Diese Nachricht wurde von Lars am 17.05.13 (08:28:36) kommentiert.

Zu 1. und 2.: Durchaus valide Punkte. Aber im aktuellen Beispiel geht es um US-Techblogger und Journalisten, die also sowohl das Pixel schon ausprobieren konnten als auch nicht für 900 Dollar anreisen mussten. Und zu 3. Die Diskussion ist steinalt, aber das Thema wird angesichts der wachsenden Bedeutung von Tech ("Software eats the world") und das zunehmenden Einflusses der Netz- und IT-Firmen immer relevanter. Und nur weil in einer anderen Branche ähnlich herumgeschmauschelt wird, heißt es ja nicht, dass man es hier nicht ansprechen sollte.

Diese Nachricht wurde von Martin Weigert am 17.05.13 (09:13:03) kommentiert.

Ich bin tatsächlich auch der Meinung, dass dieses Problem existiert und stetig wächst. Dass Google Entwickler mit Hardware ausstattet und ködert, finde ich (bis zu einem gewissen Grad) unproblematisch; anders sieht es da bei Bloggern und Journalisten aus. Leider werden Entwicklerkonferenzen(!) mittlerweile von Journalisten überrannt, auch wenn diese oft komplett gestreamt werden, sodass alleine für die Berichterstattung über Vorträge ein Besuch gar nicht mehr nötig wäre. Klar kommt man neben den Vorträgen und Workshops mit zahlreichen Leuten ins Gespräch; trotzdem sind Journalisten eigentlich nicht die angepeilte Zielgruppe, was dann manchmal auch zu sehr befremdlichen Artikeln führt. Aktuell beispielsweise zur Google I/O, über die zum Teil berichtet wurde, dass Google ja 'alle enttäuscht hätte', was aber oft nur für die Berichterstatter selbst gilt, die vorab alles Mögliche orakelt hatten und in vielen Bereichen falsch lagen. Viele Entwickler sind dagegen (meiner Meinung nach zurecht) von dem Gezeigten begeistert; immerhin sind sie ja auch die Zielgruppe und wissen mehr damit anzufangen. Leider sehen das die "Betroffenen" meist ganz anders, wie nicht zuletzt auch der Blogger Sascha Pallenberg gerade zeigt. Er findet das kein Problem und tut die Aufregung um das Chromepook Pixel als "Neiddebatte" ab. Siehe dazu Kommentare unter dem Mobilegeek-Artikel (http://www.mobilegeeks.de/google-chromebook-pixel-erste-eindruecke) bzw. auf Google+ (https://plus.google.com/+SaschaPallenberg/posts/U6pX3Mxbfh3). Klar geht es vor allem um die amerikanischen Blooger und Journalisten; trotzdem halte ich diese Reaktion für symptomatisch. Ich erwarte gerade von Bloggern keineswegs vollkommene Neutralität. Wenn ich ein Blog zum Thema Android oder Apple lese, habe ich zumeist immer im Hinterkopf, dass es sich bei den Autoren meist um Fanboys und -girls handelt. Kritisch wird es aber, wenn das nicht von vorneherein ersichtlich ist; und der Artikel nannte ja bereits die immer größere Vermengung der einzelnen Bereiche.

Diese Nachricht wurde von Matthias Keller am 17.05.13 (14:14:56) kommentiert.
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