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31.01.14

Magine-Mitgründer Mattias Hjelmstedt: "Wir haben in Deutschland drei Jahre verhandelt"

Drei Jahre lang hat der aus Schweden stammende TV-Streamingdienst Magine mit den Medienkonzernen und Rechteinhabern in Deutschland verhandelt. Das zahlt sich aus: Wenn Magine in Kürze offiziell startet, wird es Usern mehr bieten können, als sie bislang aus diesem Segment gewohnt sind. Wir sprachen mit CEO Mattias Hjelmstedt.

Der kurz vor seinem offiziellen Deutschlanddebüt stehende TV-Streamingdienst Magine serviert zwar in Pressemitteilungen regelmäßig kleine Informationshäppchen zum Stand der Dinge - so zuletzt hinsichtlich der Vereinbarung mit ProSiebenSat.1 - hielt sich aber bislang mit Details zu seiner finalen Produkt- und Preisgestaltung zurück. Doch im Gespräch mit CEO und Mitgründer Mattias Hjelmstedt gelang es uns, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen.

Das Wichtigste zuerst: Magine wird nach dem offiziellen Startschuss, der auf die aktuell nur mit einer Einladung zugängliche Beta-Phase folgt, auf ein Freemium-Modell setzen. Welche Sender und Funktionen in der kostenfreien Basisversion enthalten sein werden, will Hjelmstedt noch nicht verraten. Er betont aber, dass es mehr sein werden als im Heimatland Schweden, wo das Gratis-Angebot nur eine sehr begrenzte Zahl an Fernsehsendern enthält. Der Preis der kostenpflichtigen Variante wird sich im marktüblichen Bereich bewegen, also im Dreh von zehn Euro.

Mattias Hjelmstedt

Magine kommt inklusive "Catchup"-Funktion

Das erklärte Ziel der Nordeuropäer ist es, TV neu zu erfinden. Deshalb möchten sie sich nicht einfach nur auf die IP-basierte Live-Übertragung existierender Fernsehsender beschränken, sondern deren Inhalte auch rückwirkend zugänglich machen. Bislang sperrten sich die Sender und Rechteinhaber in Deutschland gegen eine sogenannte "Catchup"-Funktion, mit deren Hilfe User vor Stunden, Tagen oder einigen Wochen ausgestrahlte Sendungen streamen können. Die existierenden Lösungen wie Save.TV und OnlineTvRecorder operieren in einer rechtlichen Grauzone und ohne den Segen der Sender.

Magine hat es geschafft, aus der Branche grünes Licht für die Einführung von Catchup zu erhalten. Die Funktion wird zum Launch aktiviert, wobei die Verfügbarkeit je nach Sender variiert. Inwieweit die Kanäle von RTL und ProSiebenSat.1., die in der Vergangenheit den größten Widerstand gegen die Aufbereitung ihrer Inhalte durch Dritte im Web leisteten, ebenfalls das nachträgliche Anschauen von Programmen unterstützen werden, dazu macht Hjelmstedt aktuell keine Aussage.

Mit, nicht gegen die TV-Konzerne

Dass Magine in den Verhandlungen mit den Sendern Fortschritte erzielt, wo Konkurrent Zattoo bislang nicht vorankam, begründet Hjelmstedt damit, dass die Schweden die Medienkonzerne davon überzeugen konnten, auf ihrer Seite zu sein und ihnen dabei zu helfen, ihre Angebote besser zu machen. Mehrfach betont der Schwede während des Interviews, komplett nach den Regeln der Rechteinhaber und Sender zu spielen. Das 2011 gegründete Startup verhält sich damit anders als der in den USA aktive Anbieter Aereo, der - aufgrund einer kniffligen Rechtelage und einer anderen Branchenstruktur - ohne Vereinbarungen mit den Sendern voranprescht.

Furcht vor dem "Spotify"-Moment

"Die TV-Industrie fürchtet sich vor dem 'Spotify'-Moment", beschreibt Hjelmstedt die zögerliche Haltung der etablierten TV-Medienkonzerne, wenn es darum geht, externen Webservices die Distributionsrechte zu gewähren. Hjelmstedt und seinem rund 100-köpfigen Team ist es gelungen, den deutschen Branchenakteuren das sichere Gefühl zu geben, dass sie mit Magine nicht ihr eigenes Geschäft in Gefahr bringen. Spekulieren kann man darüber, inwieweit die bevorstehende Expansion von Netflix in Europa die Kooperationsbereitschaft der Sender erhöht. Die Gewissheit, dass hier ein mächtiger plattformübergreifender Dienst auftaucht, der die TV-Sender einfach übergeht und mit ihnen um das Zeitbudget der User konkurriert, könnte dazu führen, dass eine enge Zusammenarbeit mit einem anderen mobilen High-End-Service für die Senderketten plötzlich als Option an Attraktivität gewinnt.

Eine unmittelbare Konkurrenz zwischen Netflix und anderen Filmflatrates sowie Magine sieht Hjelmstedt, der vor Magine den schwedischen Netflix-Kontrahenten Voddler gegründet hatte, nicht. Beide Konzepte ergänzen sich seiner Ansicht nach hervorragend. Im Heimatland gebe es viele User, die sowohl Netflix als auch Magine abonnieren. Magine wolle sich auf die Neudefinition und Erweiterung von (Live-)TV konzentrieren. Ein davon losgelöstes Flatrate-Angebot an On-Demand sei nicht geplant.

Der schwierigste Auslandsmarkt zuerst

Die Verhandlungen mit den deutschen Sendern nahm Magine umgehend nach der Gründung 2011 auf. Als Europas größte Volkswirtschaft mit einer guten, wenn auch nicht blitzschnellen Internetgrundversorgung, sowie aufgrund der regionalen und kulturellen Nähe, war die Expansion nach Süden ein logischer Schritt. Außerdem sei die deutsche TV-Landschaft eine der weltweit am strengsten reglementierten überhaupt. Nachdem man diese erobert habe, ist die weitere Internationalisierung deutlich einfacher, so der Gedanke von Hjelmstedt und seinen vier Mitgründern, die alle über jahrelange Erfahrung aus der TV-Branche verfügen. Hjelmstedt erklärt, dass auch existierende Kontakte in die deutsche Fernsehwirtschaft bei der Anbahnung von Kooperationen halfen. Eine finanzielle Beteiligung eines Medienunternehmens aus Deutschland gebe es jedoch nicht, versichert der Skandinavier. Magine ist mit rund 19 Millionen Dollar finanziert. Die Gelder stammen von den Gründern sowie schwedischen Investoren. Auch der einst in der Bundesliga aktive ehemalige schwedische Fußball-Nationalspieler Martin Dahlin gehört zu den Investoren.

Magine möchte in Deutschland keine kleinen Brötchen backen sondern zu einem großen TV-Akteur aufsteigen. "Wir werden ziemlich aggressiv auftreten", so die Prophezeihung von CEO Mattias Hjelmstedt. Es sieht so aus, als wird 2014 zu einem von großem Wandel geprägten Jahr für die einheimische Fernsehlandschaft. /mw

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