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28.02.09

Lokaljournalismus: New York Times mit Stadtteil-Blogs

Alle Nachrichten sind lokal: Die New York Times startet zwei Nachbarschafts-Blogs - und will damit Reporter, Bürgerjournalisten und Anzeigenkunden zusammenbringen.

Nachbarn auf Block-Party (Chas Redmond, cc-Lizenz)

Was passiert in der unmittelbaren Umgebung? Die New York Times startet am Montag zunächst zwei Blogs, die jeweils nur über eine Nachbarschaft berichten, schreibt TechCrunch. Ein Blog wird sich demnach mit Fort Greene und Clinton Hill, zwei historische Stadtteile im New Yorker Bezirk Brooklyn, befassen, das andere mit drei Gemeinden im Südwesten New Jerseys, Millburn, Maplewood und South Orange. Betreut werden die Blogs von der New York Times, sogenannte "citizen journalists" sollen helfen, die Blogs zu füllen und womöglich sogar etwas damit zuverdienen.

Man wolle Anzeigen an lokale Einzelhändler verkaufen, das sei aber angesichts der teuren Vollzeitstellen der New York Times-Reportern offenkundig kein tragfähiges Geschäftsmodell, zitiert TechCrunch Jim Schachter, bei der New York Times Redakteur für digitale Initiativen. Mit den Blogs soll ausprobiert werden, wie ein Geschäftsmodell aussehen könnte – wie die Zusammenarbeit mit Bürgerjournalisten organisiert werden kann, wieviel Kontrolle für eine hohe Qualität nötig ist, wie und ob man Einnahmen splitten kann.

Bisher gibt es im Internet kaum passende Angebote für kleine Unternehmen und lokale Händler, für relativ kleine Einzugsgebiete zielgerichtet Anzeigen zu schalten. Im lokalen Anzeigengeschäft liege zurzeit noch eine große Chance, findet Medienexperte Jeff Jarvis (auch auf medienlese.com ). Unter der Qualitätsmarke New York Times schalten Einzelhändler womöglich lieber – und teurere – Anzeigen als in riesigen Internet-Portalen.

Wann bloggt der Tagesspiegel aus Marzahn?

Das Testprojekt der New York Times und die jüngste Blogger-Verpflichtung der FAZ zeigen: Die deutschen Zeitungshäuser setzen bei ihren Blogs mehr auf Persönlichkeiten als auf Nachbarschaften. Ob der Lottmann auf taz.de, Matussek auf Spiegel Online oder Ingeborch bei derWesten.de – hier bloggen Autoren aus ihrem Leben. Oder es geht um bestimmte Themen wie Fernsehen, Fußball oder Web 2.0. Auch wenn in diesen Themenblogs durchaus Orte die Hauptrolle spielen können – wie beim Berlin-Journal auf Zeit Online – oder die Autorenblogs eng mit einer bestimmten Stadt verknüpft sind, weil Korrespondenten aus London, Peking und Washington bloggen: Die Mischung aus Kiez-Blog und Lokaljournalismus habe ich bei den großen Online-Medien bisher vergeblich gesucht (oder weiß jemand mehr?).

So richtige Stadtblogs mit regelmäßiger Berichterstattung über das sozio-kulturelle Leben sind doch bisher eher Hobbyveranstaltungen – wie die Ruhrbarone, ein paar Journalisten, die das aus der größten Nachbarschaft Europas bloggen, oder das Hauptstadtblog. Wobei hier Region und Stadt als Referenzrahmen recht groß ausfallen. Dichter dran an der Idee vom Nachbarschafts-Blog ist Hamburgs Osten , ein Blog von der "anderen Seite" der Alster, wo die Szenescouts der Stadtmagazine und Zeitungen sich nur selten blicken lassen – um nur ein Beispiel zu nennen.

Solche lokalen Medien, die nicht bloß die mitunter leicht trashige Machart von kostenlosen Anzeigenblättern ins Web holen, sondern mit Verve und Qualität für eine Nachbarschaft bloggen, könnten eine Chance auf dem Markt für lokale Werbung haben. Mit einem Verlag im Hintergrund, der sich um Vermarktung kümmert, die Technik für automatische Werbeschaltung bereitstellt und einen guten Namen hat, sicher einfacher und unkomplizierter, als wenn man von Null anfängt und alles im Eigenbetrieb aufbauen muss.

Neue Aufgaben für neue Journalisten?

Ausdrücklich ist bei dem Versuch der New York Times mit den beiden Nachbarschafts-Blogs von Reportern die Rede, die die Blogs betreuen, nicht von Redakteuren. Aber ob diese Reporter langfristig vor allem inhaltlich arbeiten und eigene Inhalte produzieren oder stattdessen vielmehr mit dem Managen von Content und Community beschäftigt sind? Eine interessante Entwicklung, die für Journalisten einen Wandel ihres Rollenverständnisses mit sich bringen könnte.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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