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10.09.08Leser-Kommentare

Lokaljournalismus: Das Nichtgeschriebene

Lokalpresse ohne Publikum? (pixelstoiber, CC-Lizenz)Wenn der moderne Qualitätsjournalismus sich unter anderem dadurch auszeichnet, dass alle das Gleiche schreiben, dass es risikobehaftete Themen gar nicht mehr ins Blatt schaffen, dann fällt es schwer, darüber zu diskutieren. Wie soll man über etwas reden, was doch nirgends schwarz auf weiß zu lesen stand? Die Menschen sind ohne Lokalberichterstattung aufs Gerücht zurückgeworfen. Manchmal gibt es Löcher in diesem medialen Paravent, die einen Blick auf die kommunikativen Folgeprobleme freigeben.

Die taz, die ich hiermit ausdrücklich vom Vorwurf des modernen Qualitätsjournalismus ausnehme, die berichtet am 2. September über eine Lesereise vierer Journalisten durch die schwäbische Provinz. Das Quartett hatte kurzerhand seine gesammelten Filz- und Korruptionsgeschichten, die es nicht mehr in die Tagespresse schafften, zu einem Buch gebündelt, mit dem sie jetzt über die Städte und Dörfer im Reiche Oettinger tingeln.

Was diesen Bericht von einer Lesereise so einzigartig macht?

Das Feedback zum Thema 'Lokaljournalismus', das hier einmal direkt aus der nichtschreibenden Bevölkerung kommt - als genuine Leserschaft des Lokaljournalismus in Deutschland haben sich dise Menschen längst innerlich und völlig zu recht von ihrem publizistischen Einheitsfraß abgewandt. Die Kritik ist vernichtend: Der Lokaljournalismus erfülle flächendeckend seine Aufgabe nicht mehr, heißt es - es sei denn, man wolle unbegründeterweise annehmen, dass Baden-Württemberg ein besonders verkommener Winkel dieser Republik sei:

"Gute Zeitungen sind teuer und keine Häppchenveranstaltung. Davon haben sie genug. Wo immer die Besucher zum Thema Presse debattieren - und das tun sie mit viel Herzblut -, wird eines deutlich: Sie wollen Qualität. Nicht das Flache und Flüchtige, das Glatte und Gleichförmige. Sie lesen sich auch durch das Gebirgige, vorausgesetzt, es bringt ihnen ein Gewinn an Erkenntnis und sie können sich auf das Gelesene verlassen. Ein Herr im Anzug, der sich unter vier Augen als Amtsgerichtsdirektor vorstellt, prägt dazu einen ernsten Satz: Ihn interessiere nicht, was Politiker und Unternehmer bei Pressekonferenzen sagen. Er wolle wissen, ob es stimmt, was sie sagen".

Den Provinzfürsten, den Duodezindustriellen und den Kleingeistern im Kammgarnanzug, die notorisch ihren IQ mit ihrem Kontostand zu verwechseln pflegen, denen fühlen sich die Menschen in der Provinz ausgeliefert, nirgends ist eine Presse, an die sie sich wenden könnten, weil die werte Verlegerschaft längst mit unter jener Decke steckt, die so dringend gelüftet werden müsste. So ist es auch kein Wunder, dass derzeit allen anderen voran ausgerechnet eine Lokalzeitung gegen die Aussagen des Buches auf Unterlassung streitet.

Die Journalisten kehren übrigens mit reicher Beute aus dieser medialen Unterwelt zurück, aus einer Welt allgegenwärtiger Kleinkorruptivität, die auch durch die Mitmachstrategien des Lokaljournalismus erst möglich wird. Kuverts mit Hinweisen, Anschuldigungen, Beweisen werden ihnen allerorten zugesteckt. Nur - wo sollten die dazugehörigen Geschichten dann erscheinen?

"Diese Fragen stecken oft in Kuverts. In den dünnen verbergen sich meist die Kurzfassungen der Sauereien, der vermeintlichen und tatsächlichen. Der Landrat, der sich Grundstücke ergaunert haben soll, der AOK-Chef, der sich die Kasse unter den Nagel reißt, der Chefarzt, der den Pfusch vertuscht. In den dicken, die sich auch zu Aktenordnern auswachsen können, findet sich die Schreiben von Anwälten, Staatsanwälten, Gerichten, mit deren Hilfe die Geschädigten belegen (wollen), wer sie übers Ohr gehauen hat. Hochwohllöbliche Personen sind darunter, deren Kontakte bis nach Liechtenstein reichen. Nach der Lektüre fragt man sich, wer eigentlich Recht bekommt in diesem Land und warum."

Nach der Lektüre des Artikels entsteht das deprimierende Bild einer Lokalpresse ohne Publikum. Diesem Ideal nähert sie sich bekanntlich mit raschen Schritten an. Korrekter wäre es trotzdem, von einem Publikum ohne Lokaljournalismus zu sprechen. Wie heißt es so schön bei Hans Fallada:

"Das schweinischste Handwerk auf der Welt: Lokalredakteur sein in der Provinz."

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Krusenstern

    10.09.08 (09:13:33)

    Und wieder dürfen wir die Journalisten verhauen, nach den Auslandskorrespondenten sind nun die Lokaljournalisten an der Reihe. Als Zeugen dienen dabei die "nichtschreibende Bevölkerung, [die sich] als genuine Leserschaft des Lokaljournalismus in Deutschland längst innerlich und völlig zu recht von ihrem publizistischen Einheitsfrass abgewandt [hat]". Unter ihnen insbesondere ein "ein Herr im Anzug, der sich unter vier Augen als Amtsgerichtsdirektor vorstellt". Dummerweise machen Amtsgerichtdirektoren und andere Herren im Anzug vielleicht 5 Prozent der Leserschaft einer Lokalzeitung aus. Die restlichen 95 Prozent bekommen - nun ja - wahrscheinlich die Lokalzeitung, die sie wollen. Es gibt wahrlich genug zu kritisieren am Journalismus in den deutschsprachigen Ländern. Aber bitte mit Fakten und Hintergrundwissen. Wenn man den Journalismus wortreich und bildhaft kritisiert, dann sollte man wissen, dass Peter Scholl-Latour seit 1983 nicht mehr Auslandskorrespondent ist, dass David Bauer den "Fallschirm-Journalismus" nicht erfunden hat, dass das Rotationsprinzip für Auslandskorrespondenten Courant normal ist, dass auch Amtsgerichtsdirektoren im Anzug die BILD kaufen und in ihrer (vom Amt abonnierten) Lokalzeitung oft nur die Unfallmeldungen lesen, dass, dass, dass... Wenn die "Süddeutsche" und der "Spiegel" so unfifferenziert über Blogger schreiben, wird ihnen von der Blogosphäre zu Recht die journalistische Sorgfaltspflicht um die Ohren gehauen. Diese sollte aber umgekehrt auch gelten! Jürg Vollmer

  • Klaus Jarchow

    10.09.08 (10:34:09)

    @ Jürg Vollmer: Es geht in dem zitierten Bericht um den Extrakt einer Lesereise vierer LOKALJOURNALISTEN, die dabei ihr Buch vorstellen, das sich das Thema der real existierenden Restbestände von LOKALJOURNALISMUS im provinziellen Südwesten der Republik vorknöpfte. Ahnungslosigkeit kann man denen wohl kaum vorwerfen. Die Säle waren überall gut gefüllt, obwohl die Presse das Event zumeist verschwieg, die Veranstaltungen voller Klagen - und das wohl kaum von jenen 'nur fünf Prozent', die Sie dort orten. Ich denke im Gegenteil, dass Sie das Elend vor Ort gar nicht mehr kennen. Das Problem besteht in meinen Augen im Kern darin, dass die Verleger als kommunale Monopolisten längst mit dem Rücken zum Publikum ihr Metier betreiben, das sie trotzdem noch Lokaljournalismus zu nennen geruhen. Andersherum - und abweichend von Ihrer Formulierung - wird ein Schuh daraus: Nur die Anzeigenkunden - und vielleicht auch die Kommunalpolitiker - bekommen heute noch den Lokaljournalismus, den sie wollen.

  • yepp

    12.09.08 (07:29:22)

    sorry. an diesem beitrag stimmt gar nichts. einen der vier autoren kenne ich persönlich. er veröffentlicht regelmäßig in der lokalzeitung, in der ich arbeite. beschränkungen gibt es außer den üblichen rechtlichen keine. außerdem haben die autoren so sämtliche preise gewonnen, die in der deutschen presselandschaft vergeben werden - sie sind also keine beiseitegeschobenen einzelkämpfer. - natürlich gibt es schlechten lokaljouralismus, schlechte lokalzeitungen. aber mittlerweile wird in vielen lokalredaktionen mutiger gearbeitet wie in den großen überregionalen blättern. man muss es eben auch sehen wollen.

  • Klaus Jarchow

    12.09.08 (08:30:19)

    @ yepp: Das ist erstaunlich, was Sie dort herauslesen - weil ich meine Kernaussagen ja eben aus dem verlinkten Erfahrungsbericht dieser vier Musketiere bezog. Zumindest einer davon flog ja wohl auch im hohen Bogen aus dieser fürstlich-schwärzstkonservativen SchwäZ. Lässt sich aber alles im referierten Artikel nachlesen. Mein individueller Beitrag besteht - genau genommen - nur darin, den Fokus stärker auf den Aspekt des 'Publikums' auf diesen Veranstaltungen verschoben zu haben, weil diese Leute das eigentliche Thema jeder 'Zeitungsveranstaltung' sein sollten. In meinen Augen kommt in den Klagen, die dort geäußert wurden, eine der Hauptursachen für schwindende Auflagen zum Ausdruck: Die Zeitungen stehen nicht mehr 'mit ihrem Publikum gegen die Mächtigen', sie stehen längst auf der anderen Seite. Das ist für mich der Kern an Erkenntnisgewinn - selbst dann, wenn es sich bei den hier apostrophierten Mächtigen nur um mediokre Provinzriesen handelt ...

  • dirk mueller

    22.09.08 (11:20:57)

    Danke, dass sie mich auf das Buch aufmerksam gemacht haben, ich habe es gleich in mehreren Exemplaren zum Verschenken an meine Freunde in der schwäbischen Provinz bestellt :-)

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