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24.10.13Kommentieren

LinkedIn: Unterschätzter Gigant

Gerne wird LinkedIn als digitaler Lebenslauf oder simples Geschäftsnetzwerk bezeichnet. Doch die Ambitionen des Unternehmens sind viel größer. Nach und nach treten sie zu Tage.

Manche Webunternehmen entwickeln sich zu Giganten, indem sie alles um sich herum niederwalzen, Nutzer magnetisch anziehen und ihre Expansion mit hochtrabenden Visionen garnieren. Facebook fällt in diese Kategorie. Eine andere Art von Onlinedienst dagegen wächst langsamer, schleicht sich regelrecht heran und sorgt dafür, dass die in Wirklichkeit nicht minder ambitionierten Ziele erst sukzessive zu Tage treten. LinkedIn ist ein derartiger Kandidat. Trotz kontinuierlicher Vorstöße in neue Territorien wird das Unternehmen aus der Google-Stadt Mountain View gemeinhin noch immer "nur" als Geschäftsnetzwerk oder gar abwertend als digitaler Lebenslauf oder Online-Rolodex wahrgenommen. Und das trotz eines Börsenwerts von derzeit 22,6 Milliarden Dollar. Doch jüngste Neuerungen des 238 Millionen Mitglieder bei sich versammelnden Dienstes machen klar, dass LinkedIn-Gründer und Chairman Reid Hoffman weitaus mehr will, als die Visitenkarte zu ersetzen. Smartes Medienunternehmen

Mit dem vor einiger Zeit aufgekauften Flipboard-Konkurrenten Pulse stoßen die Kalifornier immer stärker in den Contentbereich vor. Eine Marschrichtung, die sie schon deutlich machten, als sie 2011 den News-Empfehlungsservice Today lancierten und vor einem Jahr ihre Plattform unter dem Label "LinkedIn Influencer" für Kolumnen und Artikel von Unternehmern, CEOs, Politikern und renommierten Professionals öffneten. "Wir wollen der Ort sein, an dem du am Morgen Nachrichten und Erkenntnisse erhältst, bevor du deinen Tag beginnst, oder der Ort, an dem du dich blicken lässt, wenn du zwischen zwei Besprechungen ein wenig Zeit hast", so zitierte paidContent im Juli den LinkedIn-Produktchef Ryan Roslansky. LinkedIn mausert sich zu einem smarten Medienhaus mit eingebautem professionellen Social Graph. Sollte das Unternehmen oder sein Gründer Reid Hoffman demnächst einen Verlag oder eine journalistische Publikation aufkaufen, so wäre dies wahrlich nicht verwunderlich.

LinkedIn will das Smartphone übernehmen

LinkedIn strebt eine Allgegenwärtigkeit im Alltag von Berufstätigen an, die auch mit einem innovativen, aber sehr kontroversen Feature erreicht werden soll: Intro nennt sich eine für das iPhone entwickelte neue Funktion, die bei eingehenden E-Mails innerhalb von Apples Mail-Applikation LinkedIn-Profilinformationen anzeigt. Dies kann ungeheuer praktisch sein, hat allerdings den Haken, dass LinkedIn dafür sämtliche E-Mails über einen Proxyserver schicken lässt, der Abesenderprofile in eingehende Mails einfügt. Zudem müssen iPhone-Nutzer, die ihre E-Mails nicht über Gmail oder Google Apps abrufen, ein lokales LinkedIn-Profil auf ihrem Smartphone installieren, welches dem Gerät mitteilt, E-Mails unter Berücksichtigung des LinkedIn-Proxys zu beziehen. Für ein Unternehmen, das schon häufiger Nachlässigkeiten im Zusammenhang mit dem Schutz der Nutzerdaten an den Tag legte, wirkt das Zwischenschalten eines E-Mails mitlesenden Servers mehr als mutig. Erste Reaktionen bei technisch versierten Nutzern sind harsch.

Lässt man einmal die Datenschutzaspekte außer Acht, zeigt LinkedIn mit Intro, welchen Mehrwert der reichhaltige Schatz an bei LinkedIn gespeicherten Informationen für User haben kann. Der Service basiert auf dem im Winter 2012 von LinkedIn übernommenen Dienst Rapportive, der es Gmail-Anwendern erlaubt, Profildaten zu E-Mail-Absendern einzusehen. Intro ist nicht der erste Versuch der US-Amerikaner, sich auf dem Smartphone festzusetzen. Im Frühjahr veröffentlichte das Unternehmen eine iPhone-App, die sich anschickt, das lokale Adressbuch zu ersetzen.

Puzzle mit vielen Teilen

Wie bei einem Puzzle wird mit jedem neuen Teilchen, das die Kalifornier präsentieren, langsam das komplette Bild deutlich. Im Gegensatz zur Vision von Facebook-Chef Mark Zuckerberg, der seit zehn Jahren die Welt vernetzten möchte, klingen die Pläne von Reid Hoffman fast schüchtern: Er will LinkedIn zu einem Ort machen, an dem Menschen ihre Karriere managen. Ein genauerer Blick offenbart aber die tatsächlichen Ausmaße dieses Ziels: Mindestens acht Stunden pro Tag sind Erwerbstätige mit ihrem Beruf beschäftigt. Hinzu kommen indirekt der Karriere förderliche Aktivitäten wie der Konsum von Medieninhalten, formelle und informelle Weiterbildungsmaßnahmen, der Restaurantbesuch mit Kollegen oder das dienstliche Reisen. LinkedIn möchte Nutzer in jeder Minute begleiten, in der berufliche Aspekte zumindest eine Nebenrolle spielen. Selbst wenn viele es bedauern: Die Mehrzahl der Berufstätigen widmet einen überwiegenden Teil ihrer wachen Zeit dem aktuellen Job und der Schaffung neuer künftiger Karriereoptionen. Das Potenzial für LinkedIn ist dementsprechend enorm. /mw

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