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03.07.09

Leistungsschutz: Linkverbot!

In Deutschland verlangt Burda einen "Leistungsschutz" für Medien.

In den USA wird das Kind bereits beim Namen genannt: Ein Linkverbot für News für 24 Stunden. Dort eine Idee aus der Mottenkiste, die hierzulande verfangen könnte.

Frisch aus der Presse, 24 Stunden gegen Links geschützt? (keystone)

Wenn die Geschäftsmodelle von gigantischen Industrien durch neue Technologien in Stücke gerissen werden, kommen die Betroffenen auf irrwitzige Ideen.

Als nichts anderes muss es bezeichnet werden, wenn "die vierte Gewalt", die diesen "Titel" aufgrund ihrer angeblichen Unabhängigkeit von Staat und Wirtschaft lange wie eine Monstranz vor sich her getragen hat, sich urplötzlich genau denen an die Brust wirft und Schutz vor dem bösen Volk und angeblichen Trittbrettfahrern verlangt.

Konkreteste Idee bisher: Nachrichten- oder News-Texte von Zeitungen sollen mindestens vierundzwanzig Stunden lang nicht verlinkt werden dürfen. Das sind die jüngsten und bisher konkretesten Vorschläge aus Lobbyisten- und Anwaltskreisen in den USA.

Die Logik der Vordenker dieser abstrusen Protektionismus-Idee: Die Zeitungen und Agenturen sind einen Tag lang die einzigen, bei denen das Publikum diese Nachrichten beziehen kann. Und dank diesem Vorsprung bleiben sie die Monopolisten, die weiterhin just das tun können, was sie jetzt allen anderen vorwerfen: Auf die Scoops der kleinen Blätter mit geringer Reichweite aufzuspringen, sie quasi-exklusiv zu verbreiten und dabei "zum Schutz der Zeitungen" nicht nur nicht zu verlinken, sondern auch aus Versehen die Nennung der Originalquelle vergessend.

Gut, letzteres ist eine Unterstellung - allerdings eine, die ich in zwanzig Jahren als Zeitungsjournalist oft genug erlebt habe. Und dass die ach so exklusiven Blätter mangels Links von aussen keine zusätzlichen Leser erhalten werden, geht in den Teppichetagen nicht vergessen, sondern scheint mit dem noch immer nicht durchgedrungenen Verständnis vom Vernetzungsgedanken zusammenzuhängen.

Grade eben haben wir diesen Flaschenhals überwunden, grade eben haben auch kleine, feine Rechercheure, Blogger und Spezialisten ihre Chance gekriegt, das grosse Publikum zu erreichen, ohne der Willkür der "Massenmedien" ausgeliefert zu sein, da behaupten die Grossen, just zu ihrem Schutz diesen Mechanismus abschalten zu wollen.

Und immer wird dabei auch von Verlegern angeführt, sie und nur sie würden originäre, exklusive Inhalte erschaffen und aufbereiten. Wenn dem so wäre, hätten sie jetzt allerdings nicht viel zu befürchten und könnten beispielsweise getrost auf Bezahlmodelle setzen (wie etwa das Wall Street Journal), denn was das Publikum nicht anderswo kostenlos in ähnlicher Qualität erhält, für das ist es jederzeit bereit zu bezahlen.

Nur beruhte das Geschäftsmodell der Verlage und Rundfunkanstalten noch nie auf der Produktion qualitativ hochwertiger Information, sondern fast ausschliesslich auf ihrem Monopol auf den Druckerpressen und Sendeanlagen. Wenn es ihnen um den Schutz der hochwertigen Information und den Wertschöpfungsprozess ginge, der damit zusammenhängt, müssten Grossverlage wie Springer auch intern für eine angemessene Abgeltung sorgen. Stattdessen wird dort von freien Journalisten eine vollständige Rechteabtretung zu rapide sinkenden Honoraren verlangt. Und anderswo bedient man sich gleich im Pool der Flickr-Fotos - Monopol, irgendwer?

Warum aber wird jetzt in Deutschland von "Leistungsschutz" und nicht ganz einfach, wie in den USA, direkt von einer Ausweitung des Urheberrechts, dort "Copyright", gesprochen?

Wahrscheinlich, weil man in Deutschland solche Kampagnen in der Regel etwas gründlicher vorbereitet als beispielsweise der amerikanische Richter Richard Posner , auf dessen hanebüchenen Vorschlag Medienguru Jeff Jarvis mit einem bitterbösen Posting auf seiner Buzzmachine reagiert hat: Was Richard Posner nämlich vorschlägt, den Schutz von (Zeitungs-) News durch das Copyright, stand schon einmal auf der Agenda der amerikanischen Zeitungsverleger - im Kampf gegen die Radiostationen, eingangs des letzten Jahrhunderts.

Während des Jahrzehntelangen Kampfs der Zeitungen gegen die schnelle elektronische Konkurrenz und ihre "Vorabberichte" und "Piraterie" kam es bereits 1918 zu einem Gerichtsurteil, in dem Nachrichten ausdrücklich als nicht dem Copyright unterstellt definiert wurden: Der Gehalt der News bestehe grundsätzlich aus Fakten, also reinen Tatsachennennungen, und dabei handle es sich um Gemeingut.

Worin also würde der "Leistungsschutz" für die Zeitungen bestehen? Doch wohl in nichts anderem als einem Verlinkungsverbot, das auf irgendeiner anderen rechtlichen Grundlage als dem Urheberrecht begründet sein müsste - denn das schützt ausdrücklich nur Werke von schöpferischem Wert - also allenfalls den Originaltext der Meldung, nicht aber ihren Inhalt vor Weiterverbreitung.

So sieht es jedenfalls auch Internet-Medienguru Jeff Jarvis, der sich grade mit einer Hand voll Verlagslobbyisten auf seinem Blog Buzzmachine eine zeitweise gehässige Schlacht liefert. Die Zeitungen, die noch immer nicht kapieren wollen, dass die Aggregation im Internet nicht zu ihrem Schaden, sondern zu grösseren Teilen zu ihrem Nutzen passiert (Wenn Google mit der Auflistung der Nachrichten-Links, neben denen Werbung steht, kein Geld verdienen dürfte - müsste man dann nicht auch den Kiosken verbieten, am Verkauf der Zeitungen zu verdienen?), wollten nichts mehr und nichts weniger als die gewaltsame, vom Staat geschützte Wiedereinführung des Druckerpressen-Monopols, das wir dank des Internets gerade überwunden haben.

Und während in den USA angesichts der Geschichte, der Bedeutung von "Free Speech" und vor allem der aus eigenem Verschulden extrem geschwächten Position der Zeitungen (darauf komme ich in einem andern Artikel zurück) wenig Aussicht auf Erfolg bestehen dürfte, könnte das Anliegen in Deutschland, wo wir schon anderes gesehen haben, durchaus eine Chance haben.

Denn hierzulande sind die Zeitungen grade im Wahlkampf noch eine durchaus zu bedenkende Macht - und deren Support möchten die Volksvertreter zum Legislaturende nicht verlieren.

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