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17.10.14

LaterPay: Wie ein Startup mit Geduld und Langfristigkeit die Monetarisierung von Inhalten verändern will

Vor sechs Monaten feierte das Münchner Startup LaterPay mit seinem Micropayment-Dienst für Kreateure von Online-Inhalten sein Debüt. Im Gegensatz zur verbreiteten Konvention in der Digitalwirtschaft, wo alles ganz schnell gehen muss, baut das Unternehmen auf Langfristigkeit. Erste Erfolge gibt es zu vermelden.

LaterPayIm Frühjahr öffnete das Münchner Startup LaterPay die Pforten zu seinem Pay-Per-Use-Bezahlsystem für Blogger, Verlage, Spiele-Entwickler und andere Kreateure von Onlinecontent. Auf den ersten Blick mag das Unternehmen schlicht wie ein weiterer, mehr oder weniger einfallsreicher Versuch wirken, den ewigen Verlags- und Journalisten-Traum des Paid Content doch noch Wirklichkeit werden zu lassen. Und da heute, sechs Monate nach dem Debüt, noch nicht jede tonangebende Website in Deutschland mit LaterPay-Bezahlfunktionalität ausgestattet ist, mögen manche Ungeduldige geneigt sein, bereits das Konzept in Frage zu stellen. Doch unterhält man sich mit Gründer und CEO Cosmin-Gabriel Ene über den Stand der Dinge, wird deutlich, dass man es bei LaterPay mit einem Unternehmen zu tun hat, dessen Strategie und Philosophie auf Langfristigkeit basieren - und auch nur so funktionieren können. Beamten-Dreisatz beschreibt vorherrschende Branchen-Mentalität

Langfristiges Denken sei, so Ene, essentiell in einer Branche, in der sich in Bezug auf Geschäftsmodelle in 20 Jahren kaum etwas geändert habe. Firmen und Institutionen im Medienbereich hätten sich auf bestimmte Vorgehensweisen eingestellt, von denen sie nun sehr zögerlich abrücken. Besonders gelte dies für die führenden Verlagsmedien. Ene, der vor LaterPay den Musik-TV-Sender Deluxe Music gegründet und betrieben hat, zieht für die Beschreibung der vorherrschenden Mentalität im traditionellen Publishing-Sektor den sogenannten “Beamten-Dreisatz” heran: “Das haben wir immer so gemacht! Das haben wir noch nie gemacht! Da könnte ja jeder kommen”. Diese Denkweise sei nur mit Geduld, Vertrauen und über einen längeren Zeitraum aufzubrechen. Entsprechend abwesend sei kurzfristig orientiertes Agieren bei dem 18-köpfigen, in der Münchner Auenstrasse ansässigen LaterPay-Team.

Dass Ene und sein Mitgründer Jonas Maurus die notwendige Geduld für ein derartiges Unterfangen besitzen, haben sie schon bewiesen: Fast vier Jahre vergingen zwischen der Gründung und dem Beta-Debüt. Zu Anfang wollte das Duo direkt die deutsche Verlagselite für sich sich und das Vorhaben gewinnen. Daraus wurde aufgrund unterschiedlicher Vorstellungen nichts. Es folgte ein “Pivot” noch vor dem Launch. Seitdem stehen Blogger, Selfpublisher, Meinungsführer und ausgewiesen experimentierfreudige Verlagshäuser im Zentrum der Aufmerksamkeit.

13 Kunden - oder “Händler”, wie die Bayern partizipierende Blogger und Kreatoren nennen - nutzen LaterPay bisher. Hunderte befinden sich laut Ene in der Vorbereitungsphase. Mit der Hamburger Morgenpost konnte das Unternehmen jüngst das erste verlagsgeführte Traditionsmedium als Kunde präsentieren.

Auch dort wie überall gilt das typische LaterPay-Prinzip: Inhalte werden auf Artikel- beziehungsweise Contentbasis mit einer “weichen” Bezahlschranke versehen. User, die den Content erwerben möchten, werden nicht sofort zur Registrierung und Angabe ihrer Zahlungsdaten gezwungen. Stattdessen können sie munter mit zwei Klicks die Inhalte abrufen. Erst wenn sie eine Rechnung von fünf Euro oder mehr angehäuft haben, entsteht ein Registrier- und Zahlungszwang. Anschließend wird stets abgerechnet, nachdem erneut für fünf Euro konsumiert wurde. Eine Ausnahme stellt die neue Single-Sale-Option dar. Mit dieser können digitale Inhalte sofort verkauft und abgerechnet werden - für Preise zwischen 1,49 Euro und 149,99 Euro. Die Provision für LaterPay beträgt wie üblich 15 Prozent.

LaterPay

LaterPay-Zahlungsbestätigung bei psychothriller.club

Mit konkreten Zahlen hält sich Cosmin-Gabriel Ene zurück. Er wolle nichts kommunizieren, was nicht die Kunden selbst bereits bekannt gegeben haben. Im Mai zog Richard Gutjahr, der LaterPay beratend und als reichweitenstarker Botschafter zur Seite steht, ein erstes Resümee. Ene kündigt an, dass der bekannte Journalist und Blogger in naher Zukunft frische Einblicke und Zahlen offenlegen werde.

Preismodell des "Vertrauensvorschusses"

Neben LaterPay existiert derzeit in Europa mit Blendle nur ein anderes ernstzunehmendes, von einem Startup entwickeltes Pay-Per-Use-Modell für Onlineinhalte (siehe unser Bericht). Ene hat viel Lob für die junge Firma aus den Niederlanden übrig, die im Gegensatz zu LaterPay auf einen zentralisierten Ansatz mit vielen unter dem Blendle-Dach aggregierten Verlagsinhalten setzt. Bei beiden System können neue User sofort Content erwerben, ohne Zahlungsdaten angeben zu müssen - allerdings wählt Blendle in der Kommunikation die Variante des “Schenkens” von 2,50 Euro Guthaben, wogegen LaterPay kein explizites Geschenk macht, aber erst ab aggregierten 5 Euro tatsächlich das Geld einfordert. In der Praxis läuft beides natürlich aufs Gleiche hinaus: User können unverbindlich den Erwerb von Inhalten ausprobieren.

Ene hält den von LaterPay gewählten Ansatz zumindest für den deutschen Markt für geeigneter: “Usern zu sagen, dass man für eine bestimmte Leistung einen bestimmten Betrag will, ist eine klare Aussage. Sie können sich dafür oder dagegen entscheiden. Geschenk- und Spendenmodellen fehlen klare Aussagen”. Mit dieser Annahme im Hinterkopf habe man sich deshalb entschieden, auf das Modell des “Vertrauensvorschusses” zu setzen: Nutzer können über LaterPay monetarisierte Inhalte direkt konsumieren. Sie machen dies im Bewusstsein, dass Händler ihnen vertrauen, dass sie schließlich ihrem Zahlungsversprechen auch nachkommen. Wie hoch der Anteil der Anwender ist, die nach dem Erreichen von fünf Euro tatsächlich ein Konto anlegen und ihre Rechnung begleichen, will Ene aufgrund einer noch nicht hinreichend aussagekräftigen Zahl an Transaktionen nicht verraten.

Für die nahe Zukunft steht für das Startup aus der Isarstadt in erster Linie die Anbindung vieler weiterer Anbieter auf der Agenda. Bislang kommt der Großteil der deutschsprachigen Nutzer im Alltag noch gar nicht mit LaterPay in Berührung, was für sie auch den Anreiz verringert, sich tatsächlich bei dem Dienst zu registrieren. Eine Ergänzung, die den Service noch attraktiver machen soll, ist die “Rückgabe” von gekauften Inhalten oder Diensten. Dieses Feature sei bereits entwickelt und werde demnächst scharf geschaltet, sagt LaterPay-Chef Ene.

Ausländische Geldgeber zeigten Interesse

Auf Dauer soll LaterPayer nicht auf den deutschen Markt beschränkt bleiben. Schon heute steht die Website zusätzlich in englischer Sprache bereit. Ene möchte noch keine konkreten Angaben zum Zeitplan machen. Wichtig sei erst einmal, den deutschen Markt ausreichend zu bedienen. Allerdings gebe es Nachfragen aus dem Ausland. Auch Investoren aus Übersee hätten angeklopft. Allerdings war es dem Gründerduo wichtig, sich tatsächlich erst einmal hierzulande zu etablieren, weshalb man entsprechende Angebote abgelehnt habe. Bisher ist das Unternehmen mit rund fünf Millionen Euro von privaten Investoren finanziert. Eine weitere Fundingrunde würde aktuell werden, wenn LaterPay die Expansion ins Ausland beginnt, sagt der Entrepreneur.

Das Startup aus München hat durchaus noch einen langen Weg vor sich, und der Beleg für das wirtschaftlich nachhaltige Funktionieren des Modells steht noch aus. Doch bereits jetzt hat das Unternehmen Beachtliches geschafft: Nicht nur hat es sich das Vertrauen von augenscheinlich an die Idee glaubenden Investoren erworben - was in diesem speziellen Segment der Digitalwirtschaft in Deutschland nicht oft vorkommt -, sondern sorgt auch für eine ziemlich regelmäßige Präsenz in der Berichterstattung der Massenmedien. Genau dies stellt eine der entscheidenden vertrauensfördernden Maßnahmen dar, die essentiell sind, damit sich LaterPay im Bewusstsein von Bloggern, Journalisten, Medienmachern und Verlagsbossen festsetzen kann.

Vor LaterPay waren Cosmin-Gabriel Ene und sein Co-Founder unbeschriebene Blätter, was das Verlagssegment angeht. Ene sieht dies als Vorteil: “Wenn du genau weißt, worüber du redest, ist es schwierig, auf neue Ansätze zu kommen und echte Innovation zu entwickeln”. Eines hat er in seiner Zeit in der Musik-TV-Branche gelernt, wovon er heute profitiert: Er wisse, wie Medienkonsumenten ticken und welche Bedürfnisse sie haben. Auch wenn LaterPay den Kreateuren von Inhalten dabei helfen soll, mit diesen Geld zu verdienen und "selbstbestimmt zu publizieren" (diese Bezeichnung stammt laut Ene vom Journalisten und Buchautor Arno Kral), soll bei LaterPay eines immer im Mittelpunkt stehen: die Nutzer. /mw

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