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20.03.14

LaterPay geht an den Start: So könnte Paid Content tatsächlich gelingen

Der Journalist Richard Gutjahr wirbt für den deutschen Dienst LaterPay, der Paid Content salonfähig machen will. Das Überraschende ist: Es könnte gelingen.

Ganze vier Jahre haben Cosmin Ene und Jonas Maurus an LaterPay gearbeitet, eine Testphase mit dem Verlag Gruner+Jahr erfolglos beendet, sich noch einmal zurückgezogen, neu entwickelt - und nun LaterPay in dieser Woche endlich öffentlich gestartet.

Ich gebe zu, ich hätte die Meldung darüber wohl überlesen, hätte nicht der bekannte Blogger und TV-Journalist Richard Gutjahr heute früh auf seinem Blog dafür getrommelt. Natürlich bleibt bei mir ein wenig Skepsis, nachdem ich seine Beschreibung über LaterPay gelesen habe. Andererseits: Wenn Paid Content gelingen kann, dann wohl am ehesten so.

Keine Vorab-Registrierung

Denn das Prinzip ist derart einleuchtend, dass es sogar Spaß machen könnte. LaterPay kann etwa so eingerichtet werden, dass es den "weiter..."-Link nach einem Artikelanriss ersetzt. Ist der Leser interessiert, klickt er darauf und darf den Beitrag ohne Vorab-Registrierung sofort lesen. Ihm wird aber mitgeteilt, wie teuer der Beitrag ist und dass er später dafür zahlen muss.

So soll LaterPay funktionieren.

Die Zahlung wird für den Nutzer erst dann fällig, wenn die Summe der Beiträge, die er gelesen hat, 5 Euro übersteigt. Spätestens dann muss er sich bei LaterPay registrieren und kann dort mit diversen Zahlungsmitteln einen Account hinterlegen. Der Vorteil: Ohne die Vorab-Registrierung dürfte ein Leser weniger abgeschreckt sein, einen kostenpflichtigen Beitrag zu lesen. Gerade bei geringen Beträgen ginge weniger Provision an Dienstleister wie PayPal oder Apple. Und anders als bei Flattr oder anderen Spenden-Systemen ist die Zahlung eben nicht freiwillig. Irgendwann - so ist es zumindest gedacht - muss hier schon bezahlt werden.

Am Anfang waren die Trickser

Fallstricke gibt es für LaterPay allerdings auch: Es dürfte viel getrickst werden. 5 Euro klingt nicht nach viel, aber die Leser werden einiges versuchen, erst einmal möglichst viel kostenlos oder kostengünstig zu bekommen. Gutjahr mag Recht damit haben, wie er in seinem Blogbeitrag dazu schreibt, dass die Leser prinzipiell bereit sind, für digitalen Content zu bezahlen. Gewohnt sind sie es durch lange Jahre der Kostenloskultur allerdings nicht. Bei Musik, Games, Ebooks oder Videos - wo LaterPay auch zum Einsatz kommen kann - mag das anders aussehen: Aber bevor jemand für bislang kostenlosen Journalismus zahlt, wird man ihn treten müssen.

&quot;Lohn für journalistische Arbeit&quot; - Seitenhieb auf die Verlagsbranche

Aber noch ein ganz anderes Problem sehe ich auf LaterPay zukommen. Paid Content kann hier auf diese Art und Weise eigentlich nur funktionieren, wenn der Dienst im großen Stil bei möglichst vielen Online-Magazinen zum Einsatz kommt. Wie ich die alteingesessenen deutschen Verlagshäuser einschätze, werden sie die Idee möglicherweise sogar gut heißen, sich aber nicht die Blöße geben zuzugeben, dass sie nicht selbst darauf gekommen sind. Bevor sie ihre Einnahmen mit einem kleinen Startup teilen, und sei die Provision mit 7 Prozent auch noch so gering, stampfen sie lieber ihr eigenes System aus dem Boden, fragmentieren damit den Markt und machen es für die Leser damit gleich wieder ein Stück unbequemer.

Außerdem steht noch die Frage, ob sich Journalismus damit wirklich vollständig refinanzieren lässt. Gutjahr wirft in den Beispielen auf seinem Blog mit Cent-Beträgen für Beiträge um sich - die berühmten Lousy Pennies also.

Wehe, wenn sich das durchsetzt

Sollte sich LaterPay tatsächlich durchsetzen, dann könnte das den Online-Journalismus in Unordnung bringen. Heute früh las ich auf turi2.de , dass Focus Online es allein mit Suchmaschinenoptimierung geschafft hat, Spiegel Online laut Agof-Zahlen bei den leider immer noch werberelevanten Page Impressions zu überholen. Na, herzlichen Glückwunsch! Der Leser wird dafür mit Klickstrecken, Republikationen, automatischen Wiederanmeldungen und was weiß ich noch malträtiert. Aber würde er dafür noch bezahlen? Oder für eine von zwanzig zur Verfügung stehenden Meldungen über ein neues Samsung-Smartphone? Der Markt für Nachrichtenjournalismus könnte gehörig zusammenschrumpfen, die Redaktionen müssten sich mit hintergründigen Beiträgen oder - leider auch - Killerheadlines differenzieren.

Auch für Games

Davor wiederum will LaterPay angeblich schützen: Sollte ein Artikel nicht das halten, was er verspricht, erhält der Leser auf Wunsch sein Geld zurück. Ein ähnliches Prinzip, wie es auch das niederländische Startup Blendle verfolgt. Das dürfte der Leser weniger oft tun, wenn er nach Lektüre eines Beitrags zufrieden ist. So oder so: Ich bin kein Prophet und kann nicht abschätzen, ob LaterPay ein Erfolg wird. Die Lösung ist jedoch eine der besten, die ich in den vergangenen fünf Jahren zum Thema Paid Content gesehen habe. Ich könnte mir sogar vorstellen, LaterPay zu benutzen - und das ist der Hauptunterschied zu PayWalls und Vorabverkäufen.

Link: LaterPay

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