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02.03.08Leser-Kommentare

Lang lebe der Narzissmus

Voller narzisstischer Kränkungen ist das journalistische Leben, nur der Anlass wechselt: Früher schrieb man mit Herzblut die tollsten Leitartikel – tags darauf war alles Schnee von gestern: Vergessen, vergangen, vorüber, so sah es aus im Leben eines Reporters. Seine grandiosen Texte waren Blätter im Wind.

Dieser trostlose Zustand hat sich noch verschlechtert: Gehörte dem Journalisten früher die Aktualität immerhin für 24 Stunden, so ist inzwischen nichts so alt wie die Zeitung von heute: "If you don't read a newspaper, you're never a day behind."

Quasi zur Kompensation der Kränkung durch diesen unaufhörlichen Sturz alles Schaffens in den Orkus gab und gibt es das Ritual der allmorgendlichen Redaktionskonferenz, wo die Schreiber, einer Ministerrunde gleich, mit bedeutungsvollem Gesicht über dem Seitenplan des kommenden Tages brüten. Als müssten sie, Karl Kraus zum Trotz, die Welt durch schwarze Magie erretten. Meist setzt am Kabinettstisch 'die Politik' sich für die Titelzeile durch, nur zur Buchmesse oder aus Anlass einer WM dürfen auch 'die Kultur' oder 'der Sport' mal einen Hit in den Charts platzieren.

Dank der Speicherkapazitäten im Internet hat sich der Wind aber längst gedreht: Der Sand des Vergessens türmt sich gar nicht mehr im Handumdrehen über den journalistischen Texten von begrenzter Haltbarkeit; im Gegenteil, jede Leiche im Keller wird plötzlich wieder freigepustet. Zwar müffelt ein neuer Artikel weiterhin am Erscheinungstag schon ältlich, er bleibt aber prinzipiell unvergesslich. Zusätzlich öffnen jetzt auch noch 'Spiegel' & Co . ihre Archive für jedermann. Ach Gott - nur gut, dass damals die namentliche Zeichnung der Artikel noch nicht allgemeiner Usus war!

Die Journalisten haben diesen Weckruf für alle Textzombies im Netz zwar gehört, sie wenden ihn aber bisher mit Vorliebe auf andere an: 'Das Netz vergisst nie', dräut es uns aus den Artikeln über die Macht der Suchmaschinen und über den Karriere-Killer Internet entgegen. Nach Jahren, ja nach Jahrzehnten noch, könne man längst verschüttet geglaubte Jugendsünden aus den Tiefen des virtuellen Raumes bergen. Zahllose Bewerber hätten dadurch schon einen 'Karriereknick' erlitten. So wie einst das Kopfkissen auf dem Sofa von Tante Irmtraud.

Andererseits - könnte jetzt ein blauäugiger Naivling meinen - hebt die bewahrende Eigenschaft des Netzes das schriftstellerische Ursprungstrauma aller Journalisten, wie es oben beschrieben ist, doch endlich auf: Wer heute in einer Online-Redaktion arbeiten darf, der sei gewissermaßen privilegiert, denn er schreibt - statt für den Papierkorb - plötzlich für die Ewigkeit. Keiner seiner hochbedeutenden Artikel geht mehr verloren, kein köstliches Bonmot verschwindet in den Remittenden, keine kühne Metapher bleibt auf Dauer von den Kollegen unkopiert, kein Tippfehler ungesühnt.

Eine Suada, die uns wiederum zeigt, dass dieser Mann keine Ahnung hat. Die realen Verhältnisse sind buchstäblich spiegelverkehrt: Immer noch trägt der altbackene Print-Journalist sein festangestelltes Rolls-Royce-Gesicht durch den großen Medienzirkus, während der neumodische Online-Kollege verhuscht und als gelbgesichtiges Prekariat durch die Redaktionsgänge schleicht. Obwohl letzterer mehr kann - und nach der verqueren Logik der Verleger deswegen weniger verdient.

Ob aber Offline oder Online - den altgewohnten Anlass, narzisstisch gekränkt zu sein, den bietet auch die neue Welt des Internet jedem Journalisten überreichlich: Wieso wird einem plötzlich die Meinung der letzten Saison aufs Brot geschmiert? Damals dachte man doch noch ganz anders; wer sich nicht ständig neu erfindet, den bestraft das Leben - heute hier, morgen dort, das sei doch wohl klar. Und dieser dumme Recherchefehler von Anno Toback, wieso klebt der einem plötzlich wie Schifferscheiße an den Hacken? Hat nicht jeder mal einen schlechten Tag? Und überhaupt - was macht all der krittelnde Pöbel plötzlich ringsum? Man weiß ja gar nicht mehr, wo man hintreten soll. Wir fordern mehr Platz für wahre Autoren!

Kurzum: Passend zu jeder Faktenlage findet der ewig gekränkte Journalist immer ein narzisstisches Haar in seiner Buchstabennudelsuppe. Sonst wäre er ja keiner ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Jochen Hoff

    02.03.08 (13:54:51)

    Wenn du deinen Feedreader als deine Zeitung betrachtest, und deine eigenen Feeds auch drin hast, wird das noch deutlicher. Gerade hast du drei oder vier Stunden an einem winzigen Beitrag gebastelt, drückst auf den Knopf um ihn in die Welt zu entlassen, aber schon beim Blick in den Feedreader ist er veraltet. Karl, Hilde und Marlene haben dein Thema viel besser, viel umfassender und viel witziger gepackt. Peter hat es sogar auf drei Zeilen zusammengefasst. Da gibt es nur eines, den neuen den besseren Artikel. Natürlich mit dem gleichen Ergebnis. Am Ende des Tages bist du geschafft, du hast berichtet, die die Minuten dafür abgepresst, aber immer bist du nicht der erste und nicht der letzte mit diesem Thema, aber viel schlimmer noch du bist auch nicht der Beste. Das ist Masochismus vom feinsten.

  • Klaus Jarchow

    02.03.08 (15:01:57)

    Probiere es mal mit 'anders' statt mit 'neu'. Schon verlässt du das Rudel der Copy-Cats: Der Unterschied macht den Unterschied ...

  • Wolf-Dieter Roth

    02.03.08 (15:14:23)

    Mancher Journalist ist nie zufrieden - wobei zufrieden und glücklich sein in dieser Branche ja schon fast ein gerichtsfester Kündigungsgrund ist. Mancher Leser ist auch nicht zufrieden. Was nun? Virtuelle Schneeballschlacht? Oder doch ein Glas Sch.... wie bei Meienberg? Und wie revanchiert sich der Schreiber bei seinem Leser für solch edle Spenden? Und wer schreibt jetzt, wie schön dieser Artikel ist - oder ist Klaus etwa anders als die anderen und braucht kein Lob? Und was ist ein Rolls-Royce-Gesicht? Etwa das Gegenstück zum Entenar...? :-)

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