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23.11.10

Lamebook: Facebooks versehentliche Zensur

Weil die Website Lamebook Facebooks Markenrechte verletzt, wurde der Begriff in der Nacht für einige Stunden für alle User des Social Networks geblockt. Ein Versehen, hieß es später. Dennoch beunruhigt der Vorfall.

 

Gerade wenn man den Eindruck bekommt, Facebook hätte sich nach den Eskapaden rund um das viel kritisierte aggressiv vorangetriebene Öffentlichmachen von ursprünglich als privat markierten Nutzerinformationen zusammengerissen und viel Sorgfalt und Energie darin investiert, möglichst nicht mehr in sensible Fettnäpfchen zu treten, da passiert es doch wieder!

Dabei handelt es sich bei dem jüngsten Fauxpas eigentlich nur um eine temporäre Fehlfunktion. Doch die Symbolwirkung des von TechCrunch publik gemachten Problems ist deutlich größer als der tatsächliche Schaden, der dadurch entstanden ist:

Für einige Stunden war es in der Nacht von Montag zu Dienstag nicht möglich, bei Facebook das Wort "lamebook" zu veröffentlichen - weder in Form eines Status-Updates noch in Direktnachrichten oder E-Mails, die über das Social Network verschickt werden sollten.

Bei Lamebook handelt es sich um eine Website, die besonders unterhaltsame und peinliche Status-Updates präsentiert. Facebook befindet sich zur Zeit in einem Rechtsstreit mit dem Startup, das mit seinem Namen angeblich die Markenrechte von Facebook verletzt.

Wer in der Nacht die Adresse zu der Satire-Website per Facebook verschicken wollte, erhielt den Hinweis, dass die Nachricht blockierten Inhalte enthalte, der als Spam oder beleidigend markiert wurde. In Folge dessen verschwand auch die Facebook-Fanpage von Lamebook.

Am Dienstagfrüh veröffentlichte TechCrunch folgende Stellungnahme von Facebook-CTO Bret Taylor zu dem Vorfall:

This was a mistake on our part. In the process of dealing with a routine trademark violation issue regarding some links posted to Facebook, we

blocked all mentions of the phrase “lamebook” on Facebook. We are committed to promoting free expression on Facebook. We apologize for our mistake in this case, and we are working to fix the process that led to this happening.

Taylor bestätigt also, dass es sich um eine versehentliche Blockierung des Begriffs handelte, die in Verbindung zu der angeblichen Markenrechtsverletzung durch Lamebook steht. Er entschuldigt sich und merkt an, dass die Prozesse überprüft werden, die zu dem Problem führten.

Die Aussage lässt Spielraum für Interpretationen. Es wird nicht klar, ob die Sperrung aller Lamebook-Erwähnungen die Folge eines automatischen Prozesses war oder ob sie auf einer direkten menschlichen Entscheidung beruhte, die einige Stunden später rückgängig gemacht wurde.

Unerfreulich ist der Vorfall für Facebook zweifellos. Er verdeutlicht, in welcher Machtposition sich das Social Network befindet. Wer sich intensiv mit dem Unternehmen beschäftigt, ist sich darüber zwar ohnehin bewusst. Durchschnittsnutzer hingegen dürften sich deutlich weniger Gedanken darüber machen, was es bedeutet, wenn große Teile ihrer Kommunikation und Interaktion über eine zentrale Plattform abgewickelt werden. Ereignisse wie das Aktuelle wirken daher wie ein Weckruf.

Facebook pflegt seit jeher schwarze Listen mit beleidigenden und obszönen Begriffen, die bei der Plattform nicht publiziert werden dürfen. Hierbei kann sich der Dienst auf den Konsens verlassen, dass eine derartige Maßnahme dem Schutze aller dient. Sobald es allerdings zur Sperrung von Wörtern kommt, die nicht eindeutig und unmissverständlich als Beleidigung oder Spam identifiziert werden können, wird es kritisch. Eigentlich dürfte eine Blockade derartiger Begriffe nicht einmal versehentlich geschehen.

Wenn treue Apple-Anhänger mit Kritikern des Unternehmens diskutieren, fällt schnell das Wort "Zensur" in Bezug auf die mitunter willkürlich anmutenden Kriterien, nach denen die US-Firma Applikationen in ihren App Store lässt oder von diesem ausschließt. In der Regel folgt dann der Einwurf eines Apple-Freundes, dass Zensur lediglich vom Staat ausgehen könne und dass hier stattdessen das Hausrecht von Apple greife.

Mit der versehentlichen Sperrung sämtlicher Erwähnungen von Lamebook bekommt die Debatte über die Definition von Zensur eine neue Dimension. Facebook ist ein privatwirtschaftliches Unternehmen und kann damit die Rahmenbedingungen festlegen, die für Nutzer der Plattform gelten. Wenn jedoch einer halbe Milliarde Menschen die Möglichkeit genommen wird, sogar in privaten Mails den Namen eines Unternehmens zu nennen, mit dem sich Facebook momentan im Zwist befindet, und wenn man bedenkt, dass Facebook für viele Nutzer ein elementarer Teil des Alltags ist, was zumindest eine gefühlte Alternativlosigkeit zu Facebook mit sich bringt, dann fällt es auch mir sehr schwer, hier nicht von Zensur zu sprechen.

Was meint ihr? Zensur oder nicht?

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