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28.11.11

Kuratieren, Modularisieren und Remixen des Webs: Neuer Brandherd der Urheberrechtsdebatte

Eine wachsende Zahl an Onlinediensten ermöglicht Nutzern das Kuratieren, Modularisieren und Remixen des Webs. Urheberrechtskonflikte sind programmiert.

 

Alle Nutzer, die öffentlich Inhalte ins Netz stellen, müssen sich stets fragen, inwieweit sie mit ihren Veröffentlichungen fremde Urheberrechte verletzen. Ist dies der Fall und wird das jeweilige Contentobjekt wie etwa ein Foto, ein Video oder auch ein zu lang geratenes Textzitat nicht rechtzeitig entfernt, droht schnelle eine Abmahnung. Damit ist zwar die eigene Schuld noch nicht festgestellt, aber wer kein Interesse an einem zeit- und im schlimmsten Fall kostenintensiven Rechtsstreit hat, der versucht, sich gar nicht erst in eine solche Situation zu manövrieren.

Mit einer Welle neuer Onlineservices, welche das Zusammenstellen, Remixen und erneute Publizieren von im Netz verstreuten Inhalten ermöglichen, droht der stetig schwelende Konflikt zwischen Anwendern und Urhebern eine neue Dimension zu erreichen.

In der vergangenen Woche hatten wir über Services zum Kuratieren von Social-Web-Content berichtet und dabei insbesondere die US-Plattform Storify hervorgehoben, die in jüngster Zeit verstärkt ins Rampenlicht gerät. Bei Storify lassen sich einzelne Tweets, Videos, Fotos, Audiodateien und andere Inhalte aus einer Vielzahl von Onlinequellen per Drag'n'Drop über eine bequeme Benutzeroberfläche kombinieren. Das Resultat kann dann über eine eigene URL im Netz verbreitet oder in beliebige Websites eingebettet werden.

Bisher hat Storify noch nicht den Bekanntheitsstatus erreicht, an dem es eine öffentliche Beachtung auf breiter Front erfährt, und deshalb finden sich bisher auch keine Meldungen zu größeren rechtlichen Auseinandersetzungen um in eine Storify-Geschichte eingebettete, urheberrechtlich geschützte Inhalte. Für den auf Internetrecht spezialisierten Anwalt Henning Krieg besteht jedoch kein Zweifel daran, dass Dienste wie Storify aus urheberrechtlicher Sicht nicht ganz unproblematisch sind.

Sobald urheberrechtlich geschützte Inhalte beispielsweise über Storify vervielfältig, verbreitet und zugänglich gemacht werden, benötigt man dazu die Einwilligung des Autoren oder eine gesetzliche Erlaubnis. In der Praxis dürften sich die meisten Storify-Nutzer aber bisher über diesen Aspekt keine Gedanken machen, zumal Angebote zum Kuratieren von Online-Inhalten kaum funktionieren würden, wenn für jedes mit einem Klick integrierbare Contentelement die bei weitem nicht immer eindeutige Rechtslage geklärt werden muss (siehe auch "Sind Tweets urheberrechtlich geschützt?")

Blogger Leander Wattig befasste sich am Wochenende mit dem Thema und fokussierte sich dabei vor allem auf Pinterest, einen rasant wachsenden US-Dienst, der es Anwendern erlaubt, Grafiken und Fotos aus dem Netz auf einer virtuellen Pinnwand zu kategorisieren und zu sammeln. Einzelne "Pins" können dann wiederum in externe Sites eingebettet werden. Außerdem existiert für jeden Pin eine "Repin"-Funktion, mit der auf fremden Pinnwänden gefundene Bilder in das eigene Konto übernommen werden können.

Speziell das Repin-Feature sorgt dafür, dass sich Bilder aus beliebigen Quellen schnell in der Pinterest-Community verbreiten können - ungeachtet der Tatsache, inwieweit diese urheberrechtlich geschützt sind.

"Natürlich könnten wir Pinterest nutzen, indem wir nur eigene Bilder, für die wir selbst die Rechte haben, auf die Plattform hochladen. Wenn das aber jeder machte, was wäre der Sinn? Der Sinn von Pinterest ist ja gerade das Teilen und Neu-Zusammenstellen. Andere Leute dürften meine Inhalte dann aber nicht dafür verwenden, ohne mich zu fragen", beschreibt Leander Wattig in seinem Beitrag die grundsätzliche Problematik. Eine Alternative seien zwar Creative Commons-Lizenzen, aber auch da ist man vor einer plötzlichen Veränderung der Lizenz durch den Urheber nicht geschützt, so Wattig.

Nun sind Plattformen wie Storify oder Pinterest, die das "Ausschneiden" von auf Websites gefundenen Textstücken oder Grafiken erlauben, nicht wirklich neu. Online-Notizbuchdienste wie Evernote, Memonic oder Springpadit erlauben dies seit langem, allerdings dort primär für die private Nutzung und ohne fortgeschrittene Funktionen zum Publizieren und öffentlichen "Remixen". Mit Clipmarks, Clipboard , FFFFOUND!We Heart It und dem von mir empfohlenen Gimme Bar (Pinterest nicht unähnlich, dafür aber nicht auf Grafiken begrenzt) animieren aber auch diverse weitere Services Anwender dazu, Websites zu modularisieren und die Highlights für den späteren Zugriff sowie das Teilen mit anderen abzuspeichern. Und Mixel lässt kreative iPad-Besitzer bunte Foto-Collagen anlegen und weiterbearbeiten - unter anderem auch mit Bildern aus dem Netz.

Entscheidend ist das Tempo, mit dem einige dieser Kurations- und Remix-Plattformen wachsen und Nutzergruppen außerhalb der Early-Adopter- und Intensiv-User-Kreise ansprechen (was besonders für Pinterest gilt). Rechtsanwalt Henning Krieg sieht derartige Angebote in einer Grauzone agieren.

Für Startups mit einer begrenzten Bekanntheit stellt eine derartige rechtliche Unsicherheit üblicherweise kein Problem dar - denn wo kein Kläger, da kein Richter. Je mehr Augen sich aber auf Storify, Pinterest & Co richten und je präsenter diese Dienste in der öffentlichen Wahrnehmung werden, desto wahrscheinlicher sind Urheberrechtskonflikte rund um die auf den Plattformen verbreiteten Inhalte.

Wer sich richtig ins Zeug legt, sich über die einzelnen Lizenzformen, Verpflichtungen und Voraussetzungen für die Verbreitung von Inhalten informiert und dann bei jedem Publizieren und Teilen von digitalem Material über die beschriebenen Services feststellt, welche Kriterien im jeweiligen Fall gelten, dem könnte es gelingen, tatsächlich eine weiße Weste zu behalten und als Storify- oder Pinterest-Mitglied nicht zum Urheberrechtsverletzer zu werden. Ob sich dann jedoch das volle Potenzial der Plattformen mit einem angemessenen Zeitaufwand nutzen lässt, muss stark bezweifelt werden.

Anders ausgedrückt bedeutet dies: Onlineservices zum Kuratieren, Sammeln und Remixen von digitalem Content (für nicht kommerzielle Zwecke) sowie deren Nutzer laufen ab einer gewissen Bedeutung und Reichweite Gefahr, in einen Strudel von Urheberrechtsstreitigkeiten hineingezogen zu werden und daran zu Bruch zu gehen.

Wie könnte man das Urheberrecht ändern, so dass die von den beschriebenen Anbietern realisierten Möglichkeit des Webs nutzbar werden und gleichzeitig Urheber, User und die Gemeinschaft in der Summe besser da stehen - so beschreibt Leander Wattig die elementare Frage des digitalen Zeitalters, die im Angesicht der aktuellen Trends zum Kuratieren, Modularisieren und Remixen des Webs nochmals drängender wird.

Update: Die Samwer-Brüder waren mal wieder ganz schnell und haben bereits einen Pinterest-Klon ins Netz gehievt.

Update 2: Bei netzpolitik.org wird eine Art Fair-Use-Klausel für Europa vorgeschlagen - diese erleichtert bisher in den USA das Entstehen der in diesem Beitrag beschriebenen Plattformen. Auch passend zum Thema: Die Grünen wollen sich künftig dafür einsetzen, dass urheberrechtlich geschütztes Material ohne Erlaubnis verbreitet werden darf, sofern dies nicht mit kommerziellen Zielen geschieht.

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