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19.01.09

Kulturflatrate: Eine schlechte Idee, die sich hartnäckig hält

Regelmässig wird die Idee einer von den Internetprovidern bei ihren Kunden einzukassierenden Pauschalabgabe für Musikdownloads zum öffentlichen Gesprächsthema. Neben unkritischen Befürwortern auf der Konsumentenseite scheint auch die Musikindustrie vermehrt Gefallen an der Idee einer weiteren Einkommensquelle zu finden.

Auf der Musikmesse Midem wurde vermehrt von einer Kulturflatrate gesprochen, auch wenn diese oft nicht so genannt wurde. Und heute macht die Nachricht die Runde , dass die Isle of Man die Kulturflatrate testen will:

Gegen einen zusätzlichen Aufschlag auf die Monatsgebühr für ihren Breitbandanschluss sollen die vom Königreich unabhängigen Insulaner dann nach Herzenslust legal Musik aus dem Netz herunterladen können.

Es scheint also, dass der Testlauf auf der Isle of Man auf freiwilliger Basis starten wird. Sollte die Idee einer solchen Gebühr sich durchsetzen, wäre eine Einführung der Kulturflatrate in anderen Ländern auf freiwilliger Basis aufgrund des Drittbrettfahrerproblems, dass die Musikindustrie meint, lösen zu müssen, unwahrscheinlich.

Warum eine Kulturflatrate eine sehr schlechte Idee ist, hatte ich im Juni letzten Jahres versucht, auszuführen. Eins der Ergebnisse davon war eine der bis dato hitzigsten Debatten in den Kommentaren auf netzwertig.com.

Würde die Idee der Kulturflatrate tatsächlich flächendeckend von der Musikindustrie angestrebt, wäre das kurz gesagt: Das Eingeständnis, dass das alte Geschäftsmodell, an jeder Transaktion von Musik vom Rechteinhaber (meist die Labels) an den Hörer zu verdienen, nicht mehr funktioniert, man aber gleichzeitig trotzdem auf diese Art weiter sein Geld verdienen will. Notfalls eben über ein Gebührensystem.

Ich möchte noch einmal versuchen, die vielzähligen, gegen die Kulturflatrate sprechenden Argumente zusammenzufassen:

Konzeptionelle Probleme

Essentiell bedeutet eine Kulturflatrate das Aufsetzen einer zentralen Instanz, die festlegt, wem wieviel bezahlt wird, das Geld dafür einsammelt und einen Teil davon wieder ausgibt. Diese zentrale Instanz würde von der Musikindustrie gestellt. Von der Musikindustrie, die sich die letzten zehn Jahre mit Händen und Füssen gegen das Internet und die eigenen Kunden gewehrt hat. Wer an dieser Stelle ernsthaft denkt, dass diese Instanz den Innovationen im Musikbereich im Netz Raum zur Entfaltung lassen würde, der muss sehr blauäugig sein.

Das, was Verwertungsgesellschaften wie die GEMA zu stemmen versuchen, ist ein Kinderspiel im Vergleich zu den verwaltungstechnischen Mammutaufgaben einer solchen Kulturflatrate-Instanz. Ein großer Teil der Einnahmen würde für die Arbeit dieses Bürokratie-Monsters draufgehen.

Dass die Musikmajors den Prozess der Verteilung und den Entscheidungsprozess generell zu ihren Gunsten gestalten würden ist nicht nur offensichtlich, sondern auch aus ihrer Sicht rational. Weder für die Konsumenten, noch für den gesamten Musikbereich (also auch alles außerhalb der Welt der Majors) wäre das von Vorteil. Die heutigen Majors könnten damit sicherstellen, dass sie auf lange Zeit die Regeln bestimmen. Das Geschäftsmodell für Musik online wäre wie in Stein gemeißelt.

Wir erleben bereits heute, wie die Majors sich an ihre Backkataloge klammern und versuchen, das Auslaufen der Urheberrechte durch Lobbydruck auf die Regierungen zu verlängern. Mit einer Kulturflatrate würden die Backkataloge mit den populärsten Songs der letzten Jahrzehnte zu einer Lizenz zum Gelddrucken. Die künstliche Verlängerung des Urheberrechts würde für die Majorlabels noch wichtiger.  Überlebenswichtig. Generell sorgt ein Flatratesystem nicht für die richtigen Anreize. 

Einen Weg vorbei an den heutigen Majors würde es nicht mehr geben, wolle man einen Teil des Kuchens abhaben, der immerhin auch von den eigenen Hörern immer eingesammelt werden wird.

Siehe zu diesen und weiteren Argumenten auch diesen langen Artikel auf Techdirt.

Wir auch, wir auch!

Der Grund warum ich, und unbewusst wohl auch die unkritischen Befürworter der Idee, von einer Kulturflatrate und nicht einer Musikflatrate oder ähnlichem sprechen:

Wozu es führt, wenn man einer Industrie die Möglichkeit gibt, ihr Einkommen außerhalb des Marktes aufzubessern, kann man zur Zeit recht gut angesichts der Entwicklungen der Finanzkrise in Deutschland und den USA sehen. Wenn die Regierung einem Wirtschaftszweig die Möglichkeit für ein zusätzliches Einkommen - ob nun einmalig oder dauerhaft - bietet, dann ist es nur rational, dass auch die Entscheider aus anderen Wirtschaftszweigen anklopfen.

Wenn die Musikindustrie bequem direkt bei den ISPs abkassiert, warum dann nicht auch die anderen Industrien?

Offensichtlicher nächster Kandidat wäre die Filmindustrie. Es gibt keine rationalen Argumente, eine Kulturflatrate für Musik einzuführen, dies aber für Filme nicht zu machen. Oder TV-Sendungen.

Oder wie wär's mit Text? Dem Journalismus geht es doch gerade so schlecht.

Ein Witz? Mitnichten. Sowohl in den USA als auch in Deutschland haben die ersten bereits den irrwitzigen Vorschlag einer Flatrate für (journalistische?) Texte gemacht.

Und was ist mit der Computerspielebranche? Und der gesamten Softwarebranche? Was ist mit Fotografen und ihren urheberrechtlich geschützten Fotos?

Und schließlich wäre dann zum Schluss die Pornoindustrie an der Reihe, die sich ebenfalls vom illegalen Tausch ihrer Erzeugnisse gebeutelt gibt.

Soll für alle Inhalte, die online gehandelt werden oder verfügbar gemacht werden können, und deren Marktmechanismen umgangen werden können, eine eigene Flatrate zur Kompensation eingeführt werden? Oder nur für die Musikindustrie?

Praktische Probleme

Neben den konzeptionellen Problemen gibt es praktische Probleme für eine tatsächliche Umsetzung, die so vielfältig sind, dass ich hier nur einige davon ansprechen kann. Das grundlegende Problem bei dem Gedanken der Kulturflatrate ist die falsche Annahme, dass man die Abrechnung per Transaktion auf das Netz übertragen kann. Daraus entstehen viele der praktischen Probleme für eine Umsetzung.

  • Der Verteilungsschlüssel zum Verteilen der Einnahmen an die Musiker Rechteinhaber: Auf welcher Grundlage wird dieser ermittelt? Das Netz ist eine Welt des Long Tails. In dieser würden über statistische Stichproben ermittelte Nutzungen (wie etwa die Einschaltquoten beim TV) einen signifikanten Teil des Musikkonsums ausblenden. Was es heißt, als Musiker im Long Tail bei der GEMA Mitglied zu sein - nämlich durch die Gema-Gebühren jedes Jahr mit einem Minus in diesem Bereich abzuschließen -, würde im Web auf eine sehr viel größere Zahl an Musikern zutreffen, die kaum je mehr als eine Null sehen würden. Im Umkehrschluss würde das außerdem bedeuten, die Großen können durch die Flatrate gemütlich überleben, während die Kleinen sich nach weiteren Umsatzmöglichkeiten umsehen müssen; während deren Fans die Großen mitfinanzieren.

  • Das Problem der Erfassung des tatsächlichen Konsums: Darknets bzw. private Netze lassen sich nur durch einen tiefen Eingriff in die Architektur des Netzes überwachen und messen, der eigene Probleme mit sich bringen würde (Wie im ersten Artikel zur Kulturflatrate ausgeführt). Selbst wenn man diese aussen vor lassen würde, wäre eine ökonomisch sinnvolle Erfassung all der Möglichkeiten, die es online gibt, nur am Ende der Leitung sinnvoll. (Oder aber es werden nur eigene Portale erfasst, was wiederrum dem Grundgedanken widersprechen würde.)

  • Das generelle Problem der Manipulation der Verteilung und die Unmöglichkeit, das zu vermeiden.

  • Ab wann werden Aktionen, um die eigenen Downloads und damit den eigenen Teil des Kuchens zu erhöhen, als Manipulation gewertet? Was wenn Fans von sich aus, um ihre Künstler zu unterstützen, deren Songs immer wieder herunterladen? Auch hier wieder liegt die Wahl zwischen einem absurd unrepräsentativen System und einem potentiell sehr gefährlichen tiefen Eingriff in die Internet-Architektur.

  • Ab wann wird man als Musiker am Topf beteiligt? Kann jeder, der Klänge im Netz verteilt, daran teilnehmen?

  • Wenn Mindestbeiträge zur Ausschüttung festgelegt werden, wird das Gefälle zwischen Großverdienern und Kleinverdienern wie bei der Gema sich vergrößern?

  • Was ist mit all den innovativen Musikdiensten? Werden diese zusätzlich Gebühren zur Nutzung der Musik abführen müssen?

  • Wie werden Musikdienste in ein Flatratesystem integriert? Wenn deren Downloadzahlen ungeprüft weitergeleitet werden -> siehe Manipulation. Wenn diese Dienst Kontrollsysteme integrieren müssen: 'Gute Nacht, Innovation' oder zumindest 'Gute Nacht, repräsentative Erfassung der Nutzung'.

  • Wenn Jahr für Jahr naturgemäß mehr Musiker ein Stück vom Flatrate-Kuchen wollen, wird dann auch regelmäßig der Ruf der Musikindustrie nach einer Erhöhung des Beitrages zum Alltag gehören?

  • usw. usf.

Fazit

Wie man es auch dreht und wendet, die Probleme mit einer Flatrate sind auf so vielen Ebenen so unzählig, dass es mich verwundert zurücklässt, dass es nicht nur bei den Musiklabels sondern auch auf Seiten der Konsumenten Befürworter dieser Idee gibt.

Die Kulturflatrate klingt nur gut, solang man nicht über den ersten Gedanken "Toll, legal Musik von Tauschbörsen herunterladen!" hinausdenkt. Mit jedem weiteren Gedanken zum Thema sollte der Irrsinn eines solchen Vorhabens offensichtlich werden. 

 

Weiterführende Literatur zum Thema:

(Foto: RossinaBossioB, CC-Lizenz)

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