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25.10.08Leser-Kommentare

Krisenfest: Buch und Bildschirm

Bye-bye Buch? Neue Lesegeräte sollen dem E-Book endlich zum Erfolg verhelfen. Hunderte Bücher passen in elektronischer Form plötzlich in die Westentasche – trotzdem steht der Branche keine Revolution wie den Zeitungsverlagen bevor.

E-Book zeigt Webseite: Dual-Use-Objekt (Keystone)Alles redet über die Krise der Zeitungen, kaum jemand über ein anderes Holzmedium: über das Buch. Deshalb ist es eine interessante Debatte, die der Don A. dort angestoßen hat. Ich gehe mit ihm konform, wenn er sagt, dass das Buch trotz der kommenden E-Book-Reader halbwegs krisenfest sei. Dennoch - und in dem Punkt widerspreche ich ihm - wird das Netz wesentliche Funktionen übernehmen, die das Buch früher eben auch hatte. Ich sehe es an mir selbst ... das Buch ist für mich gewissermaßen ein 'Dual-Use-Objekt' geworden.

Vieles von dem, was früher dem Zettelkasten und der Bibliothekssuche überlassen blieb, die 'philologische Recherche' gewissermaßen, das kann ein Computer sehr viel besser als jenes Ein-Mann-Unternehmen, das sich in den Geisteswissenschaften heutzutage 'Forschung' nennt und zwischen Lehr- und Forschungsauftrag sich hindurchwinden muss. Will ich wissen, was unsere Klassiker bspw. über Wurzelentzündungen dachten, dann schmeiße ich meine DVD mit den lizenzfreien Texten deutscher Literatur an, ich starte die Suchanfrage mit 'Zahnschmerz', 'Barbier', 'Quacksalber', 'Quecksilber' und anderen 'Key Words' - und sitze binnen Sekunden vor einem Haufen von Fundstellen zwischen Wolfram von Eschenbach und Theodor Fontane, die mir drei Tage Bibliotheksrecherche abnehmen. Zumindest für die Zeit bis zum Ende des poetischen Realismus ist Arno Schmidt mit seinem Verfahren der '1.000 Zettelkästen' also zu einem Dinosaurier geworden.

Natürlich ist mir klar, dass eine solche Recherche nur diese 'Klassiker' abdeckt, und da bislang auch die Bände mit den Briefen und Tagebüchern kaum Berücksichtigung fanden, sind auch die nicht vollständig erfasst. Nicht nur deshalb stehen hinter mir in dichten Reihen weiterhin alle Klassiker in Dünndruck und in Holzgestalt im Regal herum, obwohl ich sie doch größtenteils auf der Festplatte hätte. Weshalb denn nur?

Weil es eben ganz andere Funktionen sind, die eine Bibliothek abdecken kann und muss - und ich meine damit keineswegs nur das genussreiche Versinken im Lesesessel. Bücher aus vergangenen Zeiten sind ohne Erklärung zum Beispiel oft völlig unverständlich. An Herders 'Ideen zur Philosophie der Geschichte' scheitert jeder Newbie, wenn ihn nicht 'der Stand der Forschung' am Patschehändchen nimmt, um ihn in die Sachlage einzuführen. Kaum ein Unbedarfter würde die Größe von Joyce's 'Ulysses' erfassen, wenn ihm nicht zuvor erklärt würde, was dieser 'stream of consciousness' sei, der ihm dort entgegenquillt. Deshalb haben sie, zumindest die guten Ausgaben, voluminöse Nachworte, einen umfangreichen Kommentar, der oft den Text an Masse übersteigt, und dazu gleich zwei, manchmal schon drei Lesebändchen. Das alles hat ein 'Netzbuch' auf absehbare Zeit (noch) nicht. Nur das 'hölzerne Exemplar' eines Buches macht mir einen Text also auch verständlich, solange es sich nicht um Seichtwasserbewohner wie Ken Follett oder Rosamunde Pilcher handelt.

Zweitens streiche ich gern mit einem radierfähigen, weichen Bleistift (2 B) in meinen Büchern herum, damit ich bestimmte Stellen auch wiederfinde, die mir wichtig waren, an die ich irgendwann einmal mit meinem Text anschließen könnte. Aus irgendwelchen Gründen weiß ich immer, auf welcher Seite - ob rechts oder links, ob weiter vorn oder weiter hinten - jene Stelle dann zu finden war, auch wenn mir der genaue Wortlaut längst entfallen ist. Das Wiederfinden erfolgt intuitiv, das Buch wird aufgeklappt, der feuchte Daumen blättert ein wenig herum, und schon habe ich den Treffer gelandet. Wer dagegen einmal versucht hat, nur in Kenntnis des Sinns, also ohne Kenntnis des genauen Wortlauts, in einem 'Netzbuch' mit Hilfe dieser zumeist selten blöden Suchmaschinen eine bestimmte Stelle wiederzufinden, der weiß, was seine Nerven und sein Scroll-Finger zu ertragen vermögen.

Last not least befürchte ich technische Unzulänglichkeiten, wenn jetzt das E-Book auf den Markt drängt: zum Beispiel 'Strand im CD-Getriebe', 'blendend weißer Bildschirm unter andalusischer Urlaubssonne', ganz zu schweigen von Akkus, die mitten im Mord den Geist aufgeben ... und vieles mehr. Ein Holzbuch dagegen braucht immer nur die mehr oder minder starke Batterie des Geistes.

Aus diesen Gründen also glaube ich, dass - anders als für bestimmte Formen des Printjournalismus - für das Buch und die Bibliotheken die Zeit des Abschiednehmens noch lange nicht gekommen ist. Das Internet möge den unüberschaubaren Output der Fachpublikationen, insbesondere im Bereich der Naturwissenschaften, katalogisieren. Auch die meisten Vierteljahresschriften, die ja nur die Publikationsziffern zum Zwecke der Habilitation emportreiben sollen, die sind als pdf-Datei im Netz vielleicht besser aufgehoben. Sinnvoll mag es auch sein, unersetzliche Wissensbestände im Netz zu archivieren, auch die Raritäten der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Dass aber das E-Book den Print aus dem Buchwesen jemals völlig verdrängt, daran glaube ich einfach nicht ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • mark

    25.10.08 (09:26:10)

    Da hat einer mal wieder ins Blaue rein seine Angst vor Neuem dargestellt. Was glaubt der Autor denn, wie dumm die E-Book-Hersteller sind? Dass sie es nie fertig bringen würden, ein sandresistentes EBook herzustellen? Und offenbar hat er auch noch nicht wirklich ein gutes EBook-Modell wie den iLiad ausprobiert, mit dem man selbstverständlich Textstellen anstreichen kann etc. Ein Siemens-Manager hat in den 90ern gemeint, Handys würden sich nicht durchsetzen, es gäbe ja an jeder Ecke eine Telefonzelle. Jaja, die Angst vor dem Neuen...

  • Klaus Jarchow

    25.10.08 (09:30:15)

    @ mark: Ich dachte, ich hätte anfangs ausreichend deutlich gemacht, dass ich Buchinhalte auf beide Arten nutze. So kann man sich täuschen ...

  • mark

    25.10.08 (10:38:23)

    @klaus: Wenn Sie mit so, pardon, unsinnigen Argumenten wie "Anstreichungen nicht möglich" oder "Akkuausfall an der spannendsten Stelle" daherkommen, zeugt das eben nicht von gründlicher Recherche und einer adäquaten Sicht auf beide Medienformen, sondern da werden einfach Ressentiments geschürt. Anstreichungen sind möglich und man kann sich immer mit genügend Akkupower eindecken. So kann man sich täuschen!

  • Klaus Jarchow

    25.10.08 (10:46:32)

    An keiner Stelle habe ich behauptet, dass 'Anstreichungen nicht möglich' seien, dort in Digitalien. Oder wenn, dann bitte ich auch um den entsprechenden Nachweis, wo ich das getan hätte. Ich habe m. E. nur gesagt, dass ich - und vielleicht sogar nur ich - Anstreichungen in Büchern auf Grund irgendwelcher mnemotechnischer Besonderheiten nun mal schneller wiederfinde. Das ist so. Nun ja, und wenn man sich natürlich auch kiloweise 'mit Akkupower eindecken' kann, um Leseausfälle an der spannendsten Stelle zu vermeiden, dann schleppt man am Ende doch schwerer, als wenn man 'Krieg und Frieden' als Zellulose-Pack mit in den Urlaub nähme.

  • mark

    25.10.08 (11:01:24)

    Sie wollen Textstellen wiederfinden und glauben das mit dem E-Book nicht zu können. Probieren Sie es doch mal mit einem E-Book aus, das Anstreichfunktion hat. Probieren Sie doch mal aus, wieviele EBook-Akkus das Gewicht von "Krieg und Frieden" auf die Waage bringen. Es werden so viele sein, dass sie damit Tolstois Gesamtwerk lesen könnten. Ich will hier keine Werbung machen, ich bin kein Lobbyist, ich kann nur sagen dass ich bereits seit Monaten im Besitz eines guten E-Book-Modells bin und kann deshalb über ihre offenkundig nicht wirklich an der Realität erprobten "Befürchtungen" nur lachen bzw. sehe ich die Psychologie dahinter.

  • Martina

    25.10.08 (11:22:35)

    Bücher werden für mich immer die erste Geige spielen. Nichts ist schöner, als im Wohnzimmer eine Regalwand zu haben, die nichts als Bücher enthält. Ein E-Book würde ich nur unter einer einzigen Bedingung akzeptieren, nämlich, wenn es um Trivialliteratur geht, also um Literatur, die man(n) nur ein einziges Mal liest. Die Bücher aber, die es wert sind, mehrfach in die Hand genommen zu werden, werden für mich immer noch aus Papier sein. Im übrigen gibt es noch einen weiteren kleinen Vorteil von E-Books: man kann darin keine Blumen, Fliegen, Mücken, Brotkrumen und Zellophanpapierchen pressen... ;)

  • Klaus Jarchow

    25.10.08 (11:38:34)

    Naja, soll sich doch jeder selbst überzeugen, was die Dinger können oder nicht können (der Link führt zur Produktführung für Amazon's Kindle). Für mich klingt das alles - 'highlight it, scroll up, make your choice, press select, load it down' - und abschließend wie zum Hohn auch noch: 'it's as easy as this' - viel komplizierter als das simple Lesebändchen-Prinzip, in dem immerhin 500 Jahre Lesekultur stecken: 'Zieh am Band, lies es nach' ... Bisher betrachte ich E-Book-Reader als ein typisches 'Gadget' für jene Nerds, die auch für den Blackberry-Jam auf den Hauptstraßen verantwortlich sind und allmählich ihres iPhones überdrüssig werden.

  • Martina

    25.10.08 (11:42:57)

    Nerds, das war der Begriff, der mir nicht einfallen wollte. ;) Noch ein Argument "Pro Buch": Wo sollen im E-Book künftig die "Ex libris"-Einträge hinkommen? ;) Die Blackberry-Generation wird nicht mal wissen, was das ist. BTW, überfordere diese Menschen nicht, in dem du von "Lesebändchen" schreibst...

  • mark

    25.10.08 (11:57:45)

    Genau, mit der Kutsche fahren ist romantischer als im Auto Sitzen und handschriftliche Briefe sind viel schöner als Emails. Meinetwegen kann jeder der will beim Alten bleiben, aber vielleicht überlegt man auch mal, dass es nicht die erste Medienrevolution der Geschichte ist, und dass ein typisches Verhalten derer ist, die noch mit dem vorigen Medienstandard sozialisiert wurden, dass sie das Neue mehr oder weniger ablehnen. Man bewegt sich also in einem typischen Muster. Ein bisschen autoreflexiver hätte dahingehend dieser Artikel sein dürfen.

  • Ugugu

    25.10.08 (12:18:49)

    Ich kauf mir ein E-Book sobald ich auf dem Flohmarkt oder noch besser, in der Altpapiersammlung, keine spannende Literatur mehr finde. Und das wird noch eine Weile dauern.

  • ke

    25.10.08 (16:30:41)

    Von den genannten Gründen kann jeder in absehbarer Zeit wegfallen. Man kann Kommentare in E-Bücher aufnehmen, intelligente Suchmaschinen (die über genaue Wortlaute hinausgehen) stehen meiner Einschätzung nach kurz vor der Massenmarktreife, und die aktuelle Diskussion um E-Bücher kommt ja nicht zuletzt gerade daher, dass die große Achillesferse der E-Bücher - der Bildschirm und mit ihm der hohe Stromverbrauch - im Wegfallen begriffen ist (siehe Amazons Kindle).

  • Alexander Becker

    25.10.08 (18:09:36)

    Diese ganze Diskussion hatte wir schon bei der Einführung der CD oder als die Handys aufkamen. Ich habe noch immer den Schrank voller Platten und kaufe sogar noch welche. Aber ich habe auch CDs und MP-3s. Dasselbe gilt für das Handy. Ich habe eins und schalte es aus wenn ich will. Ich habe hier noch kein ernsthaftes Argument gegen einen Reader gelesen. Natürlich geht das Buch nicht unter, natürlich kaufen auch wir weiterhin Bücher. Aber in zwei bis fünf Jahren haben wir trotzdem alle auch einen Reader.

  • T-Man

    26.10.08 (09:36:18)

    BTW, überfordere diese Menschen nicht, in dem du von “Lesebändchen” schreibst… Genau diese Art Sprüche hat seit jeher die Jüngeren auf die Barrikaden getrieben. Ich spare mir an dieser Stelle jegliche weitere Ausführung, die Worte sind dafür zu Schade. @ Topic: Ich kann nur sagen: Tschüss Buch, war nett, aber auch leider unbequem mit dir. Blenden wir die überflüssigen Nostalgie-Fetzen (s.o.) aus, sehen wir recht deutlich in welch enormer Geschwindigkeit die mediale Entwicklung in den letzten 30 Jahren statt gefunden hat. Von der Schreibmaschine zum E-book. [Insert-historische-Abhandlung-hier] Ich bin jetzt Mitte, Ende 20 und bereits meine Kinder werden mich wohl fragen: "Papa, warum hast du denn diese alten Bücher im Regal? Für was sind die gut?" Ja, auch ich bin technikbegeistert. Notgedrungen! Wäre ich es nicht, würde ich an meiner Zeit vorbeileben. Ich kann mit wenigen Klicks sämtliche Sekundärliteratur recherschieren die ich brauche (natürlich ist Nachschlagen weiterer Sekundärliteratur in den ausgeliehenen Büchern in der Bib. immernoch vonnöten, soweit ist es nun halt doch noch nicht. Kommt noch...). Über Googlebooks kann ich mittlerweile "einige" Quellen online aufrufen. Was bereits geht und was nicht ist jedoch völlig irrelevant. Es geht alleinig um den "state of mind" der Menschen. Die "Frischgeschlüpften" werden wahrscheinlich Bücher als antiquiert betrachten. Ende aus... Gute Nacht, äh guten Morgen! :)

  • T-Man

    26.10.08 (09:40:29)

    Argh, man kann seine Posts nicht mehr editieren! Zu Hülf! Na gut, müsst ihr halt mit meinen übereilten Schnitzern leben :P

  • Klaus Jarchow

    26.10.08 (11:08:35)

    Tschaja - kurzgefasst hier jetzt mal dein 'insert historische Abhandlung': Von der 'rasanten medialen Entwicklung' ist am Buch nämlich immer alles abgeperlt. Erst sollte der Film dem Buch den Garaus machen, dann der Funk, dann TV, dann die 'Blasenhefte'(= Comics), jetzt das Internet-E-Book-Gehupe und -Gehype: Das zählebige Buch aber sieht Anno 2008 auch nicht wesentlich anders aus als Anno 1908 oder Anno 1808. Da muss es wohl auch ohne Monitor ein ziemlich perfektes Design besitzen. Und der Markt dafür expandiert und expandiert und expandiert. Gott, was ist diese Buchkundschaft bescheuert ...

  • Mark

    26.10.08 (11:34:14)

    @Klaus: Äpfel und Birnen! Was ist das für ein ungerader Vergleich? Fernsehen und Bücher sind INHALTLICH different, aber ein ein Roman bleibt wortwörtlich der selbe ob mit Papier oder E-Ink, genauso wie die Email eine Menge Briefe überflüssig macht. Wer hat denn gesagt, dass der Film dem Buch den Garaus macht? Und expandieren etwa die Zeitungen auch so überschwänglich? News bleiben, ob Zeitungspapier oder Monitor, die selben, und siehe da, immer mehr Leute lesen News online und die Zeitungsbranche kommt in die Krise.

  • Wolfgang Michal

    26.10.08 (11:46:29)

    Jedes Jahr brauchen meine Kinder Schulbücher im Wert von 200 bis 300 Euro (denn die Lernmittelfreiheit ist in vielen Bundesländern abgeschafft). Die Schulbücher tragen sie dann in ihren 10kg schweren Ranzen zur Schule. Da wäre es doch ein Segen, wenn all die völlig überteuerten Schulbücher in einem E-Book verfügbar wären & per download jährlich "erneuerbar". Natürlich werden die Klassikergoldschnittlesebändchen bleiben, die man in Ohrensesseln und Hängematten lesen kann (Stadttheater gibt's ja auch noch), aber 90 Prozent der sonstigen Pappdeckelproduktion könnte (mit vielen Vorteilen übrigens) digitalisiert werden. Aus ökonomischen Gründen wird das wohl auch so kommen. Wir brauchen das Holz für die Pellet-Produktion ;-)

  • Klaus Jarchow

    26.10.08 (12:17:51)

    @ Wolfgang Michal: Die wirkliche Alternative ist die Ganztagsschule MIT Lernmittelfreiheit. Sollten wir uns als reiches Land doch leisten können, wo Bildung doch sooooo wichtig ist (Merkel). Die Kids brauchen dann ihre Bücher nie mehr hin- und herzuschleppen, weil sie ihre Schulaufgaben bereits in der Schule gemacht hätten, bevor sie nach Hause zurückkehren. Im Prinzip ist sogar der Ranzen entbehrlich. Auf das, was die Kids sich so draufladen, wenn sie ein E-Book hätten, da wäre ich mal gespannt. Das hat mit dem Englischbuch sicherlich nicht mehr viel zu tun ... ;-) Ich habe ja auch nicht behauptet, dass es keine Nische für E-Books gäbe. Es gibt ja auch eine Nische für Hörbücher, ohne dass der Hardcover-Buchabsatz nennenswert gelitten hätte. Bei vielen kommt es mir aber jetzt so vor, als dürften sie ihre bestehende Leseallergie auf das Medium projizieren: Ihr Aliteratentum lag für sie immer daran, dass es diese Klasse-E-Books noch nicht gab! Das E-Book fungiert als bequeme Ausrede. Dabei werden sie auch mit E-Book weiterhin nicht mehr oder auch weiterhin nichts Vernünftiges lesen ...

  • T-Man

    26.10.08 (13:07:10)

    Eigene Erfahrung: Ich habe vor kurzem einen "noch" jüngerem Erstsemestler (etwa um die 20) meine Uni gezeigt, und wie sich das gehört, anschließend noch ein Radler getrunken. Nach ein bisschen Gequatsche was man denn so liest meinte er: "Ich les' ja generell nur noch am Rechner." pdf's, Google, Blogs... das ganze Angebot eben. Bücher? Njet! Staubfänger, unpraktisch, braucht man nicht mehr... Ich schätze mal damit ist er keine Ausnahme. Auf dieses Argument bist du bisher noch nicht wirklich eingegangen Klaus. Ist es für dich keins, oder noch keine Antwort? LG

  • Klaus Jarchow

    26.10.08 (13:49:21)

    Wo ist das Problem? Das Phänomen der 'Prolls mit Abitur' ist alt, man muss aber gar nicht bis zu Heini Manns 'Untertan' zurückgehen. Auch aus meiner Abschlussklasse fallen mir vier, fünf Hanseln ein, die mutmaßlich nie wieder ein Buch in die Hand genommen haben. So etwas wird dann Sportlehrer, Bankbeamter, Abteilungsleiter im Eichamt oder so, Programmierer, Hausfrau, Arzt oder Börsenmakler. Es gibt ja all diese eher bildungsfernen Berufe - trotz eines universitätsöffnenden Abschlusses, der ja faktisch nur besagt, dass man ab jetzt dürfte, wenn man denn wollte. Ein Zwang aber ist keiner dabei ...

  • Wolfgang Michal

    26.10.08 (14:05:56)

    "Auf das, was die Kids sich so draufladen, wenn sie ein E-Book hätten, da wäre ich mal gespannt." Seien Sie doch nicht so misstrauisch, Herr Jarchow! Vielleicht werden die Toilettenwände in den Schulen dann ein wenig verschont. Was Sie verteidigen, geht schon in Ordnung. Und die Jungen sind ja nicht doof. Gerade entdecken viele die alten Langspielplatten, weil der Sound eben besser ist als auf dem ipod oder der digitally remasterten Billig-CD.

  • T-Man

    26.10.08 (14:08:06)

    Da ist kein Problem, sondern ein strukturimmanenter (tolles Wort) Wandel im Gange. Die Symptome dafür zeigen sich in der >20 Generation. Das ist meine Aussage. Was in naher Zukunft folgen wird, liegt auf der Hand. Das Buch wird massiv zu kämpfen haben. Verlage werden zu kämpfen haben/ den Sprung ins Netz wagen müssen. Siehe Musikindustrie = CD tot - MP3 Juchhee!

  • flashfrog

    26.10.08 (16:55:38)

    Wieso sollte ein Netzbuch keinen Kommentarteil haben können und keine Fußnoten? Hier sehe ich als gelernte Litwisserin das elektronische Buch potentiell sogar im Vorteil gegenüber der Holzvariante: Es sollte doch kein Problem sein, Fußnotenlinks, eine brauchbare Bookmark-Funktion, eine intelligente Suchmaske und andere interaktive Elemente userfreundlich einzubinden. Man könnte beispielsweise die Anmerkungen gezielt nach einem bestimmten Thema filtern und andere digitalisierte Quellen (online/offline) hinzuziehen. Es könnten sogar Leser ihre Anmerkungen und Notizen mit anderen Lesern vernetzen. Man könnte Begriffe wie "Quacksalver" und historische oder biografische Hintergründe des Autors mit einem Klick mal eben online nachschlagen. Man könnte Manuskripte digitalisieren. Rare Originalausgaben faksimiliert zugänglich machen. Man könnte verschiedene Übersetzungen elektronisch vergleichen. Man könnte mit dem Gerät wahrscheinlich auch wunderbar elektronische Zeitungen lesen, Archive durchsuchen sowieso. An manche Handhabungsbesonderheiten muss man sich wohl einfach erstmal gewöhnen, dann ist es wirklich "easy", und technisch ist da sicher auch noch einiges optimierbar. "Aus irgendwelchen Gründen weiß ich immer, auf welcher Seite - ob rechts oder links, ob weiter vorn oder weiter hinten - jene Stelle dann zu finden war, auch wenn mir der genaue Wortlaut längst entfallen ist." Ja, genau, so ein fotografisches Gedächtnis fürs Schriftbild habe ich auch und bin einigermaßen stolz drauf. :-) Manchmal wünsche ich mir allerdings schon eine intelligente Suchfunktion für Bücher, wenn ich in einen 500-Seiten-Roman 4 Monate oder 4 Jahre später einen bestimmten Satz, ein bestimmtes Wort wiederfinden möchte, denn so gut ist mein Gedächtnis dann auch nicht in allen Fällen, und je mehr Bücher man gleichzeitig liest, umso schwieriger wird die Angelegenheit. Worauf ich wirklich gespannt bin, ist, welche neuen Arten von Literatur das elektorinische Buch hervorbringen wird! Interaktiv – non-linear – multimedial – das schafft tausend noch nicht ausprobierte Möglichkeiten für die Literatur! Und, nein, der iPod für Literatur wird das herkömmliche Buch nicht verdrängen, es wird vielmehr eine zusätzliche Angebotsergänzung sein wie das Hörbuch es schon heute ist. Kein Grund also, schon wieder eine Panik loszutreten. Außerdem warte ich eh noch auf ein Gerätchen, mit dem ich nicht nur lesen, sondern auch Musik hören, fernsehen, telefonieren, fotografieren, im Internet surfen, meine Termine planen und navigieren kann: Die i-legende Wollmilch-Pod-Sau zu einem vernünftigen Preis. :-)

  • Andreas

    27.10.08 (00:39:44)

    Mir geht diese Abhängigkeit von Strom auf die Nerven. Und die Abhängigkeit von einem Internetzugang. Auch stört mich, dass mein Konsumverhalten gespeichert und für spätere Werbemaßnahmen genutzt wird. Alle schauen zu, Google, Amazon, jeder noch so unbedeutende Verkäufer im Netz will, dass ich mir einen Account zulege, meine Anschrift wird für Werbebriefchen, meine E-Mail-Adresse für Pseudo-Information missbraucht. Wer informiert sein oder einfach nur "schmökern" will, muss Werbung akzeptieren. Überall wird mein Bedürfnis nach Information, Kommunikation, Aufmerksamkeit schamlos ausgenutzt. Gibt es schon gesponsorte E-Books? Früher - also vor ein paar, nicht einmal 10 Jahren - war es unwichtig, welcher Verlag das Werk (Literatur, Musik, Periodika, ...) herausgegeben hat, das ich haben wollte. Ich bin einfach in meinen Buchladen oder das Musikgeschäft meiner Wahl gegangen und habe notfalls bestellt, wenn der Titel dort nicht verfügbar war. Kaufe ich heute ein elektronisches Werk, muss ich ein bestimmtes Abspielgerät haben, einen Internetzugang, womöglich eine Handy-Flatrate, ein oder mehrere Accounts und natürlich Akkus. Und ich kann das Werk nicht einfach verleihen, nicht nur wegen DRM, sondern auch wegen anderer technischer Hindernisse wie inkompatiblen Formaten. Außerdem brauche einen guten Anwalt und eine Rechtsschutzversicherung. Wie legt man eigentlich unelektronisch seinem Partner den Wirtschaftsteil neben den Frühstücksteller? Ich empfinde dies als einen Kulturverlust und als Bevormundung. Das Gadget und die Technik darum herum ist zu wichtig geworden (Grüße an Neill Postman!). Wer anfällig ist, verschreibt sich dem Anbieter der glänzendsten Produkte und verdurstet, ohne dass er es bemerkt. "Kennst du den letzten Roman von Roth?" "Roth? Nee, ist bei meiner Flat nicht dabei."

  • Klaus Jarchow

    27.10.08 (08:51:13)

    Die 'Monopolisierung' ist ein weiterer Punkt: Mit dem Kindle wird ja nur der Download von Amazon-Dateien möglich sein - zumindest ist das bei den angeblichen 'Deregulierern' in den USA so. Kein pdf also, keine Gutenberg-Galaxie, kein Google-Digitalisierungsprojekt. Andere werden folgen. Was hierzulande mit der deutschen 'Ladenpreisbindung' ist, dem Rabattsystem, den Autorenhonoraren, dem Copyright oder den VG-Wort-Einnahmen, das ist überhaupt noch nicht geklärt. Einige von vielen Gründen dafür, weshalb es E-Books aus der Premier League im deutschsprachigen Raum so bald nicht geben dürfte.

  • mark

    27.10.08 (09:19:46)

    Es bleibt, festzustellen, dass sich hier manche einfach nicht die Mühe geben wollen, sich umfassend zu informieren, es könnten ja sonst ihre Vorurteile falsifiziert werden. Es gibt E-Books wie den "iLiad", der pdf, doc, html lesen kann. Keine proprietären Formate, kein DRM, kein Amazon. Und erstaunlich, dass manche es als stressig empfinden, vom Internet abhängig zu sein, und lieber von einem örtlichen Buchgeschäft abhängig bleiben.

  • T-Man

    27.10.08 (09:50:17)

    Manch einer mag die Gestade seiner Heimat nicht verlassen um zu neuen Ufern aufzubrechen. In 10 Jahren sind E-books Normalität, in 20 sind Bücher nur noch in Bibs zu finden.

  • Klaus Jarchow

    27.10.08 (10:32:47)

    @ mark: Und - kann der 'iLiad' denn auch das Amazon-Format lesen? Oder rennt der wahre Gadgeteer demnächst mit mindestens fünf Readern im Rucksack in die absolute Freiheit vom Bookstore? Am Thema 'Kompatibilität und Industriekonkurrenz' ist meines Wissens schon so manche hochfliegende Technik gescheitert. Und wenn dann noch die Rechtsanwälte und die Tantiemenheinis dazukommen - oha, oha! Aber es stimmt andererseits schon - der Fortschritt hat es angesichts der Beharrungskräfte immer besonders schwer ... ;-)

  • mark

    27.10.08 (12:28:44)

    @klaus: Probieren Sie es selber aus, ob Kompatibilität ein Problem ist. Ich hatte bislang noch nie ein Problem mit pdfs, man bekommt alles in diesem Format und es kann immer gelesen werden. Probieren Sie es aus, berichten Sie davon, auch wenn ich mir jetzt schon denken kann, was Ihr Urteil darüber sein wird.

  • David

    27.10.08 (13:10:35)

    Tatsache ist, dass die existierende Ebook-Reader gerade was Usabilty angeht noch eine Menge Probleme haben und in vielen Dingen, die Klaus wichtig sind, Papierbüchern unterlegen sind. Auch das lässt sich durch eine Netzrecherche in Test- und Nutzerberichten und Foren herausfinden. Tatsache ist auch, dass die meisten dieser Probleme bereits heute technisch lösbar wären und dass vielleicht eines Tages Reader gebaut werden, die tatsächlich alle Vorteile des gewöhnlichen Buches mit sich bringen und die viele Vorteile der digitalen Technik dazu. Darüber zu spekulieren, wann das so weit sein wird und was dann passiert ist meines Erachtens wenig sinnvoll. Gerade beim Buch ist die Fraktion derer, die es einfach wegen seiner physischen Qualitäten mögen, sehr groß und die reden auf dem Markt mit, obs den Ebook-Propheten passt oder nicht. Erstaunlich finde ich, mit wie viel Schärfe die Ebook-Fraktion hier meint ihren Punkt machen zu müssen. Klingt irgendwie kindchenhaft beledigt, "Wer nicht meiner Meinung ist, ist ein rückwärts gewandter Grufti". Kommt mal wieder runter! Übrigens: Die 'Argumente' "Ich kennen Erstsemester, die nur noch am Bildschirm lesen." sind natürlich Quatsch. Für jeden der Bildschirmleser kennt Klaus auch einen Papierleser. Interessanter wäre es, eine statistische Erhebung zu kennen (und damit meine ich nicht eine Umfrage in der Computerbild). Hat da jemand was zur Hand?

  • Jean-Claude

    28.10.08 (10:43:31)

    Davids Beitrag finde ich hier bisher am erhellendsten. Und gleich wieder mal das alte Beispiel angefügt: Handys können heute dank UMTS tausend Dinge. Aber wollen das die user überhaupt? Wirklich erfolgreich genutzt werden nur relatriv wenige Anwendungsmöglichkeiten, zum grossen Aerger der Industrie, die in UMTS Milliardensummen investiert hat, die sich bis jetzt nicht rechnen - und vielleicht auch nie rechnen werden. Irgendwie ist das ganz gesund: Die user bestimmen letztich, was sinnvoll ist und was sich durchsetzt. Und nicht die aufgeregten Technik-Freaks.

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