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03.02.08Leser-Kommentare

Kriegsfotograf Eddie Adams: "Ich habe den General getötet"

Saigon, 1968: Auf offener Straße erschießt ein General einen Vietcong. Eddie Adams war für Associated Press in Vietnam, für sein Foto bekam er den Pulitzer-Preis. Am liebsten hätte er das Bild nie gemacht.

General Nguyen Ngoc Loan executing a Viet Cong prisoner in Saigon

Original Bildunterschrift: "General Nguyen Ngoc Loan executing a Viet Cong prisoner in Saigon" (Bild: Eddie Adams/Keystone)

Das Bild von Eddie Adams erlangt, man kann es nicht ander sagen, traurige Berühmtheit. Vor 40 Jahren entstand die Aufnahme, die sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt hat. Dem Fotografen war das Zeit seines Lebens unangenehm. Auf dem Bild ist ein wehrloser Mensch zu sehen, der Sekunden später stirbt - nur die halbe Wahrheit, so Adams.

Die Namen der beiden Männer auf dem Bild sind bekannt, die Geschichte des Generals auch . Nguyen Ngoc Loan war Polizeichef in Süd-Vietnam mit besten Verbindungen in die Regierung. Der Gefangene, der exekutiert wird, ist Nguyen Van Lem. Seine Geschichte ist alles andere als klar. Adams äußerte sich später über sein Bild (Jonah Goldberg, National Review 1999):

The general killed the Viet Cong; I killed the general with my camera. Still photographs are the most powerful weapon in the world.

People believe them, but photographs do lie, even without manipulation. They are only half-truths.

What the photograph didn't say was, 'What would you do if you were the general at that time and place on that hot day, and you caught the so-called bad guy after he blew away one, two or three American soldiers?

Aber war das Opfer tatsächlich bei den Vietcong, wie von der vietnamesischen Regierung und Adams behauptet? Oder ist diese Behauptung Kriegspropaganda zum Schutz des Generals, wie der Kriegsfotograf Jones Griffiths in einer BBC-Radiosendung nahelegt?

Das Regime Südvietnams, von den Amerikaner unterstützt, im dreckigen Krieg, ohne Skrupel: So wurde das Bild gesehen, was Adams einige Zeit später nicht mehr gefiel. Denn nachdem er das Foto gemacht hatte, wurde er von Associated Press beauftragt, am General "dran zu bleiben". So lernte er den Polizeichef kennen als Held der Bevölkerung, den zivile Opfer unter den Südvietnamesen in Rage brachte, der sich für den Bau von Krankenhäusern einsetzte. Der, kurz bevor er den angeblichen Vietcong tötete, mehrere seiner Männer im Kampf verloren hatte.

Mit dem Foto half Adams der stärker werdenden Anti-Kriegsbewegung in den USA. Gleichzeitig runinierte er mit dem Foto das Leben des Mörders. Loan floh in die USA, als Saigon fiel, und eröffnete ein Restaurant in Virginia. Als seine Identität herauskam, musste er seinen Laden unter dem starken Protest schließen.

Die Umstände. Es sind immer die Umstände, aber dass ein wehrloser Mensch erschossen wird, diese Grausamkeit, dieser Wahnsinn soll nicht berichtet werden? Jonah Goldberg schrieb dazu in National Review:

It didn't answer questions, or give us the story. It deceived. It gave no context. It confirmed the biases of the anti-war journalists, and they used it to further their agenda.

Bis zuletzt hielt Adams Kontakt zu General Nguyen Ngoc Loan und seiner Familie. Er hielt ihn für einen Kriegshelden und entschuldigte sich vielmals für sein Foto und die Folgen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Klaus Jarchow

    03.02.08 (11:58:05)

    Vielleicht könnten wir uns darauf einigen, dass - mal ganz unabhängig von allen Diskussionen über die Zulässigkeit von Todesstrafen überhaupt - dass also 'ohne jedes Urteil' niemals Menschen erschossen werden sollten, ob Kriegsrecht ode rkein Kriegsrecht. Dann wären wir in dieser Sache endlich weiter. Denn eins ist doch klar: Hier hat ein skrupelloser Mann einen wehrlosen, gefesselten Gefangenen auf offener Straße abgeknallt. Punkt. Würde nur ein Bruchteil der Energie darauf verwendet, auch mal die Biographie dieses angeblichen 'bad guy' so filigran aufzuklären wie das gute Benehmen des Generals, dann sähe man wohl klarer. Mit der durchgedrehten Oriana Fallaci fing die Re-Interpretation dieser Geschichte meines Wissens damals an. So weit, wie ich das verfolge, gibt es aber bisher über den Gefangenen nur die Aussage des ach so 'feinfühligen' Generals, dass nämlich sein Opfer ein ganz schlimmer Finger gewesen sein soll. Und die posthume Apotheose dieses Generals führt wiederum regelmäßig zu Elogen von Unbelehrbaren, wie bei diesem üblen Beispiel aus der 'Welt', wo irgendwelche kalten Krieger noch immer von 'Divisionen' und 'ursprünglichen Instinkten' à la Ernst Jünger träumen: Diese Männer, die mit ihrem Herzen kämpften, die Familien haben, Kinder, die erfüllt sind von Liebe. Dass sie die Kraft haben, die Kraft, das zu vollbringen. Wenn ich aus solchen Leuten bestehend zehn Divisionen hätte, dann wären wir unsere Sorgen hier rasch los. Denn dazu gehören Männer, die Überzeugungen haben. Und die dennoch imstande sind, ohne Hemmungen, ihre ursprünglichen Instinkte einzusetzen, um zu töten. Ohne Gefühl, ohne Leidenschaft. Vor allem ohne Strafgericht, ohne Strafgericht. Denn es ist das Strafgericht, was uns besiegt. Nebenbei bemerkt: Auch KZ-Kommandanten tauchten abends ihre blutbefleckten Hände in Chopin ...

  • arbiter

    03.02.08 (21:25:30)

    Selbst Klaus Jarchow ist immer noch einen Schritt voraus. Der Ex-Kanzler/-Reservemajor, -Reichswehr-Offizier Helmut Schmidt weicht in die Fäkalsprache aus, wenn er vom Krieg redet. Dabei redet er allenfalls von dem, an welchem er als Reichswehr-Offizier teilgenommen hat. Unabhängig von allen psychologischen Momenten und Entlastungsversuchen gibt es soetwas Wahnsinniges wie das Kriegsvölkerrecht. Ganz gleich, was ein "bad guy" verbrochen hat, standrechtliche und besonders die abfotografierte Erschießung sind selbst bei großzügiger Auslegung des Rechtes Verbrechen. Dies ist eben das Kennzeichen aller Täter: 99,9% ihres Lebens ticken sie normal, nur das eine Mal rasten sie aus. Zugegeben, manche auch öfter. Dennoch, begegneten wir ihnen irgendwo in einem Cafehaus, in einer Bar, in Gesellschaft, sind sie zumeist die liebenswürdigsten Zeitgenossen. Der Photographer hat abseits seines Kameraobjektives eher keinen Durchblick, weder rechtlich noch ethisch. Das ist das eigentliche Kennzeichen des gesamten Vietnam-Debakels und aller nachfolgenden Versuche der Seligsprechung, die damit letztlich den Krieg heiligt, als christliche Variante. Das Kriegsvölkerrecht ist so wahnsinnig, weil demokratische Staaten eigentlich Krieg als Politikinstrument nicht kennen dürften. Und der Politiker-Wahnsinn hat Methode, eine Methode, die beweist, Politiker sind nicht Demokraten, sondern Wortführer einer Meinungsjunta. Erinnere ich mich richtig, sah in jenen Zeiten das Militärstrafrecht sowohl Süd-Vietnams als auch der USA für den mit dem Photo offenbarten Mord die Todesstrafe vor. Der Skandal ist, daß der sogenannte Rechtsstaat Ahndung welcher Art auch immer vorsätzlich unterlassen hat. Damit solche Photos künftig gar nicht erst mehr gezeigt werden können, werden die Berichterstatter neuerdings "embedded".

  • Klaus Jarchow

    04.02.08 (09:22:12)

    Was heißt hier 'selbst Klaus Jarchow'? ;-)

  • arbiter

    05.02.08 (00:39:14)

    @KLAUS: Na ja, es war ein freundlich gemeinter "Tadel", weil, wie immer, wenn USA-Strategen operieren, Zivilrecht und "Kriegsvölkerrecht" heftigst durcheinander geraten. Herr Nguyen Ngoc Loan war nämlich nicht Kombattant, sondern Polizeichef im Rang eines Polizeigenerals in Süd-Vietnam. Seine Aufgaben waren rein ziviler, nicht militärischer Art. Ein Polizist, der Verbrechen Aufklären und/oder verhindern soll, wird zum Täter! Den `General´ kann sich also dieser Mörder in die Haare schmieren, weil er nicht Soldat war. Das hat den schnöden Nebeneffekt, auch Kriegsvölkerrecht greift hier nicht, was allerdings von den zwingenden Rechtskonsequenzen für General Nguyen Ngoc Loan ohnehin unerheblich gewesen wäre: nach damaligem Süd-Vietnam/US-Zivil- und Militärrecht die Todesstrafe. Aber sonst, Klaus, vor allem das Jünger-Zitat! Auf irgend einem Denkmal in Berlin habe ich vor fast 40 Jahren gelesen, es sei fürs Vaterland kein Soldat zu viel gefallen. Jeder Soldat, der fällt, ist einer zu viel! Selbst für mich. ;-)

  • Klaus Jarchow

    05.02.08 (10:03:27)

    Naja - das dort oben ist ja noch nicht einmal ein echtes Jünger-Zitat, das ist eine Paraphrase des Jünger'schen 'Kriegertums'. Da hat also ein 'kalter Krieger' (oder ein 'kaltes Bäuerchen'?) das Buch 'In Stahlgewittern' nur schlecht verdaut. Jünger selbst stand dem Widerstand gegen Hitler rings um die 'konservative Revolution' und um Stauffenberg sehr viel näher, als es solchen Krieg- und Mordhudlern, wie jenem im Welt-Kommentar dort oben, vermutlich bewusst ist. Literatur und 'Bräunlinge' stoßen sich nun mal ab wie die Pole eines Magneten ...

  • arbiter

    05.02.08 (10:31:18)

    Na ja ... kaltes Bäuerchen, konservativer Widerstand, und dann hier und da noch ein Rülpser à la Jens oder Graß. Die Nähe zum Angepaßtsein ist immer relativ und praktikabel. Scheinbar zeichnet sie die Erfolgreichen aus. Und Literatur und Bräunlinge stoßen sich nicht nur nicht ab,sie ziehen sich, will`s scheinen, magnetisch an, wie auch Ina Seidel irgendwann erkennen wollte. Neulich erst hat mich ein Funktions-/Funktionärs-Semit wissen lassen, nur mit Bildung lasse sich das Nachbräunen verhindern. Merkwürdig nur, ausgerechnet die gut Ausgebildeten liefern immer die Anleitung für das Gesox . Der 10. Mai 1933 war ein ordentlich elitärer Feiertag.

  • Klaus Jarchow

    05.02.08 (11:43:00)

    Ina Seidel - eine Schriftstellerin? Ich weiß ja nicht. Übrigens fand ich schon immer jene Figuren suspekt, die sich statt 'Schriftsteller' gleich 'Dichter' nennen mussten. Die haben alle ein wenig zu nahe am Mythos, am Alkohol, am 'Sehertum' und am 'Geschwurbel' gebaut. Hier noch ein kleiner empirischer Gegenhinweis: Die Monosynapsen trauen sich mit ihren einschlägigen CDs und Wahlkampfmaterialien derzeit doch nur vor die Haupt- und Sonderschulen. Vor Gymnasien gäb's eher was aufs Maul ...

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