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12.06.14Leser-Kommentare

Krautreporter-Debatte: Doch, Journalismus im Netz ist kaputt

Das Journalismusprojekt Krautreporter hat sich mit der Behauptung, dass Online-Journalismus kaputt sei, einige Feinde gemacht. Strategisch mag das falsch gewesen sein. Die Feststellung an sich ist es aber nicht.

NewsAm Freitagabend endet die Crowdfunding-Kampagne des schlagzeilenträchtigen - und hinsichtlich der Umsetzung umstrittenen - Journalismusprojekts Krautreporter. Dass sich bis dahin noch 5.000 Abonnenten mit der Bereitschaft finden, 60 Euro für das erste Jahr vorzustrecken, ist eher unwahrscheinlich. Die Gründe für das absehbare Verfehlen des Ziels fasste Christian Jakubetz am Dienstag in einem Blogbeitrag gut zusammen.

In einem entscheidenden Aspekt, der wenig mit den Krautreportern zu tun, möchte ich Jakubetz aber widersprechen. Er stört sich an der von den Krautreportern in ihrer Kommunikation recht deutlich betonten Parole, dass der Online-Journalismus kaputt sei, und dass sie dies ändern wollen. Sicherlich kann man darüber streiten, ob sich die Initiatoren des Projekts mit dieser Positionierung einen Gefallen getan haben. Anders als Jakubetz finde ich die These vom kaputten Online-Journalismus aber nicht so abwegig. Natürlich finden Leser Tag für Tag großartige journalistische Stücke im Netz. Dies klammert meines Erachtens nach aber gar nicht aus, wer den Journalismus im Netz als kaputt bezeichnet. "Kaputt" heißt aus meiner Sicht nicht, dass es den Presseerzeugnissen im Netz komplett an Qualität mangelt. Das Problem ist viel mehr, dass sich diese Qualität zwischen unglaublich viel journalistischem "Junk Food" versteckt, und dass für das Gros der Erzeuger von digitalen Presseprodukten Anreize existieren, die das Streben nach bestmöglichen qualitativen Resultate ganz ans Ende der Prioritätenliste befördern.

Einen ganz aktuellen Beleg für diese Situation lieferte in dieser Woche die Meldung vom angeblichen "Meilenstein der Computergeschichte": Laut tausender Medienberichte habe erstmalig in der Geschichte ein Computerprogramm den berühmten Turing-Test bestanden. Doch wie sich bei einem genaueren, von TechDirt durchgeführten Blick zeigte, besteht die gesamte Story aus leeren Behauptungen, Übertreibungen und nicht verifizierbarem PR-Geblubber. Mittlerweile haben sich auch diverse bekannte IT-Experten skeptisch zu dem angeblichen Durchbruch im Bereich der künstlichen Intelligenz geäußert. Dennoch verkaufte das Who-is-Who der internationalen und deutschen Onlinemedien die Meldung als Großereignis.

Was hier geschah, lässt sich seit Jahren ständig beobachten: Entweder durch Zufall oder mit cleverer Pressearbeit trat irgendjemand eine Medienlawine los, bei der die ersten Beiträge renommierter Medienportale für alle anderen Redaktionen als Relevanzbeweis und Seriositätsindiz fungierten. Getreu dem Credo "Wenn Spiegel Online etwas als Meilenstein bezeichnet, dann muss an der Meldung ja zumindest etwas dran sein".

Verursacht wird diese oft zu beobachtende Dynamik durch die ungebrochene Gier nach Seitenaufrufen - für die meisten führenden Mediensites nach wie vor die wichtigste Metrik für eine erfolgreiche Werbevermarktung (die FT experimentiert gerade mit Alternativen). Wenn Redakteuren irgendwo eine potenziell explosive Nachricht unter die Augen kommt, dann bringt sie ihre interne Zielsetzung in Bezug auf Artikelfrequenz und Page Impressions dazu, das Thema so schnell es geht aufzugreifen. Oft in der Hoffnung, vielleicht sogar einen viralen Klickhit zu landen.

Verschärft wird die Situation durch die Schnelligkeit des Netzes. Wo Printredaktionen im Idealfall viele Stunden bleiben, um die Relevanz und Authentizität einer Geschichte zu prüfen, müssen reichweitenabhängige Netzmedien sofort agieren. Und weil sich Artikel auch nach der Veröffentlichung noch korrigieren lassen, verringert sich der Druck, auf Anhieb treffsichere Fakten, Feststellungen und Einordnungen liefern zu müssen. Diese Eigenheit des digitalen Publizierens ist eigentlich keine Schwäche sondern eine Stärke. Gemixt mit anderen Zutaten des ausschießlich klickgetriebenen Medienbetriebs entsteht aber ein Cocktail mit einem eher seltsamen Geschmack.

Was ich in den letzten zwei Absätzen beschrieben habe, ist für niemanden mit einem Interesse für die moderne Medienökonomie etwas Neues. Doch mich veranlasst dieser sich selbst immer wieder neue antreibende Prozess zu der Feststellung, dass der Journalismus im Netz eben doch kaputt ist. Falsche Anreize sorgen dafür, dass - nicht alle, aber doch viele - große wie kleine Medienhäuser sich zur Partizipation an einem Treiben gezwungen sehen, das sie in einer idealen Welt lieber ignorieren würden. Ein Treiben, bei dem nicht die möglichst faktengetreue, Horizont erweiternde und ausgewogen einordnende Wissens- und Informationsvermittlung bei gleichzeitigem Respekt der begrenzten Zeit der Leser im Vordergrund steht, sondern vor allem das durch Tricksereien, Sensationsmeldungen und künstlich hohe Publikationsfrequenzen erreichte Erhaschen möglichst niemals endender Aufmerksamkeit der Leser.

Solange nicht die Mehrzahl der ernstzunehmenden Webmedien sich in der Lage sieht, den verantwortungsvollen Dienst am Leser als oberste Prämisse ausrufen und refinanzieren zu können, ist es meines Erachtens nach nicht falsch, den Online-Journalismus als "kaputt" zu bezeichnen. Selbst wenn eine darauffolgende Differenzierung eines derartigen Befunds sinnvoll ist, und selbst wenn Ausnahmen existieren.

Nicht zwangsläufig Krautreporter, aber ein Projekt wie Krautreporter halte ich für einen wichtigen ersten Schritt zur Reparatur des digitalen Journalismus. Denn der anvisierte komplette Verzicht auf Werbung würde eine derartige Publikation vollständig in den Dienst der zahlenden Leser (Abonnenten) stellen. Nicht Seitenaufrufe entscheiden dann über Fortbestehen und (mittelfristig) Wirtschaftlichkeit, sondern die Zufriedenheit und weitere Zahlungsbereitschaft der Leser.

Auch wenn Krautreporter sein Finanzierungsziel nicht erreichen und nicht in einer Light-Version mit den vorhandenen Mitteln verwirklicht werden sollte, bin ich vom Potenzial eines werbefreien, von den Nutzern getragenen publizistischen Projekts überzeugt. Wenn ein Prozent der Deutschen zu Abonnenten werden würden, entspräche dies 800.000 Unterstützern - das Fünfzigfache des Wertes, den Krautreporter als Ziel der Schwarmfinanzierung definiert hat.

Update: Nach einem beeindruckenden Schlussspurt haben es die Krautreporter tatsächlich geschafft, das Finanzierungsziel zu durchbrechen. Damit dürfen sie nun beweisen, dass sich Online-Journalismus reparieren lässt!

/mw Grafik: News Definition Displaying Breaking News Headlines Or Journalism, Shutterstock

 

Kommentare

  • Michael

    12.06.14 (09:11:26)

    Seh ich anders. Der Journalismus im Netz ist nicht kaputt, sondern befindet sich immer noch im Grundaufbau, in der Neuerfindung. Das dauert in so einem riesigen völlig neuen Medium wie dem Internet seine Zeit, genauer gesagt einige Jahrzehnte - nicht nur medial und journalistisch, auch an Hardware und Software. Man kommt schon heute kaum nach mit Lesen von interessantem Journalismus im Netz. Woran es nur vielerorts mangelt, ist Ordnung, Struktur und ein tragfähiges ökonomisches Fundament. Die Entwicklung des WWW zum heutigen Medienkoloss dauerte gerade mal zwei Jahrzehnte - genauso viel Zeit wird vermutlich nochmal die tragfähige Etablierung von Journalismus im Internet brauchen. Die Zukunft des Journalismus an einem Crowdfunding-Projekt wie Krautreporter festzumachen, halte ich für völlig übertrieben. Sie sind ein Versuch unter unzähligen Versuchen. Die Krautreporter hätten auch besser erstmal paar gute Geschichten und Entwicklungen geliefert, anstatt sofort ohne jegliche Vorleistung den Klingelbeutel aufzuhalten. Es kauft halt niemand gern die Katze im Sack. Das Fremdeln des "alten Journalismus" mit dem Internet ist großteils Fremdeln mit dessen Kultur, Technik, Kulturtechniken, Atmosphäre. Der Übergang des Journalismus von Print zu Online erfordert eine grundsätzliche Überwindung dieser Scheu, also nichts weniger als eine kleine Kulturrevolution, die längst im Gange ist und so lange dauern wird, dass sie auch schlicht eine Generationenfrage, ein Generationenbruch ist. Der Übergang des Journalismus von Print zu Online wird sich großteils biologisch lösen, wie vor einem Vierteljahrhundert der Untergang des Kommunismus. Auffassungen von der Situation und Zukunft des Journalismus im Netz sind also wesentlich eine Frage von Optimismus und Pessimismus. Ich bin da ganz optimistisch, dass über den heutigen Anfangsproblemen langfristig tragfähige Lösungen entstehen. Die großen Player wie Spiegel, Springer usw. sind immer noch in der Probier- und Übergangsphase - und dabei ja gar nicht soo übel und erfolglos.

  • Peer

    12.06.14 (09:13:34)

    Lieber Martin Weigert, das sind tatsächlich einige der Punkte, der uns wichtig sind. Ich weiß, die "kaputt"-Formulierung war unglücklich und schon deshalb falsch, weil sie sich, wenn sie ohne Erklärung zitiert wird, so anmaßend anhört. Aber genau deshalb haben wir sie zu konkretisieren versucht. Auf der Seite steht: "Der Online-Journalismus ist kaputt. Weil vielen Medien Klicks wichtiger sind als Geschichten. Weil niemand mehr den Überblick behalten kann, wenn die Welt nur noch in Eilmeldungen erklärt wird. Weil Werbung nervt, die umständlich weggeklickt werden muss. Weil sich auch in seriösen Online-Medien der Boulevard ausbreitet." Das war zu keinem einzigen Moment als Angriff auf die vielen Kollegen gemeint, die ja tatsächlich jeden Tag sehr gute Arbeit im Netz leisten - die sich im Zweifel aber auch immer wieder dem Druck stellen müssen, der durch Werbefinanzierung und die Schnelligkeit aufgebaut wird, mit der sich große Reichweite aufbauen lassen, um in der Vermarktung was zu erreichen. Das "Wir kriegen das wieder hin" bezieht sich deshalb auch auf die "Zeit, die nötig ist, um eine gute Geschichte zu erzählen", wie es auf der Seite steht. Und natürlich auf die Hilfe unserer Unterstützer. "Wir kriegen das wieder hin" meinte tatsächlich "uns" - also nicht: uns als Redaktion, sondern "wir" als Journalisten mit unseren Unterstützer als Ermöglicher eines solchen Mediums gemeinsam! Es war ganz offensichtlich nicht die richtige Form, das so aufzuschreiben. Aber die Idee, glaube ich, stimmt weiterhin: KR wäre der Versuch, dass "wir" (ihr als Leser, Diskutanten, Experten und Themenanreger mit uns als Journalisten) die Systematik zu ändern versuchen, in der der Online-Journalismus derzeit vielerorten (und gewiss nicht überall) steckt. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Viele Grüße!

  • Gregor

    12.06.14 (10:57:51)

    Sehr interessanter Beitrag. Da lässt sich sicherlich drüber streiten. Sehe das aber auch eher so wie der Michael.

  • ben_

    12.06.14 (11:51:05)

    Ganz vorne weg eine kleine Formalie: Bei mir (OSX Maverics + FF 29) ist der Artikel ein einziger Absatz. Da Du selber im Text von "vorherigen Absätzen" sprichts, vermute ich, dass da irgendwo ein paar p-Tags flöten gegangen sind. Vielleicht kannste das ja fixen. Und dann: JA! Die Krautreporter haben sich mit dem "Alles kaputt" Argument keinen Gefallen getan. Ich bin aber auch der Meinung dass sie damit nicht unrecht haben. Aus zwei Gründen. Erstens: In der kleinen Agentur, von der ich ein Teil bin, betreuen wir einge Redaktione, die vom Print zum Online-Journalismus gekommen sind. Wir können da sehr genau sehen, wie sich das Arbeiten ändert. Und ganz ganz sicher ist, dass bei dieser Veränderung wirklich viele Dinge dabei sind, die selbst ich inzwischen als Verschlechterung bezeichnen muss. Oder anders: Solange die mehr oder weniger organische Reichweite wichtigster Erfolgmesser ist, solange Online-Werbung das zentrale Geschäftsmodell ist, führt an SEO kein Weg vorbei und wiederum führt wirklich zu einem schlechteren Journalismus. Da darf man sich nichts vormachen und auch der schöngeredeten Wahrheit der SEOptimierer nicht trauen, die behaupten, sie helfen den Leuten. Zweitens: Ich hab mein ganzes Leben lang (mit der Ausnahme meines ersten Jahres) in einem Haushalt mit GEO-Abo gelebt und hab noch einige der Ausgaben aus den 70ern. Da schaue ich ab und an mal rein, wenn ich wieder wissen möchte, was Online-Journalismus eigentlich noch erreichen könnte. Da sind wirklich epische Stücke drin. 20, 30 Seiten für eine Reportage, mit fast homöpatischen Mengen von Werbung. Ich kriege dann immer eine Gänsehaut. Was für eine Utopie, was für ein Selbstbewußtsein, was für ein unbedingter Wille zum Bestmöglichen, die Messlatte höher setzen, da aus den Heften spricht. Ich glaube, man darf Kratureporter nicht einfach nur als "Zeit Online ohne Werbung" denken, sondern als "Der kompromisslos beste Online Journalismus, der denkbar ist und der aber noch nicht existiert."

  • HBZ

    12.06.14 (12:50:21)

    Von mir mal wieder die volle Punktzahl, lieber Herr Weigert. Ich sehe es genauso wie Sie.

  • Roger

    12.06.14 (13:14:59)

    Vielleicht retten ja Absätze und Zwischenüberschriften den Online-Journalismus!

  • mark

    12.06.14 (13:21:38)

    Ich bin gerade damit beschäftigt einen "intelligenten" und werbefreien RSS Reader zu entwickeln und glaube diese Platform wäre zumindest für die Leser besser. Reiserische und SEO optimierte Artikel könnte man (semi-)automatisch aussortieren oder abwerten. Für eine Flat Fee könnten dann Kunden zudem werbefrei die kompletten Artikel der Teinehmenden Schreiber lesen.

  • dos

    12.06.14 (13:52:11)

    Ich sehe die Problematik der Klickgier genauso. Und denke auch, dass diese generell zu schlechterem Journalismus führt. Aber der Ansatz der Krautreporter kann diese Krux eigentlich nicht lösen. Ich verweise mal auf einen Beitrag von mir, wo ich den Konflikt zwischen Popularität und Finanzierung thematisiere: http://do-s.de/die-krux-der-berichterstattung-popularitaet-und-finanzierung Bei Krautreporter lässt man sich von den Lesern finanzieren. Aber die Klickgier ist nicht unbedingt deswegen vom Tisch. Alleine um neue potentielle Abonnenten anzuziehen, wird man wieder mit den gewohnten Mechanismen arbeiten müssen. Einzige funktionierende Lösung ist hier das System der Öffentlich-Rechtlichen.

  • justrecently

    12.06.14 (15:55:33)

    Als Medienoutsider kann ich den negativen Effekt einer Ansage wie "Netzjournalismus kaputt" nicht einschätzen. Zutreffend scheint sie mir aber zu sein. Außerdem muss, wer ein mehr oder weniger neues Modell anbieten will, ja auch erklären, warum er das tut. Eins kommt vielleicht noch hinzu: das Bloggen der Unprofessionellen. Insoweit, dass für sie kein "Erfolgsdruck" wie in obigem Beitrag beschrieben besteht, können sie vielleicht etwas von der vermissten Qualität liefern. Es gibt für guten Journalismus vermutlich keinen Ersatz. Aber mit Hilfe guter Feedreader lassen sich die Folgen seiner kaputten Seiten sicherlich abmildern.

  • Robert Frunzke

    12.06.14 (20:46:39)

    Also ich weiß nicht.... Irgendwie tauchen in dieser ganzen "Online-Journalismus-ist-kaputt"-Diskussion immer die gleichen Argumente auf, die sich auch ebenso gut auch auf den Journalismus insgesamt anwenden lassen würden. Und wenn jemand mit x-beliebigen Argumenten behauptet, dass der Online-Journalismus kaputt wäre, dann wäre es "guter Stil", genau diese Argumente auch mal auf den Journalismus insgesamt anzuwenden, und seine Argumentation dahingegen gegenzuprüfen. Nicht wahr?

  • justrecently

    13.06.14 (06:53:32)

    Mir scheint, der Artikel berücksichtigt durchaus, dass es sehr gute Netzjournalisten gibt. Was aber - für mich als Leser - auffällig ist: wenn ich eine Zeitung lese, die noch nicht einmal "besonders gut" sein muss, kriege ich meistens eine recht ansprechende Mischung zu lesen. Als Netzuser muss ich mir das selber rauswühlen. Mithin lese ich z. B. auf Zugfahrten immer noch Papierzeitungen. Das hat den zusätzlichen Vorteil, irgendwann auch einmal damit fertig zu sein. Das Internet hat keine letzte Seite. Vielleicht ist meine Wahrnehmung ja untypisch. Wenn sie aber weit verbreitet sein sollte, müsste das für den Netzjournalismus eine Herausforderung sein.

  • justrecently

    13.06.14 (06:58:22)

    Übrigens liegt es mir fern, den Offline-Journalismus pauschal für gut zu halten. Mein Blick geht also über den Netzjournalismus hinaus, teilt aber trotzdem die Sicht des Artikels.

  • Ralf Wienken

    13.06.14 (09:02:59)

    Klar tauchen immer die gleichen Argumente auf - denn es geht ja immer um den gleichen Gegensatz: Geld versus Qualität. Das ist auch in anderen Bereichen so, zum Beispiel bei den Quoten der Fernsehsender, in der Literatur, in der gesamten Kultur. Ich selbst schiele auch auf Quote. Ich bin kein Journalist, sondern technischer Redakteur, und schreibe ab und zu Artikel während der Arbeitszeit. Das kann ich nur machen, weil ich dadurch für unsere Firmen-Website Klicks generiere, also Aufmerksamkeit. Auch ich muss also einigermaßen populär schreiben. Was manchmal schwer fällt. In der ganzen Diskussion klingt immer der angebliche Niedergang der Kultur an. Aber auch das hat es schon immer gegeben. Schon die Griechen beklagten sich über die Jugend, die sich nur noch für Banalitäten interessiert. Es gibt halt nichts Neues. Ich würde sagen, dass die Online-Journalisten selbst dafür sorgen müssen, dass gutes Schreiben honoriert wird. Man kann Ihnen vielleicht kurzfristig helfen, aber langfristig überlebt kein journalistisches Geschäftsmodell, das auf Mitleid aufgebaut ist. Insofern ist der Ansatz der Krauts schon ganz richtig. Und wenn es nicht klappt, dann verschwindet das anspruchsvolle Online-Schreiben eben. So wie jedes Geschäft, für das es keinen Markt gibt. Gruß Ralf

  • ben_

    13.06.14 (09:06:15)

    Inzwishcen fehlen nur noch 700, beim aktuellen Zwachs von 100 pro Stunden, haben sie das Unwahrscheinliche heute abend vermutlich doch geschafft. Schön, mir gefällt die Geschichte schon jetzt!

  • Maro

    13.06.14 (10:13:13)

    "Dass sich bis dahin noch 5.000 Abonnenten mit der Bereitschaft finden, 60 Euro für das erste Jahr vorzustrecken, ist eher unwahrscheinlich. Die Gründe für das absehbare Verfehlen des Ziels fasste Christian Jakubetz am Dienstag in einem Blogbeitrag gut zusammen." Dieser Abschnitt ist gerade einmal 26 Stunden alt und zum Glück schon überholt ;)

  • Michael

    13.06.14 (10:26:35)

    @ben GEO ist für mich kein typisches, sondern eher untypisches Beispiel für Journalismus - nämlicher ambitionierter Hochglanz-Reisejournalismus und Fotoreportage. Also eher keine Regel, wenn von aktuellem, politischen Journalismus gesprochen wird, sondern auch schon im Druckbereich ein journalistisches Nischenprodukt. Reisemagazine wie GEO oder Wissensmagazine sind eher eine Mischform aus Buch und Zeitschrift, die wie auch Buch und Radio wahrscheinlich weiter existieren werden. Vielleicht war und ist sogar der Abgesang auf den Printjournalismus im digitalen Überschwang großteils falsch. Vielleicht wird auch die gedruckte Presse weiter bestehen, nur in dezimierter Form. Wie man auch am Aufschwung von "Die ZEIT" sieht. Vielleicht gehen nur die Tageszeitungen stark ein wegen ihres Aktualitätsnachteils gegenüber dem Internet, man weiß das alles nicht genau. Das hängt auch ab von der weiteren technischen Entwicklung - der Geräte, Schnelligkeit der Internetverbindungen (Seitenaufbau), Software-Umgebungen, Aggregation, Bezahlmodelle usw.

  • ben_

    13.06.14 (11:13:06)

    Geschafft! Juhu! Wie grandios!

  • Hannes Akiff-Sarragen

    13.06.14 (11:54:45)

    Sie haben es geschafft, wie auch immer. Nun müssen sie liefern.

  • Martin Weigert

    13.06.14 (17:43:13)

    Im Prinzip beschreibst du die gleiche Situation, bezeichnest sie nur anders ("im Aufbau sein" statt "kaputt sein").

  • Martin Weigert

    13.06.14 (17:43:34)

    Fast surreal. Aber sehr cool.

  • Martin Weigert

    13.06.14 (17:51:59)

    "In der ganzen Diskussion klingt immer der angebliche Niedergang der Kultur an. " Also in der Diskussion hier klingt das meines Erachtens nach nicht durch. Sollte es jedenfalls nicht. Man kann meiner Meinung nach den aktuellen Stand der Dinge für problematisch halten, ohne dabei Kulturpessimismus betreiben zu müssen.

  • Robert Frunzke

    13.06.14 (18:43:30)

    Na denn, toi toi toi, und viel Erfolg! Ganz ehrlich. Hoffen wir mal, dass die Krautreporter jetzt wirklich etwas besser machen, als all die Anderen davor - sie sind nicht die Ersten, die sagen, dass sie überhaupt und sowieso besseren Journalismus machen wollen ;-) IMHO hat das eigentlich nichts mit +/-Online zu tun, sondern mit Journalismus an und für sich. Ich hatte vor etlichen Monaten auch noch an "Der Freitag" geglaubt (anderes Konzept, aber eben doch der gleiche Reformationsgedanke...), und wurde herbe enttäuscht. Just my 2 cents...

  • Stephan

    14.06.14 (22:17:28)

    Ich kann garnicht sagen wie sehr mir die "10 Gründe warum Krautreporter geil ist" aus dem Herzen gesprochen hat. Das ist glaube ich auch das erste mal, dass ich mich für ein Projekt dieser Kategorie begeistern konnte. Wenn ich Meldungen zu Heftig lese kommt mir das Kotzen. Wir brauchen unbedingt einen Gegenentwurf zu diesem geistigen Dünnschiss den Medien à la Focus Online, Heftig oder die HuffPost verbreiten. Wenn's sowas gibt und ich das lesen kann ist mir letztlich auch egal ob die Mehrheit der Deutschen auf Boulevard-Seiten völlig verblödet.

  • Max

    15.06.14 (16:35:48)

    Der Online-Journalismus ist nicht kaputt erst ist einfach nur veraltet und wird jetzt von neuen Playern gnadenlos überholt. Viele machen sich über heftig und co lustig oder finden es einfach nur schlecht, aber wenn heftig.co es schaffen mit einem Artikel über 300.000 Likes zu bekommen - soviel wie Netzwertig ca. in 10 Jahren schafft - dann sollte man anfangen darüber nachzudenken wo man selbst Defizite bei der Verbreitung hat. Ein weiterer wichtiger Punkt ist das heftig und co diese Reichweiten mit teilweise Jahre altem Content schaffen. Das widerlegt sehr gut das nur der brandaktuellste Content vermarktbar ist. Im Gegensatz zu vielen anderen Onlinejournalisten haben sie erkannt das nur Text (+ Foto) nicht mehr ausreicht. In der Spielbranche ist das auch schon lange bekannt, da sind die finanziell am erfolgreichsten Journalisten welche die Lets-Plays machen. Das heißt nicht das jetzt jeder Video machen muss, aber es wäre ein enormer Fortschritt wenn es wenigstens die "Elite-Online-Journalisten" regelmäßig schaffen würden aus ihrem 10 Jahre alten "Wordpress" Korsett auszubrechen. Mittlerweile haben selbst die öffentlich Rechtlichen die Online-Sperrspitzen abgehängt (z.B. http://multimedia.sportschau.de/dortmund-und-bayern-der-weg-ins-pokalfinale) Es ist wirklich toll das endlich mal jemand den Grund für die Klickstrecken beseitigen will. Und auch der Versuch komplett Leserfinanziert zu arbeiten ist toll - 10000 "Fans" sind im Grunde genommen nicht viel und damit kann man schon sehr viel finanzieren. Allerdings sind das keine Lösungen für das Problem das aktuell echte Kuratierungslösungen fehlen. heftig.co macht im Grunde nichts anderes als emotionalen Content zu kuratieren. Und gerade bei den Youtube-Videos tritt dabei ein Effekt auf den ich mir für allen Content wünschen würde. Die Contentersteller erhalten (von Youtube) Geld für diese Views. d.h. sie profitieren davon das heftig.co ihren Inhalt weiter verwertet. Kurz gegoogelt wohl so 3 € pro 1000 Views. Bei diesem Video (https://www.youtube.com/watch?v=YNPrUWXVlAY) welches durch heftig.com ca. 3-4 Millionen zusätzliche Views erhielt wären das grob 10.000€ Das ist natürlich ein extremes Beispiel, aber das Fehlen von einfachen Mechanismen zur Zweitverwertung und die Angst das doppelter Content von Google im Suchmaschinenranking abgestraft wird verhindert vernünftiges kuratieren. Ich stelle mir gerade vor wie man Themen wie die Ukrainekrise oder die Totalüberwachung wunderschön darstellen könnte. Zu der Überwachung gab es die letzten Wochen sehr schöne Überblicke und da könnte man zu jedem Abschnitt Artikel auf verschiedenen Zeitungen als "mehr Informationen" zugänglich machen. Auf einer anderen Ebene einen Zeitstrahl mit den Veröffentlichungen und Reaktionen. Auf einer weiteren Ebene die bekannten Orginaldokumente .... also eine richtig schöne "Struktured Journalism" Kuration. Und ich möchte dann nicht nur Links zu den Artikeln setzen sondern diese in einem Benutzungskontext ggf. um Füllabschnitte gekürzte Variante abbilden. Diesen Kontext dann noch durch Interviews oder Podcastausschnitte oder Twitterdiskussionen anreichern.... Aber solche Lösungen geben aktuell nicht weil jeder Persönlich gefragt werden will und jeder ein anderes Abrechnungsmodell hat. Eine Lösung ähnlich wie bei Musik wo ich nicht fragen sondern nur nach Höreranzahl bezahlen muss wäre wirklich toll. Generell habe ich aktuell das Gefühl das Journalisten mit dem Erstellen von Inhalten+Design und deren Finanzierung und Verbreitung überfordert sind. Da wäre eine Aufgabenteilung in Erstellen und Verbreiten wirklich sinnvoll.

  • Martin Weigert

    15.06.14 (21:20:00)

    Ich finde Heftig hat mit dem aktuellen Thema rein gar nichts zu tun.

  • Max

    16.06.14 (06:14:55)

    Ich finde schon das es etwas damit zu tun hat, denn es zeigt sehr gut wo der Web2.0-Journalismus Anpassungsverweigerung betreibt. Wenn ein 5 Mann Unternehmen aus dem Stand in den sozialen Netzwerken soviel Reichweite hat wie die zwei größten Onlinewebseiten (Spiegel+Bild) zusammen, dann heißt das das die alten Seiten sehr viel Potential verschenken. Und da die Web2.0-Journalisten sich weigern dieser Tatsache Rechnung zu tragen, verschenken sie seht viel Traffic und somit indirekt sehr viel Finanzierungspotential. Im Grunde sind die Web2.0-Journalisten nicht anders als die Zeitungen vor 15 Jahren - "Wir haben das schon immer so gemacht"! Und wenn ich mir die Online-Journalismusseiten in einem Tablet anschaue da hat man keine Lust mehr diese zu konsumieren. Bei euch zum Beispiel ist nach dem ersten Mal Scrollen die Hälfte der Seite weiß dafür die Schrift auf der anderen Seite schön klein.

  • ben_

    16.06.14 (06:30:16)

    @Martin Weigert: Ich finde schon, das Heftig einige damit zu tun hat. Selbst die t3n hat sich ja zwischenzeitlich mal an heftigen Titelzeilen versucht. Heftig ist schon ein gut sichtbares Symptom, das was im argen liegt im Online-Journalimsusm. Und viele reagieren ja tatsächlich mit Abscheu darauf. Das spielt der Argumentation und der Intention der Krautreporter schon deutlich in die Hände.

  • Andreas

    16.06.14 (13:51:05)

    Das Problem ist doch, dass viele Webseiten unter Journalismus das "Produzieren von (lesenwerten) Texten zu tagesaktuellen Themen" verstehen. Journalismus sollte aber investigativ sein, und Sachverhalte kritisch hinterfragen und kontrovers oder auch subjektiv positioniert diskutieren.

  • Martin Weigert

    16.06.14 (14:16:51)

    Meiner Meinung nach handelt es sich bei Heftig (sowie Vorbildern wie Upworthy) um Phänomene, die vom Neuigkeitseffekt sowie den aktuellen Algorithmen von Facebook profitieren. Ich kann mich komplett irren, glaube aber, dass derartige Plattformen so schnell wieder verschwinden werden wie sie gekommen sind (oder sie nutzen die Aufmerksamkeit für die Etablierung seriöser Inhalte - à la Buzzfeed - dazu braucht es aber andere Talente als die des Hyperdistributions-Spezialisten). Warum glaube ich das? Sie bieten keine dauerhafte Substanz, sondern nur einen kurzen Dopaminkick. Und klar zeigt Heftig, wie man heutzutage in Nullkommanichts reichweitenstark distribuiert. Aber nicht mit "Qualitätsjournalismus" (man verzeihe mir die Verwendung dieses vielmissbrauchten Begriffes). Das ist wie zu sagen, ein kostenfreies Billigsmartphone, das von Millionen Menschen in einem kurzen Moment der Freude entgegengenommen wird, zeige, wie man heutzutage blitzschnell eine neue Smartphone-Marke aufzieht. Dass dieses Smartphone aber dann bei den meisten in den Schubladen verschwindet, ist auch Teil der Story. Der Vergleich hinkt? Sicher :) Aber vielleicht wird trotzdem deutlich was ich beschreiben möchte.

  • Max

    17.06.14 (06:46:29)

    >Warum glaube ich das? Sie bieten keine dauerhafte Substanz, sondern nur einen kurzen Dopaminkick. Diese Aussage zeigt das du dich nicht ernsthaft damit auseinander gesetzt hast warum sie so erfolgreich sind. 3 Beispiel aus den letzten 2 Wochen wo sie richtig guten Content geboten haben. 1. Solarroadways vs. Spiegelartikel Die Idee ist wirklich genial. An diesem Beispiel sieht man sehr schön wie viel von der Vision im Spiegelartikel verloren geht und wie eindimensional es dort nur noch dargestellt wird. 2. Nachrichten und Autofahren - Dieses Video ist auf 3 Ebenen gute. Erstens hilft es vielleicht tatsächlich das ein oder andere Leben zu retten. Zweitens zeigt es sehr schön wie man unterschiedliche Medien miteinander Verknüpfen kann. Drittens sieht man wie leicht es ist Telefone im lokalen Umkreis zu beeinflussen. 3. Gewalt gegen Frauen - Dieses Video hat mir die Thematik besser näher Gebracht als jeder Text oder jedes Bild welches ich vorher dazu gelesen habe. Und das ganz ohne gewalttätige Szenen zu zeigen oder die irgendwelche Klischees. Und im Gegensatz zu den anderen Medien verlinken sie meist auch die Orginalquelle und den Autor. Eins muss man ihnen auch lassen, sie machen es durchaus clever, Sie nehmen Content der in anderen Märkten schon erfolgreich war und publizieren ihn hier nochmal. Das minimiert das Risiko eines Flops. Aber im Grunde ist das nicht verwerflich. Für mich als Leser ist primär der (für mich relevante) Informationsgehalt interessant und nicht das der Autor alles selbst hergestellt hat.

  • Martin Weigert

    17.06.14 (16:42:49)

    "Diese Aussage zeigt das du dich nicht ernsthaft damit auseinander gesetzt hast warum sie so erfolgreich sind." Oder ich bin nur einfach anderer Ansicht als du. Klar gefällt dir die Heftig-Solarstraßen-Story besser. Denn sie behauptet einfach irgendwas, was schön klingt. Ohne dass Leser mit Differenzierungen konfrontiert werden oder sich die Nachteile der Idee anhören müssen. Das ist schön für die Unterhaltung und den Wow-Effekt. Schlauer oder besser informiert wird man dadurch nicht.

  • Ralf

    29.06.14 (20:41:07)

    Naja... Der Online-Journalismus ist nicht einfach nur veraltet - Es ist ja nicht mal mehr nur ein Problem das der online Jornalismus hat. Finanzierungsprobleme gibts überall beim Jornalismus.

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