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12.06.14

Krautreporter-Debatte: Doch, Journalismus im Netz ist kaputt

Das Journalismusprojekt Krautreporter hat sich mit der Behauptung, dass Online-Journalismus kaputt sei, einige Feinde gemacht. Strategisch mag das falsch gewesen sein. Die Feststellung an sich ist es aber nicht.

NewsAm Freitagabend endet die Crowdfunding-Kampagne des schlagzeilenträchtigen - und hinsichtlich der Umsetzung umstrittenen - Journalismusprojekts Krautreporter. Dass sich bis dahin noch 5.000 Abonnenten mit der Bereitschaft finden, 60 Euro für das erste Jahr vorzustrecken, ist eher unwahrscheinlich. Die Gründe für das absehbare Verfehlen des Ziels fasste Christian Jakubetz am Dienstag in einem Blogbeitrag gut zusammen.

In einem entscheidenden Aspekt, der wenig mit den Krautreportern zu tun, möchte ich Jakubetz aber widersprechen. Er stört sich an der von den Krautreportern in ihrer Kommunikation recht deutlich betonten Parole, dass der Online-Journalismus kaputt sei, und dass sie dies ändern wollen. Sicherlich kann man darüber streiten, ob sich die Initiatoren des Projekts mit dieser Positionierung einen Gefallen getan haben. Anders als Jakubetz finde ich die These vom kaputten Online-Journalismus aber nicht so abwegig. Natürlich finden Leser Tag für Tag großartige journalistische Stücke im Netz. Dies klammert meines Erachtens nach aber gar nicht aus, wer den Journalismus im Netz als kaputt bezeichnet. "Kaputt" heißt aus meiner Sicht nicht, dass es den Presseerzeugnissen im Netz komplett an Qualität mangelt. Das Problem ist viel mehr, dass sich diese Qualität zwischen unglaublich viel journalistischem "Junk Food" versteckt, und dass für das Gros der Erzeuger von digitalen Presseprodukten Anreize existieren, die das Streben nach bestmöglichen qualitativen Resultate ganz ans Ende der Prioritätenliste befördern.

Einen ganz aktuellen Beleg für diese Situation lieferte in dieser Woche die Meldung vom angeblichen "Meilenstein der Computergeschichte": Laut tausender Medienberichte habe erstmalig in der Geschichte ein Computerprogramm den berühmten Turing-Test bestanden. Doch wie sich bei einem genaueren, von TechDirt durchgeführten Blick zeigte, besteht die gesamte Story aus leeren Behauptungen, Übertreibungen und nicht verifizierbarem PR-Geblubber. Mittlerweile haben sich auch diverse bekannte IT-Experten skeptisch zu dem angeblichen Durchbruch im Bereich der künstlichen Intelligenz geäußert. Dennoch verkaufte das Who-is-Who der internationalen und deutschen Onlinemedien die Meldung als Großereignis.

Was hier geschah, lässt sich seit Jahren ständig beobachten: Entweder durch Zufall oder mit cleverer Pressearbeit trat irgendjemand eine Medienlawine los, bei der die ersten Beiträge renommierter Medienportale für alle anderen Redaktionen als Relevanzbeweis und Seriositätsindiz fungierten. Getreu dem Credo "Wenn Spiegel Online etwas als Meilenstein bezeichnet, dann muss an der Meldung ja zumindest etwas dran sein".

Verursacht wird diese oft zu beobachtende Dynamik durch die ungebrochene Gier nach Seitenaufrufen - für die meisten führenden Mediensites nach wie vor die wichtigste Metrik für eine erfolgreiche Werbevermarktung (die FT experimentiert gerade mit Alternativen). Wenn Redakteuren irgendwo eine potenziell explosive Nachricht unter die Augen kommt, dann bringt sie ihre interne Zielsetzung in Bezug auf Artikelfrequenz und Page Impressions dazu, das Thema so schnell es geht aufzugreifen. Oft in der Hoffnung, vielleicht sogar einen viralen Klickhit zu landen.

Verschärft wird die Situation durch die Schnelligkeit des Netzes. Wo Printredaktionen im Idealfall viele Stunden bleiben, um die Relevanz und Authentizität einer Geschichte zu prüfen, müssen reichweitenabhängige Netzmedien sofort agieren. Und weil sich Artikel auch nach der Veröffentlichung noch korrigieren lassen, verringert sich der Druck, auf Anhieb treffsichere Fakten, Feststellungen und Einordnungen liefern zu müssen. Diese Eigenheit des digitalen Publizierens ist eigentlich keine Schwäche sondern eine Stärke. Gemixt mit anderen Zutaten des ausschießlich klickgetriebenen Medienbetriebs entsteht aber ein Cocktail mit einem eher seltsamen Geschmack.

Was ich in den letzten zwei Absätzen beschrieben habe, ist für niemanden mit einem Interesse für die moderne Medienökonomie etwas Neues. Doch mich veranlasst dieser sich selbst immer wieder neue antreibende Prozess zu der Feststellung, dass der Journalismus im Netz eben doch kaputt ist. Falsche Anreize sorgen dafür, dass - nicht alle, aber doch viele - große wie kleine Medienhäuser sich zur Partizipation an einem Treiben gezwungen sehen, das sie in einer idealen Welt lieber ignorieren würden. Ein Treiben, bei dem nicht die möglichst faktengetreue, Horizont erweiternde und ausgewogen einordnende Wissens- und Informationsvermittlung bei gleichzeitigem Respekt der begrenzten Zeit der Leser im Vordergrund steht, sondern vor allem das durch Tricksereien, Sensationsmeldungen und künstlich hohe Publikationsfrequenzen erreichte Erhaschen möglichst niemals endender Aufmerksamkeit der Leser.

Solange nicht die Mehrzahl der ernstzunehmenden Webmedien sich in der Lage sieht, den verantwortungsvollen Dienst am Leser als oberste Prämisse ausrufen und refinanzieren zu können, ist es meines Erachtens nach nicht falsch, den Online-Journalismus als "kaputt" zu bezeichnen. Selbst wenn eine darauffolgende Differenzierung eines derartigen Befunds sinnvoll ist, und selbst wenn Ausnahmen existieren.

Nicht zwangsläufig Krautreporter, aber ein Projekt wie Krautreporter halte ich für einen wichtigen ersten Schritt zur Reparatur des digitalen Journalismus. Denn der anvisierte komplette Verzicht auf Werbung würde eine derartige Publikation vollständig in den Dienst der zahlenden Leser (Abonnenten) stellen. Nicht Seitenaufrufe entscheiden dann über Fortbestehen und (mittelfristig) Wirtschaftlichkeit, sondern die Zufriedenheit und weitere Zahlungsbereitschaft der Leser.

Auch wenn Krautreporter sein Finanzierungsziel nicht erreichen und nicht in einer Light-Version mit den vorhandenen Mitteln verwirklicht werden sollte, bin ich vom Potenzial eines werbefreien, von den Nutzern getragenen publizistischen Projekts überzeugt. Wenn ein Prozent der Deutschen zu Abonnenten werden würden, entspräche dies 800.000 Unterstützern - das Fünfzigfache des Wertes, den Krautreporter als Ziel der Schwarmfinanzierung definiert hat.

Update: Nach einem beeindruckenden Schlussspurt haben es die Krautreporter tatsächlich geschafft, das Finanzierungsziel zu durchbrechen. Damit dürfen sie nun beweisen, dass sich Online-Journalismus reparieren lässt!

/mw Grafik: News Definition Displaying Breaking News Headlines Or Journalism, Shutterstock

 

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