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11.03.13 06:45

, von Martin Weigert

Kostenlose Onlinekurse: iversity will MOOCs in Deutschland groß rausbringen

Die Berliner Hochschulplattform iversity positioniert sich neu: Ab Oktober will sie kostenfreie akademische Onlinekurse von deutschen und internationalen Lehrkräften anbieten. Zur Schaffung attraktiver Inhalte werden 250.000 Euro ausgelobt.

Wie in so vielen anderen Bereichen des alltäglichen Lebens findet auch im Bildungssektor derzeit eine internetgetriebene Revolution statt. Die akademische Wissensvermittlung über das Netz bringt entscheidende Vorteile gegenüber einem klassischen Hochschulstudium. Mit weit weniger Mitteln kann eine signifikant größere Zahl an Lernenden erreicht werden, gleichzeitig sorgen interaktive Verfahren und neuartige pädagogische Konzepte für eine effektivere, spannendere Ausbildung. Von sogenannten "Massive Open Online Courses", MOOCs, profitieren sowohl lernwillige Menschen in westlichen Nationen als auch solche in weniger wohlhabenden Staaten, wo traditionelle Bildung nur für eine Minderheit erschwinglich ist. Das wirklich revolutionäre Potenzial von MOOCs liegt damit in der Demokratisierung von Wissen. Die Zeiten, in denen akademische Studien ein Privileg der Bessergestellten waren, neigen sich dem Ende zu.

Wie unsere Übersicht zu MOOCs aus dem November 2012 zeigt, sind es derzeit neben einzelnen Universitäten vor allem US-amerikanische Plattformen, die entsprechende Onlinekurse von zahlreichen renommierten Universitäten unter einem Dach anbieten. Eine Ausnahme bildet openHPI, ein MOOC-Portal des deutschen Hasso Plattner Instituts mit Fokus auf IT-Themen. Mit OpenCourseWorld ist derzeit zudem eine hochschulübergreifende Plattform for Onlinekurse im deutschsprachigen Raum in der Entstehung, wirkt aber zumindest nach außen hin noch etwas unfertig und nicht sonderlich einladend. Es besteht folglich hierzulande noch viel Raum für Innovation. Die aus Berlin stammende Hochschulplattform iversity möchte die Gelegenheit nutzen und MOOC in Deutschland und Europa groß rausbringen. iversity springt auf den MOOC-Zug auf

Gegründet wurde iversity 2011 von Jonas Liepmann und Hannes Klöpper mit dem Ziel, eine hochschulübergreifende Plattform für die Kommunikation in Forschung und Lehre zu schaffen. Eine Art soziales Netzwerk für Studierende und Lehrkräfte. Am heutigen Montag schlagen die Berliner, die im Januar parallel zu einer Finanzierungsrunde den ehemaligen studiVZ-Chef und erfahrenen Onlinemanager Marcus Riecke als CEO an Bord holten, eine neue Stoßrichtung ein: Das bisherige Angebot, zu dem sie keine Nutzungszahlen kommunizieren, bleibt zwar weiter besteht, erhält aber künftig Gesellschaft von einer MOOC-Plattform, die sich nicht länger an eingeschriebene Studenten an Hochschulen richtet, sondern nach dem Vorbild von US-"Online-Unis" kostenfreie Kurse für die breite Masse der Wissbegierigen anbieten wird.

iversity

Hochschullehrkräfte sollen Kurse erstellen

Um den neuen Service, der sich derzeit in der Entwicklungsphase befindet, bekannt zu machen und mit für Lernende attraktiven Kursen zu bestücken, lancieren die Hauptstädter heute einen an Professorinnen und Professoren aus dem In- und Ausland gerichteten MOOC-Wettbewerb. Zusammen mit dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft lobt das Startup 250.000 Euro Preisgeld für die zehn besten Onlinekurse aus, die daraufhin für iversity produziert werden. Jeweils 25.000 Euro gibt es für eine solche "MOOC Production Fellowship", deren Ziel die Entwicklung von "eigenständgen Lernangeboten mit akademischen Standards" ist.

Bis Ende April können Professoren sowie Teams von Lehrenden ihre Konzepte online einreichen. In einer öffentlichen Abstimmungsphase folgt anschließend eine Vorauswahl, woraufhin eine nicht näher spezifizierte, aber laut Pressemeldung "hochkarätige" Jury die zehn Sieger bestimmt. Die Bekanntgabe der Gewinner erfolgt im Juni. Die ersten fünf Kurse sollen im Oktober 2013 live gehen, die zweite Ladung im April 2014.

MOOC soll auf die Agenda in Deutschland

Das Ziel des Wettbewerbs ist laut Aussage von iversity-Gründer Hannes Klöpper, das Thema in Deutschland auf die Agenda zu bringen. Es gebe zwar auch hierzulande bereits ein gewisses Interesse für die Thematik, aber dies sei nicht mit der breiten gesellschaftlichen Diskussion zu vergleichen, die MOOCs in den USA angestoßen haben, so Klöpper. Das Startup, das die Hälfte des Preisgeldes stellt und für die andere Hälfte den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft gewinnen konnten, hofft darauf, ein öffentliches Bewusstsein für das Potenzial von MOOC zu schaffen und daraus eine Nachfrage zu generieren, die in der Folge auch die Bereitschaft von Lehrenden steigert, eigene Kurse zu entwickeln - dann auch ohne finanzielle Förderung durch iversity.

Das bisherige iversity-Produkt bleibt erhalten

Wirft man heute einen Blick auf iversity.org, so wird die komplette Homepage von Informationen zu dem kommenden MOOC-Produkt vereinnahmt - lediglich ein Störer am rechten oberen Rand verweist auf die bisherige Hochschulplattform. Diese soll nach den Worten von Hannes Köpper aber weiter bestehen bleiben. Um Skalierbarkeit sicherzustellen und zu große Komplexität zu verhindern, wird die MOOC-Plattform als separates Angebot errichtet, wobei das Team auf Dauer eine Verschmelzung anvisiert. Das ursprüngliche iversity wurde für die Zusammenarbeit in Kleingruppen geschaffen, und genau diese sei ein wichtiges pädagogisches Instrument auch für MOOCs, so Klöpper.

Die Monetarisierung des neuen Services soll unter anderem über kostenpflichtige Abschlussprüfungen und -zertifikate erfolgen. Die Philosophie von Klöpper und seinen Mitstreitern: Das Wissen soll kostenfrei zugänglich sein. Nur wer daraus einen permanenten Vorteil für die eigene Karriere zieht, trägt einen Teil zur nachhaltigen Finanzierung des Lehrangebots bei. Weitere mögliche Erlösquellen stellen die Lizenzierung von Lehrinhalten an andere Hochschulen und die Vermittlung der Absolventen an interessierte Unternehmen dar.

Ob der aktuelle Schritt als "Pivot" bezeichnet werden kann, also eine deutliche Umpositionierung und Abkehr von der bisherigen Vision, liegt wohl im Auge der Betrachter und wie sehr diese der Beteuerung Glauben schenken, dass das "alte" iversity tatsächlich eine gesicherte Zukunft hat. Angesichts der allgemeinen - und berechtigten - Euphorie für freie, allen zugängliche Onlinebildung dürften es im MOOC-Segment deutlich mehr Aufstiegspotenzial geben als mit der Bereitstellung einer Kommunikations- und Kollaborationsplattform für altehrwürdige Unis - die nicht selten bereits ihre eigenen Lösungen betreiben. Insofern wirkt der Entschluss von iversity klug, zumal die Neuerung nach wie vor dem akademischen Grundgedanken des Startups treu bleibt.

Es wird Zeit, dass jemand ernsthaft und aktiv versucht, MOOCs hierzulande ins Rampenlicht zu rücken. /mw

Link: iversity

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Kommentare: Kostenlose Onlinekurse: iversity will MOOCs in Deutschland groß rausbringen

Wird auch mal Zeit. Wobei ich denke, der Grund waum MOOCS in Deutschland noch immer im Schatten stehen, liegt weniger am fehlende Angebot, eher an der Mentalität. Gerade in der USA hat Wissen und das teilen von Wissen ein ganz andere Bedeutung.

Diese Nachricht wurde von Florian am 11.03.13 (10:42:51) kommentiert.

Das ist sicher ein wichtiger Punkt. Hier zulande probiert man ungern etwas aus, von dem man nicht weiß wozu es führt. Aber eben genau da wollen wir ansetzen und mit einigen Pionieren spannende Pilotprojekte umsetzen. Wir hoffen auf diesem Wege den Diskurs über die Bedeutung der Digitalisierung für das Bildungswesen in Deutschland durch Erfolgsbeispiele zu verändern.

Diese Nachricht wurde von Hannes Klöpper am 11.03.13 (13:22:04) kommentiert.

Soll das ganz in Deutsch oder Englisch stattfinden? Deutsche Vorlesungen machen aus meiner Sicht nicht sonderlich viel Sinn. Mittlerweile werden doch die meisten Vorlesungen eh in Englisch gehalten.

Diese Nachricht wurde von Marco am 11.03.13 (21:18:39) kommentiert.

Schon einmal online Vorlesungen zu Python, Differentialgleichungen, Einführung in die Statistik oder angewandter Informatik in Englisch getestet? Ich schon. Da liegt die Abbrecher-Quote bei Nicht-Muttersprachlern laut der NYT bei +90%. Und selbst für Native Speaker sind solche Online-Kurse immer noch echte Herausforderungen. Ergo macht es sehr wohl Sinn, Kurse in der jeweiligen Landessprache anzubieten.

Diese Nachricht wurde von Karsten Werner am 12.03.13 (22:18:41) kommentiert.

Ja, hab ich: http://rockiger.com/de/blog/view/udacity Aber ich verstehe den Punkt, wenn dadurch die Abbruchquoten geringer werden, ist das natürlich ein Gewinn. Allerdings glaube ich für die hohe Abbruchquote ist nicht die Sprachbarriere entscheident. Ich glaube eher, dass das in der Natur der Sache liegt, wenn man die Kurse nebenberuflich macht, hat man einfach nicht die Zeit das immer durchzuziehen. Ich schaffe auch nie mehr als einen Kurs auf einmal.

Diese Nachricht wurde von Marco am 13.03.13 (07:48:00) kommentiert.

Vielleicht ist der Grund für die bisherige Zurückhaltung auch einfach, dass in einem von staatlicher Seite gut unterstützten Bildungswesen wie es ja hierzulande zum Glück der Fall ist, die Notwendigkeit für veränderte Formen der Bildung nicht so stark gegeben ist, wie anderswo. Trotzdem sollten die Möglichkeiten wahrgenommen werden. Vielfalt, auch in der Bildung erscheint mir sehr wünschenswert und desshalb hoffe ich dass bisherige Projekte gut anlaufen, insbesondere auch vor dem Hintergrund der Forderung nach lebenslangem Lernen.

Diese Nachricht wurde von Anna Calhan am 19.03.13 (07:31:56) kommentiert.
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