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15.10.13Kommentieren

Kostenfreie Bildung für alle: iversity startet mit über 100.000 Studierenden

Das Berliner Startup iversity schaltet heute die ersten von 24 kommenden Onlinekursen frei. Bereits über 100.000 Nutzer haben sich für die kostenfreien Angebote eingeschrieben. Damit gerät das Trendthema "MOOC" auch hierzulande ins Rampenlicht.

Lange hat das Berliner Startup iversity auf den heutigen Tag hingearbeitet: Im März gab das als Hochschulplattform gestartete Unternehmen die bevorstehende Neupositionierung als Anbieterin von kostenfreien akademischen Onlinekursen bekannt. Heute starten die ersten sechs von 24 unversitären, webbasierten Kursen, deren Durchführung für die nächsten sechs Monate einberaumt ist.

MOOC - Massive Open Online Course - so lautet das magische Wort, welches seit einigen Jahren Bildungsfuturisten entzückt und thematisch von bekannten MOOC-Diensten wie Udacity, Coursera und edX sowie von zahlreichen Universitäten selbst vorangetrieben wird. Bisher sind derartige "Onlineunis" - ein Begriff, der freilich nur bedingt korrekt ist, bieten MOOCs doch in der Regel (noch) keine vollwertigen akademischen Abschlüsse - vor allem im US-amerikanischen Raum angesiedelt. iversity-Gründer Hannes Klöpper sowie der seit Januar amtierende CEO Marcus Riecke sahen die Möglichkeit, die sich in Europa bietende Marktlücke im Segment der Onlineausbildung zu schließen. Die Gelegenheit war gut, zumal das bisherige Konzept, eine hochschulübergreifende Plattform für die Kommunikation in Forschung und Lehre zu schaffen, nicht den Eindruck eines Riesenhits machte. Also lancierte iversity zusammen mit dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft einen MOOC-Wettbewerb, bei dem für zehn Professoren beziehungsweise Teams von Lehrenden jeweils 25.000 Euro für die Erstellung "eigenständiger Lernangebote mit akademischen Standards" ausgelobt wurden. 225 Bewerbungsvideos von Professoren und Teams aus 20 Ländern und betreffend sieben Fachbereichen gingen bei iversity ein. Nutzer sowie eine Expertenjury wählten schließlich die zehn Bewerber aus, die jeweils in den Anspruch einer "MOOC-Fellowship" gelangten. Weitere 14 Lehr-Teams produzierten Kurse aus eigenen Mitteln. Daraus ergeben sich 24 deutsch- oder englischsprachige Kurse, die nun sukzessive in den kommenden Monaten anlaufen werden. Die ersten davon heute.

iversity

Der Ablauf der Kurse ähnelt dem Prinzip existierender MOOC-Angebote. "Studierende" erhalten nach und nach Zugriff auf die einzelnen Abschnitte und können sich entscheiden, ob sie aktiv an dem Kurs teilnehmen und die unterschiedlichen Prüfungsgelegenheiten wahrnehmen oder lediglich "passiv" Videos und Texte konsumieren möchten, ohne den Kurs offiziell zu absolvieren und ein Zertifikat zu erhalten.

iversity wird sich Vergleiche mit und Gegenüberstellungen zu den US-Kontrahenten und auch die Feststellung, man habe sich von den Vorbildern auf der anderen Seite des Atlantiks inspirieren lassen, gefallen lassen müssen. Doch speziell für Lernwillige aus dem deutschsprachigen Raum bietet iversity mit einigen Kursen auf Deutsch etwas, was der internationalen Konkurrenz fehlt. Und die bisherigen Anmeldezahlen bestätigen das Startup in seiner Annahme: Mehr als 100.000 Studierende haben sich bisher 150.000 Mal für Kurse eingeschrieben. Laut iversity-Sprecherin Julia Bader sei die Plattform damit bereits deutlich größer als die größten deutschen Unis, die Universitäten Köln und München, und habe auch die Fernuniversität Hagen überflügelt.

Für den Kurs "The Future of Storytelling" von der FH Potsdam gebe es bereits mehr als 15.000 Einschreibungen, was fünfmal so viele Studierenden seien, wie die FH Potsdam insgesamt immatrikulierte Studierende hat. Diese Dimension macht deutlich, in welchem Aspekt MOOCs herkömmlichen akademischen Präsenzstudiengängen vor allem überlegen sind: Die Anzahl der Teilnehmer wird im Prinzip lediglich durch die technischen Beschränkungen der Plattform limitiert. Gleichzeitig können sich weniger stark frequentierte Universitäten und Fachhochschulen über einen populären iversity-Kurs als attraktive Alternative zu den Massenunis präsentieren. iversity dient somit für Lehrkräfte und -einrichtungen gewisserweise als Marketingkanal, ohne Kannibalisierungseffekte mit sich zu bringen. Denn zumindest vorläufig vermitteln MOOCs nur Wissen, aber keine Bachelor- und Master-Abschlüsse (wobei einige Kurse immerhin ECTS-Punkte erbringen).

Wer einen Kurs ernsthaft von Beginn bis Ende durchlaufen möchte, den wird iversity in Zukunft mitunter für Abschlussprüfungen und -zertifikate zur Kasse bitten. Noch ist dies jedoch nicht implementiert und soll auch nicht alle Kurse betreffen. Bis zu diesem Punkt werden aber stets alle Leistungen für Studierende kostenfrei bleiben. MOOC-Pionier Coursera, der auf auf das gleiche Geschäftsmodell setzt, gab kürzlich bekannt, auf diese Weise eine Million Dollar eingenommen zu haben. Das reicht zwar den Amerikanern bei weitem nicht, um schwarze Zahlen zu schreiben, signalisiert aber eine grundsätzlich vorhandene Zahlungsbereitschaft eines kleine Teils der Studierenden. Fakt ist: Auch iversity wird einen langen Atem benötigen. Es erscheint unwahrscheinlich, dass das bislang eingesammelte externe Kapital im niedrigen einstelligen Millionenbereich genügt, um iversity mit seinen heute 21 Team-Mitgliedern als international angesehene MOOC-Plattform zu etablieren. Denn bis die Umsätze sprudeln, wird zwangsläufig einige Zeit vergehen.

Ein besonderes Augenmerk legen die Berliner aufgrund ihrer Herkunft natürlich auf den deutschsprachigen Markt. Es wird spannend sein, die Reaktionen aus dem akademischen Milieu zu beobachten. Immerhin pflegt man in gewissen universitären Kreisen die Ansicht, das Studium müsse ein Privileg für einen begrenzten Teil der Bevölkerung bleiben. Onlinekurse unterlaufen eine derartige elitäre Denkweise, in dem sie die Barrieren des Zugangs zu aktuellem akademischen Wissen niederreißen. Wenig überraschend fühlen sich manche Lehrkräfte durch MOOCs in ihrer Profession bedroht oder befürchten, es entstehe eine Art Zwei-Klassen-Hochschulausbildung: Gut betuchte leisten sich Präsenzstudien mit "persönlichen" Professoren, während die breite Masse aufgezeichnete Videolektionen vorgesetzt bekommt.

Ob es so kommt und ob das am Ende überhaupt ein Problem wäre, wird sich zeigen, wenn MOOCs ihre Nische verlassen und eines Tages vielleicht auch dem traditionellen Studium gleichwertige Abschlüsse anbieten können. Das Debüt von iversity als MOOC-Plattform garantiert genauso wie die europäische Initiative OpenupEd eine lebhafte Diskussion über die Frage, wie Bildung im digitalen Zeitalter interessanter, effektiver und barrierefreier gestaltet werden kann. /mw

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