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01.09.10

Kostenfrei vs. kostenpflichtig: Der Makel des "Free"

Einst gefeiert als Geschäftsmodell der Zukunft, scheint "Free" in letzter Zeit vermehrt für negative Assoziationen zu sorgen. Dabei gibt es gute Gründe, die kostenfreie Angebote im Netz rechtfertigen.

 

Als ich in der vergangenen Woche über die in meinen Augen unkluge Wahl das Preismodells der Task-Management-App Remember The Milk berichtete und dem Dienst angesichts aufstrebender Konkurrenz empfahl, statt einer stark beschnittenen Free-Variante lieber so viel wie möglich kostenfrei anzubieten, kam es in den Kommentaren erwartungsgemäß zu einer Diskussion. Wie häufiger in letzter Zeit wurde dem kostenlose Anbieten von Diensten/Inhalten bzw. dem Sympathisieren mit diesem Konzept schnell ein Makel angeheftet.

War "Free" als Preisstrategie im Netz noch vor einem Jahr nicht zuletzt durch Chris Andersons gleichnamiges Buch ein heißer Trend und eine akzeptierte Alternative zu kostenpflichtigen Diensten, scheint es, als habe sich die öffentliche Meinung im Web in letzter Zeit gewandelt.

Ich weiß zwar nicht, ob man bereits von einem Anstieg der Zahlungsbereitschaft im Internet sprechen kann, aber zumindest entsteht der Eindruck, als wenn es einigen ausgewählten Services gelungen ist, eine loyale, zahlende Nutzerschaft aufzubauen, die überzeugt davon ist, das Richtige zu tun, indem sie zahlt.

Grundsätzlich ist das natürlich sehr gut, denn es zeigt neuen Startups und Anbietern, dass Optionen abseits der Monetarisierung durch Werbung existieren, und dass die Voraussetzung dafür "lediglich" ist, einen richtig überzeugenden Dienst zu entwickeln.

Problematisch wird es jedoch, wenn die Stimmung so stark kippt, dass Gratisangebote stigmatisiert werden und dass mit dem Finger auf Nutzer gezeigt wird, die aus verschiedenen Gründen für ein spezifisches Angebot kein Geld zahlen möchten.

Hier gilt es zuerst einmal darauf hinzuweisen, dass kein kostenfreies Angebot auch kostenlos ist. Wer Facebook, Twitter oder andere Services einsetzt, bezahlt nicht mit Geld sondern mit persönlichen Daten, die das jeweilige Unternehmen für die effektivere Vermarktung einsetzt. Monetarisiert wird hier also indirekt durch die Aufmerksamkeit der Nutzer.

Bei Angeboten, die sowohl eine kostenlose als auch eine kostenpflichtige Variante anbieten, kommt zudem die Funktion als Botschafter hinzu: Wer einen Gratisdienst über einen längeren Zeitraum einsetzt und nicht zur Premium-Version wechselt, scheint zufrieden zu sein und wird den Dienst mit großer Wahrscheinlichkeit anderen empfehlen - Dropbox ist ein Meister auf diesem Gebiet.

Einen Internetservice kostenfrei zu nutzen, lässt sich nicht damit vergleichen, ins Restaurant zu gehen und eine Gratis-Mahlzeit zu fordern. Denn während die Ressourcen im Restaurant begrenzt und die Kosten für die Zubereitung einer Mahlzeit nennenswert sind (Zutaten, Arbeitszeit), gelten bei Onlineservices andere Regeln. Die Grenzkosten der Bereitstellung einer weiteren Einheit eines Produktes (z.B. ein weiteres Free-Konto) tendieren häufig gegen null, weshalb es für manche Anbieter überhaupt kein Problem ist, Teile ihrer Leistungen kostenfrei abzugeben.

Aber kostenfrei heißt eben nicht kostenlos. Auf irgendeine Art wird immer gezahlt - sei es durch persönliche Daten, durch Aufmerksamkeit (angesichts der schieren Masse an Webangeboten bekommt diese zwangsläufig eine große Bedeutung und einen echten, mit einer finanziellen Transaktion vergleichbaren Wert) oder durch die Rolle als Markenbotschafter.

Selbstverständlich gibt es User, die aus reiner Ignoranz und der fehlenden Kenntnis über die wirtschaftlichen Zusammenhänge alles kostenlos haben möchten - auch deshalb, weil sie über viele Jahre hinweg daran gewöhnt wurden. Aber nicht jede Nachfrage nach einem Gratisprodukt rührt daher. Es kann genauso gut sein, dass User die zugrunde liegenden Dynamiken der Webwirtschaft verinnerlicht haben, oder dass sie einen Service erst ausprobieren möchten, oder dass sie in einem spezifischen Fall lieber mit ihren Daten "zahlen" als mit barem Geld.

Es wäre erfreulich, wenn es tatsächlich zu einem Sinneswandel käme und wenn User insgesamt offener dafür würden, für Dienstleistungen im Netz ihr Portemonnaie zu zücken. Es ist jedoch ein Trugschluss, anzunehmen, dass der natürlichste Zustand im Web wäre, für alles mit Geld zu zahlen. Einerseits, weil - wie beschrieben - manchmal eine indirekte Monetarisierung sehr viel sinnvoller sein kann, und außerdem, weil das Anbieten mancher Services derartig kostengünstig durchgeführt werden kann, dass Anbieter, die auf eine möglichst große Zahl an Usern angewiesen sind (z.B. Social Networks) das eigene Wachstum durch eine Bezahlschranke unnötig hemmen würden.

Im Netz haben beide Ansätze ihre Berechtigung, sowohl kostenpflichtig als auch kostenfrei. Kostenlos ist dabei ohnehin nichts.

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