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22.01.14Kommentieren

Kooperation mit Facebook: Fons zwielichtiger neuer Freund

Das weltumspannende Hotspot-Netzwerk Fon scharrt immer mehr Nutzer und Investoren um sich. Neue Kooperationen mit Facebook und Qualcomm könnten den endgültigen Durchbruch bedeuten - und bisherige Nutzer aufschrecken.

Der spanische Hotspot-Betreiber Fon hat im Rahmen der Medienkonferenz DLD in München eine neue Investitionsrunde und eine Kooperation mit Facebook bekannt gegeben. Vor allem letztere ist technisch interessant: Facebook-Nutzer können ihren Breitbandzugang mit nur einem Klick mit ihren Freunden teilen und Fon erweitert das eigene Netzwerk um Millionen neue Nutzer.

Der Nachteil: Facebook hätte dann praktisch Zugriff auf ebenso viele Routing-Daten, würde noch mehr über uns erfahren und könnte uns noch passendere Werbung anzeigen. Die neue Kooperation wirft einige Fragen auf. 14 Millionen US-Dollar für Fon

Fon besteht seit 2005 und war anfangs eine rein offene Initiative für Privatnutzer, die ihren Breitbandanschluss über WLAN mit anderen Nutzern teilen wollten. Im Gegenzug dürfen sie dafür in fremden Städten bei anderen Fon-Mitgliedern ins WLAN gehen. Seit einigen Jahren allerdings haben auch große Telcos wie BT in Großbritannien und Belgien und seit dem vergangenen Jahr auch die Deutsche Telekom das Potenzial erkannt und eine Kooperation mit Fon vereinbart. Davon profitieren im Prinzip alle Beteiligten: Die Telcos und Fon können mehr Hotspots anbieten, die Kunden unterwegs mehr Hotspots nutzen.

Fon für Geschäftskunden

Die Telekom ist ebenso wie Google und Qualcomm Ventures an einer neuen Investitionsrunde beteiligt, die Fon weitere 14 Millionen US-Dollar einbringt. Auch wenn ihr es langsam Leid seid, dass ich euch immer wieder damit auf die Nerven gehe: Die Deutsche Telekom missachtet im Rahmen der Kooperation mit Spotify und den noch nicht endgültig beerdigten Datendrossel-Plänen, von denen das eigene Angebot T-Entertain ausgenommen wäre, aktiv die Netzneutralität. Dass das kein Einzelfall, sondern eher der Anfang ist, zeigte Telekom-Deutschlandchef Niek Jan van Damme im vergangenen Mai in einem Interview mit der "Welt", in dem er von datenintensiven Webservices wie Maxdome oder YouTube eine Gebühr für angebracht hält, um den Breitbandausbau mitzufinanzieren. Wer Fon nutzt, spielt also auch Gegnern der Netzneutralität in die Hände.

Facebook und Google surfen mit

Und wer Fon künftig über Facebook nutzt, wird dem Social Network dabei helfen, das eigene Surfverhalten zu analysieren. Facebook weiß dann noch mehr über die teilnehmenden Nutzer und kann passendere Werbe-Angebote schnüren. Im Hinblick auf die staatlichen Überwachungsprogramme der NSA und anderen ist das bedenklich. Sie wird Millionen von arglosen und beim Thema Datenschutz vielleicht nicht sonderlich gut informierten Facebook-Nutzern nicht von einer Nutzung abhalten.

Facebook WLAN

Die Frage, die nun gestellt werden muss: Warum hat es kein alternativer Anbieter geschafft, Facebook mit einem einfachen Tool zuvor zu kommen und damit rechtzeitig viral zu werden? Dienste wie Instabridge oder WiFiPass gibt es zwar, aber sie sind kaum bekannt. Facebook kann mit der eigenen Marktmacht schneller auf sich aufmerksam machen und eventuelle Mitbewerber verdrängen. Auch Google testet bereits einen ähnlichen Dienst namens WiFi Passport , den man - ebenfalls als Teilhaber von Fon - künftig für eine Integration etwa in Android verwenden kann.

Störerhaftung nach wie vor als Hemmschuh

Zwei Gründe dürften hier eine Rolle gespielt haben: Mit einer App, die nur einen bestehenden Breitband-Zugang mit anderen teilt, lässt sich kein Geld verdienen. Das wird viele Entwickler, die mit dem Gedanken an eine solche Lösung gespielt haben, von der Idee wieder abgebracht haben. Und dann wäre da noch die Frage der Haftung in vielen Ländern. Auch wenn die große Koalition angekündigt hat, sie abzuschaffen: In Deutschland gilt nach wie vor die Störerhaftung, die den Anschlussinhaber für den Aufruf sonstwelcher Webangebote verantwortlich macht, die fremde Nutzer über seine Leitung aufrufen.

Gowex: Fon-Konkurrent für Geschäfte

Diese Haftung kann auf den Betreiberdienst abgewälzt werden - bei WLAN to Go, der Telekom-Fon-Kooperation etwa ist das der Fall. Die Telekom hat hier mit einer starken Rechtsabteilung und Einfluss in der Politik natürlich wenig Bedenken, dass auf ihrem Rücken kriminelles oder urheberrechtlich geschütztes Material geteilt wird. Für ein kleines Startup könnte ein großer Prozess hingegen das finanzielle Aus bedeuten. So bleiben also maßgeblich große Unternehmen übrig, um eine solche Lösung zu realisieren. Eins davon ist Gowex , das vor allem Geschäfte in Großstädten mit freiem WLAN ausstatten will und hier ein klares Geschäftsmodell hat.

Router-Startups Airfy und Karma

Und dann gibt es noch einen dritten Weg: Hardware-Startups. Darunter ist etwa der Deutsche Steffen Siewert, der kürzlich seine soziale Hotspot-Lampe Airfy erfolgreich auf Indiegogo förderte. Die übernimmt im Rahmen einer Betreibergesellschaft die Störerhaftung. Finanzieren kann Siewert das über den recht hohen Anschaffungspreis einer Airfy, die im günstigsten Angebot rund 130 Euro kostet. In eine ähnliche Richtung geht Karma, ein mobiler Hotspot, bei dem Anbieter und Nutzer kostenloses Datenvolumen erhalten, sobald sie sich eine Leitung teilen. Karma verdient Geld über den Verkauf des Hotspots für 99 US-Dollar und ein Datenkontingent, das für mindestens 50 Dollar hinzu gekauft werden muss.

Mobiler Router Karma

Einfache technische Lösungen setzen sich dann durch, wenn sie attraktiv sind. Fast alle Betriebssysteme bieten mittlerweile die Möglichkeit, die eigene Datenverbindung via Tethering mit anderen zu teilen. Dazu bedarf es meist nur ein paar Klicks. Erst mit dem Ende der Störerhaftung würde es attraktiv, auch Fremden bis zu einem festgelegten Kontingent den Zugang zum eigenen Breitbandanschluss zu gewähren. Somit hat es die Politik in der Hand, heimischen Startups die Entwicklung einer solchen Lösung möglich zu machen - damit die großen Datensauger aus Übersee wie Facebook nicht auch noch Zugriff auf unsere Verbindungsdaten erhalten.

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