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10.01.11

Kontroverse: Antworten auf 7 gängige Facebook-Plattitüden

Je stärker Facebook wächst, desto lauter werden seine Zweifler. Während ein kritischer Blick auf das expansive Social Network angebracht ist, hält nicht jede skeptische Pauschalaussage, was sie verspricht.

 

Es ist fast zu einem Naturgesetz geworden: Berichten wir über Facebook, tauchen in den Kommentaren Zweifler auf, die das wirtschaftliche Potenzial, die Zukunftsaussichten sowie die allgemeine Bedeutung des Angebots für Internetnutzer in Frage stellen. Ich halte es daher für sinnvoll, auf einige verbreitete Plattitüden zum Thema Facebook gesammelt zu antworten.

Ein kleiner Hinweis zu meiner persönlichen Haltung zu Facebook: Ich verwende Facebook seit 2007, logge mich täglich ein- oder zweimal bei dem Social Network ein und verbringe ungefähr 10 Minuten täglich dort. Damit gehöre ich bei weitem nicht zu den hartgesottenen Facebook-Anwendern. Wie treue netzwertig.com-Leserinnen und Leser wissen, habe ich mich im vergangenen Jahr häufiger kritisch über einige Aktionen, Praktiken und Trends rund um Facebook geäußert (Beispiele hier, hier, hier und hier) und hoffe darauf (und rechne damit), dass Facebook nicht auf Dauer ohne Herausforderer bleibt (z.B. diaspora ).Trotz dieser leicht-distanzierten Einstellung mache ich mir keine Illusionen über die enorme Erfolgsgeschichte, die Mark Zuckerberg und sein Team kreiert haben - und die meiner Überzeugung nach nicht so schnell beendet sein wird, wie es manche seit Jahren immer wieder prognostizieren.

Hier nun meine Antworten auf sieben gängige Plattitüden im Zusammenhang mit der jüngsten Facebook-Entwicklung.

Facebook hat kein funktionierendes Geschäftsmodell

Die Behauptung, Facebook hätte kein funktionierendes Geschäftsmodell, ist ein Resultat aus der weit verbreiteten Annahme, Anbieter der Web-2.0-Ära seien nicht in der Lage, Geld zu verdienen. Die Realität sieht jedoch anders aus: In den ersten neun Monaten 2010 hat das Social Network 1,2 Milliarden Dollar erwirtschaftet und einen Nettogewinn von 335 Millionen Dollar erzielt. Die Umsatzrendite liegt damit bei rund 30 Prozent - das ist Google-Niveau. Wer sich fragt, wie Facebook monetarisiert wird (nein - der Verkauf einzelner Nutzerdaten gehört nicht zum Geschäftsmodell), findet hier eine informative Übersicht.

Facebook ist mit 50 Milliarden Dollar stark überbewertet

Das jüngste Goldman-Sachs-Investment bewertet Facebook mit etwa 50 Milliarden Dollar (wobei es Hinweise darauf gibt, dass diese Darstellung nicht ganz korrekt ist und die wirkliche Bewertung gemäß Goldman Sachs geringer ausfällt). In den Augen mancher ist dies astronomisch und ein deutliches Anzeichen für eine sich anbahnende Blase.

Das Problem ist jedoch: Weder Rechtfertigungen noch Zweifel an dieser Bewertung basieren auf mehr als einem Gemisch aus Spekulation, dem persönlichen Wertekonstrukt sowie der eigenen Erfahrung mit Facebook. Niemand kann in die Zukunft schauen, und niemand kann anhand seriöser Benchmarks beurteilen, wie sich Facebook und dessen wirtschaftliche Performance in den nächsten Jahren entwickeln werden. Denn Benchmarks für das bisher einzigartige Phänomen Facebook existieren nicht (MySpace und Friendster sind keine - mehr dazu weiter unten).

Fazit: Heutzutage kann niemand objektiv beurteilen, ob Facebook überbewertet ist oder nicht. Das gilt selbst für die profiliertesten Wirtschaftsjournalisten und Branchenbeobachter.

Die Entwicklung erinnert an die Ereignisse aus der "New-Economy-Zeit"

Der Hype um Facebook veranlasst manche zu dem Schluss, dass wir gerade eine Wiederholung des New-Economy-Booms mit anschließendem Knall erleben. Dass sich der Internetsektor gerade überhitzt und diese Entwicklung Opfer fordern wird, kann tatsächlich nicht ausgeschlossen werden. Der Vergleich mit der New Economy jedoch wäre in etwa so, wie wenn man eine Analyse des Automobilsektors im Jahr 2011 auf Basis der Branchenentwicklung in den 1920er Jahren durchführen würde.

In den letzten zehn Jahren ist das Internet von einer Spielerei für eine vergleichsweise geringe Bevölkerungsgruppe zu einem globalen Massenphänomen geworden, welches unzählige funktionierende Geschäftsmodelle hervorgebracht hat. Ende 2000 gab es 360 Millionen Internetnutzer weltweit, welche über langsame Verbindungen ein sehr begrenztes Onlinevergnügen genießen konnten. Mittlerweile haben 2 Milliarden Menschen Zugang zum Internet, ein signifikanter Teil davon surft speziell in den Industrieländern über schnelle Breitbandverbindungen. Zudem hat sich die durchschnittliche Erfahrung der Verbraucher im Umgang mit dem Internet, die Aufenthaltsdauer im Netz sowie die Bereitschaft zu internetbasierten Transaktionen drastisch erhöht. All dies sollte man im Hinterkopf haben, wenn man dabei ist, Parallelen zwischen Ereignissen aus den Internet-Anfangstagen mit der aktuellen Marktsituation zu vergleichen.

Facebook ist das neu AOL

Aussagen wie "Facebook ist das neue AOL" oder Gegenüberstellungen mit entsprechender Implikation hört man nicht selten. Dabei wird sich auf die für den US-Onlinedienst und -Zugangsanbieter in der Vergangenheit übliche Kombination aus Walled Garden und (teilweise anspruchslosen) Unterhaltungs- und Kommunikationsangeboten bezogen. Während es gewisse Ähnlichkeiten gibt, ignoriert der Vergleich die komplett unterschiedlichen Nutzungsmotive:

AOL war in erster Linie ein Provider, der seine Kunden zur Nutzung einer proprietären Software zwang drängte, über die AOL-eigene Internetdienste angeboten wurden. Die Inhalte waren also das notwendige Übel, das jeder über sich ergehen lassen musste, der über die AOL-Software ins Internet wollte. Sobald Verbraucher jedoch die Möglichkeit sahen, einen Bogen um AOL zu machen, verschwanden sie bester Laune aus dem AOL-Universum (oder wählten zumindest eigenständig, welche AOL-Angebote sie weiter einsetzen wollten).

Bei Facebook jedoch sind die bereitgestellten Unterhaltungs- und Kommunikationsdienste das Kernprodukt und werden von Anwendern freiwillig in Anspruch genommen. Zudem schafft sich jeder Anwender durch die Wahl seiner Kontakte, das Abonnieren von Facebook Pages und das Verwenden der (ausbaufähigen) Filter sein eigenes, individuelles Angebot.

Der Vergleich von Facebook mit AOL ist wie die Gegenüberstellung eines PKWs und eines Baufahrzeugs. Beide haben Räder, Bremsen sowie Lampen, werden aber dennoch für unterschiedliche Zwecke eingesetzt.

Facebook wird das gleiche Schicksal erleiden wie Friendster oder MySpace

Prognose zum anstehenden Niedergang von Facebook mit Verweis auf das Schicksal von MySpace und Friendster sind gang und gäbe (zuletzt hier). Friendster galt bis 2004 als größtes Social Network der Welt (mit damaligen Mitgliederzahlen im zweistelligen Millionenbereich) und wurde dann von MySpace abgelöst, das in seinen besten Tagen mehr als 100 Millionen Unique Visitors pro Monat verzeichnete.

Dass Facebook nicht für alle Ewigkeit das Web dominieren wird, ist so sicher wie das Amen nach dem Gebet. Kein Unternehmen ist unbesiegbar, und gerade im Technologiesektor wird jede Firma irgendwann vom "Innovator's Dilemma" gepackt und sieht sich damit völlig neuen Herausforderungen (und Risiken) gegenüber ( wie gerade Google ).

Doch der Bezug auf MySpace impliziert einerseits, dass ein langfristiges Bestehen (langfristig z.B. 10 Jahre oder länger) eines dominierenden Social Networks kategorisch ausgeschlossen werden muss (was niemand genau wissen kann) und es ignoriert die vielfach stärkere Bindung der fast 600 Millionen aktiven Facebook-Nutzer.

In den zahlreichen Ländern, in denen Facebook eine Marktdurchdringung von 30-40 Prozent oder mehr erreicht hat, kommunizieren Nutzer über viele Generationen hinweg miteinander bei Facebook - unter ihren richtigen Namen. Bei MySpace hingegen trat die im Vergleich zu Facebook homogene Nutzerschaft unter Fantasienamen auf. Sowohl die Bindung der User untereinander als auch die zu dem Dienst selbst sind bei Facebook erheblich stärker als bei MySpace oder anderen früheren, weniger auf den tatsächlichen Bekanntenkreis sondern eher auf "Cyberfreunde" fokussierten Social-Network-Anbietern. Hinzu kommt Facebooks Verankerung im Netz mit rund zwei Millionen Integrationspunkten (Social Plugins wie z.B. der Like-Button, Facebook Connect) auf anderen Websites, wodurch der Lock-In-Effekt weiter erhöht wird.

Facebook wird sicherlich eines Tages ernsthafte Konkurrenz bekommen und seine führende Marktstellung verlieren. Wann dies geschieht, ist unklar. Dass dies geschieht, weil es MySpace ebenfalls so erging, ist allerdings die einfallsloseste aller möglichen Erklärungen.

Die von Facebook kommunizierten Zahlen beinhalten inaktive Konten und Fake-Accounts

Im Juli verkündete Facebook das Erreichen von 500 Millionen aktiven Nutzern. Das Durchbrechen der Marke von 600 Millionen wurden zwar bisher nicht offiziell bestätigt, scheint aber bereits erfolgt zu sein. Facebook kommuniziert ausschließlich aktive Nutzer, nicht Mitglieder. Ein User zählt für Facebook als aktiv, wenn er/sie sich innerhalb von 30 Tagen mindestens einmal bei Facebook eingeloggt hat.

Während es sicher einige Millionen Fake-Konten und Zweitaccounts gibt, besteht wenig Grund zu der Annahme, dass Facebooks Zahlen nicht relativ genau die tatsächliche Verbreitung des Diensts angeben. Ein Leser berichtete uns, dass Facebook nach 30 inaktiven Tagen eine Erinnerungsmail verschickt. Wie viele Anwender auf diese Weise künstlich zu aktiven Nutzern gemacht werden, ist offen.

Laut Facebook loggen sich 50 Prozent der aktiven Anwender mindestens einmal pro Tag bei dem Dienst ein. Damit besuchen 300 Millionen Menschen täglich das Social Network - fast viermal so viele, wie in Deutschland leben.

Hierzulande hat Facebook knapp 14 Millionen aktive Nutzer. Die Zahl der über Facebook vernetzten User sowie die Intensität der Vernetzungen ist in Deutschland noch vergleichsweise gering, was subjektiv zu dem Eindruck führen kann, dass Facebook weniger Relevanz besitzt, als dies allgemein dargestellt wird (anders in Österreich und der Schweiz, wo jeweils rund 30 Prozent der Bürger bei Facebook sind). Würde man jedoch Personen in Norwegen, Kanada, Großbritannien, den USA oder Australien fragen - wo Facebook jeweils von rund 40 Prozent der Bevölkerung verwendet wird - wäre die Zahl der Zweifler an Facebooks gesellschaftlicher Bedeutung zwangsläufig erheblich geringer, da dort jeder mit dem Service in irgendeiner Form in Berührung kommt.

Facebook ist eine kurzfristige Spielerei

Ab und an hören wir in Kommentaren, dass es sich bei Facebook um eine kurzfristige Spielerei handle, von der Anwender schnell die Nase voll hätten. Verwiesen wird dann in der Regel auf den eigenen Freundeskreis, in dem die Facebook-Nutzung "seit einiger Zeit" rückläufig sei. Sicherlich gibt es entsprechende Fälle - die Statistik spricht jedoch eine andere Sprache: US-Nutzer verbringen bei Facebook mehr Zeit als bei Google, Yahoo, YouTube, Microsoft, Wikipedia und Amazon - zusammen! Sieben Stunden hält sich der durchschnittliche US-Amerikaner pro Monat bei Facebook auf - im Juni 2009 waren es "nur" vier Stunden und 39 Minuten. Und vergessen wir nicht die 600 Millionen aktiven Facebook-User - eine Zahl, die seit Jahren kontinuierlich steigt. Ein Webservice ohne Stickiness sieht anders aus.

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